Magazinrundschau

Digitale Medienmodelle

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
26.10.2010. Die Digitalisierung wird das Verlagswesen nicht umbringen, aber auf den Kopf stellen, meint Prospect. Esprit fragt sich, warum Wallonen und Flamen sich ausgerechnet über die Burka einigen können. Outlook India fühlt den Puls einer siechen Presse. In Slate findet es Anne Applebaum ganz logisch, wie unterschiedlich Briten und Franzosen auf die Krise reagieren. Die New York Times porträtiert die liberische Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf. Salon.com besucht ein ghanaisches Hexenlager

Prospect (UK), 01.11.2010

Tom Chatfield denkt in einem sehr instruktiven, kritischen, aber nicht kulturpessimistischen Artikel über die strukturellen Veränderungen nach, die die Digitalisierung des Buchmarkts mit sich bringt. Er unterhält sich mit Autorinnen und Autoren, er erklärt, warum die Genre-Literatur der Gewinner der Umwälzungen ist und erst recht sein wird und er erläutert, warum die Prinzipien des Verlagswesens in näherer Zukunft auf den Kopf gestellt werden dürften: "Es war im Verlagswesen stets so - wie übrigens beim Kino auch -, dass eine kleine Zahl von Hits den Großteil der Einnahmen bringt und es den Produzenten so möglich macht, auf den Erfolg zukünftiger Produktionen zu wetten. Was aber, wenn dieses Glücksspiel um den Erfolg nicht mehr nötig wäre? Die Basis des Verlagswesens liegt darin, dass der Verleger den Zugang zu einer knappen, wertvollen Ressource kontrolliert - dem Druck. Digitale Medienmodelle jedoch, bei denen die Kosten der Veröffentlichung und Reproduktion fast bei Null liegen, funktionieren tendenziell genau umgekehrt: Das Material wird erst publiziert, dann beginnt der Auswahlprozess unter den Lesern. So wichtig die traditionellen Modelle der kennerschaftlichen Auswahl scheinen: Man kommt kaum umhin, sich hier eine Logik etablieren zu sehen, die auf anderen Feldern schon durchgesetzt ist. Wirf so viel Material wie nur möglich vors Publikum und lass sie selbst entscheiden. Und versuche dann, sobald sich etwas wie ein Hit abzeichnet, den Erfolg rücksichtslos zu maximieren."
Archiv: Prospect

Outlook India (Indien), 01.11.2010

Outlook feiert seinen fünfzehnten Geburtstag und hat das aktuelle Heft ganz der Presse gewidmet. Im Interview erklärt Noam Chomsky, warum er rein gar nichts von der Presse hält. Sie dient nur dazu, die Leute dumm zu halten. "Das ist ganz klar ihr Ziel. Tatsächlich ist es ihr erklärtes Ziel. In den 1920er Jahren bezeichnete man sie ganz offen als Propaganda. Aber dieses Wort bekam durch die Nazis einen schlechten Klang. Jetzt nennt man sie nicht mehr Propaganda. Die riesige Public-Relations-Industrie zum Beispiel hat das Ziel, Einstellungen und Überzeugungen zu kontrollieren. Liberale Kommentatoren wie Walter Lippmann meinten, wir müssen Konsens produzieren und den Pöbel draußen halten. Wir sind die verantwortlichen Männer, wir müssen die Entscheidungen treffen und wir müssen davor beschützt werden - ich zitiere Lippmann - 'von der verwirrten Herde, der Öffentlichkeit, niedergetrampelt zu werden'. In einem demokratischen Prozess sind wir Beteiligte, sie gucken zu. Und die Aufgabe der Intellektuellen, der Medien und so weiter, ist es sicherzustellen, dass sie still sind, geduckt und gehorsam. Das ist der Blick vom liberalen Ende des Spektrums."

Sumir Lal beschreibt den Niedergang der indischen Zeitungen seit Mitte der achtziger Jahre: heute verkaufen sie ihre Anzeigenplätze an kommerzielle Kunden, nicht Neuigkeiten an Leser. Laut Lal gehört der Medienmogul Ravi Dhariwal (Times of India) zu den Verantwortlichen für diesen Niedergang und wenn man das Interview mit ihm liest, ist das nicht ganz unglaubwürdig. Paranjoy Guha Thakurta beklagt, dass die Korruption der indischen Medien inzwischen institutionalisiert ist: Zeitungen und Fernsehsender verbreiten für Geld Informationen, die als 'Neuigkeiten' ausgegeben werden, tatsächlich aber den Interessen einzelner Personen, Firmen oder Politiker dienen. Shashi Tharoor würde gern mehr über Politik statt Liebesaffären lesen. Vielleicht könnten die Medien von der Filmindustrie lernen, meint Amrita Shah. Roy Greenslade ist überzeugt, dass der Journalismus im Internet überleben wird, wenn er sich neu definiert.
Archiv: Outlook India