Heute in den Feuilletons

Unabhängigkeit und so Gedöns

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.08.2012. Die FAZ bringt ein ureuropäisches Stimmengewirr von Autoren zur Krise: Da gibt's die spirituelle Fraktion, die revolutionäre Fraktion, die indifferente Fraktion. Aber nur einer spricht von Selbstverantwortung. In der SZ ärgert sich Liao Yiwu über westliche Sinologen, die immer wieder das Regime in China verteidigen.  FR und SZ fragen, ob Judith Butler trotz ihrer Unterstützung für die Israel-Boykott-Bewegung den Adorno-Preis bekommen soll und finden: ja beziehungsweise nein. Irights.info stellt den neuesten Entwurf für ein Leistungsschutzrecht vor: Aggregatoren brauchen wieder eine Lizenz zum Zitieren.

Welt, 29.08.2012

Michael Wolffsohn legt in einem interessanten kleinen Essay auf der Forumsseite dar, dass die Beschneidung von Jungen auch in der Thora schon umstritten war - und dass gleichzeitig die Taufe eine jüdische Erfindung ist. Nebenbei bemerkt er, dass er die Debatte in Deutschland überhaupt nicht antisemistisch findet: "Dass einige politisch-jüdische und rabbinische Repräsentanten den Bogen zum Holocaust schlugen oder mit Auswanderung drohten, war, bezogen auf die bewährte bundesdeutsche Demokratie, substanz- und taktlos. Dass, wie es heißt, 'ausgerechnet Deutsche' sich nicht an dieser Debatte beteiligen sollten, vermag ich als jüdischer Deutscher nicht einzusehen. Sind 'ausgerechnet deutsche' Demokraten weniger demokratisch als wir Juden, als ich?"

Fürs Feuilleton inspiziert Andreas Rosenfelder das neu arrangierte Goethe-Natioalmuseum in Weimar. Manuel Brug resümiert nicht ohne Kritik die Salzburger Festspiele. Peter Zander wirft einen Blick auf die ersten Filmfestspiele von Venedig unter Alberto Barbera, die sich durch einen recht hohen Anteil amerikanischer Filme auszeichnen (aber Manoel de Oliveira, inzwischen 103 Jahre alt, kommt auch). Wolf Lepenies verfolgt einen toten Ast französischer Ideengeschichte in Bezug auf Deutschland und Europa - die Idee eines "lateinischen Europas". Und Hannes Stein liest die Memoiren der Empfangsdame des New Yorker, Janet Groth: "The Receptionist" (Auszug).

Weitere Medien, 29.08.2012

Irights.info veröffentlicht die neueste - dritte - Version des Gesetzentwurfs für ein Leistungsschutzrecht im Presseverlagswesen. Der Entwurf soll heute im Bundeskabinett beraten werden. Gegenüber dem zweiten Entwurf, der nur mehr auf Suchmaschinen zielte, werden in einer vagen Formulierung auch andere Dienste wieder zum Ziel des Gesetzgebung: "Gegenüber den bekannten Formulierungen findet sich darin eine Erweiterung, wonach nicht nur gewerbliche Anbieter von Suchmaschinen vom LSR betroffen sind, sondern auch 'gewerbliche Anbieter von Diensten (...), die Inhalte entsprechend aufbereiten'. Darunter könnten News-Aggregatoren wie Virato, Rivva und Nachrichten.de fallen."

Und die Initiative "Ja zum Urheberrecht" erklärt sich laut Börsenblatt in einer Plakataktion selbst zur Leiche, an der sich "Kulturfledderer" mit Anonymous-Maske vergehen. Strange! Das Plakat liegt der Zeitschrift Politik & Kultur des Deutschen Kulturrats bei. Hier ist das Plakat größer zu sehen.

NZZ, 29.08.2012

Susanne Ostwald fährt recht erwartungsvoll zu den Filmfestspielen in Venedig, die ab diesem Jahr wieder der einst von Berlusconi vertriebene Alberto Barbera leitet. Beatrice Eichmann-Leutenegger berichtet von der Eröffnung des Jeremias-Gotthelf-Zentrum im emmentalischen Lützelflüh.

Besprochen werden die Ausstellung "Malerei in Fotografie" im Frankfurter Städel, eine Werkausgabe der Wiener Dichterin Elfriede Gerstl, Patrick McCabes Roman "Die Heilige Stadt" und Stefan Laubes Studie "Von der Reliquie zum Ding" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).
Anzeige
Stichwörter: Jeremias Gotthelf, Venedig

FR/Berliner, 29.08.2012

Nikolas Bernau schickt einen angeregten Vorbericht über die Architekturbiennale in Venedig, die der kuratierende Architekt David Chipperfield unter das Motto "Common Ground" gestellt hat: "Nicht der 'öffentliche Grund' sei, so Chipperfield, damit gemeint (das wäre 'Public Space'), sondern die Selbstverständigung der Architekten über das, was ihnen gemeinsam sein sollte."

Christian Schlüter findet die Kritik des Zentralrats der Juden an Judith Butler, die demnächst den Adorno-Preis bekommen soll, übertrieben. Zwar unterstützt sie Israel-Boykott Bewegungen und gemeindete Hamas und Hisbollah in der Linken ein: "Was Butler hingegen nicht tat, das ist, irgendwelche Sympathien für Hamas oder Hisbollah zu äußern, im Gegenteil, deutlich vernehmbar sprach sie von der notwendigen Kritik an beiden Organisationen."

Au der Medienseite gratuliert Ulrike Simon dem NDR-Medienmagazin Zapp zum Zehnten. Besprochen wird der neue Woody Allen-Film "To Rome with Love".

TAZ, 29.08.2012

Das sollen die anderen Filmfestivals erst einmal hinbekommen, meint Cristina Nord mit Blick auf die heute beginnende Mostra in Venedig: "Neben anderen Regisseuren sind vertreten: Olivier Assayas, Marco Bellocchio, Brian De Palma, Takeshi Kitano, Harmony Korine, Terrence Malick, Brillante Mendoza, Valeria Sarmiento (Raúl Ruiz' Witwe, sie stellte seinen letzten Film fertig), Ulrich Seidl und Paul Thomas Anderson. Das ist genau die Mischung aus europäischem Autorenfilm, avanciertem Weltkino, US-Underground und etablierten US-Filmemachern, die man sich von einem A-Festival wünscht - beinahe so etwas wie ein feuchter Traum von einem Filmfestival."

Stefan Grissemann feiert unterdes Leos Carax' neuen Film "Holy Motors" als neues Kino aus den Trümmern des alten: "Eine Tages- und Nachtreise durch Paris, ein Drogenrausch, ein Delirium. Für Menschen, die im Kino Antworten auf quälende Fragen suchen, deutliche Ansagen und Therapie von Krisensymptomen ersehnen, ist dieser Film nicht gemacht."

Und wie Silke Burmester in ihrer Medienkolumne berichtet, hat sie sich auf der Party des NDR-Medienmagazins Zapp bestens amüsiert, auch wenn diese nicht so gut besucht war. Immerhin war Kai-Hinrich Renner da: "Der gute Mann wollte wissen, ob es nicht etwas eigenartig sei, dass die Lebensgefährtin des Programmdirektors Beckmann in der Zapp-Redaktion arbeitet. In Bezug auf Unabhängigkeit und so Gedöns. Ja, und wer bislang dachte, Frank Beckmann sei ein souveräner Mann, weiß es nun besser."

Und Tom.

Weitere Medien, 29.08.2012

Auf Open Democracy stellt Markha Valenta einen Film der 25-jährigen belgischen Filmstudentin Sofie Peeters vor: "Femme de la rue". Sie hat sich mit einer verstecken Kamera gefilmt bzw. filmen lassen, die einfach zeigt, wie sie auf der Straße ihres Viertels in Brüssel entlanggeht und angemacht wird: "As she walks, anonymous men speak to her. One after another after another. A man tells her that she arouses him. Another man calls her a whore. Groups of men laugh. Someone shouts out that she has a sexy butt. Men's eyes track her. What's her price?, they ask. Does she want a drink? Does she want lunch? If not, attraction and negotiation turn to anger: sharp, rough, snapping - bitch! whore!" Es sind meistens Immigranten, für die Valenta folgende Entschuldigung hat: "They spit on her as they are spat upon."



Soviel Unterstützung fand schon lange kein britischer Monarch mehr: Fast 12.000 Briten haben sich der Facebookgruppe "Support Prince Harry with a naked salute!" angeschlossen, meldet die Daily Mail. Am schönsten salutieren die königlichen Husaren in Afghanistan!
Stichwörter: Anonymous, Brüssel, Prince

SZ, 29.08.2012

Liao Yiwu ärgert sich im Gespräch mit Alex Rühle über westliche Sinologen, die dem chinesischen Regime zu sehr nach dem Mund reden, so etwa der Harvardprofessor Ezra Vogel: "Er schreibt, [Maos Nachfolger] Deng habe sich auch am 4. Juni 1989 richtig verhalten. Er habe schweren Herzens den Schießbefehl geben müssen, sonst wäre sein Lebenswerk, die Modernisierung Chinas, in Gefahr gewesen. Das ist skandalös. Ein Harvardprofessor verteidigt diesen Schlächter Deng! ... [Ihm] wird in Amerika applaudiert dafür, dass er sagt, Tiananmen habe sein müssen, das sehe man doch am wirtschaftlichen Erfolg des Landes."

Die von der Jungle World angefachte Kontroverse um die Verleihung des Adorno-Preises an die Philosophin Judith Butler hat nun auch Stephan Kramer vom Zentralrat der Juden zu einer Kritik an der umstrittenen Auszeichnung bewegt. Diese sei zwar "starker Tobak" (Kramer spricht von "moralischer Verderbtheit" einer "bekennenden Israelhasserin"), doch werden diese Äußerungen für Volker Breidecker "nur allzu nachvollziebar", "wenn man nur einmal Butlers Äußerungen zum Thema Israel studiert". Butler selbst weist die Anwürfe unterdessen in diesem Statement von sich.

Weitere Artikel: Niklas Hofmann berichtet vom Lead-Awards-Symposium "When is Now?" über die digitale Revolution, wo "unverwüstlicher Optimismus auf dem Podium" immer dann herrschte, "wenn dort Chefs unter sich waren." Susan Vahabzadeh informiert über einige Schwierigkeiten, denen sich die heute beginnenden Filmfestspiele in Venedig stellen müssen. Rainer Gansera gratuliert dem Schauspieler Gottfried John zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden der Film "Holy Motors", mit dem sich Leos Carax nach 13 Jahren Pause zurückmeldet ("ein irres Meisterwerk", jubelt Martina Koben), die Ruhrtriennale-Aufführungen "Folk" ("viel zu plakativ", findet Christine Dössel) und "Disabled Theater" ("lustig, fetzig, kitschig, wütend, auch mal peinlich. Aber immer berührend", lautet hier Dössels Urteil), und Bücher, darunter die mit unter anderem Giorgio Agamben, Alain Badiou und Slavoj Zizek prominent aufgestellte Infragestellung "Demokratie?" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 29.08.2012

Kein Feuilleton heute. Statt dessen hat die FAZ Autoren aus allen Euro-Ländern gebeten, über die Krise zu schreiben.

"In Slowenien herrscht das Gefühl des freien Falls", erklärt Aleš Šteger, doch könnte dies vielleicht auch den slowenischen Mief vertreiben. Mit Angela Merkel würde er jetzt nicht so gern tauschen: "Sie zieht wie eine Predigerin durch Europa, aber sie predigt nur Entsagung. Kann sie auch eine neue Gemeinschaft stiften? Das ist die entscheidende Frage, die ihr Bild in der Geschichte bestimmen wird."

Die Iren sind sich im großen und ganzen bewusst, dass sie ihren Teil zu der Krise beigetragen haben, meint Julian Gough, der mit diesem Bekenntnis einsam dasteht. Aber er sieht auch den Betrug an den Bürgern, die für Bankenschulden haften müssen: "Im Moment leben wir im Zombiekapitalismus mit einem untoten Bankensystem, das nicht funktioniert und gleichzeitig jegliche Alternative schon im Keim erstickt."

Ansonsten kann man die Beiträge drei großen Fraktionen zurechnen:

Die spirituelle Fraktion: "In einer Gesellschaft, in der Sein und Konsum identisch sind, ist es klar, dass eine wirtschaftliche Krise die Leute depressiv macht", mahnt die Französin Emmanuelle Pagano, die stolz hervorhebt, dass sie mit ihren Kindern ohne fließend Wasser, Arzt oder Telefon in der Nähe auf dem Land lebt. Griechenlands Yianis Makridakis ist "in tiefer Sorge um die Zukunft, weil der Kapitalismus alles zerstören wird, um sein Überleben zu verlängern". Marek Mittaš aus der Slowakei meint, wir sollten uns ein Beispiel an den Ägyptern nehmen: In Kairo "haben die Armen nicht das Verlangen nach dem, was die Reichen besitzen, sie wollen nur ein ehrenvolles Leben führen". Auch Belgiens François Emmanuel plädiert dafür, "dass wir uns freimachen vom rein ökonomischen Denken". Zyperns Nikolas Panayi stimmt zu: "Geld und Besitz sind nicht alles." Ramsey Nasr aus den Niederlanden hält die kulturelle Krise für noch größer als die finanzielle: "Dies ist vor allem so, weil unsere politischen Führer ... sämtliche Intellektuelle und Künstler als elitäre Parasiten brandmarken, als 'Subventionssüchtige'." Portugals Rui Zink hat den Eindruck, "als hätten die Deutschen Schadenfreude beim Anblick der griechischen Verzweiflung".

Die revolutionäre Front: In Italien steigt "die Wut auf die unverschämte Verschwendungssucht des Staates und den Steuerdruck, der stets dieselbe Einkommensklasse belastet" und auf die Deutschen, schreibt Jeanne Perego, die einen "heißen Herbst" vorhersagt. Spaniens Pilar Velasco warnt vor einer Revoution: "Es gibt Millionen europäischer Bürger, die nichts mehr zu verlieren haben. Die Finnen, stolz auf ihren AAA-Status, könnten sich statt der EU ganz gut "eine Mediterrane Union einerseits und eine Baltische andererseits" vorstellen, meint Mikko Pohjola.

Die indifferente Fraktion: Die Österreicher sind mit ihren eigenen Problemen beschäftigt und scheuen den Blick nach außen, schreibt Renate Aichinger: "Wenn man Zeitschriften durchblättert, glaubt man ja, man sei in einer anderen Zeit: Stricken ist in Mode, Basteln, Reparieren, Marmelade kochen." Den Luxemburgern geht's gut, meint Luc Spada, und wenn sie jammern, dann "auf hohem Niveau". Für Estlands Peeter Helme "ist die Krise bis heute etwas, worüber ich lese und das ich beobachte, aber mein Leben hat sie noch nicht wirklich beeinflusst". Den Maltesen geht es so gut, dass sie noch andere mit durchfüttern können, versichert Pierre J. Mejlak. "Vor zehn, zwanzig Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass Leute aus größeren Ländern nach Malta reisen, um hier einen Job zu suchen."