Heute in den Feuilletons

All dieses Gerede vom Querdenken

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.06.2013. Der Guardian zeigt in neuen Enthüllungen, wie Barack Obama die Abhörpraxis George W. Bushs fortsetzte. Timothy Garton Ash fragt sich im Guardian, wie die Öffentlichkeit, die Initiative zurückgewinnen kann. Constanze Kurz kann es in der FAZ nicht fassen, dass der Bundestag bei der Debatte über Prism fast leer blieb. Die US Army sperrt unterdessen den Zugang zur Guardian-Website - vorerst nur für ihre Soldaten. Critic.de fragt, ob ein Filmfestival wie das von München, das seine Filme von DVD abspielt, überhaupt ein Filmfestival ist. Die Welt hat in New York ein Mysterium Tremendum erlebt, entschuldigt sich aber auch dafür.

Weitere Medien, 28.06.2013

In einem Programm, das zehn Jahre dauerte, zwei davon unter Obama, speicherte die NSA alle 90 Tage massenhaft Metadaten von Emails, berichten Glenn Greenwald und Spencer Ackerman unter Vorlage neuer Dokumente im Guardian. Grundlage war die Erlaubnis des Geheimgerichts FISA. Nicht schlimm? "'Seit ein so großer Teil unseres Lebens im Internet stattfindet, sind Ihre IP [internet protocol] -Logs wirklich eine Echtzeitkarte Ihres Gehirns: Was lesen Sie, was interessiert Sie, auf welche Anzeigen antworten Sie, an welchen Diskussionen nehmen Sie online teil und wie oft', erklärt Julian Sanchez vom Cato Institut. 'Die Durchsicht Ihrer IP-Logs - vor allem, wenn sie von ausgeklügelten Tools analysiert werden - ist eine Art in Ihren Kopf zu gelangen, die in vielem dem Lesen Ihres Tagebuchs entspricht'", wird Sanchez vom Guardian zitiert.

Eine gute Zusammenfassung dieser neuen Enthüllungen hat Patrick Beuth schon gestern abend für Zeit online verfasst. Auf Spon fasst Christian Stöcker knapp und übersichtlich unseren bisherigen Wissensstand zusammen.

Heribert Prantl hofft in der SZ, dass die Enthüllungen ihr Gutes haben werden: Denn der Europäische Gerichtshof in Luxemburg, der am 9. Juli über die geplante Datenvorratsspeicherung in der EU verhandeln wird, bleibt hoffentlich nicht unbeeindruckt vom schieren Ausmaß der staatlichen Schnüffelei: "Ein Evaluierungsbericht der EU-Kommission über die bisherigen Erfahrungen mit der Vorratsdatenspeicherung fiel so miserabel aus, dass er als Begründung für die Richtlinie untauglich ist. Der Bericht hatte zwar die Datenspeicherung als 'notwendig' für die Abwehr und Bekämpfung von Straftaten bezeichnet, aber zugleich schwere Mängel sowohl der Richtlinie selbst, als auch ihrer praktischen Umsetzung eingeräumt und eine Umarbeitung der Richtlinie angekündigt. Daraus ist aber bisher nichts geworden."

Die meisten Medien des für seine demokratische Gesinnung renommierten Großbritannien schweigen zu den Enthüllungen über britische Geheimdienste (und halten sich dabei offenbar an Regierungsanweisungen). Der Guardian macht tapfer weiter. Timothy Garton Ash erinnert heute in einem Kommentar an ein paar einfache Wahrheiten: "There are many operational details that we will always have to take on trust; but in a democracy it is ultimately for us, the citizens, to judge where to place the balance between security and privacy, safety and liberty. It's our lives and liberties that are threatened, not only by terrorism but also by massive depredations of our privacy in the name of counter-terrorism."

Aus den Blogs, 28.06.2013

Amerikanische Soldaten sollen sich nicht mehr frei informieren dürfen, meldet das blog Arstechnica: "On Thursday afternoon, The Monterey County Herald reported that the US Army was restricting access to the UK version of The Guardian's website. The Herald discovered yesterday that the site was blocked for military employees at the California-based Presidio of Monterey installation and confirmed today that the block was Army-wide."

Tagesspiegel, 28.06.2013

Jan Schulz Ojala weist darauf hin, dass Hollywood nur bedingt für die Bewältigung von Edward Snowdens Enthüllungen taugen kann ("Wie in einem James-Bond-Film..."). Der Ernstfall ist real: "Snowden, der 'infrastructure analyst' einer für US-Geheimdienste arbeitenden Firma, hat - nach bestem Gewissen und bewusst nicht anonym - durch seine unmissverständlichen Aussagen der Weltgemeinschaft einen beispiellosen Bewusstseinsschub verpasst. Indem er unwidersprochen die Geheimdienste Amerikas und Englands der elektronisch grenzenlosen Überwachung anklagt, reduziert er nichts Geringeres als den globalen Begriffsunterschied zwischen Demokratie und Diktatur."
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Welt, 28.06.2013

Hannes Stein hat es durch eine "Schlange sowjetischen Ausmaßes" (hatte er keine Pressekarte?) in die große James-Turrell-Installation in der New Yorker Guggenheim geschafft. Die berühmte Betonspirale Frank Lloyd Wrights scheint wie weggeblasen: "An diesem heißen Sommertag sieht man dort etwas anderes: die Dingheit des Lichts, die unseren Geist in den Alphazustand versetzt, so dass wir unvermutet mit dem Mysterium Tremendum konfrontiert werden. Entschuldigung. Es ist wirklich schwer, angesichts der Kunst von Turrell keinen Quatsch zu reden."

Weitere Artikel: Henryk Broder beobachtete einen offenbar recht deprimierenden gemeinsamen Auftritt von Peer Steinbrück und Günter Grass. Eckhard Fuhr berichtet, dass Hellmut Seemann Chef der Weimarer Klassikstiftung und somit alles in Butter bleibt. Uwe Schmitt liest ein Buch des Filmforschers Ben Urwand, der den Filmmagnaten von Hollywood Kollaboration mit Hitler vorwirft ("The Collaboration: Hollywoods's Pact With Hitler", mehr hier)

Besprochen werden Mozarts "Entführung" bei englischen Fstival von Garsington und eine Bach-Choreografie Anne Teresa De Keersmaekers beim Berliner Festival "Foreign Affairs".

Weitere Medien, 28.06.2013

Zum Videoabend aufs Filmfestival, eine auf Amazon zusammengekaufte Retospektive: Sehr verärgert ist Frédéric Jaeger bei critic.de darüber, dass das heute beginnende Filmfest München seine vollmundig angekündigte Retrospektive mit Filmen des Regierebellen Alexandro Jodorowsky größtenteils von Heimanwender-Medien, also DVD und Blu-ray, bestreitet. Zwar arbeiten heute fast alle Filmfestivals mit digitalen Medien, doch "ist die damit einhergehende und inzwischen grassierende Anspruchslosigkeit gegenüber der Vorführqualität tatsächlich erschreckend. Wenn selbst ein so prominentes und ordentlich finanziertes Festival es nun hinnimmt, auf der großen Leinwand DVDs zu zeigen, dann liegt sichtlich etwas im Argen. Hinzu kommt, vielleicht sogar noch ärgerlicher, dass selbst bekanntermaßen auf 35mm verfügbare Filme wie 'El topo' und 'Montana Sacra' in München nur von Blu-ray vorgeführt werden - natürlich zum vollen Eintrittspreis von 8,50 Euro und ohne jeglichen Hinweis im Programmheft oder auf der Website." Im Blog Digitale Leinwand ärgert man sich besonders über diese mangelnde Transparenz. Unser Filmkritiker Thomas Groh fragt sich seinem Blog, ob sich ein Festival mit solchen Maßnahmen nicht mittelfristig um den eigenen besonderen Status bringt. An dieser Stelle antwortet das Festival der Kritik. Und auf Youtube lernen wir Jodorowsky in einer Episode aus der Sendereihe "Durch die Nacht" etwas besser kennen:

NZZ, 28.06.2013

Kerstin Stremmel besucht die große Max-Ernst-Schau in der Fondation Beyerle und vermisst, allein schon zu Vergleichszwecken, Arbeiten aus der Werkstatt Beltracchi: "Wäre es nicht angemessen gewesen, in gebührendem Abstand zu den düsteren und bedrohlichen Waldbildern, die heitere Fälschung mit der stilisierten Sonne in Regenbogenfarben zu hängen, damit die Betrachter einmal selbst überprüfen können, ob sie stilistische Unterschiede feststellen?"



Weiteres: Im Interview mit Roman Bucheli hofft Burkhard Spinnen, Vorsitzender der Bachmann-Jury, auf ein Einlenken des sparwütigen ORFs. Georg-Friedrich Kühn blickt kritisch auf die Berliner Opernszene, die auch mit dem Staatsoper Festival "Infektion!" dem Musiktheater zu keinen Impulsen mehr verhelfe.

Besprochen werden eine Frans-Hals-Ausstellung im Frans Hals Museum Haarlem, die Glamrock-Ausstellung "The Performance of Style" in der Frankfurter Schirn und das neue Album "Tomorrow's Harvest" von Boards of Canada.

SZ, 28.06.2013

In Sachen Syrien nimmt der Autor Navid Kermani sich seine Kollegen von der schreibenden Zunft tadelnd zur Brust: "Nicht einmal eine Podiumsdiskussion" habe man zur momentanen Situation in Syrien auf die Beine gestellt. Umso fataler, da dem Land mittlerweile die "Somalisierung" droht: "Es gibt keine guten, guten Gewissens vertretbaren Optionen mehr. Fürs gute Gewissen ist es zu spät. Egal, was der Westen jetzt noch tun könnte, um die Entwicklung in Syrien zu beeinflussen - es wird unzulänglich sein und schwerwiegende Risiken bergen. Nur: Unter allen falschen Optionen ist das Nichtstun, für das sich die Deutschen wieder entschieden haben, beinah die gefährlichste", schreibt der Autor unter Verweis auf das rege Engagement von Putin, Iran und Hisbollah.

Joseph Hanimann weiß den Kulturprotektionismus der französischen Politik, die gerade einstimmig für den Fortbestand der "exception culturelle" gestimmt hat, trotz einiger Mängeln zu schätzen. Doch schaut er nach Deutschland, verfinstert sich sein Blick: "Es ist schade, dass Länder wie Deutschland, die vor zehn Jahren beim Engagement für dieses Prinzip aktiver dabei waren, ihre Prioritäten zurückgestuft haben und Frankreich allein laufen lassen."

Besprochen werden die Ausstellung "Ivan Kozari: Freiheit ist ein seltener Vogel" im Münchner Haus der Kunst, der Zombiefilm "World War Z", Stefan Bachmanns bei den Schillertagen in Mannheim aufgeführter "Parasit" und Bücher, darunter Julian Heuns Debüt "Strawberry Fields Berlin" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 28.06.2013

Zum Haareraufen ist nicht nur der Prism- und Tempora-Skandal, sondern auch der Umgang der deutschen Politik damit, findet Constanze Kurz: Eine Aktuelle Stunde im Bundestag "blieb nur ein vorhersehbarer Schlagabtausch, mal wieder vor leeren Sitzen im Parlament - über alle Fraktionen hinweg. Wie aber soll sich eine Gesellschaft überhaupt eine Meinung bilden, wie weit die Rechte der Geheimdienste gehen dürfen, wenn nicht mal eine rudimentäre nachgelagerte Kontrolle möglich ist? Warum soll es akzeptabel sein, dass wir die Wahrheit über ihr Tun nur aus der Zeitung erfahren, dies allerdings auch nur, wenn der Glücksfall eintritt, dass ein von Gewissensbissen geplagter Mitwisser und ein mutiger Journalist zusammenarbeiten?"

Richtig übellaunig verlässt Tobias Rüther eine Berliner Abendveranstaltung mit Peer Steinbrück und Günter Grass, wo ihm der herbe Geruch Grass'scher Selbstgerechtigkeit vom Podium entgegen wehte: "All dieses Gerede vom Querdenken, vom Unbequemen - als wäre die Politik ein Sofa, auf dem es sich die anderen gemütlich machen wollen, nur Grass nicht, der sitzt dauernd auf einem Nagelbett, er war ja auch oft in Indien. Man ist also chancenlos und schaut dem Nobelpreisträger dabei zu, wie er noch einmal sein Selbstverständnis vorführt und beklatscht wird dafür: der unkritisierbare Kritiker zu sein. Das Anti-Establishment-Establishment."

Weitere Artikel: Mark Siemons stellt das haarsträubende System des chinesischen Petitionssystems vor, das es den Bürgern zwar pro forma gestattet, ihre Rechte gegenüber Funktionären einzufordern, realiter aber eher ihre Verhaftung zur Folge hat. Rose-Maria Gropp jubelt: Ganze 1173 Fotos aus der Geschichte der europäischen Avantgarde hat das Frankfurter Städel mit der Sammlung Kicken erworben (mehr dazu in der Pressemitteilung). Thilo Wyrda sichtet in München die restaurierte Fassung von Anatole Litvaks bislang unzugänglichem Live-Fernsehfilm "Mayerling" mit Audrey Hepburn (ein Ausschnitt). Jan Wiele berichtet von einer Frankfurter Filmpräsentation zu Ehren des alt-liberalen Gerhart Baum. Jürgen Dollase speist im niederländischen Restaurant "De Treeswijkhoeve" beim Koch Dirk Middelweerd, der "auf hohem Niveau mit den Imbiss-Traditionen niederländisch-flämischer Art" spielt.

Auf der Medienseite meldet die FAZ, dass Mathias Müller von Blumencron, Ex-Chef von SpiegelOnline, ab 1. Oktober neuer Onlinechef der FAZ wird. Außerdem beschreibt Karen Krüger die neuesten Einschüchterungsversuche der Regierung Erdogan gegenüber den türkischen Online-Aktivisten: Um Panik zu schüren, behauptet diese behauptet einfach fälschlicherweise, Facebook habe alle Daten herausgerückt. Vielleicht sollte Erdogan einfach mal bei der NSA vorstellig werden.

Besprochen werden neue CDs und Bücher, darunter Saskia Henning von Langes Novelle "Alles, was draußen ist" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).