Heute in den Feuilletons

Im hoffnungslos-hoffnungsvollen Alltäglichen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.06.2012. Wer in Europa macht eigentlich den Abwasch?, fragt Henryk Broder in der Welt, Yasmina Reza würde es einem Interviewer gern mal mit gleicher Münze heimzahlen. Die SZ erkennt einen neuen Standesstolz bei der politischen Klasse. Der Autor Magdy al-Shafee stellt fest, dass man in Ägypten leichter an Haschisch kommt als an seine Comics. FAZ und NZZ empfehlen einen Besuch der Documenta, die überzeugender sei als die animistischen Ausführungen ihrer Leiterin.

Welt, 09.06.2012

Der Euro habe Europa zu einer Wohngemeinschaft gemacht, in der niemand mehr den Abwasch macht, findet Henryk M. Broder und fühlt sich damit an die DDR erinnert: "Während die privaten Datschen gepflegt wurden, war das Gemeinschaftseigentum dem Verfall ausgeliefert. Nichts war für das Leben im Sozialismus so charakteristisch wie die verdreckten, versifften Treppenhäuser, für deren Reinigung sich niemand zuständig fühlte, weil sie allen gehörten."

Yasmina Reza spricht in der Literarischen Welt über ihr neues Stück "Ihre Version des Spiels", das am Deutschen Theater in Berlin uraufgeführt wird, und ihre Abneigung gegen Interviews: "Man befindet sich gegenüber einem Interviewer immer in einem Zustand der Schwäche. Man kann einen Interviewer nicht niedermachen. Journalisten besitzen eine Macht, die die unsere bei weitem übertrifft."

Weiteres: Walter Laqueur erinnert sich an den "klugen Kosmopoliten" Arthur Koestler und Cora Stephan wendet sich in ihrer Kolumne der Praxis der Lesereise zu. Außerdem ist Götz Alys Dankesrede zur Verleihung des Börne-Preises abgedruckt.

Im Feuilleton spricht Hanns-Georg Rodek mit Marco Kreutzpaintner über Rainer Werner Fassbinder. Andrea Hanna Hünniger trifft sich mit Asfa-Wossen Asserate zum Tischgespräch. Außerdem gibt es Besprechungen von Patti Smiths neuer Platte "Banga" und eine erste positive Bilanz der Documenta.

NZZ, 09.06.2012

Nach Carolyn Christov-Bakargievs Ausführungen im Vorfeld der Documenta rechnet Samuel Herzog mit dem Schlimmsten - und ist nach einem ersten Besuch angenehm überrascht, eine "veritable Weltkunstschau" vorzufinden: "Von der theoretischen Welt-Sülze aus der Feder der Documenta-Leiterin übersetzt sich so wenig in die Ausstellung, dass man sich fragt, ob man ihren ganzen Diskurs nicht besser als ein eigenes literarisches Experiment ansehen sollte."

Außerdem sind die Laudationes auf die diesjährigen Preisträger des Großen Schillerpreises abgedruckt: von Gertrud Leutenegger auf Giovanni Orelli sowie von Peter Weber auf Peter Bichsel. Besprochen werden "The World is Not Fair", eine "Anti-Weltausstellung" des HAU auf dem Gelände des ehemaligen Tempelhofer Flughafens, und Bücher, darunter die nach 40 Jahren neu veröffentlichte Dissertation von F. C. Delius, die den Schriftsteller als "famosen Germanisten" zeigt (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).