Heute in den Feuilletons

Durch die Münchner Nacht gewildert

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.01.2012. In der SZ enthüllt die Biermösl Blosn einen  bayerisch-togolesischen Technologietransfer. Die Welt entzücken die Rücken Anders Zorns. Die taz gibt Kai Diekmann sein Schweigen auf. Von Zürich aus sieht die deutsche Presse im Fall Wulff nicht so vorteilhaft aus. In der FAZ lässt György Konrad seinem Zorn über die ungarische Regierung freien Lauf: "Ein Ramsch-Land hat eine Ramsch-Regierung und einen Ramsch-Ministerpräsidenten."

NZZ, 17.01.2012

Als "Simulation von investigativem Journalismus" bezeichnet Heribert Seifert auf der Medienseite, wie die deutschen Medien die Affäre um Bundespräsident Wulff skandalisieren und sich dabei von der Bild-Zeitung den Takt vorgeben lassen: "ein Durcheinander von Nachrichten, selbstreferenzieller Wichtigtuerei, herabsetzender Nachrede und dümmlichen Feuilleton-Witzeleien ohne jeden Erkenntniswert. Da noch zu unterscheiden zwischen Banalem und Bedeutsamem, fällt schwer."

Im Feuilleton stellt Sieglinde Geisel den Berliner Fotografen Volker Gerling vor, der aus dem Daumenkino eine neue Kunstform des Porträts gemacht hat. Besprochen werden eine Ausstellung zum Hotel particulier in der Pariser Cite de l'architecture, eine Edition zu "Schweizer Fotobücher", Franz Schuhs Textsammlung "Der Krückenkaktus" sowie Iwan Bunins Erzählungen "Das Dorf" und "Suchodol" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Welt, 17.01.2012

Hans-Joachim Müller freut sich über die Wiederentdeckung des schwedischen Natur- und Aktmalers Anders Zorn, dem in Lübeck eine kunsthistorisch interessante Ausstellung gewidmet wird: "Wer ein bisschen Ahnung und viel Geld hatte, ließ sich von ihm malen. Könige und Königinnen. Banker und Politiker. Schauspieler, Schriftsteller, Kollegen. Wer mehr Ahnung und noch mehr Geld hatte, bestellte etwas mit Rücken, Ufer, Bad und Meer. Zorn hätte Hunderte seiner 'blonden Akte' malen können. Er war so etwas wie der Andy Warhol der Belle Epoque. "

Hanns-Georg Rodek wundert sich über die Golden Globes: "Der große Gewinner heißt 'The Artist', hat einen französischen Regisseur, französische Autoren, französische Hauptdarsteller und wurde ohne einen Cent amerikanischen Geldes in Frankreich finanziert. Er hatte in Cannes Premiere und wagt ein Experiment, welches das US-Kino letztmals vor 35 Jahren mit Mel Brooks' 'Silent Movie' probierte: Es ist ein Stummfilm."

Weiteres: Sven Felix Kellerhoff fordert eine Aufhebung der Zensur und eine kommentierte Ausgabe von "Mein Kampf". Alan Posener liest die Antworten auf die diesjährige Frage des "Dritte-Kultur"-Magazins Edge: "Welche tiefe, elegante oder schöne Erklärung gefällt Ihnen am besten?" Besprochen werden Aribert Reimanns "Lear"-Oper in Hamburg und Barrie Koskys Inszenierung des "Kaufmanns von Venedig" in Frankfurt.

Stand schon in der Welt am Sonntag und sei hier nachgetragen. Benjamin von Stuckrad-Barre erzählt über drei Zeitungsseiten von seiner Zusammenarbeit mit Helmut Dietl an dem Tout-Berlin-Filmprojekt "Zettl": "Es begann an einem Donnerstag, Juni 2006. Das genaue Datum kann ich mir deshalb so gut merken, weil in der darauffolgenden Nacht der Dichter Robert Gernhardt starb, am Freitag, 30. Juni 2006. In jener Nacht war ich mit zwei Freunden durch die Münchner Nacht gewildert, als gäb's da irgendwas zu gewinnen oder kein Morgen oder was weiß ich..."

Weitere Medien, 17.01.2012

Nigeria steht vor dem Krieg, warnt Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka in Newsweek. Verantwortlich dafür macht er die islamistische Terrorgruppe Boko Haram, aber auch Politiker, die ihnen zuspielen, wenn es ihnen gerade in den Kram passt. Wie der Gouverneur des verarmten Bundesstaates Zamfara, "der einseitig die separatistische Agenda einleitete, die Teile Nigerias in Theokratien unter einer vermeintlich säkularen Verfassung verwandelte. Der damalige Präsident hätschelte ihn und warb um seine politische Unterstützung, um seine Amtszeit zu verlängern. Dieser Gouverneur, jetzt Senator, wurde auch als serienmäßiger Pädophiler entlarvt. Von den Medien herausgefordert prahlte er, der Koran stehe über der Verfassung und deshalb unterstehe er nicht den Gesetzen, die die Kopulation mit Minderjährigen unter Strafe stellen. Er wurde weder von seinen Kollegen im Senat getadelt noch vor Gericht gestellt. Seine Anhänger zogen daraus die Schlussfolgerung, je gravierender die Tat desto größer das Recht auf Immunität." (Hier auch ein aktuelles Interview mit Soyinka mit der BBC.)

Buchhandelketten wie Thalia und die französische Fnac sind in der Krise. Hartwig Schulte-Loh, ehemals Deutschland-Chef der Fnac, sagt dazu im Interview mit Daniel Lenz bei buchreport.de: "Die Filialisten haben sich im letzten Jahrzehnt ein Elefantenrennen um die Flächen geliefert. Jetzt müssen sie lernen, dass das Internet die neuen Handelsstandards definiert. Ich würde allerdings nicht von Krise sprechen, sondern von erheblichem Umstrukturierungsbedarf, der am Ende des Tages wohl den Abschied von der traditionellen Buchhandlung bedeutet und Bücher zu einem Element anderer Einzelhandelskonzepte macht."
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Aus den Blogs, 17.01.2012

Apple hat für übermorgen eine seiner kultisch erwarteten Pressekonferenzen angekündigt. Diesmal will sich der Konzern mit dem Lernen an Schulen befassen. Chris Foresman vermutet in Arstechnica, dass Apple eine Software vorstellen wird, die das Erstellen von Ebooks vereinfacht: "Authoring standards-compliant e-books (despite some promises to the contrary) is not as simple as running a Word document of a manuscript through a filter. The current state of software tools continues to frustrate authors and publishers alike, with several authors telling Ars that they wish Apple or some other vendor would make a simple app that makes the process as easy as creating a song in GarageBand. Our sources say Apple will announce such a tool on Thursday."

(Via Matthias Rascher) Hingucken, solange es sie noch gibt: Gary Arndt präsentiert auf seinem Blog Everything-Everywhere prachtvolle Gletscherfotos aus Kanada.

Bei Swen finden wir wieder einen Überblick über Hörens- und Sehenswertes aus den Mediatheken, etwa diesen Beitrag über das literarische Leben in Ägypten ein Jahr nach der Revolution.

TAZ, 17.01.2012

Knapp vor Schluss ließ Bild-Chef Kai Diekmann doch noch die Fragen beantworten, die die taz dem Springer Verlag gestellt hat, berichtet Felix Dachsel auf der Medienseite, ganz aus der Wulff-Rolle sieht er ihn aber nicht entkommen: "Wie gelangt der Inhalt der Nachricht des Bundespräsidenten auf der Mailbox des Bild-Chefs an die Öffentlichkeit? Warum fragt Diekmann bei Bundespräsident Christian Wulff um Erlaubnis zur Veröffentlichung der Nachricht, während Redakteure der Bild gleichzeitig bereits Passagen weitergeben?"

In der Kultur: Im Interview mit Katharina Granzin erzählt die finnisch-schwedische Autorin Susanna Alakoski, wie sie mit ihren sozial engagierten Romanen eine Ausnahmefigur werden konnte: "Ich unterscheide mich durch meine Herkunft. Ich entstamme einer sehr großen gesellschaftlichen Gruppe, der Gruppe der Armen, der Arbeiter. Auch in Schweden ist das immer noch die Mehrheit. Aber diese Leute werden in der Regel keine Künstler, Sänger oder Schriftsteller."

Weitere Artikel: Frohlockend verkündet Steffen Vogel, dass das Time Magazine den Demonstranten zur Person des Jahres 2011 gekürt hat. Nichts Unerwartetes kann Barbara Schweizerhof von der Verleihung der Golden Globes berichten. Anna Frenyo resümiert eine Berliner Veranstaltung, auf der Intellektuelle über die Zustände in Ungarn diskutierten. Katrin Bettina Müller preist die Ausstellung "Vor dem Gesetz" von Kasper König im Museum Ludwig in Köln.

Und Tom.

Aus den Blogs, 17.01.2012

Sehr unruhig sind die Journalisten von Le Monde über die französische Ausgabe der Huffington Post, die in einer Woche an den Start geht und von Anne Sinclair geleitet wird, deren Name inzwischen sogar in Deutschland bekannt ist, berichtet Renaud Revel im Medienblog des Express. Sinclair war lange Anchorwoman im Staatsfernsehen, bevor sie als Frau von DSK in die Schlagzeilen geriet. Le Monde ist Partner der französischen Huffington Post. "'Anne Sinclair ist nicht mehr Journalistin. Seit sie die DSK-Affäre öffentlich mit der Dreyfus-Affäre verglichen hat, ist sie Partei', sagt ein Redakteur von Le Monde in Anspielung auf den Ex-Chef des Internationalen Währungsfonds und seine Auseinandersetzungen mit der amerikanischen und französischen Justiz."

(via open culture) In "A Personal Journey Through American Movies" - hier in voller Länge zu sehen oder in drei Teilen auf Youtube - erzählt Martin Scorsese, welche Filme ihn beeinflusst haben. Und er sagt: "I?m often asked by younger filmmakers, Why do I need to look at old movies? I?ve made a number of pictures in the past 20 years. And the response I find that I have to give them is that I still consider myself a student. The more pictures I made in the last 20 years, the more I realized that I really don?t know. And I?m always looking for something or someone that I can learn from. I tell the younger filmmakers to do it like painters do. Study the old masters. Enrich your palette. Expand the canvas. There?s always so much more to learn."



SZ, 17.01.2012

Die Biermösl Blosn verabschieden sich! Der SZ ist das ein ganzseitiges Interview wert, in dem man unter anderem erfährt, warum es die besten Weißwürste in Togo gibt: "Der Diktator Eyadema war doch ein Spezl vom Franz Josef Strauß. Die oberbayerischen Metzgerbrüder Marox, ehemalige Schatzmeister der CSU, haben dem dort eine Weißwurstfabrik hingebaut."

Weiteres: Anne Philippi bedauert es im Kommentar zu den Golden Globes (hier die Preisträger), dass der britische Komiker und als Globes-Moderator für seinen beißenden Spott bekannte, diesmal etwas gezügelte Ricky Gervais nicht mehr so recht der "Hofnarr der Wahrheit" sein will. In der "Zwischenzeit" streicht Gustav Seibt Weimar aus der Reihe historisch großer Kulturstädte. Andrian Kreye gratuliert Muhammad Ali zum 70. Geburtstag.

Der Medienteil meldet, dass zahlreiche Journalisten des ORF per YouTube gegen die ihrer Ansicht nach parteipolitisch gebundene Arbeit des ORF-Generaldirektors Alexander Wrabetz protestieren. Hier das Video:



Besprochen werden Karoline Grubers Inszenierung von Aribert Reimanns Shakespeare-Oper "Lear" an der Hamburgischen Staatsoper und Bücher, darunter eine Biografie des Malers und Okkultisten Nikolai Roerich, den Christoph Stutz für "eine der bizarrsten Gestalten des 20. Jahrhunderts" hält (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 17.01.2012

Der an sich stets bedächtig formulierende György Konrad macht aus seinem Zorn keinen Hehl mehr. Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban, so schreibt er, "muss aus dem Amt entfernt werden. Statt seiner überwiegend dilettantischen und aus Parteihofschranzen bestehenden Regierung müsste bis zu den 2014 fälligen Parlamentswahlen eine Expertenregierung die Amtsgeschäfte übernehmen. Auf Expertenebene wären produktive Überbrückungen zwischen Rechten und Linken vorstellbar." Grund: "Die drei wichtigsten Ratingagenturen haben die Kreditwürdigkeit der ungarischen Wirtschaft in die Ramsch-Kategorie zurückgestuft. Ein Ramsch-Land hat eine Ramsch-Regierung und einen Ramsch-Ministerpräsidenten."

Weitere Artikel: Nils Minkmar bekennt seine Bestürzung über die Meldung, dass der Guide Michelin nur mehr im Internet und dann noch unter Konsumentenbeteiligung stattfinden soll. Dirk Schümer macht auf Gefahren und Unwesen der Kreuzfahrtschifferei aufmerksam. Dirk Schümer schreibt den Nachruf auf den italienischen Autor Carlo Fruttero. Manfred Lindinger erklärt, was es mit der Schaltsekunde auf sich hat, um die die Weltzeit im Juli gestoppt wird, um Uhrzeit und Weltenlauf wieder in Einklang zu bringen. Auf der Medienseite schildert Paul Ingendaay die spanischen Medienreaktionen auf den Tod des schon in Franco-Zeiten aktiven Politikers Manuel Fraga Iribarne.

Besprochen werden eine Dramatisierung von Fitzgeralds "Großem Gatsby" im Hamburger Schauspielhaus und Bücher, darunter Richard Powers' erster Roman "Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz", der sich von einer August-Sander-Fotografie inspirieren lässt (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).