Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.04.2001.

NZZ, 19.04.2001

Die NZZ bringt heute vor allem Buchbesprechungen, denen wir uns bekanntlich ab 14 Uhr in unserer Bücherschau widmen. Unter anderem geht es um J.M. Coetzees neu übersetzten Roman "Warten auf die Barbaren", um Leon de Winters Roman "Leo Kaplan" und um das neue Heft der Zeitschrift "Du", das dem portugiesischen Architekten Eduardo Souto Moura gewidmet ist.

Die britisch-ägyptische Popsängerin Natacha Atlas kritisiert im Interview mit Thomas Burkhalter die Globalisierung: "Die Popdivas setzen auf westliche Traummaße, auf eine 90/60/90-Figur und MTV-Tauglichkeit. Überall derselbe Quatsch, das ärgert mich. Als Künstlerin möchte ich mit meiner Musik und Persönlichkeit überzeugen: wie die Rapperin Missy Elliot oder die ägyptische Legende Umm Kalthoum."

Weitere Besprechungen gelten dem Stück "In weiter Ferne" an der Berliner Schaubühne, neuen Schweizer Jazzplatten und Erich Wolfgang Korngolds "Toter Stadt" in Straßburg.

SZ, 19.04.2001

Der israelische Historiker Moshe Zimmermann, glaubt, dass es kein Zufall ist, wenn die israelische Armee den Gaza-Streifen so kurz vor dem Holocaust-Gedenktag, dem 18. April, besetzte: "Seit dem Fall der Mauer ist Auschwitz... auch für hohe Offiziere des israelischen Militärs zum Reiseziel geworden. Die Gegenüberstellung von jüdischer Machtlosigkeit, symbolisiert durch Auschwitz, und jüdischer Macht, am deutlichsten über das Bild der israelischen Militärs vermittelt... dient als entscheidender Hintergrund für die angeblich zentrale Schlussfolgerung, die man als Zionist... aus der Geschichte der Shoa ziehen soll: Nie wieder dürfen Juden machtlos, waffenlos, den Feinden ausgeliefert sein."

Tobias Timm hat die Ausstellung "Bitstreams" im New Yorker Whitney-Museum besucht, die sich digitalen Verfahren in der Kunst widmet. Besonder beeindruckt hat ihn eine Arbeit von Jon Haddock, der Reportagefotos bearbeitet: "Jeder kennt das Foto aus dem Vietnamkrieg, auf dem weinende Kinder nach einem Napalm-Angriff eine Landstraße entlangrennen. Obwohl Jon Haddock alle Menschen aus dem Foto entfernt hat, so dass nur noch eine leere vietnamesische Straße zu sehen ist, erkennt man das Bild wieder. Man hat es tausendfach gesehen... doch im Zuge dieses ewigen Wieder-Sehens hat dieses Bild auch seine Kraft verloren... Paradoxerweise rücken die Opfer und die Gewalt, unter der sie litten, erst durch ihre Auslassung wieder in den Vordergrund." Haddocks Fotos und Weiteres zur Ausstellung finden Sie in unserem Link des Tages ab zehn Uhr.

Weitere Artikel: Harald Staun stellt einen Zusammenhang zwischen BSE-Krise, dem Wunsch nach exotischer Nahrung und dem Geheimnis der Kochkunst her. Besprochen werden eine konzertante Aufführung von Franz Lehars früher Oper "Tatjana" in Berlin, Händels "Ariodante" in Paris und Wedekinds "Lulu" in London.

Auf der Kinoseite geht es um den Film "Arbeiter/Bauern", das neue Werk von Straub/Huillet, um "You Can Count on Me", um den japanischen Animationsfilm "Prinzessin Mononoke" und um die irische Komödie "The Closer You Get". Das Star-Album ist Jean Reno gewidmet.

FR, 19.04.2001

Am Wochenende entscheiden die Montenegriner über die Frage, ob sie bei Jugoslawien bleiben wollen oder nicht. Der Slawist Milos Okuka schreibt: "In seiner Geschichte war der kleine Bergstaat (mit circa 600 000 Einwohner) niemals so geteilt wie heute. In den montenegrinischen Gesellschaft haben sich zwei starke Lager gebildet: Fürsprecher alles Montenegrinischen, die Ethnogeneser, und Fürsprecher des Allserbischen, die Serbophilen. Der Schauplatz ihrer Konflikte eskaliert besonders in der Auslegung der montenegrinischen Nation, in Diskussionen über den Kosovo-Mythos, im Verhältnis zur serbischen Geschichte und Literatur sowie über den Status der orthodoxen Kirche in Montenegro." Stöhn!

Helene Carrere d'Encausse, secretaire perpetuelle der Academie francaise nimmt im Interview mit Hans-Hagen Bremer Stellung zum französischen Streit um die Feminisierung von Berufsbezeichnungen: "Le Secretaire perpetuel muss es natürlich heißen. Das ist eine grammatikalische Regel. Das Amt ist Neutrum. Im Französischen gibt es aber kein Neutrum, es wird vom Maskulinum eingeschlossen. Sekretär bezeichnet die Funktion, keinen Beruf wie den der Sekretärin, der Stenotypistin." Und hat die Sekretärin keine Funktion? Und seit wann heißt es im Deutschen das Minister?

Der unvermeidliche Kulturphilosoph Slavoj Zizek fordert, dass nach Milosevic nun auch Henry Kissinger vor das Haager Tribunal gestellt wird: "Während seiner Zeit als erster nationaler Sicherheitsberater und später als Außenminister unter Nixon und Ford war er immer zur Stelle, um die Armen und Hilflosen zu bombardieren oder anderweitig zu zerstören, von Chile bis Kambodscha, und einen strategischen 'Deal' mit den Machthabern zu machen, selbst mit Mao."

Besprochen werden Matthieu Kassovitz' Film "Die purpurnen Flüsse", die Pariser Ausstellung über den "erotischen Picasso" im Jeu de Paume, Aaron Coplands "The Tender Land" in Nordhausen, Caryl Churchills "In weiter Ferne" an der Berliner Schaubühne und der Film "Texas Story".
Anzeige

TAZ, 19.04.2001

Brigitte Werneburg stellt Barbara Vinkens polemisches Buch über den Mythos der deutschen Mutter vor. Sie hat die Autorin für das Buch getroffen. Unter anderem erfährt man darin, dass in Ländern wie Frankreich und Norwegen der Anteil arbeitender Frauen wesentlich höher ist ? und die Geburtenrate auch. Grund ist die bessere staatliche Kinderbetreuung. "'Für meine französischen wie für meine amerikanischen Freundinnen', sagt Barbara Vinken an einem der ersten warmen Tage im Garten des Cafe Einstein, 'ist es vollkommen normal, Kinder und eine Karriere zu haben. Das ist für sie absolut selbstverständlich, dass das zwei zu vereinbarende Sachen sind. Die Französinnen bekommen die Kinder früh und lassen sie in den staatlichen Einrichtungen betreuen. In Amerika bekommen die Frauen die Kinder erst spät. Wenn klar ist, dass ihre Karriere gesichert ist und so viel Geld da ist, dass man ein Kindermädchen anstellt.'"

Weitere Artikel: Barbara Lorey de Lacharriere hält Eindrücke vom 13. Nordischen Filmfestival im nordnorwegischen Kautoteino fest. Bersprochen werden die Filme "You Can Count on Me", "Prinzessin Mononoke" und "Die purpurnen Flüsse".

Auf der Internetseite befasst sich Angelika Hoffmann mit Psychotherapie über das Netz.

Schließlich Tom.

FAZ, 19.04.2001

Vor zwei Jahrzehnten erschien Nadine Gordimers Roman "Julys Leute". Darin schützt ein schwarzer Dienstbote seine weiße Herrschaft vor Verfolgung in einem fiktiven südafrikanischen Bürgerkrieg. Es war der erste Roman Gordimers, der in Südafrika selbst erscheinen konnte. "Nun droht Nadine Gordimer ein Opfer der Zensur jener zu werden, für deren Rechte und Freiheit sie ein Leben lang eingetreten ist", schreibt Hubert Spiegel, denn eine Provinz will den Roman für die Lektüre in den Schulen verbieten ? wegen angeblichen Rasissmus. Spiegel fürchtet die "Rückkehr altbekannter Strukturen unter umgekehrten Vorzeichen."

Der schwedische Historiker Pär Frohnert schildert den Fall des Karikaturisten Lars Hillersberg, der gerne mal antisemitische Zeichnungen vorlegt und nun einen bedeutenden Staatspreis bekommt. Da er ein Linker ist, wird er weithin verteidigt, zum Beispiel mit Argumenten wie diesem: "Es sei 'nicht ganz einfach zu entscheiden', ob Hillersberg Antisemit sei. Aber außer Frage habe gestanden, dass 'er kein Rassist' sei."

In der Reihe "System Builders" präsentiert der Informatiker Alois Knoll den Robotervisionär Hans Moravec, der für die Zeit nach 2050 voraussieht, "dass die Produktivität der roboterbetriebenen Weltwirtschaft dem Menschen einen vollständigen Rückzug aus dem Erwerbsleben ermöglichen wird. Die tägliche Arbeitszeit gehe trotz ständig steigenden Lebensstandards für die breite Masse beständig gegen Null. Nicht nur das, auch die Lebensarbeitszeit werde immer kürzer, bis auch sie verschwindet. Als Mensch wird man sein Bewusstsein in ganz neue Arten von Körpern transferieren lassen, um dann als 'Ex-Mensch' alle Beschränkungen der Biologie nebst Sterblichkeit zu überwinden und in neue Räume vorzustoßen." Vorerst sollen die Roboter aber erstmal staubsaugen lernen.

Weitere Artikel: Rainer Hermann berichtet über die drohende Schließung der privaten Fatih-Universität in Istanbul ? Grund: Man hat dort Studentinnen mit Kopftüchern gesehen. Der evangelische Bischof Gerhard Müller antwortet auf einen Artikel des katholischen Bischofs Paul Josef Cordes, der die päpstliche Erklärung "Dominus Iesus" mit dem Argument verteidigt hatte, die evangelische Kirche sei ja in Wahrheit gar keine Kirche. Müller findet, das sie doch eine ist. Jürgen Kaube gratuliert dem Sozialistoriker Jürgen Kocka zum Sechzigsten. Florian Rötzer plädiert gegen die Präimplantationsdiagnostik. Timo John freut sich, dass Baden-Württemberg sich die epochengetreue Ausstattung seiner Schlösser etwas kosten lässt.

Besprochen werden ein Konzert der Manic Street Preachers in Hamburg, ein Tanzstück von Anna Huber in Luzern, Caryl Churchills "In weiter Ferne" an der Berliner Schaubühne, , die "Kontrapunkte" bei den Salzburger Festspielen, eine Ausstellung des Bildhauers Franz Bernhard in Heilbronn, der "Ring" in Meiningen (auch Stephan Mösch findet wie die Kritiker vor ihm die Leistung des Dirigenten Kirill Petrenko bewundernswert), eine Ausstellung deutscher Künstler in Siena, der Film "Texas Story" und ein Symposion in Bombay über den Tanz in Indien und in Deutschland. Auf der Bücher-und-Themen-Seite schreibt Tilman Spreckelsen über die Artus-Sage.

Zeit, 19.04.2001

Internationales Debattenfeuilleton heute in der Zeit.

Der israelische Schriftsteller Yoram Kaniuk stimmt einen Klagegesang von geradezu alttestamentlicher Wucht über die Lage in seiner Heimat an und kommt in einer interessanten Passage noch mal auf den todtraurigen Fall des Ehud Barak zurück: "Die aus einem jahrelangen Traum frustriert erwachte Linke trat Barak ins Knie, weil der nun mal verfügbar war. Arafat, der alles tat, damit Scharon gewählt wurde, hat allem Anschein nach keine Lust, ein kleines Land mit Steuern, Wassersorgen und Abwasserproblemen zu führen und zieht es vor, ein großer Freiheitskämpfer wie Saladin zu bleiben. Und die israelischen Araber, die zu Recht empört waren über eine Regierung, deren Polizeikräfte dreizehn demonstrierende Staatsbürger arabischer Herkunft einfach über den Haufen schossen, rächten sich an Barak, womit sie sich selbst eine riesige Kugel ins Bein jagten."

Umberto Eco erklärt in einem Artikel, den die Zeit aus der Repubblica übernimmt (was sie nicht dazusagt), warum Silvio Berlusconis Wahlkampf so effizient ist: Nicht nur weil man sich nach neuesten Erkenntnissen der Reklame mit einfachen Slogans begnügt, sondern auch weil man Techniken der Kommunisten und der 68er übernimmt: "Vom Modell der 68er-Bewegung finden sich viele Elemente in Berlusconis Parteienbündnis. Erstens die Identifikation eines Feindes, der viel subtiler und weniger sichtbar als die Vereinigten Staaten ist, wie die multinationalen Konzerne oder die Trikontinenetale und die Anprangerung ihres permanenten Komplotts. Zweitens die Methode, dem Gegner nie etwas zu konzedieren, ihn unentwegt zu dämonisieren, was immer er auch vorschlagen mag, und folglich die Verweigerung des Dialogs und der Konfrontation (auch Verweigerung jedes Interviews mit Journalisten, die ja ihrem Wesen nach Knechte der Macht sind)." Wir empfehlen in diesem Zusammenhang auch unsere Post aus Neapel von Gabriella Vitiello, die weitere Links zum Thema gibt.

Aufmacher des Literaturteils ist Helga Hirschs Interview mit Jan Tomas Gross, dessen (bisher nur auf englisch vorliegendes) Buch "Neighbours" die Debatte um das polnische Massaker an den Juden in Jedwabne auslöste. Gross bleibt bei seinem Standpunkt, dass die Polen, nicht die Deutschen die Hauptverantwortlichen des Verbrechens sind: "Für mich ist nach wie vor klar, dass sich an jenem fraglichen 10. Juli keine größere Anzahl von Deutschen in dem Ort aufgehalten hat. Dafür, dass 232 Soldaten einer Spezialeinheit angereist sein sollen, kann Staatsanwalt Waldemar Monkiewicz, der sich Ende der sechziger Jahre mit dem Fall befasste, keinerlei Belege vorlegen. Mehrere Zeugen erwähnen hingegen einen Personenwagen, in dem höchstens fünf Personen gewesen sein können. Das halte ich für wahrscheinlich."

Weitere Artikel: Jens Jessen kommentiert in der Leitkolumne den Fund der Gestapo-Akten von Wien. Renate Klett porträtiert den Künstler Hans-Peter Litscher, der falsche, aber stets sehr wahrscheinlich klingende Biografien erfindet. Thomas Groß macht in einer Besprechung von Nick Caves neuer Platte auf "Gefahren der Überästhetisierung" aufmerksam. Besprochen werden überdies die Filme "Beau Travail" und "You Can Count on Me".

Hinzuweisen ist außerdem auf eine Polemik des Politologen Wilhelm Hennis zur Feigheit der Staatsanwaltschaft in der CDU-Parteispendenaffäre und auf Thomas Fischermanns Dossier, das von Internetunternehmern im rechtsfreien Raum handelt ?denn immer mehr Spielcasinos und andere dunkle Betriebe haben ihre Rechner auf Karibikinseln stehen und sparen Steuern und Rechtstreitigkeiten.