Heute in den Feuilletons

Darling flüstert die Amsel

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.05.2013. Die Zeit klärt über die Legitimationskrise der öffentlich-rechtlichen Anstalten auf. Im Freitag erzählt Terry Eagleton, wie es sich anfühlt, wenn man als letzter eine Mao-Jacke trägt. In der taz konstatiert der ehemalige Guantanamo-Häftling Murat Kurnaz: "Obama ist ein Versager für mich." Die NZZ lässt sich von Matthias Lilienthal durch Beirut führen. Die SZ findet die Kritik der FAZ an Georg Baselitz ziemlich daneben. Alle Zeitungen erinnern an Sarah Kirsch - auch an ihre Liebeslyrik.

Welt, 23.05.2013

Als Sarah Kirsch Anfang der Siebziger ihren Gedichtband "Zaubersprüche" veröffentlichte, wurde Lyrik vielleicht ein letztes Mal in Deutschland als Macht erlebt, schreibt Richard Kämmerlings im Nachruf auf die Dichterin. Und doch: "Schon in ihren frühen Gedichten war nicht jede Ausweglosigkeit politischer Natur. Die berühmten 'Schwarzen Bohnen' der 'Zaubersprüche' waren auch ein Sinnbild des weltvergessenen Zustands rasender Verliebtheit. Von Sarah Kirsch stammen einige der schönsten und ausgelassensten Liebesgedichte deutscher Sprache, das frühe 'Dann werden wir kein Feuer brauchen' etwa oder 'Die Luft riecht schon nach Schnee', das mit den Zeilen endet: 'Schnee fällt uns/ mitten ins Herz, er glüht/ Auf den Aschekübeln im Hof Darling flüstert die Amsel'."

Hier liest Monica Bleibtreu "Die Luft riecht schon nach Schnee":



Julia Smirnova kommentiert das neue Anti-Blasphemiegesetz in Russland: "Strafbar wären dann öffentliche Handlungen mit dem Ziel, 'religiöse Gefühle der Gläubigen' zu verletzten. Das ist so offen formuliert, dass der bekannte russische Rechtsanwalt Genri Resnik zynisch bemerkte, der Gesetzestext verletze seine 'rechtlichen Gefühle'."

Weitere Artikel: Ulf Poschardt wirft Julia Voss, die gestern in der FAZ Georg Baselitz als Künstler des Großkapitals porträtierte, "Neid und Missgunst" vor. Alan Posener antwortet den Kritikern von Ralf Georg Reuths und Günther Lachmanns Buch über Angela Merkel.

Besprochen werden Stefan Schallers Film "Fünf Jahre Leben" über den in Guantanamo inhaftierten Bremer Murat Kurnaz und Calin Peter Netzers Film "Mutter und Sohn".

Freitag, 23.05.2013

Im Interview mit Nils Markwart erzählt der bekannte britische Literaturtheoretiker Terry Eagleton mit Blick auf China, wie es ihm mit seinem Marxismus erging: "Als ich in den Achtzigern das erste Mal dort war, war der Wandel in vollem Gange. Die Leute trugen noch Mao-Jacken. Ich kaufte auch eine und erzeugte damit im Laden ein gewisses Interesse, da ein Westler zu dieser Zeit ein eher ungewöhnlicher Anblick war. Als ich zehn Jahre später zurückkam, stellte ich fest, dass ich der Einzige war, der eine Mao-Jacke trug."

Der Freitag bringt außerdem ein lesenswertes Krimidossier. Perlentaucherin Thekla Dannenberg porträtiert den Ex-Boxer und Pulp-Verleger Frank Nowatzki. Ekkehard Knörer liest eine Neuauflage von Pete Dexters "Paperboy". Jochen Voigt porträtiert die britische Institution P. D. James. Michael Angele liest Lavie Tidhars zwischen Science Fiction und Thriller oszillierenden Roman "Osama". Und Thomas Wörtche stellt weitere Innovatoren des Genres vor.

NZZ, 23.05.2013

Matthias Lilienthal, ehemaliger Leiter des Berliner Theaters Hebbel am Ufer, verabschiedet sich nach einem Jahr als Gastdozent im Libanon mit dem Doku-Theaterprojekt "X Wohnungen", das dem Publikum bei einer Stadtführung Einblicke ins Leben in Beirut gewährt, berichtet Barbara Villiger Heilig: "Lilienthals Projekt operiert nach außen und innen. Wer Darsteller ist und wer Zuschauer, muss jeder Teilnehmer selbst entscheiden, für beide Seiten ändern sich im Lauf der Begegnungen die Perspektiven. 'X Wohnungen' ist ein Kaleidoskop. Je mehr Vorkenntnis jemand mitbringt, desto mehr entdeckt er auf den Spaziergängen."

Weiteres: Jörg Becker informiert über eine Veranstaltungsreihe zur Wagner-Rezeption im Film im Berliner Zeughauskino. Roman Bucheli schreibt den Nachruf auf Sarah Kirsch, Alfred Zimmerlin jenen auf den französischen Komponisten Henri Dutilleux. Besprochen werden der belgische Film "The Broken Circle" von Felix van Groeningen und Bücher, darunter "Wortgesang", ein Band mit Lyrik-Essays des syrischen Dichters Adonis (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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Aus den Blogs, 23.05.2013

Die österreichische Nationalbibliothek hat zusammen mit Google Tausende längst gemeinfreier Bücher digitalisiert - so weit so schön. Aber David Pachali hatte in irights.info bereits darauf aufmerksam gemacht, dass die Digitalisate nur für "nichtkommerzielle" Nutzug zur Verfügung stehen. Und Leonhard Dobusch fragt in Netzpolitik.org nach einer Äußerung der ÖNB-Chefin Johanna Rachinger, warum der Vertrag der Bibliothek mit Google geheim sein muss: "Warum sich eine öffentliche Einrichtung darauf einlässt, Geheimverträge über die Digitalisierung öffentlicher und gemeinfreier Buchbestände abzuschließen, erklärt Rachinger nicht. Offen ist, ob eine solche vertragliche Einschränkung überhaupt rechtlich wirksam ist. Jedenfalls soll sie die ÖNB dazu zwingen, kommerzielle Weiternutzung zu erschweren."

Jungle World, 23.05.2013

Die Jungle World bringt einen Vorabdruck aus Greil Marcus' neuem Buch "The Doors". Er erinnert sich daran, mit wie schlechten Gefühlen er seinerzeit in Oliver Stones Film über die Doors ging und wie verblüfft er dann war, "wie authentisch der Film wirkte, wie selbst die übertriebensten Szenen auf bestimmte Dinge zu verzichten schienen: auf Selbstgefälligkeit, auf leichte Antworten, auf eine überhebliche Attitüde des Regisseurs gegenüber seinem Material. Der Film strotzte vor Leben; wenn ich nur an ihn denke, bekomme ich Lust, ihn mir gleich ein weiteres Mal anzusehen."

"Break On Through": Hier eine Szene aus dem Film


Stichwörter: Oliver Stone

TAZ, 23.05.2013

Solange Guantánamo existiert, würde er eine Entschuldigung nicht annehmen, erklärt Murat Kurnaz im Gespräch mit Jasmin Kalarickal über den Film "5 Jahre Leben" über seine Zeit im Gefangenenlager: "Obama ist ein Versager für mich. Aber er konnte mich nicht enttäuschen, weil ich seinen Worten von Anfang an nicht geglaubt habe." Stefan Reinecke lobt in seiner Besprechung das Ethos des Films, der auf die "marktgängigen Effekte verzichtet, um Gewalt auszumalen, und auch auf moralische Erpressungsmanöver, die uns nötigen, die Täter verkommen, das Opfer edel zu finden".

Weitere Artikel: Marlene Vogel, Physikerin und Mitgründerin von Trinckle 3D, erklärt, dass Essen aus 3-D-Druckern nichts anderes ist als Tütensuppen aus Automaten: "In letzter Zeit wird viel als 3-D-Druck bezeichnet, was eine Art von automatisierter Fertigung ist." Bert Rebhandl unterhält sich mit dem rumänischen Regisseur Calin Peter Netzer über dessen Film "Mutter und Sohn", der auf der diesjährigen Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet worden war. Alexander Haas stellt Stefan Bachmann, den neuen Intendanten am Kölner Schauspiel vor. Und in Cannes entdeckte Christina Nord in Nicolas Winding Refns "Only God Forgives" und in Claire Denis' "Les Salauds" Paralleluniversen.

Besprochen werden Christoph Marthalers jüngste Aufführung bei den Wiener Festwochen "Letzte Tage. Ein Vorabend" im ehemaligen Reichsratssaal des österreichischen Parlaments und das neue Album der Münchener Band Sportfreunde Stiller, deren Schlagzeuger Flo Weber sämtliche Songs zusätzlich verbildlicht hat.

Und Tom.

Zeit, 23.05.2013

Die Legitimationskrise des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ist das Thema der Woche mit Beitragen in fast allen Rubriken. Auf der Titelseite rät Giovanni di Lorenzo ARD und ZDF zu mehr Risikobereitschaft, auf Zeit Online legen Jens Jessen und Kilian Trotier die Kernthesen in einem Filmchen dar. Im Dossier stellen Alina Fichter und Giovanni di Lorenzo den Intendanten Volker Herres (ARD) und Thomas Bellut (ZDF) einige unbequeme Fragen. Dabei offenbart Herres, dass er die Kritik für eine Kampagne von Zeitungen hält, die frustriert sind, dass sie ihr Geld selbst verdienen müssen: "Die Printmedien kritisieren uns doch auch deshalb so scharf, weil es ihnen heute wegen des digitalen Wandels wirtschaftlich schlechter geht - während ARD und ZDF eine garantierte finanzielle Basis haben." Bellut gibt einen Einblick in die Kriterien, die für ihn ein gutes Programm definieren: "Gegen Kochsendungen zur Mittagszeit ist überhaupt nichts zu sagen, sie sind außerordentlich günstig, verstoßen nicht gegen die Menschenwürde und verbreiten Wissenswertes übers Kochen."

Im Feuilleton blickt Ulrich Stock neidisch auf den kleinen Sender Danmarks Radio und seine international erfolgreichen Serienkreationen wie "Borgen". Nina Pauer hat die Mediathek als Zukunft des Fernsehens ausgemacht: "Hier wird in Zukunft Zuschauerbindung, Quote, Qualitätssicherung entstehen." Anne Kunze und Adam Soboczynski unterhalten sich mit den Ankermännern Ulrich Wickert und Claus Kleber über Nachrichten im digitalen Zeitalter. Kleber bekennt, dass er sich nur ungern aus Mediatheken konsumieren lässt: "Wir reißen uns ja die Beine aus, um selbst während der laufenden Sendung noch die aktuellsten Bilder reinzukriegen. Aber die jungen Leute schauen sich die Sendung erst spätabends oder am nächsten Morgen in der Mediathek an und finden sie aktuell genug. Da raufe ich mir die Haare."

Weitere Artikel: In einem großen Aufmacher referiert Jens Jessen die Darstellung des Klonens in Literatur und Film und fragt sich: "Was wird aus Freiheit und Gleichheit aller Menschen, wenn nicht alle gleich und frei geboren werden?" Gero von Randow spricht mit dem französischen Historiker Thierry Lentz über den Wiener Kongress von 1815. In den Werken des beliebten Bildhauers Stephan Balkenhol, der zuletzt ein Leipziger Wagner-Denkmal errichtete, sieht Hanno Rauterberg "Artefakte der Vergleichgültigung", die zur "Totalnivellierung der Kunst (und nebenbei auch der Geschichte)" führen. Mit Elisabeth Ruge verliert der Hanser Verlag "eine souveräne und erfahrene Verlegerin von internationalem Format", meint Iris Radisch. Auf Zeit Online schreibt Jan Kuhlbrodt einen Nachruf auf Sarah Kirsch.

Anlässlich von Inszenierungen der Opern "Die Passagierin" und "Der Idiot" des polnischen Komponisten Mieczysław Weinberg (1919-1996) in Karlsruhe und Mannheim fragt sich Volker Hagedorn: "Wie konnte dieser Komponist so überhört werden?" Young-Jünger Navid Kermani macht seiner Vorfreude auf die bevorstehende Deutschland-Tour von Neil Young & Crazy Horse in einer Huldigung Luft. Katja Nicodemus schickt einen Zwischenbericht aus Cannes. Besprochen werden der rumänische Berlinale-Gewinnerfilm "Mutter und Sohn" (online steht dazu ein Interview mit dem Autor und Regisseur Călin Peter Netzer) und Bücher, darunter Dan Browns "Inferno" und eine neue Beuys-Biografie von Hans-Peter Riegel (mehr in userer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 23.05.2013

Catrin Lorch findet Julia Voss' gestrige Kritik in der FAZ an Georg Baselitz' guten Beziehungen zur Industrie ziemlich daneben: "Einfach, weil es in der bundesrepublikanischen Nachkriegsgeschichte vermutlich kaum die finanzkräftigen Unterstützer gegeben hätte, die ausreichend unbelastet waren, dieser Kunst als Sammler vorzustehen. ... Warum soll der Kunst also untersagt sein, was nirgends sonst geahndet wird? Weil sie reinen Herzens sein muss in einer unreinen Welt?"

Nach Debatten beim Berliner Theatertreffen, ob Jérôme Bel seine Schauspieler mit Down-Syndrom im Stück "Disabled Theater" ausstellt oder sogar instrumentalisiert, fragt sich Peter Laudenbach, ob solche Fragen nicht nur eine Abwehrreaktion eines überforderten Publikums darstellen: Diese "Unterstellung (...) ist nicht frei von Arroganz gegenüber den Künstlern mit Behinderung, denen nebenbei auch noch die Fähigkeit, einen eigenen Willen zu haben und sich entscheiden zu können, abgesprochen wird." Thomas Thieme, Allein-Juror des Alfred-Kerr-Preises, hat diese Frage für sich eindeutig beantwortet und Julia Häusermann aus dem Stück ausgezeichnet.

Weitere Artikel: Nach Nicolas Winding Refns "Only God Forgives" (Pressespiegel) wundert sich Tobias Kniebe in Cannes, dass "Sex und Gewalt so unentwirrbar verschlungen sind im Kino der Gegenwart". Fritz Göttler nimmt in der Filmreihe "Au Revoir 35mm" (mehr hier) im Münchner Theatiner Kino leise seufzend Abschied vom klassischen Filmträgermaterial. Willi Winkler wünscht sich, Bob Dylan würde die Auszeichnung mit dem Kreuz der Ehrenlegion ablehnen (mehr dazu hier). Lothar Müller schreibt den Nachruf auf die Lyrikerin Sarah Kirsch.

Besprochen werden der Actionfilm "Fast and Furious 6" (Andrian Kreye staunt darüber, "wie viel konservativen Wertekanon man in eine Actionsequenz von rund zehn Sekunden packen kann"), eine Ausstellung über schlechten Geschmack im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg und Markus Orths' Erzählband "Irgendwann ist Schluss" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 23.05.2013

Angela Merkel "ist aus Versehen, nicht aus Kalkül, die ungewählte und ungekrönte Königin Europas", sagt der Soziologe Ulrich Beck im ausführlichen Gespräch mit Martin Schulz, dem Präsidenten des Europäischen Parlaments, den die FAZ bereits vor einem Monat als großen Merkel-Opponenten positioniert hat. Von diesem wünscht sich Beck ein Umschwenken in der Politik nach dem Vorbild Willy Brandts: "Der Euro, ja, sogar die Euro-Krise ist in gewisser Weise für Deutschland eine Gans, die goldene Eier legt. Das heißt: Wir müssen unterscheiden zwischen dem Merkiavelli-Modell eines engen ökonomisch bestimmten deutschen Euro-Nationalismus und dem Willy-Brandt-Modell eines kosmopolitischen Nationalismus, der seine nationalen Interessen im kooperativen Bündnis mit den anderen europäischen Ländern neu definiert."

Weitere Artikel: Dietmar Dath ist total begeistert von Shane Carruths neuem, bislang nur im Ausland auf DVD erhältlichen Film "Upstream Color": "Einer der besten Science-Fiction-Filme, die je gedreht wurden. (Unsere Kritikerin war während der Berlinale, formidablen "Sprüngen durch Raum und Zeit" zum Trotz, nicht so hingerissen.) Verena Lueken wagt in Cannes erste Palmenprognosen: Sie sieht die Filme von Steven Soderbergh, den Coenbrüdern und Jia Zhangke gut im Rennen. Wulf Segebrecht nimmt Abschied von der Lyrikerin Sarah Kirsch, Gerhard R. Koch von dem Komponisten Henri Dutilleux.

Besprochen werden neue Stücke am Freiburger Theater, William Forsythes Choreografie "Selon" im Festspielhaus Hellerau (bei dem Wiekbe Hüster nicht nur samt Publikum durch den Boden bricht, sondern auch zur Hölle fährt) und Bücher, darunter die gesammelten Werke von Gordon Parks (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).