Heute in den Feuilletons

Eklatantes Gespür für Farbwirkung

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.09.2013. Wie kommt es nur, dass immer mehr und immer schönere Bibliotheken entstehen, und warum sind sie immer voller, fragt der Guardian am Beispiel Birminghams. In der NZZ spricht der Ägyptologe Cornelius von Pilgrim  über Grabraub und Entdeckungen von Gräbern durch Plünderer. Der taz geht's ganz schön schlecht, meldet das Hamburger Abendblatt. Gegen die Kontamination der deutschen Geschichte hilft kein Shampoo, möglicherweise aber der Suhrkamp Verlag, meint die Welt. In der FAZ hadert der Salzburger Festivalleiter Alexander Pereira mit seinem Schicksal.

Weitere Medien, 02.09.2013

Diese Woche wird in Birmingham die neue öffentliche Bibliothek eröffnet, die größte Europas. Sie ist aber nur eine von vielen. Seit 2000 wurden xig neue Bibliotheken in Britannien, Amerika und Europa eröffnet, die Rekordbesucherzahlen melden, berichtet Ken Worpole im Guardian. "Why are libraries back on the urban agenda? Increasing numbers of people are now engaged in some form of further or higher education, and need study space and access to the internet, which many cannot find at home. The rise of single-person households in city centres - in some European capitals now approaching 50% of households - means that libraries increasingly act as a meeting place or home from home, as they do for migrants, refugees and even tourists."

In Birmingham wird das schon gar nicht anders sein. Die Bibliothek ist ein wahres Wunderwerk, gebaut vom niederländischen Architekturbüro Mecanoo: mit einem Amphitheater in der Erde und einem Garten auf dem Dach. Dezeen hat sie von allen Seiten, innen und außen, fotografiert und ein Interview mit Mecanoo-Architektin Francine Houben geführt.


Im Tagesspiegel unterhält sich Jan Schulz-Ojala mit der saudischen Regisseurin Haifaa al Mansour über ihr Spielfilmdebüt "Das Mädchen Wadjda" und ihren eigenen Aufbruch aus der Tradition, an der Amerikanischen Universität in Kairo: "Zuerst war das der totale Schock. Ich dachte, ich kann Englisch, ich hatte ja gute Noten, aber in dieser Elite-Umgebung war ich plötzlich sehr zurück. Und erst der Erfolgsdruck! Meine Familie hatte große Opfer gebracht, damit ich dort studieren konnte, die Kosten waren eine enorme Belastung. Ich war erst auch ganz unselbstständig, für Frauen wird ja immer alles erledigt, damit sie bloß nicht mit der Welt in Kontakt treten, da mag das Elternhaus noch so liberal sein."

NZZ, 02.09.2013

Im Interview mit Samuel Herzog berichtet der Schweizer Ägyptologe Cornelius von Pilgrim von den überhand nehmenden Plünderungen der antiken Stätten in Ägypten. Zuletzt haben Räuber in Assuan mit Bulldozern bisher unbekannte Gräber freigelegt, deren Wandmalereien noch ganz frisch aussehen: "Hätte man die Gräber professionell ausgegraben, wäre das eine wissenschaftliche Sensation gewesen. Man hat nicht aktiv nach diesen Gräbern gesucht, weil im Moment gar nicht die Mittel und Möglichkeiten vorhanden sind, solche Funde akkurat zu untersuchen und zu konservieren. Nun aber steht man unter enormem Zugzwang, weil man diese Gräber dort bewahren muss - oder müsste. Der Fall von Assuan ist umso bedauerlicher, weil die Gräber offenbar wirklich ganz jungfräulich waren - vorher nie ausgeraubt worden sind und auch in der Antike nicht nachbenutzt wurden."

Weiteres: Gabriel Katzenstein bedauert die fehlende Aufbereitung der Museumsbestände in kluge Bilddatenbanken. Peter Hagmann hat den Auftakt des "Rings" in Luzern bisher sehr genossen.

Bruno von Lutz schreibt den Nachruf auf den großen irischen Dichter und Nobelpreisträger Seamus Heaney. Hier seine Nobelpreisrede von 1995 (via Open Culture):


Welt, 02.09.2013

Tilman Krause kommentiert die Recherche des Spiegels, wonach die Familie von Wella, die Suhrkamp retten will, im Dritten Reich von Zwangsarbeit profitiert hat: Wella sollte seine Archive für unabhängige Historiker öffnen. Und für Suhrkamp gelte: "Sippenhaft ist abgeschafft. Und wir schreiben inzwischen das Jahr 2013. Die deutsche Geschichte ist kontaminiert. Auch Haarwaschmittel können sie nicht reinwaschen. Und Reinheit ist ein Wert totalitärer Regime."

Weitere Artikel: Vazrik Bazil, Präsident des Verbandes der Redenschreiber deutscher Sprache, erklärt den Wert von Werten in politischen Reden. In Ägypten liegt wegen des Ausnahmezustands das Kulturleben am Boden, berichtet Andrea Backhaus.

Besprochen werden die Aufführung von Schillers "Demetrius"-Fragment durch Stephan Kimmig am Deutschen Theater Berlin (dem Matthias Heine aber auch gar nichts abgewinnen kann), das neue Album der Babyshambles (das Jan Küveler toll findet) und die Ausstellung einer englischen Privatsammlung mit Kunst der Goethezeit im Schiller-Museum in Weimar.
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nachtkritik, 02.09.2013

Die nachtkritik hatte nicht viel Freude an diesem Theaterwochenende in Berlin: An der Schaubühne zieht Marius von Mayenburg Shakespeares "Viel Lärm um nichts" ein "überdeutliches Konzeptkostüm über: ... Soll heißen: Hier ist jedes Gefühl ein abgegucktes, vorgemachtes, fremdverursachtes. Alle Zeichen stehen auf Fake", schreibt Anne Peter.

Und Andre Munot hat sich zu Tode gelangweilt bei Stephan Kimmigs "Demetrius"-Inszenierung am Deutschen Theater: Dort "wurd undifferenziert deklamiert, mürrisch herumgesessen und auf peinigend ausgetretene Effekte gesetzt".

Aus den Blogs, 02.09.2013

Der beliebte Hiphopper Kanye West hat für den Enkel des beliebten kasachischen Diktators Nursultan Nasarbajew (Amnesty-Report Kasachstan) gesungen und dafür eine Gage von 3 Millionen Dollar eingestrichen, meldet Buzzfeed.
Stichwörter: Buzzfeed, Kanye West

TAZ, 02.09.2013

Cristina Nord hat sich in Venedig Philip Grönings Film über eine gewalttätige Beziehung "Die Frau des Polizisten" und David Gordon Greens "Joe" angesehen. Besprochen werden außerdem Ian Bremmers globalpolitische Analyse "Machtvakuum" und die Ausstellung "Roms vergessener Feldzug" im Braunschweigischen Landesmuseum.

Und Tom.
Stichwörter: Venedig

Weitere Medien, 02.09.2013

Die jüngsten Enthüllungen über die NSA (man kommt ja kaum noch hinterher): "Geheime Haushaltspläne der US-Geheimdienste liefern laut Washington Post Beweise dafür, dass die USA weltweit Computersysteme angreifen und unter ihre Kontrolle bringen. Unter dem Codenamen 'Genie' laufen bei der NSA weltweite Angriffe auf Computer-Infrastruktur. Die NSA spricht von Implantaten ('implants') auf fremden Rechnern, im Grunde handelt es sich dabei um Trojaner. Die NSA-Software kontrolliert die befallenen Systeme unbemerkt und nimmt Kommandos entgegen", berichten Konrad Lischka und Julia Stanek im Spiegel. Sie erklären auch, was das konkret bedeutet.

Google und Microsoft sind mit ihrem Vorstoß gescheitert, mehr Details zur Überwachung ihrer Kunden zu veröffentlichen - da war die amerikanische Regierung vor, meldet der Spiegel, der außerdem berichtet, dass die NSA die interne Kommunikation von Al Dschasira überwacht. Die Zeit berichtet unterdessen, dass die britische Regierung von der New York Times die Herausgabe der Snowden-Dokumente verlangt hat.

In den USA haben Geheimdienstler und Polizisten seit mindestens 2007 Zugriff auf die Metadaten der Telefonanrufe aller Amerikaner, die einen Vertrag mit AT&T haben, meldet Gawker unter Berufung auf einen Artikel in der New York Times. "Since at least 2007, DEA agents and local police detectives have had regular access to a gigantic database that contains detailed records of every American phone call that's passed through an AT&T switch in the past 26 years. The program, named the Hemisphere Project, also pays AT&T employees to work alongside drug-enforcement officers stationed in three states. According to a report in the New York Times, the Hemisphere Project began in 2007 and has been carried out in secret since."

So schön war der Kommunismus - in einer Bilderstrecke der Dailymail mit Farbfotos aus der späten Stalin-Ära. Und (via Matthias Rascher) noch eine ziemlich beeindruckende Bilderstrecke: Gewächshäuser im spanischen Küstenstreifen um Almeria auf Amusingplanet.com.

(Via turi2) Der taz "geht es weitaus schlechter als bisher bekannt", meldet Kai Hinrich Renner im Hamburger Abendblatt. "Wie aus dem Mitgliederinfo Nr. 23 der taz Verlagsgenossenschaft hervorgeht, mussten die Genossen im Dezember 2012 eine Million Euro nachschießen, 'da der Verlag sonst zum Jahresende buchmäßig überschuldet gewesen wäre'."

FAZ, 02.09.2013

Im Interview mit Eleonore Büning zieht der Salzburger Festivalleiter Alexander Pereira eine (natürlich positive) Bilanz seiner Festspiele, klagt sehr deutlich über seine Präsidentin Rabl-Stadler und über das frühe Ende seines Vertrags im Jahr 2014: "Natürlich ist das bitter. Sie können das von mir aus ruhig eine Niederlage nennen."

Weitere Artikel: Brita Sachs feiert die Wiederentdeckung der Malerin Erma Bossi aus dem Kandinsky-Umkreis im Schlossmuseum Murnau (die Abbildung belegt Bossis laut Sachs "eklatantes Gespür für Farbwirkung"). Andreas Kilb erlebte Helene Hegemann bei einer Lesung in Berlin und attestiert ihr neidlos eine an sich schwer zu ertragende Eigenschaft: Jugend. Durs Grünbein erinnert sich an einen Tag in Dublin mit Seamus Heaney. Dirk Schümer hat in Venedig Stephen Frears' neuen Film "Philomena" gesehen, mit Judi Dench als Mutter eines Sohnes, der von der katholischen Kirche fünfzig Jahre zuvor für die Adoption freigegeben wurde. Gina Thomas erinnert an (übrigens recht weit entlegene) Vorgänger zur Niederlage David Camerons vor dem Unterhaus. Sabine Frommel besucht das neue Museum der Florentiner Dombauhütte.

Besprochen werden Bücher, darunter Carola Saveedras Roman "Landschaft mit Dromedar" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Das Feuilleton der FAZ am Sonntag wurde gestern von Künstlern gestaltet. Mitgemacht haben unter anderen Ai Weiwei und Simon Denny und ein unbekannte Mitarbeiter der NSA.

SZ, 02.09.2013

"Einen idealistischen Rettungsversuch des Politischen" erlebte Claus Leggewie beim Joint Venture von Massive Attack und dem TV-Dokumentaristen Adam Curtis bei der Ruhrtriennale, wo die lautstarke Musik der ersteren auf die Bilder des letzteren traf. "Der studierte Politologe (...) will nämlich dem totalen Verblendungszusammenhang entrinnen. Dazu rehabilitiert er ganz altmodisch Macht und Autorität, die im libertären Individualismus der Märkte und Netzwerke rechts wie links geopfert wurden: Maggie Thatcher und Sid Vicious (...) ergänzten sich wie Eckpfeiler eines statischen Konservatismus."

Außerdem: Susan Vahabzadeh schwebt in Venedig nach Hayao Miyazakis neuem Animationsfilm geradezu aus dem Kinosaal: "Was das Kino an sich betrifft, stimmt einen ein solcher Bilderreichtum froh: Kann eine Kunst, die etwas so Schönes hervorbringt, tatsächlich je untergehen?" Alexander Menden liefert Hintergründe zur Immigrationsdebatte in Großbritannien, die dort @David Goodharts Buch "The British Dream" (mehr) ausgelöst hat. Für André Bosse ist nach dem Kölner Konzert des Wu-Tang Clan nun auch Hip-Hop "in der Nostalgieschleife angekommen". Laura Weissmüller fühlt sich im neuen Stuttgarter Affenhaus pudelwohl.

Besprochen werden Bruno Beltrãos in Berlin aufgeführte Choreogrfie "CRACKz", das Konzert des Emerson Quartetts beim Berliner Musikfest und Bücher, darunter Niels Werbers Studie der "Ameisengesellschaften" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).