Magazinrundschau

So wurde Rebellion zur neuen Mitte

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Freitag Mittag
23.05.2014. Salon erledigt den Nonkonformismus mit Normcore. Berlusconi ist für Matteo Renzi, was Thatcher für Blair war: ein Vorbild, notiert die London Review of Books. Die Zeit versucht in der Ostukraine eine prorussische Demo zu begleiten. The New Republic erklärt, wie Putin das russische Internet kaputt macht. Die Jerusalem Post spendiert dem Prinzen Fahd bin Sultan bin Abdul Aziz Al Saud eine Portion Viagra. Im Spiegel schreibt Cordt Schnibben über seinen Vater, den Werwolf. Das New York Magazine überlegt, warum die Chefredakteurin der New York Times Jill Abramson gefeuert wurde.

Salon.com (USA), 18.05.2014

Bereits im März haben wir in unserer Magazinrundschau auf den Modetrend Normcore hingewiesen, bei dem es darum geht, durch das Tragen von möglichst nichtssagender Kleidung aufzufallen. In einem interessanten Beitrag auf salon.com beruft sich R. Jay Magill Jr. auf Hegel und erklärt Normcore zur Synthese des dialektischen Prinzips von Ernsthaftigkeit und Ironie: "Was als eine Hippie-Kultur des Widerstands gegen die bürgerliche Kultur des Kapitalismus begann, ist zu einem nur noch mächtigeren bürgerlichen Kapitalismus gereift (Steve Jobs, Ben & Jerry, Richard Branson). Sie haben daran geglaubt, dass rebellischer Individualismus immer gegen den Strom schwimmt, auch als sie längst der Strom geworden waren, gegen den sie einmal anschwammen, mit dem unglückseligen Ergebnis, dass sie Widerstand zu einem Stil degradierten. So wurde Rebellion zur neuen Mitte, und Normcore kommt die Aufgabe zu, den Nonkonformismus für erledigt zu erklären."
Archiv: Salon.com

London Review of Books (UK), 22.05.2014

In einem sehr langen Artikel rekonstruiert Perry Anderson in der LRB das "italienische Desaster", die Korrumpierung und Personalisierung der Politik, die Berlusconi so erfolgreich betrieben hat, dass dessen Nachfolger Matteo Renzi vom Mitte-links-Bündnis PD sie nicht mehr bekämpft, sondern übernimmt. Aber, meint Anderson: "Makro-Personalisierung ist ideologisch nicht neutral. Sie ist die Antwort auf eine Welt, in der Personen grotesk aufgeblasen - Super Mario und so weiter - und im gleichen Maße parteipolitische Differenzen, und damit Wählerentscheidungen, minimiert werden. Berlusconis bleibender Erfolg besteht darin, wie ihm sehr wohl bewusst ist, mit Renzi nicht einfach nur einen Führungsstil reproduziert zu haben, sondern eine Politikmarke, die seiner sehr ähnlich ist, so wie Thatcher es mit Blair getan hat. Ihm sei zu verdanken, hat er oft behauptet, dass Renzi die PD umgekrempelt und jede Spur ihrer sozialistisch-kommunistischen Vergangenheit getilgt hat. Er behauptet es zu Recht."

Außerdem: John Lanchester fällt auf, dass die britische Regierung eigentlich nur einen Plan für das Referendum im September hat: Dass die Schotten gegen die Unabhängigkeit stimmen. Michael Wood huldigt Yasujiro Ozus Klassiker "Ein Herbstnachmittag", der im Londoner BFI gezeigt wird.

Nepszabadsag (Ungarn), 17.05.2014

Am Wochenende wurde der neue Film des ungarischen Regisseurs Kornél Mundruczó "Fehér Isten" in Cannes gezeigt. Géza Csákvári stellt ihn in Népszabadság vor: "Der "Weiße Gott" stellt einen Epochenwechsel dar. Am meisten aus der Sicht von Regisseur Mundruczó: Im Stil und in der Atmosphäre schafft er es, sich von den bisherigen Arbeiten seines Lebenswerkes zu entfernen... Trotz der formalen und sprachlichen Universalisierung ist der Film aber in seiner Thematik und kulturellen Kodierung ungarischer als alles zuvor. Vor allem in Ungarn werden die frustrierten und an einem gestörten Polizeistaat erinnernden gesellschaftlichen Anomalien ernst genommen werden. In den glücklicheren Teilen der Welt wird sicherlich davon ausgegangen werden, dass der dramaturgische Grundlage des Drehbuchs eine gigantische Fiktion ist."
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Archiv: Nepszabadsag

New York Magazine (USA), 19.05.2014

In der aktuellen Ausgabe des New York Magazins fragt sich Gabriel Sherman, wie viele andere auch, warum Arthur Sulzberger Jr., Verleger der New York Times, Chefredakteurin Jill Abramson gefeuert hat. Ganz eindeutig ist das offenbar nicht auszumachen, Sherman spricht von einer Akkumulation möglicher Gründe, einer davon Abramsons Skepsis gegenüber den Neuen Medien: "Sulzberger installierte Thompson (Mark Thompson, CEO der Times) als Impulsgeber, der die Rolle der Zeitung in einer sich mit Hochgeschwindigkeit verändernden Medienwelt überdenken sollte. Thompsons Rolle als Hausphilosoph kollidierte jedoch mit Abramson. Ein Brennpunkt war Thompsons Schwerpunktsetzung bei Video. Abramson war nicht überzeugt. "Jill mag Video nicht", sagte mir eine mit Abramsons Denken vertraute Person. "Für sie gibt es nichts Langweiligeres, als zwei Pressetypen, die sich vor einer Kamera über eine Story unterhalten, die sich ebensogut in einer Minute lesen lässt."" Erregung verursacht das Ganze nicht zuletzt aufgrund der Plötzlichkeit, mit der Abramson abserviert wurde. "Die merkwürdige Gnadenlosigkeit des Geschehens erinnert an den Rauswurf von Janet Robinson (Ex-CEO des Blattes) und ist inzwischen zum Kennzeichen dieser Ära der Times geworden. Das alles sei nicht der Stil der Times, heißt es aus der Redaktion. Viele empfänden das Verhalten als grob und unwürdig."

Zeit (Deutschland), 08.05.2014

Alice Bota beschreibt in einer Reportage für die Zeit, die jetzt online steht, wie sie einen Trupp prorussischer Demontranten in der Ostukraine begleitet: "Ich stehe neben ihnen, mache keine Notizen, spreche nicht, aber irgendwie muss ich einer älteren Frau aufgefallen sein. Sie kreischt, was ich hier täte, ich zeige ihr die Akkreditierung der "Volksrepublik Donezk", die ich zwei Stunden vorher abgeholt habe, aber es hilft nicht, Hände greifen nach meiner Tasche, wollen sie durchsuchen, ich öffne die Tasche, sie durchwühlen sie, aber da ist nur die Regenjacke, der Block, das iPad, sie versuchen, es mir zu entreißen..."
Archiv: Zeit
Stichwörter: Alice Bota, Ostukraine, Ukraine

New Republic (USA), 26.05.2014

Wladimir Putin hat das russische Internet kaputtgemacht, erklärt Anton Nossik, und er weiß, wovon er spricht: "Man kann es sich angesichts seiner heutigen Attacken kaum noch vorstellen, aber im Dezember 1999, drei Tage vor seiner ersten Präsidentschaftswahl, gab Wladimir Putin ein feierliches Versprechen, die Rede- und Handelsfreiheit im Internet zu schützen und zu ehren. Er erkannte die Bedeutung dieser neuen Industrie für die Modernisierung Russlands. Er bat alle Köpfe der entstehenden russischen Internetindustrie zu einem Treffen, auch mich. Damals war ich bekannt als Gründer und Chef führender russischer Websites wie Gazeta.Ru, Lenta.Ru, Vesti.Ru, NTV.Ru. Ich war auch der erste russische Blogger des Planeten." Was danach kommt, bis zur jetzigen Betonierung der Internets, liest sich weniger erbaulich.
Archiv: New Republic

Spiegel (Deutschland), 14.04.2014

Cordt Schnibbens lange Spiegel-Geschichte über "Meinen Vater, den Werwolf" steht jetzt online. Unter anderem stellt er sich die Frage, die auch eine zentrale Frage aller "Vergangenheitsbewältigung" ist: Warum hat er seinen Vater nicht zur Rede gestellt, als noch Zeit war? "Bei meinen Freunden lief es zu Hause ähnlich, wir rechneten mit der Generation unserer Väter ab, ohne mit unseren Vätern zu reden. Wir fragten nicht, wir urteilten, wir gaben ihnen nicht die Chance, uns ihre Welt zu erklären. Wir haben in uns einen eisernen Vorhang hochgezogen, um uns vor der Geschichte unserer Eltern zu schützen, wir haben uns eingebildet, unberührt und elternlos die Welt verändern zu können."
Archiv: Spiegel

New York Times (USA), 18.05.2014

Dass Studenten aus wohlhabenden Elternhäusern in den USA im Schnitt viel häufiger ihren Collegeabschluss machen als "Arbeiterkinder", hat weniger mit Begabung zu tun hat als mit Selbstvertrauen, hat man an der Universität von Texas herausgefunden, wie Paul Tough im New York Times Magazine berichtet: "Die Studenten haben Zweifel, ob sie wirklich aufs College gehören. Und sie glauben, dass Intelligenz eine fixe Größe ist, die sich durch Lernen nicht verändern lässt. Wenn sie Erfahrungen machen, die sie glauben lassen, sie seien nicht schlau genug, eine schlechte Note etwa, interpretieren sie das als Zeichen dafür, dass sie es niemals schaffen werden... Studenten aus wohlhabenden oder akademischen Verhältnissen nehmen Rückschläge viel entspannter hin. Nur Studenten mit den speziellen Ängsten und Exklusionserfahrungen von Minoritäten haben offensichtlich ein Problem damit. Sie missinterpretieren momentane Rückschläge als dauerhaften Beleg dafür, dass sie es auf dem College nicht schaffen können."
Stichwörter: Soziologie, Texas, Ungleichheit