Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.09.2001.

NZZ, 06.09.2001

Andreas Nentwich ist vom "literarischen Wunderkind der Saison", Juli Zeh, offensichtlich nicht so begeistert. Wir entnehmen es der Art, wie er auf das Autorinnenfoto im Klappentext ihres Romans "Adler und Engel" schreibt. Da präsentiert sich die Autorin "edel-burschikos nach Art der Mann-Kinder, die verglühende Zigarette leicht zwischen Zeige- und Mittelfinger gesteckt, was auf herrlich unkorrektes Suchtverhalten und großartige Nervosität schließen lässt und natürlich auf einen schnellen Verstand, der vermutlich nur durch Langweiler aus der Fassung zu bringen ist."

Angela Schader bespricht Salman Rushdies neuen, gerade erst auf englisch erschienen Roman "Fury", der in New York spielt. Begeistert ist auch sie nicht. Rushdie, schreibt sie, "prügelt über weite Strecken alte Hunde: den verschwenderischen Lebensleerlauf der 'happy few', die Selbstverblendung Amerikas und - in recht fragwürdiger Manier - die nach wie vor nicht überwundene Rassenproblematik."

Weitere Artikel: Erika von Wietersheim schildert das "außergewöhnliche Projekt der Hambana Sound Company" - Schweizer Musiker suchen hier einen Dialog mit Musikern aus Namibia. Besprochen werden die CD "The ID" von Macy Gray, die erste Kunstbiennale in Valencia, das 25. Genfer Bâtie-Festival, das neueste George Tabori gewidmete Heft der Zeitschrift "Du" und einige Bücher, darunter Thomas Klings "Botenstoffe" (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 06.09.2001

Lothar Müller und Ulrich Raulff unterhalten sich mit dem Antisemitismusforscher Reinhard Rürup über das Jüdische Museum in Berlin, dessen Beirat er angehört. Er spricht unter anderem über die Schwierigkeit, jüdische Geschichte überhaupt auszustellen: "Das hängt zum einen mit den Traditionen des Bilderverbots zusammen, zum anderen damit, dass es keinen jüdischen Staat gegeben hat, keine politisch verfestigten Formen. Zeugnisse der älteren jüdischen Geschichte sind daher vor allem Zeugnisse des Kultus. Später aber, in dem Maße, in dem Juden zu bürgerlichen Existenzen werden, ist das, was sie als Jüdisches repräsentieren, häufig vom allgemein Bürgerlichen kaum zu unterscheiden."

Uwe Mattheis kolportiert ein Claus-Peymann-Zitat aus einem Wiener Interview. Peymann erzählt darin, dass er immer noch viel Fanpost aus Öterreich bekommt und sagt: "Ich kann nicht verhehlen, dass die vielen Zurufe aus Wien bei mir nicht ohne Wirkung bleiben." Fühlt er sich nicht wohl am Berliner Ensemble?

Christopher Schmidt hat die Theaterspielpläne der kommenden Saison durchgeblättert und annonciert einen Austausch der Körperflüssigkeiten. Diesmal soll es um "Schweiß und Tränen statt Blut und Sperma" gehen. Und ein anderer Trend: "Der Revanchismus an den Vätern des Regie-Theaters sucht Verstärkung bei den Großvätern. Und so erleben die Autoren der Fünfziger einen erstaunlichen Relaunch, vielleicht auch deshalb, weil sie noch gut existenzialistische Höllen anfachten, die im Lichte des ideologischen Retro-Designs recht traulich glimmen."

Weitere Artikel: Bernd Graff resümiert die Linzer Ars Electronica. Willi Winkler widmet sich in der Rubrik "Verblasste Mythen" der "Brunst". Karl Bruckmaier bespricht in seiner Popkolumne CDs von The Strokes, von The Moldy Peaches, von The White Stripes und von The Dirtbombs (zumindest die Namen der Bands sind doch ansprechend!).

Weitere Artikel: Rainer Gansera stellt in seiner Venedig-Kolumne fest, dass das Thema Familie im Vordergund vieler Festivalfilme steht (aber stellt man das nicht bei jedem Festival fest?) Sonst geht es auf der Filmseite um die Filme "Ritter aus Leidenschaft" und "Julietta" und um eine Raoul-Walsh-Retro im Münchner Werkstattkino. Ferner erfahren wir, dass Spielberg angesichts schlechter Kritiken für seinen Film "Artificial Intelligence" anregt, den Film doch zweimal zu sehen, um ihn gerechter zu beurteilen. Erste britische Kritiken auf seine Weltkrieg II-Serie "Band of Brothers", die demnächst in der BBC anläuft, verheißen ebenfalls nichts Gutes, berichtet Fritz Göttler: "Wieder einmal, heißt es in britischen Vorberichten, haben also die Amerikaner den Krieg ganz allein gewonnen."

Besprochen werden außerdem eine Kasimir-Malewitsch-Ausstellung im Wiener Kunstforum Bank Austria und das neue Stück des "Shoppen & Ficken"-Autors Mark Ravenhill, das in London uraufgeführt wurde. Es scheint wieder um Sex zu gehen.

FR, 06.09.2001

Am Wochenende präsentiert das Jüdische Museum in Berlin erstmals seine Ausstellung. Rafael Seligmann hofft, dass sie den Deutschen bewusst macht, dass die Juden nicht nur Opfer des Völkermords waren, sondern "seit 1700 Jahren Teil der deutschen Geschichte und Gesellschaft, Kunst und Kultur". Und dieser Teil, so Seligmann, fehlt den Deutschen heute: "Die Deutschen sind in ihrem Verhältnis zu ihrem jüdischen Erbe mit einem Menschen zu vergleichen, der sich ein Auge aus dem Kopf reißt, es zu Boden schleudert, darauf herumtrampelt und schließlich das arme Auge bedauert. Es wird noch lange dauern, ehe die Deutschen begreifen, dass das Judenauge ihr eigenes war. Das tote Auge schmerzt nicht mehr, doch der deutsche Schädel tut gelegentlich weh, oder er empfindet ein Gefühl der Leere."

Weitere Artikel: Dirk Fuhrig berichtet über das deutsch-israelisch-palästinensischen Autorentreffen in Mainz. Tanja Busse schreibt anlässlich des einhundertersten bestätigten BSE-Falles in Deutschland über das Ende der Bullenzucht ihres Vaters. Eckhard Henscheid liefert sein "Gewäsch des Monats". Und Marcia Pally berichtet in ihrem "Flatiron Letter" aus New York über ihren Kampf gegen Ratten in der Wohnung.

Besprochen werden die Schau "Crossing the Line" im Queens Museum of Art in New York, für die Kuratorin Valerie Smith fünfzig regionale Künstler auf den Stadtteil Queens losgelassen hat, die Hieronymus Bosch-Ausstellung im Rotterdamer Museum Boijmans Van Beuningen, Katrin Ottarsdottirs Film "Bye Bye Bluebird" und Bücher, darunter Marian O'Neills Romandebüt "Miss Elliott" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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TAZ, 06.09.2001

Katja Nicodemus schreibt tapfer weiter aus Venedig. Sie ist begeistert von Clare Peploes Marivaux-Verfilmung "Triumph der Liebe", in dem Mira Sorvino die Hauptrolle spielt: "In der Rolle der berechnenden Apasia erstreckt sich ihre Erotomanie auf alle Geschlechter und Altersklassen, wobei die verbale Promiskuität des 18. Jahrhunderts durchaus aufregender ist als die drastischen Vögeleien, denen man auf diesem Festival in fast jedem zweiten Film begegnet."

Besprochen werden außerdem die Autobiografie von Frank Beyer, die große Hieronymus-Bosch-Ausstellung in Rotterdam, der Film "Visitor Q" von Takashi Miike und Christoph Starks Debütfilm "Julietta".

Auf der Internetseite resümiert Verena Dauerer die Berlin-Beta-Konferenz, die sich mit dem Zustand der New Economy befasste: "Der Hype jedenfalls ist lange vorbei, und die Neugründer haben inzwischen die 'Grundrechenarten', den 'Dreisatz' und das 'Einnahmenmachen' gelernt. Das doziert ihnen so smart, wie sie mal selber waren, ausgerechnet der Schwabe Heinz Dürr vor, der die Bundesbahn in die Pleite fuhr, in der sie freilich ohnehin steckte, und bei Daimler-Benz im Vorstand saß, als das Unternehmen nur viel zu groß statt global war. Ein klassischer Vertreter der Old Economy mithin." Wo man hinguckt: die Welt ist schlecht!

FAZ, 06.09.2001

Gregor Gysis Erfolg im Berliner Wahlkampf gründet nach Heinrich Wefing in einer paradoxen Strategie: "Er stehe für Brücken, nicht für Mauern, wirbt Gysi für sich. Wer aber Brücken bauen will, braucht Gräben. Ihn störe der Ost-West-Blick, behauptet er treuherzig, nur um ihn tagtäglich zu schärfen."

Andreas Kilb hat in Venedig einen Anwärter auf den Goldenen Löwen gefunden, den Film "Geheime Wahl" des Iraners Babak Payami, ein Film, der mit "der größten Einfachheit erzählt, in Bildern, die es nicht nötig haben, sich mit technischen Tricks interessant zu machen, weil noch das geringste Detail, das sie zeigen, eine Sensation ist, ein Lichtzeichen vom Ende der Welt."

Jürg Altweg erzählt auf der neuen täglichen Medienseite der FAZ vom Niedergang der Schweizer Weltwoche. Eines seiner Symptome: "In den letzten Monaten war das bedeutungsschwangere, pseudophilosophische Geschwafel des Feuilletons freilich ganz besonders unerträglich." So etwas würde in deutschen Feuilletons nie passieren!

Die FAZ hat auch eine neue wöchentliche Filmseite. Hier schreibt Michael Althen über die wahrscheinliche Pleite des Filmverleihers Kinowelt, dessen Aktie einst zu den Stars des Neuen Marktes gehört. Der Filmkunst kann die Pleite nichts anhaben, meint Althen: "Für das deutsche Kino war das Börsenwunder .. ohnehin nur eine Fata Morgana." Außerdem lesen wir auf der Filmseite einen Artikel von Cord Riechelmann über Affenfilme aus Hollywood und eine Rubrik über Filme auf DVD.

Weiteres: Harald Wessel, ehemals Wissenschaftsredakteur des Neuen Deutschland erzählt, wie sich die DDR gegen die "primitiven teleologischen Axiome" von Stalins Haus- und Hofgenetiker Lyssenko wehrte. Tobias Döring resümiert ein Treffen israelischer, palästinensischer und deutscher Autoren in Mainz. In der Rubrik Natur und Wissenschaft lernen wir, dass "auch alte Menschen von aggressiver Herztherapie" profitieren. Dirk Schümer beschreibt in seiner Kolumne über sein beneidenswertes "Leben in Venedig", wie sich die Filmfestspiele auf den venezianischen Alltag auswirken. Dietmar Dath hat die "Gemeinschaft von Breitband-Philosophen, Festplatten-Feministinnen und Züchtern transgener Biotech-Hasen" bei der Ars Electronica in Linz begutachtet. Und Andreas Platthaus berichtet über einen Live-Chat, in dem der DFG-Chef Ernst-Ludwig Winnacker seine Positionen zur Stammzellforschung verteidigte.

Besprochen werden Mark Ravenhills neues Stück "Mother Clap's Molly House", das in London Premiere hatte, der Film "Ritter aus Leidenschaft" (der "Krach und Spaß macht"), ein Ballettabend an der Berliner Staatsoper, eine Ausstellung über Künstlerkolonien im vorpommerschen Vineta-Museum und eine Ausstellung über die bayerisch-ungarische Geschichte in Passau.

Zeit, 06.09.2001

Das Jüdische Museum in Berlin wird am Wochenende eröffnet. Michael Naumann ? der Ex, der es unter die Obhut des Bundes brachte ? sendet ein Grußwort von Seite 1 der Zeit: "Die festliche Eröffnung des Jüdischen Museums an diesem Wochenende in Berlin ist eine Wegmarke auf der langen Strecke, die seit Kriegsende auf der Suche nach den Wahrheiten unserer Vergangenheit zurückgelegt wurde." Klingt ein bisschen, als hätte er gern die Eröffnungsrede gehalten, oder?

Das Feuilleton hat einen promintenten Kritiker für Steven Spielbergs neuen Film "Artificial Intelligence" gefunden: den amerikanischen Philosophen John R. Searle. Sein Urteil ist ziemlich kategorisch: "Der Titel suggeriert, dass der Film dem Zuschauer Erhellendes über die Zukunft von Künstlicher Intelligenz vermitteln könnte. Eine solche Erwartung wird enttäuscht. Was dem Film allerdings an technologischer und wissenschaftlicher Intelligenz fehlt, macht er mit dramatischer Inkompetenz und schierer Verlogenheit wett. So langweilige zweieinhalb Stunden habe ich zuletzt im Wartezimmer meines Zahnarztes erlebt."

Aufmacher des Literaturteils ist die Dankrede von Botho Strauß für den Lessing-Preis. Er spricht über Lessing, aber ganz nebenbei beklagt er darin auch den Zustand der heutigen literarischen Welt: "Die außerordentlichen Werke, die gerade in der gegenwärtigen Periode breit gestreut erscheinen, finden den Außerordentlichen nicht mehr, der sie hervorhebt und in ein gültiges Urteil fasst. Sie stoßen allenthalben bloß auf öffentliche Meinung, und die ist aufwändig an ihrem Selbsterhalt interessiert, unzuständig für das Außerordentliche und zuständig nur fürs Diskutable."

Weitere Artikel: Auch Merten Worthmann, der amtliche Kritiker der Zeit liefert eine Kritik von Spielbergs neuem Film und findet, dass die Menschen Spielbergs Mitleid eher verdient hätten als die Roboter. Thomas Assheuer denkt in einem ganzseitigen Essay über die Inszenierung der Liebesaffären von Promis in der Peoples-Presse nach. Der Comiczeichner Walter Moers hat einen Roman mit dem Titel "Wilde Reise" zu Illustrationen von Gustave Dore geschrieben und erklärt im Interview, warum er das getan hat: "Dore ist schlicht und einfach der größte Illustrator aller Zeiten." Hans-Peter Kunsch findet Houellebecqs neuen Roman "Plateforme" schwächer als die vorhergehenden und meint, dass Houellebecq "immer deutlicher zum perfekten Partner der Kritik (wird). Zunehmend unterstützt er sie in ihrer Suche nach einer möglichen Debatte. Die Anti-Tabu-Sprüche sind immer auffälliger in die Handlung integriert." Und Klaus Harpprecht porträtiert den Direktor des Jüdischen Museums in Berlin, W. Michael Blumenthal als einen "deutschen Glücksfall".

Besprechungen widmen sich dem Kampnagel-Festival in Hamburg, der "Altäre"-Ausstellung im Düsslerdorfer "museum kunst palast" (es einfach "Museum" oder "Kunstpalast" zu nennen, wäre ja wohl zu einfach gewesen) und Kinderbüchern.