Heute in den Feuilletons

Unselbständig aber glücklich

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.10.2012. Yasmina Rézas neues Stück "Ihre Version des Spiels" nimmt das Ritual der Dichterlesung aufs Korn. Die Kritiker sind begeistert. Weniger begeistert ist dagegen Thomas Hettche von den Kritikern, die sich mit den Autoren nicht mehr solidarisieren, klagt er in der Zeit. Wie gut passt die Shortlist des Buchpreises zum eigentlich lesenden Publikum, den Damen über sechzig?, fragt der Freitag. Die SZ arbeitet sich mal wieder an der Aufklärung ab. Und Slate hat alle Experten gefragt: Aber keiner fand im Kandidatenduell Obama besser als Romney.

NZZ, 04.10.2012

Immanuel Kant ging davon aus, dass Demokratie zu Gerechtigkeit und Frieden führe, referiert Véronique Zanetti, Professorin für politische Philosophie in Bielefeld. Tatsächlich sei aber festzustellen, dass der wirtschaftliche Egoismus moderner Demokratien dem Weltfrieden im Wege steht: "Nach Nicholas Stern, dem früheren Chefökonomen der Weltbank, haben die reichen Länder im Jahre 2002 mehr als 300 Milliarden in Exportsubventionen für Landwirtschaftsprodukte investiert, ungefähr das Sechsfache der von ihnen geleisteten Entwicklungshilfe. Den Entwicklungsländern gehen durch diesen Protektionismus jährlich Hunderte von Milliarden Dollar an Exporteinkünften verloren."

Weiteres: Sieglinde Geisel stellt das neue Berliner Theaterfestival Foreign Affairs vor. Christian Saehrendt empfiehlt die Ausstellung "Schwarze Romantik" im Frankfurter Städel-Museum. Besprochen werden Hans-Christian Schmids Familiendrama "Was bleibt" und und Bücher, darunter Robert Menasses "Der europäische Landbote" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

In der gestrigen NZZ erzählt Mona Sarkis, dass in den arabischen Ländern nach der Arabellion viele junge Leute ihre Hoffnung in Start-Ups setzen.

Welt, 04.10.2012

Als wichtigste Berliner Uraufführung der Saison bezeichnet Ulrich Weinzierl Yasmina Rézas neues Stück "Ihre Version des Spiels" im Deutschen Theater. Es spielt in einer Mehrzweckhalle in der französischen Provinz und handelt vom Ritual der Dichterlesung und einer von einer aufdringlichen Kritikerin ausgefragten Autorin: "Corinna Harfouch ist schlicht und einfach überwältigend. Allein ihre Verlegenheit, ihre Fahrigkeit, die unzähligen winzigen Gesten des Unbehagens vom Fußscharren aufwärts faszinieren. Alles ist 'gemacht' und dennoch überlebenswahr, von vollendeter Natürlichkeit."

Weitere Artikel: Abgedruckt wird die Rede zum Tag der deutschen Einheit, die Uwe Tellkamp (in schwarzem Anzug mit rot-goldener Krawatte) im Sächsischen Landesparlament gehalten hat. Frank Schmiechen unterhält sich mit dem DJ Hans Nieswandt, der für seine neue CD Hildegard-Knef-Songs resamplet hat. Stefan Keim resümiert die Ruhrtriennale. Stefan Grund begutachtet die ersten Inszenierungen der Saison in Bremen.

Besprochen wird der Animationsfilm "Madagascar 3".

Aus den Blogs, 04.10.2012

Oh je. Slate hat überall herumgefragt und muss doch tweeten: "We couldn't find a single pundit who thought Obama won the debate."

Die 3000-Euro-Abmahnung des Blogs We like that (siehe Feuilletonrundschau vom 02.10.) weitet sich zur Hanswurstiade aus: Mittlerweile hat sich Nathan Sawaya, dessen Werke die beanstandeten Fotos zeigen, mit einem Statement eingeschaltet, demzufolge die betreffende Fotoagentur über eine Anwaltskanzlei offenbar Bilder saftig abmahnen lässt, an denen sie überhaupt keine Rechte besitzt: "My fiancé took the photo. My company owns it. We have not sold the rights to it. My lawyer is reviewing this matter. I am not represented by the German law firm who sent the letter. I am not represented by this photo agency." Kommentare dazu aus den deutschen Blogs: Für Ronny vom Kraftfuttermischwerk wirkt das Ganze "nun schon so, als würde da eine Agentur mit Hilfe einer Kanzlei mal eben schnelles Geld machen wollen". René Walter von Nerdcore macht sich unterdessen Gedanken darüber, welche Konsequenzen solche Vorfälle für Linkblogs haben und mit welchen Strategien man darauf im Vorfeld reagieren könnte. Unterkriegen lassen möchte er sich nicht: "Ich werde den Teufel tun und mir (...) eine Publikationsform versauen lassen, die unique für das Netz ist und nicht nur ein bisschen zu seinem Erfolg beigetragen hat. Viral-Effekte und deutsches Urheberrecht? Forget it."
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Stichwörter: Blogs, Geld, Urheberrecht

Aus den Radios, 04.10.2012

In der Reihe radioTexte lässt der Bayerische Rundfunk Hans-Magnus Enzensberger aus seiner neuen Kurzessay-Sammlung "Panoptikum" vorlesen: Hier die MP3-Datei aus dem Podcast der Sendereihe. Eine zweite Lesung ist für nächste Woche angekündigt.

Zeit, 04.10.2012

In der Literaturbeilage der Zeit unterhalten sich die Autoren Thomas Hettche, Juli Zeh und Clemens Setz mit den Redakteuren Iris Radisch und Ijoma Mangold über den Stellenwert der Literatur und des Autors im 21. Jahrhundert, über das Internet (die übliche Miesepetrigkeit) und über die Literaturkritik. Hier wird"s interessant, auch wenn es nicht zu einer echten Auseinandersetzung kommt: Die Redakteure bedauern, dass es kaum noch ästhetische Debatten gibt. Darauf Hettche: "Aber dafür sind Sie doch mitverantwortlich, weil Sie sich mit den Autoren ihrer Generation nicht mehr grundsätzlich solidarisch erklären. Stattdesssen sagen Sie: Mal gucken, heute bist du gut, morgen vielleicht nicht mehr. Früher gab es eine Art von Pakt, der darin gründete, dass man in einer Generation eine gemeinsame Perspektive auf die Welt und ihre literarische Gestaltung teilte. Doch dieser Pakt ist aufgekündigt worden, und zwar von Ihnen."

Wenn man sich die Beilage ansieht, kann man das nur bestätigen. Acht deutsche AutorInnen sind auf eine Art Vanity-Fair-Cover für Arme in einem Gewächshaus abgebildet, mit der Ankündigung: Da wächst was nach. Die erste Kritik im Heft ist dann aber einem 1971 verstorbenen russischen Schriftsteller gewidmet, Gaito Gasdanow. Der Nachwuchs wird ab Seite 18 in einem Text über die neue "Autorengeneration um die dreißig" gebündelt abgehandelt.

Im Aufmacher des Feuilletons stellt Heinrich Wefing fest, dass es "in unseren postheroischen Zeiten einfach keinen Platz mehr" gibt für Figuren wie Arnold Schwarzenegger. Adam Soboczynski weiß nicht genau, ob er das Wegretuschieren aller Frauen aus dem Ikea-Katalog für Saudiarabien kritisieren soll oder nicht. Volker Ullrich schreibt einen kurzen Nachruf auf den Historiker Eric Hobsbawm. Moritz von Uslar porträtiert den Filmproduzenten Oliver Berben. Ursula März stellt den neuen Leiter des Eichborn Verlags vor, Ex-Fischer-Sachbuch-Chef Felix Rudloff. Ina Hartwig erzählt von der langjährigen Affäre Adornos mit der sehr viel jüngeren Arlette Pielmann. Robbie Williams verkündet im Interview: "Ich bin unselbständig, aber glücklich."

Besprochen werden J.K. Rowlings Roman "Ein plötzlicher Todesfall" (den Jens Jessen gar nicht so schlecht findet), die Uraufführung von Yasmina Rezas Stück "Ihre Version des Spiels" am Deutschen Theater in Berlin, Sebastian Baumgarts Inszenierung von Brechts "Heiliger Johanna der Schlachthöfe" am Schauspielhaus Zürich, die vom chinesischen Staat organisierte Ausstellung "Alles unter dem Himmel gehört allen" in Kassel, Olga Neuwirths Neufassung von Bergs "Lulu" an der Komischen Oper Berlin, Til Schweigers Film "Schutzengel" und Walter Salles Film "On the Road". In einer kleinen Musikbeilage widmet Thomas Groß den Aufmacher der britischen Folkband "Mumford & Sons".

Freitag, 04.10.2012

Katrin Schuster macht sich Gedanken über die Shortlist des Deutschen Buchpreises, der am Montag vergeben wird: "Um über die Shortlist zu sprechen, muss man nicht die Literatur, sondern die Tauglichkeit der Romane im Blick haben: als deutsche Produkte, als Eroberer der Herzen und der Portemonnaies der Damen um die 60."
Stichwörter: Deutscher Buchpreis

TAZ, 04.10.2012

Zum 50. von James Bond arbeitet sich die taz an dessen Gegenübern ab: den Girls und den Bösewichtern. Ines Kappert findet, erstere dürften neuerdings nicht nur sexy sein, sondern auch etwas zu sagen haben: "Die Geschlechterdifferenz ist durchlässig geworden ... Aus dem Märchen für Männer ist ein Märchen für Männer und Frauen geworden. Zumindest solange sie weiß und hetero sind." Barbara Schweizerhof bescheinigt den Bond-Gegnern traditionell "labile Psyche".

Weitere Artikel: "Nur nicht unterkriegen lassen" überschreibt Thomas Abeltshauser seinen Bericht vom 60. Internationalen Filmfest in San Sebastian, wo die heimischen Filme vom krisentrotzenden Überleben im Alltag erzählten und das Europäisch-Lateinamerikanische Koproduktionsforum zur "Zukunft des Festivals" erklärt wurde. David Denk berichtet über die diesjährigen Gala des Deutschen Fernsehpreises, die überraschend lustig geriet.

Besprochen werden die erste deutsche Einzelausstellung von Halil Altindere, einer Schlüsselfigur der türkischen Kunstszene, im Tanas-Kunstraum Berlin, Walter Salles' Verfilmung von Jack Kerouacs "On the Road", der nur selten eine Bildsprache für das finde, was er zeigen will, Jay Roachs "schöne" Politkomödie "Die Qual der Wahl", das neue Album "Politico" des Elektronik-Projekts Mexican Institute of Sound und der Comic "Chronik einer verschwundenen Stadt" über ein ägyptisches Dorf, das für den Massentourismus plattgemacht wird.

Und Tom.

SZ, 04.10.2012

In seinem Grundsatzartikel zur jüngsten Blasphemie-Debatte betont Thomas Steinfeld nicht nur den per se politischen Charakter der islamistischen Randale nach dem Mohammed-Video, sondern wärmt auch nochmals die These vom Fundamentalismus der Aufklärung auf. So könnten die Kräfte der Aufklärung nicht darauf hoffen, Fanatiker dadurch zur Aufklärung zu bekehren, dass man ihnen "die Insignien der Freiheit um die Ohren schlägt". Dabei ändere "sich aber unter Umständen der vermeintlich Aufgeklärte. Denn wenn dieser mit dem Begründen und Erklären aufhört, wenn er seine Ehre in das Projekt setzt, den Gegner zu einer Vorführung des islamischen Fundamentalismus zu zwingen - dann hat der Aufgeklärte längst begonnen, dem Gegner auf fatale Weise zu gleichen."

Weitere Artikel: Im gentrifizierten Brooklyn fürchten Hipster nach der Eröffnung einer riesigen Halle für Rockkonzerte um den Status ihres Viertels, informiert Peter Richter. Beim Filmfestival in San Sebastián war von der Krise in Spanien in "brechend vollen Tapas-Bars" zwar wenig, bei den gezeigten Filmen dafür aber umso mehr zu spüren, berichtet Rainer Gansera, der in einem zweiten Artikel noch gleich der Schauspielerin Irm Hermann zum 70. Geburtstag gratuliert. Lothar Müller schreibt den Nachruf auf den Romanisten Karlheinz Barck. Fritz Göttler empfiehlt das Münchner Underdox-Filmfestival zur Reinigung der "vom Kinobetrieb verschluderten Sehgewohnheiten". Besonders dazu geeignet scheint ihm der italienische Film "Die Legende von Kaspar Hauser" (mehr), in dessen geheimnisvollen Trailer Vincent Gallo UFOs beschwört:



Besprochen werden die Wahlkampfkomödie "Die Qual der Wahl", neue Premieren an den Kammerspielen und am Residenztheater in München, eine Ausstellung über Antinoos in der Hadriansvilla im italienischen Tivoli, Stephan Kimmigs Inszenierung von Yasmina Rezas "Ihre Version des Spiels" am Deutschen Theater in Berlin und Bücher, darunter Lucía Puenzos Roman "Wakolda" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 04.10.2012

Yasmina Rézas neues Stück "Ihre Version des Spiels" nimmt das Ritual der Dichterinnenlesung aufs Korn. Am Deutschen Theater hatte es Premiere mit Corinna Harfouch als Schriftstellerin. Gerhard Stadelmaier ist begeistert: eine "grandiose Melancholödie" sei das.

Die FAZ dokumentiert Adolf Muschgs Rede, die der Schweizer Schriftsteller gestern im ehemaligen Bundestag in Bonn gehalten hat. Darin geißelt er die Ideologie der Marktherrschaft und den Siegeszug der Computer, gegen die er zur Rettung der Zivilisation die Kräfte der Kultur stellt. Zur Rettung Europas ruft er den Politikern zu: "Die Krise verlangt, was das Wort ursprünglich bedeutet: Entscheidung." Evgeny Morozov sammelt kritische Stimmen zu der Crowdfunding-Plattform Kickstarter (hier der Text im englischen Original). Demografieexperte Herwig Birg gibt der Bundesregierung Tipps zur Steigerung der Geburtenrate. Wolfgang Sander berichtet mit strahlenden Augen von Jack DeJohnettes Konzert in Heidelberg. Bert Rebhandl spricht mit Rian Johnson, dem Regisseur des heute anlaufenden Zeitreise-Films "Looper". Andreas Platthaus gratuliert der Deutschen Nationalbibliothek zum hundertjährigen Bestehen.

Besprochen werden außerdem Olga Neuwirths neue Oper "American Lulu" an der Komischen Oper Berlin, die Kerouac-Verfilmung "On the Road" (die Daniel Haas sehr vergrätzt: "Die Hipster von heute können der Utopieherstellung zugucken und Kristen Stewart beim Beischlaf."), das neue Album von Mumford & Sons (hier zum Probehören) und Bücher, darunter David Mitchells Roman "Die tausend Herbste des Jacob de Zoet" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).