Heute in den Feuilletons

Die riesigen Oberschenkel des Pferdes

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.11.2013. Wenn demokratische Kontrolle versagt, brauchen wir Whistleblower, sagt Jimmy Wales laut Guardian. Laut FAZ versagen auch Hamlet und Elektra in Berlin. In der taz porträtiert Gabriele Goettle den Kölner Armutsforscher Christoph Butterwege. Die SZ freut sich über die Auferstehung des Musikvideos im Geiste des Internets. In der Welt erzählt Bernardo Bertolucci, wie er Sergio Leone für sich gewann. Aktuell: Auf Facebook und Twitter kursieren immer konkretere Meldungen, dass Hamed Abdel-Samad entführt worden sei. Die Ruhrbarone führen ein Liveblog.

Aus den Blogs, 25.11.2013

Ist der deutsch-ägyptische Autor Hamed Abdel-Samad (seine Seite auf Facebook) in Kairo entführt worden? Artikel in der ägyptischen Presse und Postings von Kollegen in sozialen Medien berichten dies zumindest. Die Ruhrbarone führen ein Liveblog mit Meldungen. Der Blogger Kacem El Ghazzali zitiert auf Facebook die ägyptische Zeitung Youm7: "Egyptian newspaper (Youm7.com) reported that the well known German-Egyptian writer and secular activist Hamed Abdel-Samad has been kidnapped on Sunday evening by some unidentified people, after following him on a car. Hamed went this week to Egypt for a visit, his latest post on Facebook was yesterday." Inzwischen kursiert auf change.org eine Petition, die die Bundesregierung zum Handeln auffordert.

TAZ, 25.11.2013

Heute ist der letzte Montag im Monat, also der Tag der Gabriele Goettle. Diesmal trifft die Reporterin den Kölner Armutsforscher Christoph Butterwege, der erklärt, warum aus dem Slogan "Wohlstand für alle" das Prinzip "Bildung für alle" wurde: "Dieses Versprechen, die Armut mit Bildung zu bekämpfen, kann vielleicht für Einzelfälle funktionieren, es ist aber Bildung längst kein Garant mehr dafür, dass sie ein berufliches Fortkommen und gutes Einkommen sichert. 11 Prozent aller im Niedriglohnsektor Tätigen haben zum Beispiel einen Hochschulabschluss. Selbst im öffentlichen Dienst an den Hochschulen sind es 80 Prozent inzwischen, die nur noch eine befristete Stelle haben. Also das ist ein Bereich, der ja allgemein als gesellschaftlich privilegiert gilt. Dennoch wird unverdrossen propagiert, es soll aus der Bundesrepublik eine Bildungsrepublik gemacht werden. Wer keine oder nur schlecht bezahlte Arbeit hat, hat eben nicht genug Bildungsanstrengungen gemacht."

Außerdem interviewt Erich Rathfelder die Frauenärztin Monica Hauser, die 1993 die Organisation Medica Zenica gründete, um vergewaltigten Frauen in Bosnien zu helfen und heute weltweit tätig ist. Und Friedrich Küppersbusch kommentiert die Woche.

Und Tom.

Welt, 25.11.2013

Siegfried Tesche unterhält sich mit Regisseur Bernardo Bertolucci, dessen neuer Film "Ich und du" gerade in den Kinos läuft, über das Filmemachen, die Eitelkeit und Sergio Leone, mit dem er unbedingt zusammenarbeiten wollte: "Dann fragte er wieder: 'Warum mögen Sie meine Filme?' Ich dachte mir, du brauchst Geld, also antworte etwas Vernünftiges. So sagte ich: 'Ich liebe es, wie Sie Pferdeärsche zeigen, denn die schlechten Regisseure zeigen Pferde immer nur im Profil. Es ist sehr einfach, ein schönes Pferd von der Seite zu zeigen, aber nur wenige, wie Sie und John Ford, bleiben mit der Kamera außerhalb des Saloons, und dann zeigen Sie die riesigen Oberschenkel des Pferdes.' Worauf er meinte: 'Sie werden meine Filme schreiben!'"

Weiteres: Als Balsam für die West-Berliner Seele erwartet Barbara Möller die Eröffnung des umgestalteten Zoo-Palasts, das zusammen mit dem Waldorf Astoria und dem Bikini-Haus der alten Mitte wieder zu Glanz verhelfen soll (hier erste Einblicke). Michael Elbmeyer porträtiert die vielbeschäftigte Autorin Alina Bronsky. Manuel Brug gratuliert dem europäischen Großintendanten Gerard Mortier zum Siebzigsten. Hanns-Georg Rodek schreibt den Nachruf auf den Regisseur Georges Lautner, dem Alain Delon, Jean Gabin und Lino Ventura die tollsten Rollen zu verdanken haben.

Besprochen werden Stefan Puchers "Elektra"-Inszenierung mit Liedern von Charles Manson am Deutschen Theater in Berlin und Jan Bosses Version der "Hedda Gabler" am Hamburger Thalia Theater.
Anzeige

Aus den Blogs, 25.11.2013

Das beste Tanzvideo seit Adam und Eva: Ein Platzanweiser und ein Junge aus der Menge korrespondieren (ab Sekunde 25) über ihre moves beim Basketball:


NZZ, 25.11.2013

Carsten Hueck porträtiert den schwedisch-norwegischen Journalisten und Menschenrechtsaktivisten Gabi Gleichmann, der jahrelang Präsident des schwedischen PEN war und nun in nur sechs Monaten einen 36 Generationen umfassenden Familienroman geschrieben hat: "Er erzählt dabei nicht weniger als die Geschichte Europas und der europäischen Judenheit. Von Assimilation, Verrat und Selbstbehauptung. Gleichmann, der sich einen 'sehr optimistischen Pessimisten' nennt, hat sich mit 'Das Elixier der Unsterblichkeit' einen fiktionalen Stammbaum erschrieben. Und den der jüdischen Minderheit in Europa. Der Familienvater wünscht sich, dass seine Kinder in Norwegen, wo es Antisemitismus, aber so gut wie keine Juden gibt, wissen, woher sie kommen."

Barbara Villiger Heilig berichtet vom Festival d'Automne in Paris, das in diesem Jahr mit mehreren Aufführungen den Regisseur Robert Wilson ehrt und, wie für den Theatermacher üblich, reichlich surreal daherkommt: "Bei Robert Wilson, der lange genug gegen den genormten Starrsinn seiner texanischen Herkunft ankämpfte, ist das Absurde das Normale und das Normale das Absurde." Die im Rahmen des Festivals konzipierte Ausstellung von Wilsons Habseligkeiten im Louvre lässt Marc Zitzmann dagegen etwas ratlos zurück. (Bild: Wilsons "The Old Woman" mit Mikhail Baryshnikov und Willem Dafoe).

Weiteres: Peter Hagmann gratuliert dem belgischen Opernintendanten Gerard Mortier zum siebzigsten Geburtstag. Besprochen wird die Uraufführung von Marius Felix Langes Grusel-Kinderoper "Das Gespenst von Canterville" am Opernhaus Zürich.

Guardian, 25.11.2013

Der Wikipedia-Gründer Jimmy Wales hat sich zum wiederholten Male für Edgar Snowden ausgesprochen, berichtet der Guardian: "He aid that those who have revealed secret surveillance deserved praise: 'Countries owe a lot to whistleblowers - there's a series of whistleblowers who have been involved. Snowden is the latest. Because there was no way we could have had that conversation without them. At the end of the end day when systems for checks and balances break down we have to rely on the whistleblowers - I think we must protect them and respect them.'"
Stichwörter: Jimmy Wales, Wikipedia, Aids

SZ, 25.11.2013

Sehr begeistert ist Joachim Hentschel, was für eine neue Blütezeit die zwischenzeitig für totgesagte Form des Musikvideos gerade unter den Bedingungen des Internets erlebt. Den Anlass zu solchen Freudensprüngen bieten ihm das 24-stündige Musikvideo von Pharrell Williams und Bob Dylans interaktives Video zu "Like a Rolling Stone". Hentschel beobachtet: "Die epische Erzählung, die den weithin schrumpfenden Aufmerksamkeitsspannen widersprechen würde, ist aus der Clipkultur fast völlig verschwunden ... Bei allem Megabyte- und Flash-Gefasel bleibt am Ende ja stehen, dass die Filminstallationen von Dylan und Pharrell Williams ästhetisch grandiose, stundenlang amüsante Meisterwerke sind. Sie verführen einen mühelos zur Selbstfolter, sich denselben Song immer und immer wieder anzuhören, pausenlos, bis zur Zermürbung."

Weiteres: Catrin Lorch stellt Adam Szymczyk vor, der 2017 die documenta leiten wird: Mit ihm "tritt eine Generation an, die skeptisch ist, wenn man sie als Macher in die Pflicht nimmt." Der Kunsthistoriker Frank Zöllner stöhnt unter dem "kombinierten Overkill komplexer Erklärungen und publizistischen Tamtam", unter denen neu aufgetauchte Kunstwerke heischend und marktbegünstigend Meistern zugesprochen werden. Allen Bonmots, Rezitationen und unterhaltsamen Sentenzen zum Trotz ärgert sich Christoph Gampert über Hans Magnus Enzensbergers Tübinger Poetikvorlesung, die er auf ein griffiges "intellektueller Party-Talk und Lyrik plus Getränke eher nix gut" runterbricht. Reinhard J. Brembeck spricht mit Opernintendant Gerard Mortier, der heute 70 Jahre alt wird.

Besprochen werden Leander Haußmanns "Hamlet"-Inszenierung in Berlin ("So lebendig wie diese melancholische Shakespeare-Geisterbahn war lange kein Abend am Berliner Ensemble", freut sich Peter Laudenbach) und Bücher, darunter James Gordon Farrells erstmals auf Deutsch vorliegender Roman "Troubles" aus den Siebzigern (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 25.11.2013

Nicht sehr zufrieden ist Gerhard Stadelmaier mit Stefan Puchers "Elektra"-Inszenierung am Deutschen Theater (Katharina Marie Schubert "als dünne, kieksstimmige pampige Rotzlöffeline") und mit "Hamlet" als "hypermalader Horror-Spaß-Show" in der Regie Leander Haußmanns am Berliner Ensemble ("Der Geist des Königs vor dem Vorhang ist schon mal nackt da und schaut auf sein Pimmelreich").

Weitere Artikel: Historiker Hans-Ulrich Wehler rät der SPD von der rot-roten Versuchung ab. Andreas Rossmann hat Jacob Appelbaum als Schauspieler in Angela Richters "Assassinate Assange"-Revue am Schauspiel Köln gesehen. Jürgen Kaube resümiert eine Diskussion einiger Kunstrechtler zum Schwabinger Kunstfund. Uwe Ebbinghaus empfand eine vom Branchenverband Bitkom ausgerichtete Diskussion über "Netzregeln 2013" als von allzu durchschaubaren Interessen der Internetgroßkonzerne geleitet. Jochen Hieber besuchte das Fernsehfilmfestival Baden-Baden. Markus Huber schreibt zum Tod des Lyrikers und Essayisten Hans-Jürgen Heise.

Besprochen werden Meyerbeers Oper "L'Africaine" in Venedig und Bücher, darunter Gwenaëlle Aubrys Roman "Niemand" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).