Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.04.2001.

NZZ, 18.04.2001

Paul Jandl bespricht Friederike Mayröckers "Requiem für Ernst Jandl", das bei Suhrkamp erschienen ist: "Friederike Mayröckers 'Requiem' ist ein 'Andenken' an die Orte einer Beziehung und der Geographie. Grado oder Meran, der Attersee. Momentaufnahmen des Erlebten, 'es geht wie ein Film ununterbrochen durch meinen Kopf'." Näheres dazu selbstverständlich ab 14 Uhr in unserer Bücherschau. Ernst Jandl wirdmen wir auch unseren heutigen Link des Tages.

Und Felix Philipp Ingold bespricht einen Band mit den "Letzten Gedichten" Ernst Jandls im Luchterhand Literaturverlag: "Was den 'Letzten Gedichten' - auf der Aussageebene - als Fazit abzugewinnen ist, lässt sich resümieren in dem einen Schimpf- und Schandwort: 'Scheiße'. Scheiße ist das Leben, Scheiße ist die Liebe, Scheiße ist die Kunst, Scheiße ist Gott, Scheiße bin ich. 'Ich' ist schon deshalb Scheiße, weil es - so Jandl - weiß , dass es Scheiße ist und niemals sich selbst zu entsorgen vermag: 'so steck ich mein hals in die schling / und fresse am gott der gespenster / was noch nicht durch mein arschloch ging'..."

Auch Hubertus Adam setzt sich mit der Klimakatastrophe auseinander, geißelt aber vor allem die amerikanische Energie- und Umweltpolitik. Klimaanlagen sind für ihn das Grundübel: "Letztlich war die künstliche Klimatisierung einer der grundlegenden Faktoren für die Dezentralisierung und Suburbanisierung der amerikanischen Städte, die mit der Shopping-Mall zu einemneuen, prinzipiell ubiquitär zu dislozierenden baulichen Phänotypus fand. Hinsichtlich derEnergiebilanz aber ist die Ausdehnung der früher kompakten Städte in die Fläche verheerend. Zu denKosten der Klimatisierung treten Mehraufwendungen an Energie für die verstreute Bebauung und schließlich für den stetig steigenden Individualverkehr. Der verkehrsbedingte Pro-Kopf- Ausstoss von CO 2 beträgt in Houston das Fünffache, in New York immerhin noch das Dreifachedes Wertes von Zürich."

Weitere Artikel: Matthias Vogel berichtet über Pläne des Kunsthauses Aarau, das für zwei zwei Jahre schließt, um sich erheblich vergrößern, und vor Toresschluss noch einmal seine Sammlung präsentiert. Besprochen werden einige Bücher, darunter Frances Stonor Saunders' Buch über die CIA und die Kultur im Kalten Krieg.

SZ, 18.04.2001

In einer Art kollektivem Aufmacher, bescheidenerweise nur durch Kürzel gezeichnet, entfaltet die gesamte Equipe des SZ-Feuilletons "zehn Thesen zum Verschwinden der Deutschen". Aus der These von Johannes Willms (denn wir erkennen die Kürzel): "Ach, lasst sie endlich wieder verschwinden, die Deutschen, auf dass Bayern und Sachsen, Badener und Thüringer, Westfalen und Rheinländer sich mehren und gedeihen!" Preußen auch? Und aus der These von Harald Eggebrecht: "Wer den Missmut im Gesicht der deutschen Durchschnittsfamilie sieht, der kann rasch auf die Idee kommen, es sei wohl besser diesen Teil der Weltbevölkerung nicht unbedingt zu vermehren." Wenn die Deutschen verschwinden, verschwindet dann auch der deutsche Selbsthass?

In der Serie "Das war die BRD" erinnert Andreas Neumeister in einem etwas gestanzt wirkenden Stil an den Dual-Plattenspieler: "Mein zweiter Dual-Plattenspieler war schleiflackweiß. Schleiflackzeit. Schleiflackweiß setzte sich am deutlichsten von allen Holztönen ab. Das Gegenteil von Deutscher Eiche. Wahrscheinlich war es gar kein Schleiflack, womöglich war es bloß eine matte Klebefolie, die über rauhen Pressspan geklebt war. Egal, wirklich egal."

Andreas Bernard berichtet über dichterische Versuche im SMS-Format. Ein Verlag hatte hier einen Wettbewerb für Gedichte mit der höchsten Zeichenzahl 160 ausgeschrieben. In den Beiträgen, so Bernard, "zeichnen sich jedenfalls die ersten Konturen einer Schreibweise ab, die von Literaturhistorikern kommender Generationen vielleicht einmal den Namen 'SMS-Stil' erhalten wird."

Weitere Artikel: Arezu Weitholz berichtet über offensichtlich rituelle Straßenkämpfe mit rassistischem Hintergrund im britischen Bradford. Thomas Thieringer feiert den en bloc aufgeführten "Ring" im kleinen Theater von Meiningen als "Triumph für den jungen Dirigenten Kirill Petrenko". Besprochen werden eine Stuttgarter Ausstellung über den Torso in der Skulptur der Moderne und Marieluise Fleißers "Fegefeuer" im Theater Ingolstadt.

FR, 18.04.2001

Ha Bei Ma Si, zu deutsch Jürgen Habermas, hat in Peking vor Hunderten von Zuhörern gesprochen. Harald Maass war dabei: "Habermas Vortrag in China war deshalb überzeugend, weil er sich in seinem Diskurs gegen asiatische Menschenrechte nicht auf Moral, sondern auf die Interessen der Staaten selbst stütze. 'Ich glaube nicht, dass die Menschenrechte vom Himmel fallen, sondern dass sie eine produktive Antwort auf den Modernisierungsprozess sind', betonte er. Gerade für ein Umbruchsland wie China lägen in den Menschenrechten die Lösung von Modernisierungsfolgen. China will wirtschaftliche und politische Großmacht werden. Grundrechten wie der Schutz des persönlichen Eigentums, der Vertragsfreiheit und des persönlichen Eigentums seien dafür Voraussetzung."

Auch Hans-Klaus Jungheinrich ist des Lobes voll für Kirill Petrenko in Meiningen: "Der ständig mit höchster Konzentration am Pult präsente Petrenko hatte die Klangkörper minuziös vorbereitet und musizierte durchweg sauber, fein abgestuft und steigerungssicher. Sein unpathetisches, souverän zwischen Ruhezonen und hitzigen Dramatisierungen vermittelndes Konzept hatte Weltklasse."

Weitere Artikel: Judith Jammers konstatiert, dass die Briten nicht nur unter MKS, sondern auch unter einem faden Wahlkampf leiden. Beprochen werden eine Ausstellung der Sammlung Grässlin (bedeutende Werke aus jüngster Zeit) in Hamburg, die indische Botschaft des Architekturbüros Leon Wohlhage Wernik, ein "Nabucco" in Frankfurt und die erste deutschsprachige Roots-Reggae-Platte der Welt von Jan Delay.
Anzeige

TAZ, 18.04.2001

Silke Hennig interviewt den belgischen Künstler Luc Tuymans, der in einer Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin künstlerische Strategien einer Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus sucht. Sein Material fand er unter anderem in "Signal", einer schick gemachten Propagandazeitschrift der Nazis: "In meiner eigenen Geschichte, im Familienbereich, war immer die Rede vom Krieg. Aber da wurde immer direkt erzählt. Mit meiner Arbeit wollte ich zunächst indirekt herangehen: all das Gewöhnliche dieser Zeitungsbilder, diese Art von Banalität und das banale Feld um den Krieg herum. Eine Vorstellung von heiler Welt - und auf der Rückseite sah man gleichzeitig eine Kanone oder was immer."

Ferner bespricht Elke Schmitter in der Rubrik "Modernes Lesen" einige Bücher, darunter auch Friederike Mayrökers "Requiem für Ernst Jandl": "Es gibt nicht viele Worte für die Trauer, wie es scheint; man kann sie nicht unendlich vermehren. Selbst eine Virtuosin der Erfindung, wie Friederike Mayröcker, kommt auf die Tradition, wenn es gilt, ihr Requiem für Ernst Jandl zu schreiben: So ist ihre Klage eine in jenem Ton von Wehmut und Bedauern, von Aufbegehren gegen die Trennungen der Endlichkeit, der in Europa eben zu Hause ist; und auch DER HERR fehlt nicht, selbst wenn die Erinnerung an ihn eher eine semantische, fast melodiöse zu sein scheint, eine ästhetische Erinnerung und kein Versprechen."

Zum Abschluss Tom.

FAZ, 18.04.2001

Joachim Müller-Jung meint, dass es kaum möglich sein wird, die These von der menschengemachten Klimakatastrophe wissenschaftlich zu beweisen: "Eine Reihe physikalischer, chemischer und biologischer Faktoren, die am Klimageschehen mitwirken, finden schon der begrenzten Rechenkapazitäten wegen bis heute nicht... eine adäquate Entsprechung in der Formelsprache der Klimatologen. Die Computermodelle sind so gesehen nicht mehr als unscharfe Abziehbilder der Klimawirklichkeit. Sie sind, wenn man so will, ein gut Teil aus der Not der dürftigen Datenlage geboren. Aber sie ersetzen keineswegs die Messungen. Sie sind auch längst nicht so wertvoll. Einer der häufigsten Fehler im Umgang mit den Modellen besteht deshalb darin, die Ergebnisse der Simulationsexperimente wie reale Daten zu bewerten."

Karol Sauerland berichtet über Agnieszka Arnolds Dokumentation "Nachbarn", die sich mit dem von Polen begangenen Massaker an den Juden von Jedwabne befasst: "Den größten Schock lösten selbstverständlich die detaillierten Erzählungen der Überlebenden aus. Ein Novum für viele war etwa, dass jene, die Juden zu retten suchten, noch nach dem Kriegsende um ihr Leben bangen mußten. Zeugen der Massenmorde waren unerwünscht. Die Familie Wyrzykowski etwa, die sieben Juden fast zwei Jahre lang unter den Bohlen eines Kuh- und Schweinestalls versteckt hielt, sah sich gezwungen, in die Vereinigten Staaten auszuwandern, nachdem sie in Polen, selbst in der Hauptstadt, nicht in Ruhe gelassen wurde. Die Enkel sind heute noch über ihre erzwungene Auswanderung verbittert."

Weitere Artikel: Verena Lueken berichtet von dem Theaterfestival in Louisville, Kentucky. Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp fordert die Aufnahme eines Wissenschaftsmuseums in das wiederaufzubauende Berliner Stadtschloss. Jörg Hackmann begrüßt den Wiederaufbau von Rigas Schwarzhäupterhaus. Gerhard Rohde schreibt zum Tod des Dirigenten Peter Maag und Andreas Obst zum Tod des Punks Joey Ramone. Ulrich Baer hat einem New Yorker Kolloquium über die Frage der Vergleichbarkeit von Völkermorden zugehört. Hannelore Schlaffer berichtet auf der Stil-Seite über eine neue Leidenschaft des Designs für Edelstahl. In einer Bildunterschrift zum Aufmacherfoto wird bedauert, dass die Aurelianische Stadtmauer Roms durch heftige Regenfälle an einer Stelle einstürzte. Phil Plait, Kulturkorrespondent der FAZ im All, stellt richtig, dass das in der Erdumlaufbahn postierte Hubble-Telekop die Spuren der Astronauten auf dem Mond nicht dokumentieren kann- dazu ist seine Auflösung denn doch nicht groß genug.

Besprochen werden der Film "You Can Count on Me", der Saarbrücker "Tristan" mit einem Bühnenbild von Daniel Libeskind, Neuerwerbungen der Kunstsammlungen Augsburg, eine Sean-Scully-Ausstellung in der Kunstsammlung NRW, das Wiener Festival "Hörgänge" und eine Austellung von Tony Vaccaros Nachkriegsfotos.