Heute in den Feuilletons

Richtig dicke Freunde

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.06.2013. Die wollen doch nur ins Fernsehen, schimpft der Autor Rafael Chirbes in der NZZ über die Protestbewegung in Spanien. Auf Spon will Sascha Lobo nicht unbeschwert, sondern unüberwacht das Internet nutzen. Die SZ reist in 16 Stunden von Sarajewo nach Budapest. In der FAZ erzählt Georg Mascolo, wie gut amerikanische und deutsche Geheimdienste zusammenarbeiten.

Weitere Medien, 26.06.2013

Mit Blick auf den Prism-Skandal erklärte Angela Merkel bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit Barack Obama, es gelte, das richtige Verhältnis zu finden zwischen Sicherheit und "Unbeschwertheit, mit der Menschen die neuen technischen Möglichkeiten nutzen möchten". In seiner Kolumne auf Spiegel Online stellt Sascha Lobo fest: es geht nicht um Unbeschwertheit, sondern um Grundrechte. "Damit die Grundrechte gewahrt bleiben, muss die Politik entschlossen der eingebauten Überwachungssucht der Nachrichtendienste entgegen- und für die Verfassung eintreten. Und eben nicht für ein diffuses Gefühl, das sich erwiesenermaßen nach drei Sekt auf Eis selbst im brennenden Tigerkäfig einstellen kann. Merkel manipuliert den selbstgeforderten Abwägungsprozess mit dieser schiefen Gegenüberstellung von Anfang an."

In Deutschland haben Ende letzter Woche die Landtage von Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern Gesetzentwürfe verabschiedet, mit denen die Polizei zur Strafverfolgung und Gefahrenabwehr IP-Adressen und Passwörter abfragen kann: "Es geht dabei um die sogenannte Bestandsdatenauskunft", berichtet Stefan Krempl auf Heise. "Der Bund war den Ländern mit einer vergleichbaren Bestimmung im Mai bereits vorausgegangen. Besonders weit geht der einschlägige Vorstoß aus Mecklenburg-Vorpommern, der etwa auch den Landesverfassungsschutz einbezieht. Dort kann künftig letztlich jeder Dorfpolizist sensible Informationen einschließlich Zugangscodes wie PINs und PuKs sowie gespeicherte Passwörter für E-Mail-Konten oder Cloud-Dienste abfragen. Die Rede ist auch von Daten, mit denen der Zugriff auf Endgeräte oder Speichereinrichtungen, die von diesen 'räumlich getrennt eingesetzt werden', möglich wird. Eine Richtergenehmigung müssen Ermittler nicht einholen."
(Danke für den Tipp an Leser Schwan)

Der Musiker Bob Ostertag erzählt bei irights.info, warum er seine Musik nicht mehr verschenkt: "In meinen Universitätskursen frage ich Studenten nach ihren Download-Gewohnheiten. Jeder, der Musik liebt, hat herausgefunden, wie man sie kostenlos herunterladen kann; allen Anstrengungen der Musikindustrie zum Trotz. Alle haben viel mehr Musik auf ihren Laptops und iPods, als sie in ihrem gesamten Leben jemals werden hören können. Gigabyte über Gigabyte an bedeutungslosen Daten. Eben diese Studenten sagen aber, dass sie alles, was sie sich an Musik gekauft haben, gehört haben."

NZZ, 26.06.2013

Der Schriftsteller Rafael Chirbes schildert im Interview mit Brigitte Kramer die Lage in Spanien und erklärt mit Verve, warum ihm die breite Protestbewegung suspekt ist: "Was mir fehlt, sind Werte. Wofür protestieren die eigentlich? Zugleich wird das Leben als Außenseiter salonfähig. Es gibt sogar schon Fernsehserien über die Protestszene und die Leute, die sich darin eingerichtet haben. Der Pöbel kommt richtig sympathisch weg. Fast muss man sich schuldig fühlen, wenn man seine Wohnung und seine Arbeit nicht verloren hat."

Weiteres: Michael Krüger erinnert sich in einem Nachruf an Henning Ritter und bedauert: "So einen wie ihn wird es im digitalen Zeitalter nicht mehr geben." In Jörg Beckers kritischer Noelle-Neumann-Biografie müssen falsche Tatsachenbehauptungen korrigiert werden, informiert Joachim Güntner. Karin Leydecker meldet die Neueröffnung des Museums Angewandte Kunst in Frankfurt.

Besprochen Bücher, darunter Jochen Schmidts Roman "Schneckenmühle" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Welt, 26.06.2013

Joelle Weil erzählt, wie das polnische Stadt Oswiecim (Auschwitz) vom Tourismus zu leben versucht. Manuel Brug gratuliert Claudio Abbado zum Achtzigsten. Besprochen wird eine Ausstellung des Bildhauers Thomas Houseago in der Villa Borghese.
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Stichwörter: Claudio Abbado, Tourismus

TAZ, 26.06.2013

Die Menschen auf Philip-Lorca diCorcias Fotos - etwa für die Reihe "Streetworks" - wussten oft nicht, dass sie fotografiert werden, erzählt Damian Zimmermann, der die diCorcia-Ausstellung in der Schirn Kunsthalle besucht hat. Später änderte sich das: "Bereits für Hustlers, entstanden zwischen 1990 und 1992, fotografierte er männliche Prostituierte in Los Angeles. Gemeinsam mit seinen 'Streetworks' gehören diese Bilder zu den Höhepunkten der Retrospektive - nur mit dem Unterschied, dass LP in dieser Serie nichts dem Zufall überlassen hat. Erst hat er Locations gefunden und aufwendig arrangiert, dann ist er auf die Suche nach einem Modell gegangen. Auch hier entsteht eine Bühne, in denen die Protagonisten in hopperesker Einsamkeit auf ein besseres Leben warten. Im Bildtitel verrät diCorcia nicht nur Name und Alter der Modelle, sondern auch, wie viel Geld er ihnen für das Foto gezahlt hat." (Links im Bild: Eddie Anderson, 21 years old, Houston, Texas, $ 20, 1990-92 © Philip-Lorca diCorcia, David Zwirner)

Weiteres: Michael Rutschky erinnert an den Besuch John F. Kennedys vor 50 Jahren in Berlin (die siebenstündige TV Live-Berichterstattung des SFB zeigt heute das Berliner Zeughauskino ab 10.30 Uhr). Rudolf Walther hörte in Frankfurt die Adorno-Vorlesungen von Albrecht Koschorke zum Thema "Hegel als Erzähler. Die narrative Verfasstheit der europäischen Moderne". Besprochen wird Marc Forsters Zombiefilm "World War Z".

Und Tom.

SZ, 26.06.2013

Kurz vor dem EU-Beitritt Kroatiens verschafft sich Franziska Augstein vor Ort einen Überblick über den Stand der Dinge auf dem Balkan. Wie wenig sich die Nachfolgestaaten Jugoslawiens untereinander riechen können, merkt man schon auf den Eisenbahngleisen: Die Reise geht durch "Kroatien, Serbien, Bosnien und Herzegowina. Am Ende ging es von Sarajewo nach dem ungarischen Budapest. Auf der Strecke wird vier Mal die Lok gewechselt. ... Für die rund 400 Kilometer von Sarajewo nach Budapest braucht der Zug sechzehn Stunden. Verwunderlich ist nicht die Reisezeit, verwunderlich ist vielmehr, dass es den beteiligten Ländern überhaupt gelungen ist, sich über die Passage dieses Sonderzuges abzusprechen."

Weitere Artikel: Sehr ausführlich stellt Lothar Müller den Literaturwissenschaftler Franco Moretti und dessen Methode des "quantitativen Formalismus" (mehr) vor. "Wenn es Steine gibt, für deren Erhalt jährlich Millionen aufgebracht werden, warum nicht für lebendige Institutionen", fragt Autor Uwe Tellkamp angesichts der bedrohlichen Lage von Suhrkamp Verlag und Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb. "Philosophie ist attraktiv", obwohl sie das lange ganz und gar nicht war, stellt Burkhard Müller vor Beginn des lit.Cologne-Ablegers phil.Cologne fest.Wolfgang Schreiber gratuliert Claudio Abbado zum Achtzigsten. Susan Vahabzadeh schreibt den Nachruf auf den Horror- und Sci-Fi-Autor Richard Matheson (die Kriminalakte hat ein "laaanges" Interview mit ihm auf Youtube gefunden).

Besprochen werden Wong Kar-Weis neuer Film "The Grandmaster", Herbert Fritschs "Frau Luna" an der Berliner Volksbühne ("etwas zäh", meint Peter Laudenbach), die Maurizio Cattelan gewidmete Ausstellung in der Fondation Beyeler in Basel sowie ein Schubert-Konzert des Cuarteto Casals.

FAZ, 26.06.2013

Georg Mascolo erinnert daran, dass vor zwölf Jahren ein Untersuchungsausschuss der EU einen Bericht über das riesige Spionageprojekt Echolon vorlegte. Sechs Tage später, nach dem Attentat vom 11. September, interessierte das niemanden mehr. Das lag auch daran, dass jedes Land mitspioniert: Auch der BND ist "noch vorne mit dabei und arbeitet nicht anders als die Kollegen aus Amerika und Großbritannien, nur eben alles ein bisschen kleiner. Die NSA und der BND sind sogar richtig dicke Freunde, sie tauschen viele Erkenntnisse aus und arbeiten auch eng zusammen beim Anzapfen von Kabeln. ... Eine Kontrolle findet durch die G-10-Kommission des Bundestages nur statt, wenn deutsche Staatsbürger betroffen sind. Bürger aller anderen Nationalitäten sind auch für den BND vogelfrei." Am Ende fordert Mascolo einen neuen Untersuchungsausschuss.

Weiteres: Die CDU-Abgeordnete Monika Grütters erklärt im Interview, weshalb sie die Kultur aus den Verhandlungen zum Freihandelsabkommen zwischen Europa und den USA heraushalten will. Kerstin Holms berichtet von der deutsch-russischen Ausstellung "Bronzezeit" und der Raubgut-Debatte, die sie ausgelöst hat. Katharina Rudoplph hat sich die Wiesbadener Ausstellung zur "Rheinromantik" angesehen. Dietmar Dath schreibt den Nachruf auf den Science-Fiction-Autor Richard Matheson. Hubert Spiegel wirft einen Blick auf das Brasilien-Programm zur Buchmesse.

Besprochen werden der Martial-Arts-Film "The Grandmaster" von Wong Kar-Wai, eine Ludwigsburger Inszenierung von György Kurtágs "Kafka-Fragmenten" und Bücher, darunter Wolfgang Hogrebes philosophische Miniaturen "Der implizite Mensch" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).