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Heute in den Feuilletons

Etablierung eines Kreditverhältnisses

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.07.2012. Die taz plädiert gegen ein Schnellschussgesetz in Sachen Beschneidung. Wenn das IOC bei der Eröffnung der Olympischen Spiele schon keine Gedenkminute für die Opfer des Attentats in München 1972 abhalten will, dann könnten es doch die Fernsehsender tun, findet Commentary. Götz Aly erläutert in seiner Kolumne, dass die Idee der Vermögensabgabe keineswegs neu ist. Glaubt man der Welt, die über Timbuktu berichtet, dann ist der Islamismus die eigentliche Islamophobie: Sechzehn Mausoleen wollen die Gotteswütigen dort zerstören.

TAZ, 24.07.2012

"Ohrfeigen sind verboten, aber Organe zerschneiden ist erlaubt?", fragt Frauenredakteurin Heide Oestreich auf der Meinungsseite und macht deutlich, dass kleine Jungen durchaus Schmerz kennen. Sie fordert eine Debatte: "Was aber tun mit dem religiös so eindeutigen Diktat des partiellen Menschenopfers, das Gott Abraham abverlangte und das auch Muslime als Zeichen des männlichen Bundes mit Allah praktizieren? Von der mindestens genauso apodiktischen Drohung mit Parallele zum Holocaust, dass jüdisches Leben dann in Deutschland nicht mehr möglich sei, sollten wir noch einmal in Ruhe zurücktreten... Alternativen suchen. Weniger wegschneiden, später schneiden mit Einwilligung des Patienten, Ersatzrituale finden... Die Regierung täte also gut daran, die Debatte nicht abzuwürgen mit einem Schnellschussgesetz."

Ronald Berg nimmt die Pläne zur Schleifung der Berliner Gemäldegalerie auseinander und erkennt auf ein reduziertes Bild vom Museum. Es geht nur um die Quote: "Hohe Besucherzahlen haben oberste Priorität. Dass Museen einen Bildungsauftrag haben, dass sie wissenschaftliche Einrichtungen und ihre Bestände Objekte der Forschung sind, rückt in der Rangfolge der Werte in den Hintergrund. Depots und Werkstätten für die wissenschaftliche Arbeit der Häuser werden gleichzeitig in die Peripherie verschoben."

Weiteres: Isolde Charim referiert, was Michel Foucault zur "unsichtbaren Hand" zu sagen hatte. Besprochen werden Jan Fabres Stück "The Power of Theatrical Madness" beim Impuls Tanzfestival in Wien, eine Ausstellung zu William S. Burroughs im ZKM in Karlsruhe und ein schwedischer Band zum Schicksal von Raoul Wallenberg.

Und Tom.

FR/Berliner, 24.07.2012

Hannes Gamillscheg schildert die Gentrifizierung in Kopenhagen. Und Ulrich Seidler schreibt über einen Streit zwischen Edgar Hilsenrath und seinem Verleger Volker Dittrich.

In seiner Kolumne erläutert Götz Aly, dass die Idee einer Vermögensabgabe nicht neu ist. In der Weimarer Republik wurde die Hauszinssteuer eingeführt, die Hausbesitzer zu Abgaben zwang. Die Nazis verschärften dieses Instrument noch "Ende 1942 zwang (die NS-Regierung) die deutschen Hausbesitzer, die Hauszinssteuer auf einen Schlag für zehn Jahre zu entrichten - insgesamt 8,5 Milliarden Reichsmark, das wären heute etwa 80 Milliarden Euro. Gleichzeitig herrschte absoluter Mietpreisstopp. Die Volksgenossen zeigten sich für die sozial ausgleichende Tat ihres Führers dankbar."

Welt, 24.07.2012

In der Bibliothek von Timbuktu herrscht große Angst um die unschätzbaren Manuskripte, die dort lagern, berichtet Philipp Hedemann. Die Islamisten haben bereits angekündigt, alle 16 Mausoleen zu zerstören, die nicht in ihr Weltbild passen. "Der in Princeton ausgebildete Historiker Shamil Jeppie befürchtet, dass diesem Rigorismus auch die Schriften von Timbuktu zum Opfer fallen könnten. 'Die Manuskripte sind in höchster Gefahr. Vor allem Sufi-Texte und Aufzeichnungen mit Zahlen könnten die Salafisten für gotteslästerliches Teufelszeug halten und sie zerstören. Viele Kämpfer sind wahrscheinlich ungebildet und könnten aus Unwissenheit auch Texte zerstören, gegen die sie aus religiöser Sicht eigentlich gar nichts haben', befürchtet der Wissenschaftler der Universität Kapstadt, der die Manuskripte mit Experten aus aller Welt erforscht."

Genau zum richtigen Zeitpunkt kommt eine Karlsruher Ausstellung über die Tradition des Kopierens (die Ausstellungsmacher nennen es vornehm: Wiederholung) in der Kunst von Dürer bis Youtube, findet Sarah Elsing. "Pieter Brueghel d. J. kopierte den Vater und vervielfältigte die beliebtesten Motive für die Käufer, Goya bediente sich bei Velazquez, van Gogh bei Delacroix. Als Diebstahl geistigen Eigentums verstand das niemand. ... Leidenschaftliche Kunstsammler wie der Graf Adolf Friedrich von Schack etwa schickten professionelle Kopisten nach Italien, um Tizian oder Raffael zu kopieren. Sie wollten diese Meisterwerke selbst besitzen und im eigenen Haus anschauen können. Franz von Lenbach, der viele Kopien für Schack anfertigte, sah diese Auseinandersetzung mit den Alten Meistern als eine 'zweite Lehrzeit'."

Weiteres: Eine Meldung informiert uns, dass der Intendant der Bayerischen Staatsoper, Nikolaus Bachler, den Umgang der Bayreuther Festspiele mit dem Sänger Evgeny Nikitin scharf kritisiert hat. Nikitin darf wegen seiner Tattoos, darunter ein längst überstochenes Hakenkreuz, in Bayreuth nicht singen. "Er halte es für verlogen, dass die 'Torheit eines 16-jährigen Rocksängers, der diese längst bereut und versucht hat, ungeschehen zu machen, ausgerechnet von der Wagner-Familie geahndet wird'", erklärte Bachler der dpa. Manuel Brug sieht das nach wie vor anders..

Besprochen werden eine "kreuzbrave" Aufführung des "Boris Godunov" durch das Mariinsky-Ballett in Baden-Baden und eine CD von Regina Spektor.
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NZZ, 24.07.2012

Mit Blick auf den Amoklauf in Denver, aber auch die Attentate von Toulouse und Utoya erkennt Martin Meyer ein Muster: "Größenwahn, gepaart mit diversen Komplexen, Intelligenz plus rabenschwarze Phantasien, dazu das dringende Bedürfnis, der Gesellschaft eine Lektion zu erteilen." Sehr streng geht Marco Frei mit Fazil Says beim Istanbul Festival uraufgeführter Mesopotamia-Sinfonie ins Gericht.

Die Medienseite rekapituliert die Murdoch-Affäre, deren Aufdeckung vor einem Jahr dem Guardian allerdings nicht aus den Miesen herausgeholfen hat.

Besprochen werden Ingmar Bergmans "Persona" als theatralische Koproduktion von München und Tel Aviv, Heinz Schlaffers Lyrikgeschichte "Geistersprache", Christof Hamanns Roman "Nur ein Schritt bis zu den Vögeln" und der Architekturband: "urbanRESET" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Weitere Medien, 24.07.2012

Das Olympische Komitee hat sich nicht bereitgefunden, bei der Eröffnung der Olympischen Spiele eine Gedenkminute für die Opfer des Münchner Attentats 1972 einzulegen, konstatiert Jonathan S. Tobin in Commentary: "This week, President Obama added his voice to those already calling for a moment of silence at the ceremony. Perhaps even more importantly, Bob Costas, NBC television's Olympic host, has said that he will impose his own moment of silence on the coverage of the event when the Israeli team enters the stadium: 'I intend to note that the IOC denied the request,' Costas said. 'Many people find that denial more than puzzling but insensitive. Here's a minute of silence right now.'" Diesem Beispiel könnten die deutschen Sender doch folgen!

SZ, 24.07.2012

Die behaupteten Analogien zwischen der Joker-Figur aus Christopher Nolans zweitem "Batman"-Film und dem Amokläufer von Aurora findet Tobias Kniebe (den rotgefärbten Haaren des Beschuldigten zum Trotz) sehr voreilig. Ihm scheint es naheliegender, dass jener auf den Eventcharakter der Premierennacht und damit auf einen ausverkauften Kinosaal spekuliert habe: "Vorbilder für kleinlich kalkulierte Massaker an völlig Unbewaffneten, bei denen der Täter sorgsam das eigene Risiko minimiert, um möglichst viele Leben zu nehmen, kennt das Kino eher weniger (...) Legendär ist [die Rede des Jokers], in der er seine Verachtung für all die verdrucksten 'Pläneschmiede' in die Welt hinausschreit, die möglichst unerkannt ihrer fiesen, sorgsam ausgetüftelten Agenda folgen. Was aber war der Täter von Aurora, wenn nicht genau so ein 'Pläneschmied'?"

Fritz Göttler blickt unterdessen in die Kultur- und Filmgeschichte des Kinos als lustvoll besetzten Ort der Gefahr und stößt im 50er-Jahre-Gruselstreifen "The Blob", in dem ein Schleimmonster über ein Kino herfällt, auf "Panikbilder, die (...) auf bizarre Weise den Mobiltelefon-Aufnahmen aus Aurora [ähneln]. Die Diffusion war groß im Kinosaal, der Schrecken ließ sich nur schwer lokalisieren, nicht gleich entscheiden, wo das Kino begann und eine andere, tödliche Show einsetzte." Auf Seite 3 beobachtet Christian Wernicke die Medienberichterstattung in den USA und lobt Barack Obama für dessen frei gehaltene erste Rede nach dem Besuch bei den Überlebenden des Verbrechens.

Weitere Artikel: Tim Neshitov porträtiert den in Bayreuth gerade wegen politisch zweifelhafter Tätowierungen geschassten Opernsänger Evgeny Nikitin, dessen Engagement im Herbst an der Bayerischen Staatsoper gerade vom Spielhaus demonstrativ bekräftigt wurde. "Eine echte Sensation", jubelt Joachim Hentschel beim freudigen Durchhören einer neuen CD-Box mit bislang unveröffentlichten Aufnahmen der Krautrocker Can, deren Musik Hentschel als "die optimale Emulsion aus Jazz, europäischer Neu-Klassik, archaischen Fruchtbarkeitstänzen und schmerzhaft entkerntem Rock'n'Roll" schätzt. Eva-Elisabeth Fischer erlebt bei zwei beim Festival ImPulsTanz in Wien aufgeführten Stücken (hier und hier) von Jan Fabre "Verausgabung bis zur Selbstaufgabe". Der Zusammenschluss der beiden öffentlich-rechtlich finanzierten SWR-Orchester in Baden-Baden und Freiburg "ist einem Gewaltakt vergleichbar", findet Wolfgang Schreiber. Marcin Ciszewski liest sich durch aberwitzige polnische Trivialliteratur, in der es unter anderem auch Angela Merkel regelmäßig ans Leder geht. Philip Kovce begrüßt die Pläne des Frommann-Holzboog-Verlags, eine kritische Ausgabe der Schriften des Anthroposophen Rudolf Steiner zu veröffentlichen.

Besprochen wird eine Ausstellung mit Kunstwerken aus der Sammlung von Hasso Plattner im Haus der Brandenburg-Preußischen Geschichte in Potsdam, die Ausstellung "William Shakespeare - Staging the World" im British Museum in London, und Bücher, darunter Paul Austers neuer Roman "Sunset Park" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 24.07.2012

Hundert Jahre nach Erscheinen des "Tods in Venedig" fragt sich Edo Reents, ob eine solche Kombination von skandalöser Thematik und klassisch perfekter Faktur heute wohl noch möglich wäre - und wie sie in Talkshows diskutiert würde. Christian Geyer liest anlässlich des Massakers von Aurora einige Aufsätze des bekanntesten deutschen Gerichtspsychologen, Hans-Ludwig Kröber, und erfährt, dass eine solche Tat niemals voraussagbar ist. Stefan Huck, Ökonom am Wissenschaftszentrum Berlin, liest Wagners "Ring" im "Licht der Finanzkrise" ("Der Ring beginnt mit der Etablierung eines Kreditverhältnisses"). Gina Thomas stellt die neuen Räume der Tate Modern für performative Kunstereignisse vor, die von Herzog & de Meuron entwofen wurden und von Tino Sehgal erstmals bespielt werden. Auf der Medienseite erzählt der ehemalige taz-Redakteur und Kriminologe Jürgen Oetting anschaulich vom Leben eines Wikipedia-Autors.

Besprochen werden eine Ausstellung über die Rolle der österreichischen Bahn in der Nazizeit in Wien und Bücher, darunter ein neu aufgelegter Roman von Franz Hessel (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).