Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.09.2001.

NZZ, 05.09.2001

Drinka Gojkovi berichtet über scheu sich anbahnenden kulturellen Austausch zwischen ehemaligen Feinden im ehemaligen Jugoslawien und fragt: "Ist eine Versöhnung auf dem Weg über die Kultur möglich?" Sie nennt ermutigende Beispiele aus dem Kino, der Musik und der Geschichtsforschung. "Aktionen wie das Gastspiel des Balletts aus Sarajewo in Belgrad oder die Begegnungen ex-jugoslawischer Schriftsteller im kroatischen Istrien oder das multimediale und multinationale literarisch-musikalische Festival 'Exit' in Novi Sad (sind) eher ein Ausdruck für ein Bedürfnis als für kulturelles Dissidententum - das Bedürfnis nämlich, die Isolation zu überwinden."

Weitere Artikel: Marc Zitzmann weiß Erstes über Gerard Mortiers Pläne für ein großes Kulturfestival zu sagen, das er ab 2006 in seiner Heimatstadt Gent abhalten will. Besprochen werden die Ausstellung "Neue Welt" im Frankfurter Kunstverein, ein Konzert des Boston Symphony Orchestra unter Bernhard Haitink in Luzern und einige Bücher, darunter Yasushi Inoues Romanerstling "Schwarze Flut" und Ib Michaels Roman "Prinz". (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 05.09.2001

Ein paar verzagte Hochhausprojekte in Deutschland nimmt Holger Liebs zum Anlass, um deutsche Höhenangst zu geißeln: "Während in Holland die Architekten MvRdV mit ihren Stapelvisionen und dem Sandwich-Pavillon der Expo, dessen Zukunft jetzt endgültig gesichert ist, Leitbilder für eine Zukunft schufen, die erst noch gebaut werden muss; während asiatische Metropolen sich im Erbauen fantastischer, himmelsstürmender Hochhausnadeln immer von Neuem gegenseitig überbieten, während inzwischen die Errichtung von Häusern bis zu 800 Meter Höhe ernsthaft ins Auge gefasst wird, klebt die Nation, die mit dem Kölner Dom eine der großartigsten Vertikalen der Christenheit schuf, immer noch ängstlich an mittelalterlichen Hausformaten."

Petra Steinberger schreibt über die amerikanische Tabakindustrie, die sich zu Hause durch immer neue Prozesse bedrängt sieht. Also verdirbt man den Rest der Welt: "Überhaupt ist man in der Dritten Welt nicht so zimperlich wie in Amerika, weshalb die großen europäischen, amerikanischen und japanischen Tabakkonzerne im Verbund mit ihren Regierungen jeden Versuch eines Globalen Pakts gegen Tabakmissbrauch unterlaufen."

"Hat dieser Mann eigentlich überhaupt keine Angst davor, sich künstlerisch zu wiederholen?", fragt Venedig-Reporter Tobias Kniebe, nachdem er Ken Loachs neuen Film "The Navigators" gesehen hat. Es geht um Bahnarbeiter, die nach einer Privatisierung auf die Straße gesetzt werden. "So lange die Welt so ist, scheint Loach zu sagen, werde ich sie auch so beschreiben. Sein Drehbuchautor Rob Dawber war selbst Gleisbauarbeiter, und inzwischen ist er tot, an Krebs gestorben, weil es seiner Firma seinerzeit zu teuer war, über Asbestgefahren aufzuklären. So ist das bei Loach: Es geht um etwas."

Weitere Artikel: Wolfgang Schieder antwortet auf einen Artikel Peter Gumpels, der vor einiger Zeit in der SZ Papst Pius XII. gegen Vorwürfe der Lässlichkeit gegenüber den Nazis verteidigte. "Es ist gerade die restriktive Archivpolitik des Vatikans, die verhindert, was sie eigentlich erreichen will: eine endgültige Klärung des Verhaltens von Pius XII. im Zweiten Weltkrieg." Susan Vahabzadeh schreibt zum Tod der amerikanischen Filmkrititikerin Pauline Kael. Friedemann Voigt resümiert einen Kongress für Pietismusforschung in Halle. Robert Gernhardt setzt die Reihe der Reflexionen zum 50. Erscheinungstag von Adornos "Minima Moralia" fort.

Besprochen werden eine Ausstellung über Robert Walsers Jahre in der Klinik von Herisau im Museum des Orts und Aribert Reimanns Liederzyklus "Zomtei Halom" bei den Traunsteiner Sommerkonzerten.

FR, 05.09.2001

Klaus Walter beschäftigt sich mit schwarzen und weißen Rollenmodellen im Sport und stellt zu Beginn seines Artikels fest, "dass Eminem und Tiger Woods die ehernen Gesetze des Typecasting im Showgeschäft aus den Angeln heben. Dass Eminems White Trash-Poetry bei schwarzen HipHop-Fans ankommt, dass Tiger Woods nicht nur der jüngste Golf-Masters-Sieger aller Zeiten ist, sondern auch der erste schwarze. Und dann gewinnt die schwarze Venus das wertvollste Tennisturnier der Welt. Zweimal hintereinander! Die Hautfarbencodes in Sport und Pop scheinen sich zu lockern."

Amerikanische Universitäten stellen fest, dass eine Menge ihrer Institute von Sklavenhaltern begründet und nach ihnen benannt wurden, berichtet Eva Schweitzer und kommt auf die Debatte über Entschädigungen zu sprechen, die amerikanische Institutionen den Schwarzen für die Sklaverei zahlen sollen: "Die Forderung nach Reparationen - im Fall Yale etwa durch Stipendien für schwarze Studenten - ist in den USA allerdings umstritten, selbst unter schwarzen Intellektuellen. Denn es lebt niemand mehr, der direkt Ansprüche geltend machen könnte, wer also sollte das Geld erhalten? Und wer sollte zahlen? Für ein exemplarisches Einwanderungsland ist es weit schwieriger, eine nationale Schuld anzuerkennen. Außerdem, so die Ansicht schwarzer Intellektueller, zementierten derlei Zahlungen Opferstatus und Marginalisierung - dergleichen gelte es aber gerade aufzuheben ."

Weitere Artikel: Dokumentiert wird eine Rede des Militärhistorikers Roger Chickering über das "Narrativ des Totalen Krieges", die einen Kongress des Hamburger Instituts für Sozialforschung zum Thema eröffnete. Roman Luckscheiter zitiert das Interview mit Houellebecq in der Zeitschrift Lire, in der der Autor den Islam "die bescheuertste aller Religionen" nannte. Hans Wolfgang Hoffmann setzt seine Reihe über den Neotraditionalismus in der Architektur mit Frank Gehrys Bau für die DG Bank am Pariser Platz, einer "Lehrstunde des Avantgardisten" fort. Rüdiger Suchsland schreibt aus Venedig über Filme von Ulrich Seidl und Ken Loach.

Besprochen werden Thomas Krupas Inszenierung von Fassbinders "Jahr mit den 13 Monden" in Dortmund und die CD "Supa Sista" von Ursula Rucker.
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TAZ, 05.09.2001

Harald Fricke besucht Jean-Hubert Martins "Altäre"-Ausstellung im neuen "museum kunst palast" in Düsseldorf: "Der Parcours benebelt einem .. die Sinne: hier eine Prise Zimt, dort der Geruch von verbranntem Holz, dahinter Gemüse für die bessere Ernte in Oberbayern. Gäbe es nicht Videoscreens, die die einzelnen Riten dokumentieren, man wäre verloren zwischen lauter religiöser Begeisterung."

Stefan Koldehoff deutet Leni Riefenstahls Plan, in ihrem Wohnort Pöcking am Starnberger See ein Riefenstahl-Museum zu stiften, so: "Riefenstahl will auch nach ihrem Tod das behalten, was sie schon zu Lebzeiten mit geradezu starrsinniger Vehemenz verteidigt: die Interpretationshoheit über ihr Werk."

Weitere Artikel: Tom Holert denkt über Gunter Jauchs Plan zu einer Show nach, die den Deutschen mit dem höchsten IQ finden will. (Nebenbei erfährt man hier, dass die deutsche Öffentlichkeit Jauch nach Umfragen für den klügsten Deutschen hält, was wiederum zeigt, wie schwer Jauchs Aufgabe sein wird). Katja Nicodemus schreibt aus Venedig über Filme von Werner Herzog und Amos Gitai. Und Eva Behrendt porträtiert den Schauspieler Manfred Meihöfer, der mit kleinen Gummitieren Schiller, Kleist und Artaud inszeniert.

FAZ, 05.09.2001

Wolfgang Sandner meldet ein Wunder in Frankfurt am Main. Die Alte Oper verspricht mit dem Festival "Auftakte" ein "fast dreiwöchiges Kulturereignis ersten Ranges, in dem das Werk Hans Werner Henzes mit Uraufführungen, Lesungen und Symposien, das vierteilige Monumentalwerk 'Shir Hashirim' von Hans Zender sowie die Interpretationskunst Alfred Brendels - seine literarischen Arbeiten eingeschlossen - im Mittelpunkt stehen werden. Mehr noch, in den meisten Konzerten der Saison ist die Musik des zwanzigsten Jahrhunderts ausgiebig vertreten." Überhaupt sei es der Alten Oper nach fast drei Jahren Misswirtschaft gelungen, "originelle Programme, neue Abonnementsreihen mit einer Steigerung um dreißig Prozent, größere Auslastung des Kongress- und Konzerthauses" zu erreichen, ohne dabei mehr Subventionen zu erhalten. Verantwortlich für dieses Wunder sei Michael Hocks, seit drei Jahren Intendant der Alten Oper, "der demonstriert, wie wenig es schadet, wenn ein Manager einer Kultureinrichtung auch etwas von Kultur versteht."

Eine Anwaltsgruppe um Johnnie Cochran (Verteidiger von O.J. Simpson) und den Harvard-Juristen Charles Ogletree bereitet eine Sammelklage vor, mit der Schadenersatz für die Sklaverei in den USA gefordert werden soll, berichtet Verena Lueken. Doch nicht alle Anwälte der Sache der schwarzen Amerikaner halten das für klug. Brent Staples, Kolumnist der "New York Times", argumentierte kürzlich, "zum einen würde durch die Forderung nach Entschädigungszahlungen der Eindruck erweckt, alle aktuellen Übel des schwarzen Amerika, von der Bildungsmisere bis zu Armut und Kriminalität, seien Folge der Sklaverei und damit im Grunde unlösbare, historisch zementierte Probleme. Zum anderen verdecke ein Bestehen auf dem Opferstatus die immensen Erfolge, welche die Schwarzen in Amerika gegen alle Widerstände durchgesetzt hätten ...".

Weitere Artikel: Elfie Siegl erinnert an die Deportation der Wolgadeutschen vor 60 Jahren. Der Schriftsteller David Flusfeder denkt darüber nach, wer auf dem vierten leeren Sockel am Trafalgar Square verewigt werden sollte, hat aber keine rechte Idee. Andreas Kilb schreibt aus Venedig über böse Spießer aus Österreich in Ulrich Seidls Film "Hundstage" und zornige Arbeiter aus England in Ken Loachs "Paul, Mick und die anderen". Ellen Kohlhaas berichtet über das Lucerne Festival, das in diesem Jahr unter dem "Schöpfungs"-Motto stand. Martin Kämpchen schreibt über Filme aus Indien. Michael Althen schreibt zum Tod der amerikanischen Filmkritikerin Pauline Kael. Gina Thomas schreibt zum Tod des Kunstsammlers Arthur Gilbert.

Besprochen werden die Ausstellung mit Werken von Hieronymus Bosch im Rotterdamer Museum Boijmans Van Beuningen, die Retrospektive von Hannah Villiger in der Basler Kunsthalle und eine Aufführung der Kibbutz Contemporary Dance Company in Weimar.

Auf der Medienseite stellt Norbert Kron das "nachtstudio" vor, eine Talkshow mit Rainald Goetz, bei der über Fernsehsendungen diskutiert werden soll. Beginn ist heute nacht um 0 Uhr. Paul Ingendaay skizziert die heroische Geschichte der liberalen kolumbianischen Tageszeitung "El Espectador", die durch einen Bombenattentat 1989 fast in den Ruin getrieben worden wäre und am vorigen Wochenende gemeldet hat, dass sie vorerst nur noch wöchentlich erscheinen wird: "Jeder weiß, was das bedeutet ? einen weiteren Sieg von Gewalt und Korruption über die Pressefreiheit", schreibt Ingendaay.

Auf der Stilseite wird die Ausstellung "Mythos Mercedes" in den Hamburger Deichtorhallen besprochen. Klaus Ungerer war mit dem Praktikanten Absinth trinken und berichtet über die Folgen.