Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.06.2001.

NZZ, 07.06.2001

Ausgerechnet in Berlin-Mitte will Aram Lintzel die deutsche Verkörperung des "Bobos" (Bourgeois Bohemians) verorten: "Obgleich es in Berlin-Mitte noch keine homogene Bobo-Kultur gibt und sich zwischen den luxuriösen Bars und Boutiquen weiterhin halb verfallene Off-Galerien und -Kneipen finden - die Entfernungen zwischen politisch-kulturellen Machtetagen und informellen Pop-Nischen werden auch hier immer kürzer. Exemplarisch zeigte sich dies etwa bei einer Party, die Rezzo Schlauch, sporadischer Technoklub-Gänger und Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag, neulich im Szeneklub 90 Grad' veranstaltete. Schlauchs Begrüßungsrede klang wie ein Manifest der neuen Nähe von Establishment und Pop-Boheme: 'Heute Abend sollen unterschiedliche Szenen zusammenkommen!' Gemeint waren in diesem Fall Künstler, Galeristen Autoren, Musiker und Nachtschwärmer des Berliner (Pop-) Kulturbetriebs sowie die deutsche Regierung - Bundeskanzler Gerhard Schröder inklusive." Die Bohemiens sehen wir - aber wo sind die Bourgeois?

Marion Löhndorf resümiert das Frankfurter Theatertreffen Experimenta und kommt zu folgendem ernüchternden Ergebnis: "Nein, radikal sind sie nicht, die neuen Theatermacher, sondern - in der Diskussion wie in ihrer Arbeit - das Gegenteil wilder Provokateure. Die ungemordete Vätergeneration der Peymanns und Zadeks gibt sich da - in Teilen - immer noch streitlustiger: als seien die Generationenklischees hier vertauscht worden."

Besprochen werden "La Damnation de Faust" in Paris, das Album "10.000 Hertz" der französischen Gruppe Air und einige Bücher, darunter Judy Budnitz Roman "Das Echo meiner Schritte", Aufsätze des Historikers Carlo Ginzburg und Ludwig Harigs "Reise mit Yoshimi" (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 07.06.2001

Das offensichtlich recht neurotische Verhältnis der Briten zu Tony Blair schildert die Independent-Kolumnistin Anne McElvoy: "Der Empfang, der dem Premier bei seinen Wahlkampfauftritten bereitet wurde, war unberechenbar. Bald wurde er - ein Rockstar in marineblauer Serge - unter jubelnden 'Tony,Tony'-Rufen von kichernden Schulmädchen abgeknutscht, dann wieder von einem aufgebrachten Bürger über den Zustand der Verwaltung beschimpft. Eine mittlere Tonlage gibt es nicht. Blair ist unser leibhaftiger Engel-Teufel, unsere Hoffnung und unsere Enttäuschung in einer Person."

Andrian Kreye erzählt die Geschichte eines Filmjournalisten, der gar nicht existiert. Die Columbia hatte mit seinen positiven Zitaten aus der kleinen Ridgefield Press für ihre Filme geworben: "John Horn, Reporter bei der Zeitschrift Newsweek ging den Zitaten nach. Bei der Ridgefield Press kannte man keinen David Manning. Und der Mutterkonzern Sony gab schließlich zu, dass sich ein Angestellter der Werbeabteilung den Kritiker ganz einfach ausgedacht hatte. Man werde die Angelegenheit nun eingehend untersuchen."

Weitere Artikel: Georg M. Oswald schreibt in der Serie "Das war die BRD" über die Pershing. Besprochen werden das Spektakel "Ich und Politik" am Frankfurter TAT, der deutsche Biennale-Pavillon, "Bartleby" nach Melville in Düsseldorf, Berlioz' "Damnation de Faust" in Paris und eine Ausstellung über die Kirchners "Potsdamer Platz" und die Malerei der deutschen Moderne in der Berliner Nationalgalerie.

Auf der Filmseite geht's um Chereaus Film "Intimacy", zu dem auch die Schauspielerin Kerry Fox interviewt wird. Außerdem stellt Tobias Kniebe Syd Fields Buch "Filme schreiben - wie Drehbücher funktionieren" vor (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

Und auf der Schallplattenseite feiert Reinhard J. Brembeck Marc Minkowskys Einspielung von Glucks Oper "Iphigenie en Tauride" als den "bisher konkurrenzlosen Höhepunkt der gesamten Gluck-Diskografie". Vorgestellt werden außerdem CDs mit Traettas Operr "Antigone" und CDs mit Werken von Haydn, Schülern von Rihm und Karl Amadeus Hartmann.

FR, 07.06.2001

Niels Werber erklärt in einem Artikel, wie Blairs Labour Party vom linken Weg abgekommen ist: "New Labour hat sich von der sozialdemokratischen Tradition verabschiedet, unabhängig von den Leistungen des Einzelnen mit staatlichen Mitteln für Gleichheit zu sorgen, um statt dessen "opportunities" anzubieten. Dieser Begriffswechsel indiziert einen fundamentalen Wandel der Hintergrundüberzeugungen der Labour Party. Glaubte man einst, durch Fördermaßnahmen und Hilfen ungleiche Ausgangsbedingungen auszugleichen, um gleiche Ergebnis zu erzielen (alle machen Abitur, jeder studiert, ?Begabung heißt begaben...), so will man nun jedem zur Gelegenheit verhelfen, aus den durchaus ungleich verteilten Talenten, das jeweils Beste zu machen. Die freundliche Unterstellung, dass alle Menschen gleich seien, wird aufgegeben, um einer Meritokratie Platz zu machen, die jedem, der sich dazu entscheiden will, die Möglichkeit bietet, seine Fähigkeiten zu entfalten."

Weitere Artikel: Elke Buhr berichtet von der Biennale in Venedig. Besprochen werden die Filme "Pearl Harbor" und "Monday", Ausstellungen über erste gebaute Projekte der elektronischen Moderne im Deutschen Architektur Museum (DAM) in Frankfurt und "Der kühle Blick" in der Hypo-Kunsthalle München, Melanie Gieschens Stück "Die Abzocker" am Staatstheater Mainz, die Uraufführung von Rolf Liebermanns letzter Oper "Medea" am Theater Bern. Und schließlich denkt Nikolaus Merck anlässlich der vielgelobten Uraufführung von Gesine Dankwarts "Täglich Brot" über die "Oppositionsheroen von Sozialistisch-Ostelbien" ? Thomas Langhoff am Deutschen Theater in Berlin, Christoph Schroth in Cottbus und Dieter Görne in Dresden ? nach.
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TAZ, 07.06.2001

Harald Fricke hat offensichtlich keinen festen Wohnsitz in Venedig und schildert die Bedingungen der Berichterstattung über die Biennale so: "Die Stadt ist dicht, komplett, ausgebucht, seit über zwei Monaten. Jetzt heißt es Gruppen bilden. Wer Glück hat, findet über die Mitwohnzentrale in Venedig noch eine Wohnung, die er mit fünf durchaus netten Menschen teilen kann. Das Haus nahe der Fondamenta Nuove liegt nicht in der schlechtesten Gegend, Fernsehen gibt es auch, nur keinen Telefonanschluss. Deshalb werden die Texte von der Biennale über Handy ans Mutterschiff in der Berliner Kochstraße gesendet, mit einem stillen Gebet auf den Lippen, dass der Gott der Telekommunikation nicht wieder das Mobilnetz runterfährt. Gestern hat er es getan, gleich zweitausendmal hintereinander."

Ein pro und contra über die Sexszenen in Chereaus "Intimacy" liefern sich Claudia Lenssen und Katja Nicodemus. Aus Nicodemus' "Contra": "Noch vor ein paar Jahren reagierten die Staatsanwälte auf pornografische Szenen im Kino mit altmodisch-verklemmten Verboten. Heute scheint die Kritik mit anderen Reflexen letztlich genau der gleichen Verklemmtheit nachzueifern: Da saugt die Darstellerin eines Autorenfilms für Sekundenbruchteile am Schwanz ihres Partners, und die Berufsbetrachter verfallen während der Berlinale in einen Chor der Lobeshysterie. Man hätte meinen können, der Blowjob sei die eigentliche Leistung der britischen Schauspielerin Kerry Fox gewesen. Dass ausgerechnet ein Film, der mit Sexualität so wenig anfangen kann wie 'Intimacy' für seine Freizügigkeit besungen und zum Meisterwerk erklärt wird, zeigt, dass die Schlüsselreize immer noch funktionieren - mal als heilige, mal als verdammte Pornografie."

Besprochen werden ferner der Film "Pearl Harbor" und das von den Architekten Kleyhus & Kleyhus entworfene Gebäude des Siegener Museum für Gegenwartskunst.

Schließlich Tom.

FAZ, 07.06.2001

Andreas Kilb bespricht Patrice Chereaus Film "Intimacy" und findet: Hätte Chereau nicht jede Kleinigkeit "wie eine Campari-Werbung inszeniert, mit Handkamera, wilden Schwenks und peitschenden Schnitten, dann wäre 'Intimacy' vielleicht wirklich das Wunder eines europäischen Liebesfilms geworden."

Joseph Croitoru schildert die Dankbarkeit der israelischen Zeitung Ha'aretz für Joschka Fischers Straßenkampferfahrung und zitiert hier aus einem der Kommentare der Zeitung zu den Vermittlungsbemühungen des ehemaligen Putzgruppenchefs: "Dies könnte eine Erklärung dafür sein, dass es Fischer gelungen ist, die Hartnäckigkeit von Scharon und Arafat zu brechen - offensichtlich hat er sich etwas von seiner einstigen Militanz bewahrt."

Dirk Schümer befindet sich in der beneidenswerten Lage, in Venedig zu wohnen und eröffnet heute sogar eine Kolumne darüber: "Leben in Venedig". Die erste Folge handelt sachgerecht vom "Umzug": "Im Frühlicht kamen sie mit zwei Booten den Kanal heraufgefahren - ein erhabenes Bild: Das spiegelblanke, schwarze Wasser des Rio dei Greci und dann im Gegenlicht der klaren Wintersonne die Kähne, vollbepackt mit unseren Möbeln und Kisten."

Weitere Artikel: Der Tübinger "Bioethiker" (das scheint ein Beruf zu sein) Dietmar Mieth erklärt, "warum das Argument der DFG, im Ausland sei die embryonale Stammzellforschung legal, nicht zieht". Jürg Altwegg untersucht die komplizierte Annäherung der beiden Schweizer Schriftstellerverbände, die sich einst voneinander abgespalten haben und sich nun im Prinzip wieder vereinigen möchten. Dietmar Polaczek hat in Mailand einer experimentellen Aufführung von Bachs "Kunst der Fuge" unter der Leitung des Cellisten und Musikwissenschaftlers Hans-Eberhard Dentler beigewohnt. Caroline Neubauer hat eine Tagung der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft verfolgt. Arnold Bartetzky berichtet über den Abriss des Messeamts am Leipziger Markt - an sich kein Verlust, meint er, nur was wird an seine Stelle gesetzt? Auch Frankfurt am Main ist eine abrissfreudige Stadt - Dieter Barteztko berichtet über den verwaist daliegenden Gebäudekomplex am Thurn-und-Taxis-Palais: Man hätte es bis zum Abriss 2005 für Kultur nutzen können, aber nun wird auch daraus nichts.

Besprochen werden Arnold Schönbergs Schauspiel "Der biblische Weg" in Wien, der Film "Pearl Harbor", das "ars viva"-Projekt des Zentrums für Kunst- und Medientechnologie in Karlsruhe, Marius von Mayenburgs Stück "Feuergesicht" in Paris, eine Tagung über Fontane in München, eine Ausstellung Japanischer Gegenwartskunst in Otterlo, Fotografien des Bildhauers Fritz Kühn in Aachen und "La Traviata" bei den Baden-Badener Pfingstfestspielen.

Auf der Bücher-und-Themen-Seite setzt sich Waltraud Schelkle mit Büchern über europäische Armustspolitik und den Wohlfahrtsstaat auseinander.

Zeit, 07.06.2001

Die Zeitungen werden immer mehr zu Katzen, die sich in den Schwanz beißen, findet Ulrich Greiner: Am liebsten berichten sie über sich selbst (und er gibt zu, dass er diesem Kreisel der Selbstreferenzialität einen weiteren Stoß versetzt): "Vom Gründungsherausgeber der FAZ, von Erich Welter, stammt der ehrwürdige Grundsatz: 'In der Zeitung nichts über die Zeitung.' Damit war gemeint, dass die Institution Presse Schaden erleidet, wenn sie sich auf sich selber bezieht. Diese Einsicht war jahrzehntelang oberstes Gebot der FAZ, und seiner Befolgung verdankt sich auch ihr Erfolg. Keine Zeitung aber hat diesen Grundsatz so gründlich verraten wie ebendiese. Die Beispiele grandioser Selbstinszenierung, die das Blatt seit längerem liefert, haben das Maß dessen vorgegeben, dem auch andere nacheifern." Aber den Ideen der FAZ eifern sie doch sicher auch nach?

Der Schriftsteller mit dem klangvollen Namen Dante Andrea Franzetti porträtiert Silvio Berlusconi als einen Plebejer, der den Hedonismus amerikanischer Prägung nach Italien gebracht hat: "Berlusconi ist ein Parvenu, der nie von Italiens traditionsreichen kapitalistischen Familien akzeptiert wurde: ein Aufgetauchter, Hinzugekommener aus dem Vagen, Undefinierten, ein wenig Vulgären. Dieses Vage, Undefinierte ist die Kultur des italienischen Kleinbürgertums der fünfziger Jahre, sein emotionales Denken, sein Konformismus, aber auch seine Zähigkeit, der Ehrgeiz der Zukurzgekommenen, seine Skepsis gegenüber der Politik und sein ausgeprägtes Feindbedürfnis zur Versicherung der eigenen unklaren Identität stammen daher." Das klingt nun so hochnäsig, dass man Berlusconi fast schon wieder sympathisch findet.

Volker Hagedorn liefert eine Reportage über den Brüsseler Reine-Elisabeth-Wettbewerb für Geige, der jüngst von Baiba Skride gewonnen wurde, und allein die Anforderungen an die Kandidaten klingen so schauerlich, dass man in keinem Fall ein junger Geiger sein will: Vorführen musste ein Proband, neben der "Symphonie espagnole" von Lalo "drei Pagaganini-Capricen, Solosonaten von Bach und Bloch und Ysaye, Virtuoses von Szymanowsky, Sarasate und Bartok, ein Violinkonzert von Bruch, eins von Mozart, eine Sonate von Mendelssohn und zwei frisch komponierte Pflichtstücke, von denen das Schwierigere erst eine Woche vorm Finale überreicht wurde".

Nach einem zarten Lob des Vorgängers (eines gewissen Michael Naumann) untersucht Petra Kipphoff die Ideen Nida-Rümelins für eine Kulturstiftung und findet sie "wenig einleuchtend". Junge und innovative Kunst soll die Stiftung fördern. Gerade die aber, so legt Kipphoff überzeugend dar, wird schon weithin gefördert. Und so entsteht für sie eine Schieflage: "Wer Innovation tremoliert und die Tatsache verschweigt, dass das Repertoire, also die Innovationen der Vergangenheit, in der Ausbildung, Pflege und Wertschätzung eine immer geringere Rolle spielt, der baut die Schieflage erst richtig aus."

Weitere Artikel: Christof Siemes porträtiert den Musikmäzen Alberto Vilar (und überliefert seinen denkwürdigen Satz: "Vor hundert Jahren hat irgendjemand in Amerika entschieden, dass es kein öffentliches Geld für die Kunst gibt. Dieser Jemand gehört erschossen.") Hanno Rauterberg stellt die Arbeit des Künstlers Gregor Schneider im deutschen Pavillon der Venedig-Biennale vor. Besprochen werden der Film "Pearl Harbor" Frank Castorfs "Erniedrigte und Beleidigte" nach Dostojewski bei den Wiener Festwochen und Doris Dörries "Cosi fan tutte"-Inszenierung in Berlin.

Aufmacher des Literaturteils ist Fritz J. Raddatz' Porträt von Diogenes-Verleger Daniel Keel. Hinzuweisen ist auch auf den Reiseteil: Hier präsentiert Cees Nooteboom das Tagebuch einer Reise durch Spanien. Im Dossier kann man Andrea Böhm in die Fortpflanzungsfabriken Kaliforniens folgen. Im "Wissen"-Teil verteidigt Ulrich Bahnsen die Bonner Forscher, die mit aus Israel importierten Embryozellen experimentieren wollten. Auf der Aufmacherseite schreibt ein gewisser Michael Naumann aus intimer Kenntnis über die Niederungen der Berliner Lokalpolitik.
Dem Bruch der Großen Koalition in Berlin widmen wir übrigens auch unseren Link des Tages.