Heute in den Feuilletons

Changierende Farbenpracht

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.01.2012. Aktualisiert am 19. Januar. Schlechte Zeiten für Englisch-Hausaufgaben: Die amerikanische Wikipedia ist zu. Auch andere Adressen protestieren. Die taz sinniert über die Dialektik des Antimodischen in Berlin. Da lobt sich die Welt den Sozialtrotz des Songs "Ich will nicht nach Berlin". Die SZ nimmt es Helmut Dietl nicht übel, dass er einen Film über Berlin macht: Im Interview redet er sowieso lieber über München. In der FR erzählt Alexander Sokurow, wie Wladimir Putin seinen "Faust"-Film finanzierte. Die FAZ staunt über Clint Eastwoods Biopic "J. Edgar".

Aus den Blogs, 18.01.2012

Nicht nur die englischsprachige Wikipedia ("Imagine a World wothout Free Knowledge"), auch Google protestiert,



und der deutsche Blog-Aggregator Rivva bleibt heute aus Protest gegen SOPA und ACTA geschlossen. Hier die Erklärung.



Die Digitale Gesellschaft erklärt in ihrem Blog, warum die Proteste gegen SOPA "auch uns angehen: "Im Rahmen eines sogenannten 'Blackout Days' haben sich heute zahlreiche Webseiten verhüllt, darunter die englischsprachige Wikipedia. Sie protestieren damit gegen zwei amerikanische Gesetzesentwürfe, den Stop Online Piracy Act (SOPA) und den Protect IP Act (PIPA). Diese sollen Wirtschaftsinteressen amerikanischer Copyright-Inhaber schützen, haben aber massive Auswirkungen auf die digitale Welt: Internetprovider sollen gezwungen werden, Inhalte proaktiv zu überwachen, Inhalte sollen gesperrt, Suchmaschinen-Treffer nicht mehr angezeigt und Verlinken strafbar werden."

Krystian Woznicki setzt in der Berliner Gazette seine Serie über die Zukunft der Zeitungen fort. Im vierten Teil geht's um Transparenz, ein Wert, der auch von zeitungen keineswegs immer beachtet wird: Denn "die eigenen Interessen der Zeitungen, die sich gerne als tragende Säule der Demokratie inszenieren, sind vor allem wirtschaftlicher Natur."

FR/Berliner, 18.01.2012

Im Interview mit Anke Westphal erzählt Alexander Sokurow, wo er das Geld für seinen neuen "Faust"-Film (mehr hier) herbekam: "Ich ersuchte um eine Audienz bei Wladimir Putin und bekam diese auch. Ich legte Putin meine Materialien zum Filmprojekt vor, und er hat absolut kompetente Fragen gestellt. Es war klar, dass er wusste, wovon er sprach. Das war ein sehr interessantes Gespräch! Putin ist Deutschland-affin." Als nächstes schlagen wie ein Tschetschenien-Projekt vor.

Aktualisierung:
Zu unserer Tschetschenien-Anmerkung macht Anke Westphal die Anmerkung: "Der Regisseur Alexander Sokurow HAT bereits einen Film über Tschetschenien gemacht, im Jahr 2007, der heißt 'Alexandra', mit der großen Opernsängerin Galina Vishnevskaya in der Hauptrolle. Der Film ist sehr empfehlenswert und auch gar nicht Putin-freundlich."

Besprochen werden eine Ausstellung über das New Yorker Straßenraster im Museum of the City of New York, Eugene Ionescos "Die Unterrichtsstunde" in der Regie von Werner Düggelin am Theater Basel, Bill Wells' neues Album "Lemondale" (Musik) und Hans-Jürgen Bömelburgs Studie über "Friedrich II. zwischen Deutschland und Polen".

TAZ, 18.01.2012

"Im Neuköllner Flughafenkiez könnte es kaum trostloser sein", stellt Marcel Malachowski zur Berliner Fashion Week fest, die weder ökonomisch noch ideell auf den grünen Zweig komme. Was sagt uns das über die Stadt? "Seiner Zeit und ihrer Tristesse möchte man in Berlin nicht einmal mehr modisch voraus sein. Aber gerade weil das so ist, wollen alle nach Berlin. Schon seltsam."

Weiteres: David Wnendts Film "Die Kriegerin" über eine Frau aus der Neonazi-Szene stellt das rechtsradikale Lebensgefühl nur aus, beklagt Anke Leweke. Benno Schirrmeister hat sich in Bremen Volker Löschs neues Stück "AltArmArbeitslos" angesehen.

Und Tom.
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Welt, 18.01.2012

"Sozialtrotz kommt im Deutschpop viel zu selten vor", verkündet Michael Pilz und empfiehlt die Chemnitzer Band Kraftklub, die mit "Ich will nicht nach Berlin" einen schönen Hit landen konnte:



Weitere Artikel: Okwui Enwezor, Direktor des Münchner "Hauses der Kunst", spricht im Interview wolkig über arabischen Frühling, Occupy und das Politische in der Kunst. Nach dem Protestvideo der ORF-Mitarbeiter gegen den Parteifilz im Sender ist eine Debatte über Reformen in Gang gekommen, berichtet Ekkehard Kern. Alan Posener möchte, dass Sie nicht mehr "willkommen zu" sagen. Hannes Stein freut sich, dass er im Metropolitan Museum nach einer Renovierung wieder Leutzes Bild "Washington überquert den Delaware" sehen kann.

Besprochen werden Clint Eastwoods Film "J. Edgar", Jürgen Flimms szenische Inszenierung von Händels Oratorium "Il trionfo del Tempo" an der Berliner Staatsoper und Viktor Bodos Inszenierung des "Sommernachtstraum" in Graz.

NZZ, 18.01.2012

Marcus Stäbler weiß nach der Premiere von Aribert Reimanns Shakespeare-Oper 'Lear' wieder, warum die Dirigentin Simone Young nach Hamburg geholt wurde. Hier "entfachte Simone Young wieder jene faszinierende, zwischen düsterem Dräuen und hellem Gleißen changierende Farbenpracht, mit der sie auch bei Wagner, Strauss und Verdi betören kann".

Außerdem besprochen werden die große Ausstellung "Katastrophen am Vesuv" im Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle, eine Schau des spätgotischen Bildhauers Niclaus Gerhaert hat im Frankfurter Liebieghaus, Frederick Taylors Buch über die Besatzungszeit in Deutschland "Zwischen Krieg und Frieden" und Eileen Changs Erzählungen "Das goldene Joch" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Weitere Medien, 18.01.2012

(via 3quarksdaily) Die iranische Fotografin und Publizistin Rana Javadi hat Fotos bearbeitet, die vor siebzig Jahren in Schiraz im Studio Chehrenegar aufgenommen wurden. Verblüffend ist ihre Erklärung auf lensculture, wo sie schreibt: "For me, the When You Were Dying series tells a story about the death of a beautiful era. About death of a peaceful life, when we didn?t live in a global village, the time when we lived with our own cultures, when life was not as fast as now..." Die Fotos aus den Vierzigern zeigen nämlich eigentlich genau das Gegenteil: Iranische Frauen und Männer, die aussehen, als kämen sie direkt aus einem Hollywoodfilm. Links eine iranische Rita Hayworth. Und hier ein interessantes Interview mit Javadi auf Deutsch über die Kunst der Fotografie im Iran.
Stichwörter: Fotografie, Rita Hayworth

FAZ, 18.01.2012

Clint Eastwood zeigt in seinem Film "J. Edgar" ein politisches Monstrum, das gleichzeitig ein scheuer schwuler Liebender ist. Dietmar Dath hatte Zweifel. Aber "das Erstaunliche: Es ist dennoch gelungen, alles da, alles wahr."

Weitere Artikel: Jenny Friedrich-Freksa, Redakteurin der Zeitschrift Kulturaustausch, macht sich Gedanken über die Krise der "hegemonialen Männlichkeit". Mark Siemons berichtet, dass reiche Chinesen immer öfter im Ausland Wohnungen und Häuser kaufen (während sie in China Grund und Boden nur für siebzig Jahre pachten können). Johanna Roth verfolgte eine Tagung über das "digitale Selbst" in Bad Homburg.

Besprochen werden neue Inszenierungen in Bremen und in Hamburg, neue Filme auf DVD, darunter eine Box mit Friedrich-der Große-Filmen und Bücher, darunter Jodi Kantors Familienporträt über "Die Obamas" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 18.01.2012

Sogar nach Berlin gezogen ist Helmut Dietl für seinen neuen Film "Zettl", im Interview mit Tobias Kniebe kann er dieser Erfahrung nicht halb so viel abgewinnen wie einem Nachmittag in den Hofgarten-Arkaden: "Wenn Sie in München ausgehen, begegnen Sie allmählich gar niemandem mehr. Die sind alle in Berlin. Wenn Sie in Berlin in ein Restaurant gehen, je nachdem in welches, dann begegnen Sie halt zum Beispiel einem Herrn Minister Sowieso. Ich habe in diesen drei Jahren sehr viele Leute getroffen, die politisch tätig waren und auch bis heute noch sind und auch in entsprechenden Positionen. Diese Leute haben mir dabei sehr oft ihr Herz ausgeschüttet. Ohne dass ich wirklich danach gefragt hätte."

Weiteres: Catrin Lorch beklagt den grassierenden Autoritätsverlust der Museumsdirektoren, der im krassen Gegensatz zum Museenerfolg der letzten Jahre stehe. Laura Weissmüller freut sich beim Besuch der Kölner Möbelmesse unter anderem über einen von Konstantin Grcic designten Stuhl für die Schulbank.

Besprochen werden Stefan Puchers "Quijote"-Abend am Thalia gemeinsam mit Rebekka Kricheldorfs "Der Große Gatsby" am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, eine Ausstellung mit Kykladen-Figurinnen aus dem allerfrühsten Griechenland im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe und Bücher, darunter Lothar Galls Porträt von Wilhelm von Humboldt (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).