Heute in den Feuilletons

Großartige Storys, die sich als falsch herausstellen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.07.2011. Verbesserte der Hechtsprung von Murdochs Ehefrau Wendi Deng das Bild der chinesischen Frau?, fragen Medien und Leser in England und China. In der Schweiz bekommen Altersresidenzen ein Gesicht, berichtet die NZZ. Im Freitag unterbreitet Jean-Luc Godard einen Lösungsvorschlag für die Eurokrise. Aber auch er kommt nicht ohne Google aus. Alle widersprechen Frank Schirrmacher. Im Guardian gedenkt Douglas Coupland Marshall McLuhans. Und wie immer hip, hot and holy: Die Zeit.

Weitere Medien, 21.07.2011

Der Hechtsprung von Murdochs Ehefrau Wendi Deng hat großen Eindruck gemacht. Deng (mit der rosa Jacke) warf sich auf den Komiker Jonathan May-Bowles - auch genannt Jonnie Marbles -, der während der Befragung durch den parlamentarischen Untersuchungsaussschuss eine Torte aus Seifenschaum auf Murdoch warf. "Wow, the lamprey just defended the shark!", kommentierte Leser John auf der Webseite der Daily Mail. In China, berichtet Jonathan Watts für den Guardian, notieren Leser befriedigt einen Imagegewinn für ihr Land: "'The image of Chinese women just got a lift,' noted a post on the Weibo microblog by Toubenxingfu111. 'This adds value to the image of Chinese wives,' said another under the name Jihua. 'They have previously proved their ability to cook and run a business. Now they can add bodyguard.'" Derweil meldet Gawker, dass "Wendi-slapped" jetzt schon als Bezeichnung für eine schnelle Gegenattacke akzeptiert ist.

Brauchen wir eine staatlich geförderte, unkommerzielle europäische Suchmaschine a la Google, wie FAZ-Feuilletonchef Frank Schirrmacher sie gerade in einem Artikel (letzter Absatz vor dem Nachtrag) forderte? Nein, meint Wolfgang Sander-Beuermann von der Uni Hannover in einem leider auch nicht sehr konkreten Interview auf Spiegel online. Wir brauchen viele kleine Suchmaschinen: "Um jetzt noch eine Suchmaschine aufzubauen, die es mit Google aufnehmen könnte, brauchen Sie sehr, sehr viel Geld, mehrere Milliarden Euro. Außerdem wäre es wenig sinnvoll, Google nur nachzubauen. Stattdessen brauchen wir eine Suchmaschinen-Landschaft. Wir müssen den Pluralismus unserer Gesellschaft auch auf technischen Strukturen abbilden." Also doch eine Kommission. Valium, bitte.

Marshall McLuhan hatte es ja sowieso alles schon vorausgesehen, schreibt Douglas Coupland, Autor einer lesenswerten Biografie über den Medientheoretiker, der heute hundert geworden wäre: "Time seems to be going much faster than it once did. We don't remember numbers any more. Certain forms of storytelling aren't working for us as they once did."

Gerade im Urlaub? Am Strand? Oder in einem tuckernden Motorbötchen auf dem Wasser? Dann haben Sie vielleicht bald Gesellschaft - wie die Meeresforscher vor Südafrika, denen ein riesiger weißer Hai ins Boot hüpfte. Er muss drei Meter weit geflogen sein, um so auf dem Boot zu landen, wie er es tat, meldet Xan Rice im Guardian. Die Mannschaft brauchte einen Kran, um ihn wieder ins Wasser zu befördern.

Aus den Blogs, 21.07.2011

(via BoingBoing) How to be a Retronaut zeigt Fotos von frühen Maschinen zum Abnehmen. Ob sie effektiv sind, wissen wir nicht, aber sowohl die Maschinen als auch die "Sportkleidung" machen einiges mehr her als ihre heutigen Pendants.

Google erleidet gerade einen massiven Backlash bei den unter 13-Jährigen, meldet Adrian Chen auf Gawker: "Browsing Google's help forums shows there's something of a tween email apocalypse going on as kids are locked out of their Gmail after revealing they're underaged on Google Plus - despite some pretty thoughtful arguments from the kids themselves as to why they should be let in. (We agree!)"
Stichwörter: Gawker, Gmail, Google, Twee

Welt, 21.07.2011

Frank Schirrmachers neuester Apokalypse-Hit, die Furcht, dass wir unser Gedächtnis an den Privatkonzern Google ausliefern könnten, stößt auch in der Welt (so wie hier im Perlentaucher) auf Widerspruch. Genau dort, "wo Schirrmacher und seine Studien all die Gefahren sehen, liegen in Wirklichkeit große Chancen unserer digitalen Generation", schreibt Frank Schmiechen. "Denn die Menschheit hat immer die Gelegenheit genutzt, Wissen auszulagern. Zum Beispiel in Schriftrollen, Büchern, Mikrofilmen. Um den Kopf nicht zum Abspeichern von Daten, sondern zum Denken zu benutzen."

Weitere Artikel: Harald Peters mokiert sich über das Zögern in Aberdeen, Washington, wo man sich fragt, ob man eine einst von Kurt Cobain besungene Brücke nach ihm benennen soll. Und Sascha Lehnartz spricht mit dem Regisseur James Wan über den Film "Insidious" (mehr hier).

Besprochen werden ein Konzert Cyndi Laupers in Berlin und die Filmkomödie "Brautalarm" (mehr hier).
Anzeige

Freitag, 21.07.2011

Jean-Luc Godard entwickelt im Gespräch mit Fiachra Gibbons folgenden Vorschlag zur Lösung der griechischen Finanzkrise. Jedesmal wenn jemand in Europa das Wörtchen "deshalb" sagt, das angeblich vom ersten Logiker Aristoteles erfunden wurde, wird eine Dankesschuld an die Griechen entrichtet: "Wenn wir jedes Mal zehn Euro nach Griechenland überweisen würden, wenn wir das Wort benutzen, wäre die Krise in einem Tag überwunden und die Griechen müssten das Pantheon nicht an die Deutschen verkaufen. Wir verfügen mit Google über die technischen Möglichkeiten, all diese Deshalbs aufzustöbern. Die Rechnungen könnten über das Iphone zugestellt werden." (Das wär mal eine gute Idee von den Griechen, das Pantheon zu verkaufen. Vielleicht auch gleich noch Colosseum und Trevi-Brunnen? Dann können sie wenigstens den Parthenon behalten!)

Matthias Dell schickt einen angeregten Bericht aus Moskau, wo das Goethe-Institut eine Tagung zum Phänomen des "Hackens" veranstaltete. Und der Historiker Wolfgang Wippermann beschreibt die Art, in der der Althistoriker Egon Flaig vor kurzem in der FAZ des Historikerstreits gedachte, so: "In der Fußballsprache nennt man so was 'Nachtreten'."

NZZ, 21.07.2011

Jürgen Tietz berichtet, dass man in der Schweiz jetzt davon abkommt, alte Menschen in gesichtslose Verwahrburgen abzuschieben, und Pflegeheime und Altersresidenzen architektonisch etwas einfallsreicher gestalten lässt (zum Beispiel von den Architekten Frei und Ehrensperger). Aldo Keel gibt einen kurzen Überblick über den Stand der isländischen Lyrik. Michelle Ziegler berichtet vom Verbier-Festival. Metaphysisches Gruseln überkam Alexandra Stäheli angesichts des YouTube-Films "Life in a Day".

Besprochen werden außerdem Florian Cossens Debütfilm "Das Lied in mir" sowie Bücher von und über Marschall McLuhan (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

TAZ, 21.07.2011

Aus Anlass des 100. Geburtstags von Marshall McLuhan, dem kanadischen Philosophen und Verkünder des "globalen Dorfs", betreiben sechs Beiträge Aphorismenexegese und wollen zeigen, wie einzigartig sexy Medientheorie in seinen Worten klingt. Robert Misik schreibt über McLuhans wohl bekanntesten Satz "Das Medium ist die Botschaft": "Steile These, heute etwas flach. Wobei es natürlich ihre geniale Wahrheit ist, die sie zur Banalität macht." (mehr hier, hier, hier, hier und hier)

Weitere Artikel: Eva-Christina Meier unterhält sich mit dem chilenischen Dichter Raul Zurita, der zur Opposition gegen die Pinochet-Diktatur gehörte und der heute heute in Berlin auf dem Festival Wassermusik mit dem französisch-tunesischen Islamkritiker Abdelwahab Meddeb über das Verschwinden, die Diktatur und die Wüste spricht. Renate Klett berichtet über das Theaterfestival von Santarcangelo in der Emilia-Romana, auf dem es zu hysterischen Lachkrämpfen über die italienische Politik und ihre Phrasen kam. In der Reihe Notizen zum Kleistjahr schreibt Frank Schäfer über Kleists Essay "Über das Marionettentheater", der erstmals 1810 in den Berliner Abendblättern erschien.

Besprochen werden Paul Feigs Komödie "Brautalarm" und die von Maike Mia Höhne kuratierte DVD "Back To Politics" mit zehn Kurzfilmen, darunter einem ganz frühen von Christoph Schlingensief.

Und Tom.

FR, 21.07.2011

Sylvia Staude unterhält sich mit dem Krimiautor Jan Costin Wagner über das Genre und seltsames Schubladendenken: "Eine Autorenkollegin wollte wissen, ob ich mir vorstellen könnte, ohne diese Spannungsschiene auszukommen. Als sei das eine Krücke, auf die ich zurückgegriffen hatte. Ich habe sie gefragt, ob nicht jeder Roman den Anspruch erheben sollte, spannend zu sein."

Besprochen werden James Wans "lustvoller" Horrorfilm "Insidious", Paul Feigs Komödie "Brautalarm", Emptysets Album "Demiurge", Douglas Couplands Marshall-McLuhan-Biografie, Theophile Gautiers Romanerstling "Mademoiselle de Maupin" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FAZ, 21.07.2011

Scharfe Kritik übt Patrick Bahners am Verhalten der Präsidentin und nun auch einer Gruppe von Professoren der Universität der Bundeswehr in München. Sie hatten den Chefredakteur der Studentenzeitschrift Martin Böcker öffentlich wegen seiner Texte für dem rechten Lager zuzuordnende Postillen (wie Sezession im Netz und die Junge Freiheit) gerügt. Bahners erkennt darin einen schlimmen Fall von schleichender Gesinnungszensur. Paul Ingendaay hat bereits die ersten Bücher zur Deutung der spanischen Bewegung der "Empörten" gelesen. Über das grafisch nicht weiter auffällige Redesign des Dollars aus Fälschungssicherheitsgründen informiert Markus Weisbeck. Eine Wiener Tagung zur Ehe in Österreich hat Martin Otto besucht. Zur Frage des Umgangs mit Sakralbauten in Regionen, in denen ihre Nutzung massiv zurückgeht, schreibt Arvid Hansmann. Gerhard Stadelmaier kann es in der Glosse kaum fassen, wer oder was so alles in "Unkultursendern" und anderswo "aufschlägt". Für die Kino-Seite schildert Rüdiger Suchsland seine Begegnung mit Roger Corman, der als Produzent und Regisseur einer großen Zahl (mehr als 400) billig gemachter, heute oft hoch geschätzter Filme legendär ist, die er selbst allerdings nicht als "B-Movies" bezeichnet wissen will. Martin Gropp preist den neuen Youtube-Mosfilm-Kanal, auf dem in rascher Folge die Klassiker des Filmstudios zugänglich werden. Auf der Medienseite beschreibt Jordan Mejias, wie sich Rupert Murdochs Fox-Imperium in den USA durch teils peinliche Verteidigungen des Herrn und Meisters um Schadensbegrenzung bemüht.

Besprochen werden die Ausstellung "Ostalgia" im New Museum New York, Joseph Parsons' Album "Hope For Centuries", die CD "Revolver" der Tedeschi Trucks Band und Bücher, darunter Tim Krohns postmodernes Märchen "Der Geist am Berg" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 21.07.2011

Im Interview mit Anke Sterneborg erklärt Komödien-Regisseur Paul Feig (gerade läuft sein neuer Film "Brautalarm" an), warum seine Liebe den "Freaks and Geeks" dieser Welt gilt: "Ich liebe Geschichten über Menschen, von denen Hollywood normalerweise nicht erzählt. Da geht es meist um schöne, erfolgreiche Menschen - die ja auch sehr nett sind, aber mich nicht wirklich interessieren. Die Leute, mit denen ich aufwuchs, meine Freunde sind anders, und ich selber bin auch so ein Weirdo. Ich liebe Außenseiter, die sich gegen das System entschieden haben oder von ihm zurückgewiesen wurden."

Weitere Artikel: Über allerlei apokryphe Fortspinnereien des Potter-Universums schreibt Hannah Lühmann. Das erste öffentliche Gelöbnis der Nicht-mehr-Wehrpflicht-Armee schildert Joachim Käppner. Johan Schloemann macht sich Sorgen um die armen griechischen Tempel, die immerzu zur Bebilderung der Euro-Krise herhalten müssen. Sonja Zekri berichtet, dass Ägyptens Kulturminister Zahi Hawass der offiziellen Absetzung zum Trotz seinen Posten nicht zu räumen gedenkt. 

Besprochen werden die Ausstellung "Jeff Wall. The Crooked Path" im Bozar in Brüssel, neu anlaufende Filme, darunter Tom McCarthys Tragikomödie "Win Win" (mehr) und der nun offenbar auch nach München gelangte Youtube-Film "Life in a Day" (mehr) und Bücher, darunter James Woods Essay "Die Kunst des Erzählens" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Zeit, 21.07.2011

Das Dossier beschäftigt sich in zwei Artikeln mit Rupert Murdoch, britischen Boulevardzeitungen und dem Abhörskandal von News of the World. Man erfährt eigentlich nichts wirklich Neues, aber zwei Zitate sind interessant, die einen kleinen Einblick bieten in die Denkweise von Boulevardjournalisten, die die Briten interessanterweise hacks (Schmierfinken, Zeilenschinder) nennen. Khue Pham zitiert Paul McMullen, einen ehemaligen Reporter der News of the World: "Ich finde, dass das Telefon von wem auch immer abgehört werden kann', sagt er. Hugh Grant zum Beispiel: Hat der nicht in einem Film mitgespielt und von Murdochs 20th Century Fox Studios dafür ein Millionenhonorar bekommen? Im Gegenzug werde er halt von Murdoch wieder abgehört, von den Journalisten der News of the World. 'Es ist ein Spiel', sagt er. 'Was ist schon dabei?'"

Und Reiner Luyken zitiert Kelvin MacKenzie, bis 1994 Chefredakteur der Sun, über erfundene Geschichten: "Es sind keine Lügen. Es sind großartige Storys, die sich als falsch herausstellen. Das ist etwas anderes. Soll ich mich dafür schämen?" (Diesem Teil des Artikels hätte ein Credit an Wikipedia gut angestanden.)

Im Feuilleton fühlt sich Georg Seeßlen in einem "System merkwürdiger Zeitschleifen" gefangen, angesichts der 27 Blockbuster-Fortsetzungen, die in diesem Jahr in Hollywood produziert wurden. Marc Bost und Stephan Lebert unterhalten sich auf einer ganzen Seite mit der Linkspolitikerin Sahra Wagenknecht. Mit Siegfried Kracauers Feuilletons in der Hand flaniert Alexander Cammann vom Frankfurter Westend bis zum Berliner Hermannplatz. Volker Hagedorn bedauert, dass Gidon Kremer nach dreißig Jahren die Leitung des Kammermusikfest in Lockenhaus niederlegt. Gero von Randow berichtet vom Festival in Avignon. Carolin Pirich schreibt zum Bühnenabschied der Hamburger Primaballerina Joelle Boulogne. Zum hundertsten Geburtstag von Marshall McLuhan erinnert Thomas Assheuer an den Medientheoretiker, der "groß gedacht und groß geirrt hat", nicht ohne vor seinen Adepten zu warnen, die Fernsehen und Internet hochhalten.

Besprochen werden Ausstellungen zu Franz Gertsch im Zürcher Kunsthaus und Rene Wirths in der Kunsthalle Rotterdam, Gary Shteyngarts Roman "Super Sad True Love Story" und Maja Haderlaps Roman "Engel des Vergessen" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Gewohnt hip, hot and holy die Glaubensseite: Vera Gaserow kündigt an, dass der Papst bei seinem Berlinbesuch in Neukölln übernachten wird. Und wenn Sie wissen wollen, wie ein Seite-3-Mädchen für Zeit-Leser aussieht, werfen Sie einen Blick auf das Aufmacherfoto.