Magazinrundschau
Obsession statt Gefühle
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
22.09.2026. Izabella Tabarovsky, Expertin für die Geschichte des linken Antizionismus, erkundet in Tablet, welchen Anteil Kurt Waldheim an der Dämonisierung Israels in der UN hatte. Verstka besucht nahe Moskau eine von Putin errichtete folkloristische Kopie Russlands. New Lines erzählt wie der marokkanische Staat für die Fußball-WM reihenweise Wohnhäuser abreißt. Critic.de stellt Yasuzo Masumura vor, eine rätselhafte Figur der japanischen Nouvelle Vague. Der New Yorker watet in Israel durch den Sumpf des Qatargate-Skandals.
Tablet (USA), 18.09.2026
Izabella Tabarovsky ist eine der besten Expertinnen für die Geschichte des linken Antizionismus. In vielen Artikeln hat sie gezeigt, dass die heutigen antiisraelischen Formeln des Postkolonialismus fast eins zu eins Erfindungen des einstigen sowjetischen Israelhasses übernehmen - kein Wunder bei Mittlerfiguren wie dem Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas, der in seiner in Moskau verfassten Doktorarbeit Verschwörungstheorien über Zionisten verbreitete, die angeblich mit Nazis zusammengearbeitet hätten (unser Resümee). In Tablet kommt sie nun auf die Rolle Kurt Waldheims als Generalsekretär der UNO zurück - die Sowjets kannten ihn seit 1947 und wussten sicher lange vor der Weltöffentlichkeit, dass er viel tiefer in Kriegsverbrechen verstrickt war, als er in seiner offiziellen Biografie zugegeben hatte - erst in der "Waldheim-Affäre" kamen diese Verstrickungen auch in die breitere Öffentlichkeit. Als Generalsekretär der UNO betätigte sich Waldheim als getreuer Diener des Sowjets, erlaubte ihnen etwa, Aberdutzende Spione in der Organisation unterzubringen, so Tabarovsky. Sie zitiert einen sowjetischen Agenten, der sich in einem Brief an die Zentrale über prowestliche Sympathien Waldheims beschwerte. "Es hieß dort aber auch: 'Bei einer Reihe von Fragen, insbesondere solchen von großer politischer Bedeutung, hört Waldheim auf unsere Forderungen und Ratschläge.' Gehörte die Umwandlung der Vereinten Nationen in die weltweit prominenteste Plattform zur Dämonisierung Israels und des Zionismus zu diesen Fragen? Zweifellos, wenn man bedenkt, wie zentral der Kampf gegen den 'internationalen Zionismus' in jenen Jahren für Moskau war. Und Waldheim lieferte. Von dem Moment an, als er sein Amt antrat, verabschiedete ein prominentes UN-Forum nach dem anderen Resolutionen, die den Zionismus mit Imperialismus, Kolonialismus und Rassismus gleichsetzten. Ebenfalls unter Waldheim wurde Yasser Arafat 1974 zu den Vereinten Nationen eingeladen, gerade als Moskau daran arbeitete, die palästinensische Sache zu internationalisieren. Damals hielt der Vorsitzende der Palästinensischen Befreiungsorganisation seine berühmte 'Olivenzweig-und-Waffe'-Rede, in der er den Zionismus - Sie ahnen es schon - fast ein Dutzend Mal systematisch mit Imperialismus, Kolonialismus und Rassismus gleichsetzte."Verstka (Russland), 17.09.2026
New Lines Magazine (USA), 22.09.2026
Marokko investiert gerade Milliarden von Dollar in Infrastruktur, Hotels und den öffentlichen Nahverkehr, um bereit zu sein für die Fußballweltmeisterschaft 2030, berichtet Renée Boskaljon. Das klingt gut und ist auch wichtig, denn es gibt in großen Städten wie Rabat oder Casablanca unzählige baufällige Häuser, immer wieder gibt es Todesfälle wegen einstürzenden Gebäuden. Allerdings hat die Sanierungs- und Neubauwelle auch eine Kehrseite, so Boskaljon. In nie gekanntem Ausmaß werden Häuser, teilweise ganze Wohnviertel abgerissen, die Bewohner erhalten kurzfristige Bescheide und kläglichen Schadenersatz, lesen wir. So geschieht es zum Beispiel beim Megaprojekt "Royal Avenue" in Casablanca: "Hunderte von Gebäuden innerhalb des Projektgebiets wurden in den letzten drei Jahrzehnten bereits abgerissen, doch die jüngste Abrisswelle scheint alles bisher Dagewesene zu übertreffen. Eine Analyse von Satellitenbildern durch New Lines aus dem Zeitraum August 2025 bis Mai 2026 zeigt, dass im Projektgebiet Royal Avenue über 14 Hektar Land - etwa die Fläche von 26 Fußballfeldern - abgerissen wurden. Auch Moslehs Haus fiel dem Abriss im Jahr 2024 zum Opfer. 'Uns wurde erst 20 Tage vorher mitgeteilt, dass unser Haus angeblich unsicher sei', sagte er. 'Nur sieben Tage vor dem Abriss reichten wir ein Gutachten ein, das die Standsicherheit des Hauses belegte.' Das Gutachten änderte nichts. Der Abriss wurde durchgeführt, und Mosleh kämpft, wie Hunderte andere auch, seit fast zwei Jahren vor marokkanischen Gerichten gegen die Entscheidung - ein Fall, der noch immer nicht abgeschlossen ist. Umsiedlungszusagen der Regierung haben in der Zwischenzeit kaum Erleichterung gebracht. Rund 16.550 Wohnungen im Vorort Nassim, etwa zehn Kilometer vom Projektgebiet entfernt, sollen an die umgesiedelten Bewohner verkauft werden (...) Der Kauf einer Wohnung kostet rund 100.000 Dirham, zuzüglich weiterer 20.000 Dirham für Notar- und Registrierungsgebühren - eine Summe, die viele Familien in der Medina nicht aufbringen können."critic.de (Deutschland), 19.09.2026

Lukas Foerster stellt in einem in jeder Hinsicht epischen Essay den Regisseur Yasuzo Masumura vor, "eine zentrale, aber auch ziemlich rätselhafte Figur des japanischen Kinos". Manche sehen ihn gleichberechtigt neben den ganz großen Namen Kurosawa, Mizoguchi und Ozu, im westlichen Ausland ist er aber trotz konjunkturell wiederkehrender Wiederentdeckungen nur engagierten Japano-Cinephilen ein Begriff. Als erster Japaner studiert er an einer italienischen Filmhochschule und saugt dort die Einflüsse des europäischen Kinos begierig auf. In der Neuen Welle der Sechziger, die wie in Europa und in den USA auch in Japan das Kino erneuerte, reüssiert er schließlich, sucht dabei als Intellektueller aber stets das Populäre. Die japanische Nouvelle Vague "war weitaus heterogener, sie hatte kein intellektuelles Zentrum, kein Sprachrohr wie die Cahiers du Cinema und auch kein einheitliches filmpolitisches Programm." Masumura sei aber "dann doch ein typischer Vertreter der japanischen Nouvelle Vague, vielleicht sogar ihr wichtigster überhaupt. Denn keiner ist mehr von der Industrie korrumpiert - wenn auch, würde ich argumentieren, im positiven Sinne; und keiner ist so radikal in seiner Negativität. Ähnlich wie für Oshima ist auch für Masumura die Ablehnung der aus seiner Sicht dominanten Ästhetik des japanischen Kinos absolut zentral für sein eigenes Schaffen. Schon in seiner Zeit in Italien schreibt er in einer italienischen Filmzeitschrift gegen die 'genaue und realistische Beschreibung von Familienleben, die oft mit nostalgischen Sentimentalismus einhergeht' an, eine Ästhetik des banal Alltäglichen, die für ihn typisch ist für das japanische Kino. In anderen Texten greift er explizit Ozu und Naruse als zwei Regisseure an, deren Filme eben diese intimistische, nuancierte, antidramatische Ästhetik verkörpern. Er hingegen setzt, wie in einem anderen Text aus dem Jahr 1958 zu lesen ist, ganz bewusst auf Übertreibung und Stilisierung. Sentiment, Nuancen und auch Atmosphäre sind etwas, das er in seinen Filmen zerstören will. Statt Gefühle haben seine Figuren Obsessionen, Liebe heißt bei ihm fast immer, einen anderen Menschen mit Haut und Haaren besitzen zu wollen. Und statt Erotik gibt es in seinen Filmen Ero Guro, eine spezifisch japanische Verbindung des Erotischen mit dem Grotesken, die sowohl in der Literatur als auch in der bildenden Kunst und im Kino des Landes Spuren hinterlassen hat."
Elet es Irodalom (Ungarn), 18.09.2026
Der Literaturhistoriker Mihály Szajbély von der Universität Szeged gilt als Experte der jugoslawischen Literatur und der ungarischen Literatur in Jugoslawien. In seinem neuen Buch "Magaspart - Önélettörtenetek" (Hochufer - Lebenslaufgeschichten, Magvető, 2026) beschreibt er anhand seiner eigenen Lebensstationen eine Art Literaturgeschichte der Jugoslawischen Literatur, erzählt er im Gespräch mit Nikoletta Szekeres. "Ich habe versucht zu beschreiben, wie ich zu der Erkenntnis gelangte, dass es eine ungarische Literatur jenseits der Grenze gibt (…). Meiner Meinung nach unterscheidet sich die ungarische Literatur in Jugoslawien vor allem durch ihre Weite. Das konnte sich dann in den unterschiedlichsten Dingen äußern, in Experimenten, die an die frühe Avantgarde erinnerten, ebenso wie in einem Essay, einer Abhandlung oder einer Filmkritik. (…) Die Serben und Kroaten übersetzten fast alles, was in der Weltliteratur oder der westlichen Philosophie geschah, die Ereignisse von '68 - die Autoren des 'Symposion' fanden darin ihren Widerhall; diese Ausgaben brachten uns die Welt. '(…) Diejenigen, die damit aufgewachsen sind - und das gilt auch für die zweite und dritte Generation des 'Symposion' -, konnten dies nicht vergessen, obgleich ihnen das Land entglitten war, als geopolitische Einheit aufgehört hatte zu existieren. (…) Mich hat interessiert, wie ich von einem Ort zum anderen gelangt bin. Genauer gesagt, haben mich die Umstände interessiert. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, und ich glaube, ich wäre dazu auch gar nicht in der Lage, denn ich bin wahrscheinlich zu schamhaft, Bekenntnisse à la Rousseau zu verfassen. Außerdem wäre es langweilig, denn wie ich mit meinen persönlichen Problemen ringe, würde wohl kaum jemanden interessieren. Aber was jemand an einer Universität in einer Kleinstadt erlebt, welche Lebensmöglichkeiten er dort vorfindet, was er jenseits der Landesgrenzen sieht, wenn er die Gelegenheit zum Reisen hat, was als Eindruck oder Erfahrung aus der Welt des realen Sozialismus in Erinnerung bleibt und wie es in dieser bedrückend grauen Welt dennoch möglich war, unbeschwert zu leben und Freude zu finden - das ist viel interessanter."Ceska Televize (Tschechien), 16.09.2026
Vor 25 Jahren wurde in Tschechien die NGO Post Bellum mit ihrem Zeitzeugen-Archiv Paměť národa (Memory of Nations) gegründet. Darin kommen in Audio- und/oder Videoaufnahmen Menschen zu Wort, die besonders die Zeiten des Totalitarismus im 20. Jahrhundert miterlebt haben. Inzwischen umfasst die Sammlung mehr als 15.000 Zeitzeugenberichte. Neben der Dokumentation von Erinnerungen widmet sich die Organisation der Bildungsarbeit und der Unterstützung älterer Menschen, wie Petra Špičková und Kateřina Golasovská berichten. Ausgehend von dieser Arbeit erinnert nun zum Beispiel eine Gedenkstätte bei Nová Víska in der Karlsbader Region an den gewaltsamen Tod von vier deutschen Bauern Ende des Zweiten Weltkriegs, die laut den archivierten Erinnerungen von Ortsansässigen dort ihr eigenes Grab schaufeln mussten, bevor sie erschossen wurden. Die Hintergründe für die Hinrichtung sind nicht ganz klar: Laut einer Gemeindechronik sollen bei ihnen Waffen gefunden worden sein. "Eine deutschsprachige Publikation hingegen schildert, dass bei ihnen lediglich Militärstiefel und ein Foto eines der Söhne der Ermordeten in SS-Uniform gefunden wurden", erzählt der Dokumentar Lukáš Květoň. Mithilfe eines KI-Assistenten lässt sich das Archiv neuerdings nicht nur über Personennamen, sondern auch über Orte, Daten, Themen oder Ereignisse durchforsten. "Wir wollen der breiten Öffentlichkeit kostenlosen Zugang zu den authentischen Erfahrungen ermöglichen, die unsere Eltern und Großeltern während der Ära totalitärer Regime gemacht haben", erklärt Post-Bellum-Gründer Mikuláš Kroupa. "Ob wir daraus lernen, liegt dann bei jedem Einzelnen von uns."New Yorker (USA), 28.09.2026
Diese Reportage über den Qatargate-Skandal in Israel liest sich wie ein hochspannender Krimi! Ruth Margalit erzählt, wie zwei Mitarbeiter aus dem engsten militärischen Beraterkreis Netanjahus, Eli Feldstein und Jonatan Urich, viel Geld dafür erhalten haben sollen, dass sie gefälschte Dokumente und Berichte über die Großartigkeit Katars für die israelisch-amerikanische PR-Firma Perception bereitstellten, die für die Katarer arbeitete. Perception war 2017 von dem Israeli Yisrael Einhorn gegründet worden und hatte Wahlkampf für Netanjahu gemacht. 2023 trat der Amerikaner Jay Footlik an Einhorn heran mit dem Vorschlag, gemeinsam für Katar zu arbeiten. Ziel war es, Katar, das gern "bedeutend" sein wollte, als glaubwürdigen Friedensvermittler in der Region aufzubauen. Gute Beziehungen zu Netanjahu hatte das Emirat damals offenbar schon: Es finanzierte mit seiner Duldung seit 2012 die Hamas in Gaza. Dennoch gelang es nach dem Terroranschlag am 7. Oktober der oben erwähnten PR-Firma Perception, langsam Ägypten bei Friedensverhandlungen beiseite zu schieben und Katar an seine Stelle zu setzen: "Footlik und Einhorn begannen, eine Kampagne zu planen, um Katars Ruf zu verbessern. In den folgenden Monaten sollen sie gemeinsam mit zwei Mitarbeitern aus Netanjahus Büro an einem Plan gearbeitet haben, für den sie Hunderttausende Dollar erhielten. Die Mitarbeiter organisierten Pressereisen, erfanden Quellen und platzierten Berichte, die die gängige Meinung dreist auf den Kopf stellten. Hamas-Führer würden in Katar beherbergt - aber nur auf Drängen Israels und der Vereinigten Staaten. Ägypten sei Israels langjähriger Friedenspartner - aber man könne ihm die Verhandlungen nicht anvertrauen." Und sie hatten damit Erfolg. In Israel löste die Affäre jedoch einen Riesenskandal aus. "Netanjahu hat die Behauptungen mit seiner charakteristischen Trotzhaltung als 'Bluff' abgetan. Doch von all den Korruptionsvorwürfen, die ihn im Laufe der Jahre geplagt haben - die Annahme von Geschenken von Wirtschaftsführern, der Austausch von Gefälligkeiten gegen wohlwollende Berichterstattung -, dürfte der Vorwurf, dass seine Berater gleichzeitig als Einflussagenten für Katar fungierten, politisch am schädlichsten sein. Naftali Bennett, ein ehemaliger Ministerpräsident, der Netanjahu bei den bevorstehenden Wahlen herausfordert, hat dies als den 'schwerwiegendsten Akt des Verrats' in der Geschichte des Landes bezeichnet."
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