Heute in den Feuilletons

Abgeklärt aufgeklärte Äffchen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.08.2012. In der Welt erklärt der Rapper EES, warum europäische Popmusik in Namibia gern etwas langsamer rezipiert wird. Die FAZ und die FR amüsieren sich sehr mit Peter Sloterdijk, obwohl er weder über die Feuilletons noch über die Denkerkollegen Freundliches zu sagen hat. In der NZZ hat Hans Pleschinski kein Problem mit dem Männermangel in Sibirien. Die FAZ bringt ein Tagebuch der syrischen Autorin Rosa Yassin Hassan aus dem Bürgerkrieg. Das Blog Designboom macht die regenerative Wachslampe der Designerin Merve Kahraman an - und sie tropft.

NZZ, 13.08.2012

Hans Pleschinski hat sich unter der Fürsorge des Goethe Instituts nach Sibirien gewagt und erzählt von seinen Abenteuern unter Verbannten und Abenteurern: "Geradezu erzieherisch versuchte ich die Menschen anzulächeln. Achtzig Prozent hielten mich deswegen vielleicht für geistig verwirrt. Nirgendwo indes sieht man mehr schöne Frauen als in Sibirien. Ihr Kosmetikkonsum konkurriert mit dem der Iranerinnen um die Weltspitze. Die jungen Russinnen sind elegant, groß gewachsen, umkurven die Krater in den Gehsteigen wie Ballerinen die Bühnenkulissen. Die jungen Sibirierinnen wagen viel: Paillettenstiefel, in denen sie über den Schnee gleiten und heller lachen als ihre Begleiter, die beim Ausgehen alle Rechnungen begleichen müssen. Männermangel herrscht in Sibirien."

Maria Becker besucht die große Schau zu Vladimir Tatlin im Basler Museum Tinguely und würdigt den Vorreiter des russischen Konstruktivismus: "Immer geht es um Bewegung in Tatlins plastischen Konstruktionen, und zwar eine Bewegung nach oben. Parallel zur Erdachse schraubt sich die Spirale des 'Denkmals für die III. Internationale' in die Höhe, in deren Innern sich die stereometrischen Körper zur Aufnahme des Staatsapparats drehen (die Ausstellung zeigt die beiden Rekonstruktionen von 1979 und 1993). Der Turm sollte 400 Meter hoch werden."

Bettina Spoerri fasst Hoch- und Tiefpunkte des Filmfestivals von Locarno zusammen. Ronald Gerste meldet finanzielle Nöte der Washingtoner Corcoran Gallery.

Aus den Blogs, 13.08.2012

Dies ist die "regenerative Wachslampe" der Designerin Merve Kahraman. Das Blog Designboom erklärt, wie sie funktioniert.

FR/Berliner, 13.08.2012

Mit merklicher Distanz, aber nicht ohne Spaß liest Dirk Pilz die Notate des vor Selbstbewusstein (aber auch -ironie) strotzenden Peter Sloterdijk. Herzhaft auch die Einschätzungen über die Kollegenschaft: "Axel Honneth zum Beispiel, der sich vor zwei Jahren erdreistet hatte, Sloterdijks sonderbare Thesen zu einer neuen Steuerpolitik 'der gebenden Hand' zu kritisieren, wird hier mit dem Urteil 'ansteckende Talentlosigkeit' gemaßregelt. Kaum gnädiger der Richtspruch über Robert Spaemann, den Sloterdijk als Vertreter der 'antimodernen Front' ins Blick-, also Zensurfeld nimmt: 'aufsehenerregende Dürftigkeit'."

Außerdem porträtiert Patrick Schirmer Sastre den ehemaligen Drehbuchautor Jonas Winner, der seine Krimis jetzt, an den Verlagen vorbei, als Kindle Singles zum Preis von 99 Cent publiziert und hunderttausendmal verkauft hat.
Anzeige

Weitere Medien, 13.08.2012

(Via Matthias Rascher) So sehen heute die Schneider der Savile Row aus: reportagebygettyimages.com bringt eine große Fotoreportage von Maximiliano Braun über das Paradies der Herrenschneiderei.
Stichwörter: Fotoreportage, Savile Row

Welt, 13.08.2012

Warum findet man die Artikel aus der Print-Welt nur über Google, nicht aber über die Suche auf der Webseite der Welt? Damit man bei Google über ein Leistungsschutzrecht abkassieren kann? Während man den Printkäufern vorgaukelt, sie bekämen was ganz Exklusives?

Der namibische Rapper EES spricht im Interview über sein Heimatland, den "Nam-Slang" genannten Dialekt Südwesterdeutsch und die Wurzeln von Namibias "Kwaito", einer Mischung aus House und HipHop: "Traditionell wird Afrika mit den ganzen alten Ramschtonträgern aus Europa zugeschüttet. So kamen wir an die ganzen alten Sieben-Zoll-Singles. Da die wenigsten einen Plattenspieler mit Speed-Funktion für 45 Umdrehungen pro Minute hatten, wurden die wie Langspielplatten mit 33 Umdrehungen abgespielt. Dazu haben dann die Leute ihre Beats gebastelt. Deswegen ist Kwaito mit ungefähr 110 Bpm etwas langsamer als House mit seinen 120 bis 130 Bpm."

Weitere Artikel: Berthold Seewald schreibt zum Sieg der Roten Armee in Stalingrad 1942 nach der Absetzung des Politkommissars Lew Mechlis. In Oberhausen soll eine Straße nach Christoph Schlingensief benannt werden, meldet Matthias Heine zufrieden in der Leitglosse. Ulrich Weinzierl berichtet von den Salzburger Festspielen. Waldemar Kesler stellt einen Comicband von David B. und Jean-Pierre Filiu vor, "Die besten Feinde". Manuel Brug schreibt zum Tod des Komponisten Jules Massenet vor hundert Jahren.
 
Im Forum ist Robert D. Kaplan nicht ganz so überzeugt wie Steven Pinker, dass die Gewalt auf der Welt zurückgeht.

Aus den Blogs, 13.08.2012

(via 3 quarks daily) Chtodelat news hat das Schlusswort von Yekaterina Samutsevich beim Prozess gegen Pussy Riot ins Englische übersetzt. Hier erklärt sie, warum ausgerechnet die Orthodoxe Kirche, die als Opposition im Sowjetreich galt, so eng mit Putin verbandelt ist: "That Christ the Savior Cathedral had become a significant symbol in the political strategy of the authorities was clear to many thinking people when Vladimir Putin's former [KGB] colleague Kirill Gundyayev took over as leader of the Russian Orthodox Church. After this happened, Christ the Savior Cathedral began to be openly used as a flashy backdrop for the politics of the security forces, which are the main source of power [in Russia]."

Hier findet man das Schlusswort von Nadeschda Tolokonnikowa auf Englisch und hier das von Maria Alyokina.

TAZ, 13.08.2012

Auf der Meinungsseite hält Abdel Mottaleb El Husseini fest, dass auch die libanesische Hisbollah zu den großen Verlierern des arabischen Aufstands zählen dürfte, deren Allianz mit Assad ihr "reaktionäres Wesen" entlarve: "Die Partei wurde im letzten Jahrzehnt primär zur Vorhut der iranischen Expansion in der arabischen Welt."

Im Kulturteil berichtet Katrin Bettina Müller vom Gastspiel des japanischen Choreografen Saburo Teshigawara, der in Berlin das Festival "Tanz im August" eröffnete. Dominik Kamalzadeh lobt die Vielseitigkeit und Entdeckerfreude des Filmfestivals von Locarno. Und Jürgen Roth packte die "blanke Wut", als er am Samstag einen Artikel von Hans Leyendecker las, der in der Süddeutschen versuchte, Günter Wallraff "mit bislang unbewiesenen Verdächtigungen zu demontieren".

Und Tom.

FAZ, 13.08.2012

Die syrische Autorin Rosa Yassin Hassan (mehr hier und hier) schreibt im Internet Tagebuch über den Bürgerkrieg in Syrien. Eine leichte Lektüre ist das nicht. Der Anfang lautet so: "Niemand kann den kleinen M., gerade mal zwölf Jahre alt, dazu bewegen zu erzählen, was mit ihm in den Stützpunkten der Staatssicherheit geschehen ist, als er monatelang dort verschwunden war. Nur der Arzt gab seiner Mutter Auskunft darüber, dass die Risse in seinem Intimbereich und am Anus vom Umfang der wiederholten Vergewaltigungen zeugen, die ihm während der Haft widerfuhren."

Weitere Artikel: Andreas Kilb besucht weitere drei Ausstellungen über die Verdienste Friedrichs des Großen, darunter "König & Kartoffel" im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, Potsdam. Fridtjof Küchenmann sondiert neue Enthüllungen durch Wikileaks über ein bisher kaum bekanntes Überwachungsnetz der amerikanischen Geheimdienste, das auf der Suche nach Terroristen auch die Bilder von Straßenkameras auswertet.

Besprochen werden Ereignisse in Salzburg und Bücher darunter - vom überraschenden Rezensenten Thomas Kapielski - Peter Slodertdijks Band "Zeilen und Tage", aus denen auch die folgende Erkenntnis zitiert wird: "Im Feuilleton turnen die abgeklärt aufgeklärten Äffchen und beweisen mit Kopfständen, Salti und munteren Rädern, dass der Islamismus im Grunde ganz gutartig sei." (Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.)

In der Sonntags-FAZ forderte Nils Minkmar mehr kulturelle Energie für Europa.

SZ, 13.08.2012

Thomas P. Campbell vom New Yorker Metropolitan Museum of Art springt im Streit um die Umstrukturierung der Berliner Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zur Seite. Deren Pläne zum Umzug der Alten Meister hält er für "mutig, logisch und vollkommen richtig. Durch das Hinzukommen der Gemäldegalerie auf der Museumsinsel wird die große Erzählung der visuellen Kultur von der Vorgeschichte bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein vollkommen erfahrbar sein. ... Im Ergebnis wird eine wirklich globale Perspektive auf die Kunst möglich, ähnlich wie sie das Metropolitan Museum bietet."

Weitere Artikel: Spanien diskutiert über mögliche Wege aus der Krise, informiert Sebastian Schoepp. Gustav Seibt resümiert zehn Jahre Diskussion über den demografischen Wandel und stellt mit bangem Blick auf die Zukunft fest: "Die Politik hat eher zaghaft reagiert". Michael Moorstedt sammelt in den "Nachrichten aus dem Netz" skurril gescheiterte Crowdfunding-Projekte, denen gerade ihr Erfolg beim Internet-Geldsammeln zum Verhängnis wurde. Für "ein echtes Pop-Erlebnis" hält Andreas Richter das neue Album der Chromatics, das die Band hier bei Soundcloud in voller Länge eingestellt hat:



Besprochen werden eine Ausstellung über "Benedikt und die Welt der frühen Klöster" in den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim, Cornelia Rainers Theaterabend über Jakob Maria Reinhold Lenz bei den Salzburger Festspielen, in dem es laut Egbert Tholl auf "hinreißender Bühne" um nichts gehe, die nun auch auf Deutsch erhältliche Debüt-Graphic-Novel von Craig Thompson und "Nach 45", das neue Buch von Hans Ulrich Gumbrecht, in dem der Romanist versucht, "die Zeit zu erfassen", in der er aufwuchs (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).