Heute in den Feuilletons

In der Avantgarde-Garage des Bauhaus-Papstes

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.05.2011. Ärger in der Branche: Dem Spiegel-Journalisten Rene Pfister wurde nachträglich der Henri-Nannen-Preis aberkannt. Die Mehrheit der Jury kritisierte den szenischen Einstieg seines Seehofer-Porträts, der den Eindruck erwecke, er sei aus eigener Anschauung geschrieben. Das Hamburger Abendblatt weiß die Details. Der Spiegel ist sauer. Die FR freut sich in ihrer ersten Cannes-Kolumne auf den neuen Film von Terrence Malick. Das Blog Puszta Ranger dokumentiert eine Diskussion der ungarischen Regierungsparteien über Imre Kertesz. Die SZ kritisiert den "Heritage at Risk"-Report des internationalen Denkmalschutzrates Icomos.

Weitere Medien, 10.05.2011

Das Hamburger Abendblatt brachte laut Medienblog Meedia zuerst die Meldung über die nachträgliche Aberkennung des Henri-Nannen-Preises für den Spiegel-Autor Rene Pfister. Nicht alle Jurymitglieder schlossen sich der Entscheidung an, die den Anfang von Pfisters Porträt über Horst Seehofer kritisiert. Der Spiegel-übliche szenische Einstieg erweckt für die Jury den Eindruck, der Reporter habe aus eigener Anschauung berichtet, was aber nicht der Fall ist, wie bei der Preisverleihung herauskam. "Die elfköpfige Jury hatte sich um 16.15 Uhr zu einer Telefonkonferenz zusammengeschaltet. Nur der Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, Kurt Kister, fehlte. Er hatte zuvor seinen Mitjuroren eine schriftliche Erklärung zukommen lassen, in der er sich gegen eine Aberkennung des Preises aussprach. Außer ihm votierten auch Geo-Chefredakteur Peter-Matthias Gaede, FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher und Spiegel-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron gegen eine Aberkennung."

"ga" kommentiert in Meedia die Reaktion des Spiegels: "Es verwundert schon, dass führende Mitarbeiter die Bedenken gegen den Arbeitsstil geradezu vom Tisch wischen wollten, obwohl die Recherche-Grundsätze bei einer Reportage in diesem Fall doch offenkundig missachtet wurden."

Jonathan Alter hat für Vanity Fair ein ganz reizendes Porträt der amerikanischen Außenministerin Hillary Clinton geschrieben. Wir erfahren fast alles über die Dame: Wie ausgleichend und diplomatisch sie - nach den peinlichen Enthüllungen von Wikileaks - die Staatschefs der Welt während der arabischen Revolutionen auf Position gebracht hat, wie gut sie - trotz des verlorenen Wahlkampfs - mit Barack Obama kann, wer ihr Haar macht, wenn sie unterwegs ist, wie sie mit Ehemann Bill steht, und schließlich gibt es sogar Informationen über ihren Job: "Außenminister sein ist nicht so lustig, wie es sich anhört. Stellen Sie sich vor, Sie müssten jeden Tag Dinge sagen wie 'Wir müssen auch unsere Anstrengungen hinsichtlich des Abkommens von Nagorny-Karabach nach grundsätzlichen Prinzipien unter der Schirmherrschaft der Minsk-Gruppe verstärken.' Das ist Hillarys Leben." Wär sie bloß Friseuse geworden!

Spiegel Online, 10.05.2011

Erweckt der Anfang von Rene Pfisters Spiegel-Reportage, die gerade erst mit dem Nannen-Preis ausgezeichnet wurde, den Eindruck, er sei selbst erlebt? Da Pfister bei der Preisverleihung sagte, er habe die Szene, in der Horst Seehofer in seinen Keller steigt, nicht erlebt (mehr hier), hat die Jury ihm den Preis nachträglich aberkannt. Begründung: "Die Glaubwürdigkeit einer Reportage erfordert aber, dass erkennbar ist, ob Schilderungen durch die eigene Beobachtung des Verfassers zustande gekommen sind, oder sich auf eine andere Quelle stützen, die dann benannt werden muss." Der Spiegel ist entsetzt und teilt es "in eigener Sache" auch online mit: "In der Vergangenheit sind bereits öfter Geschichten mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet worden, die szenische Rekonstruktionen enthielten. Jede Reportage besteht nicht nur aus Erlebtem, sondern auch aus Erfragtem und Gelesenem."

FR, 10.05.2011

Auch Daniel Kothenschulte hat noch nichts von Terrence Malicks neuem Film "Tree of Life" gesehen "außer dem ungewöhnlichen Filmplakat, das aus siebzig Filmbildern zusammengesetzt ist - darunter erschreckend vielen, die Sonnenuntergänge, Unterwasserwelten und esoterische Schneckenhausformen zeigen", aber er annonciert ihn in seiner ersten Cannes-Kolumne doch als das Hauptereignis der beginnenden Filmfestspiele.

Weitere Artikel: Sven Hanuschek setzt sich auf zwei Seiten mit dem Schriftsteller Waldemar Bonsels, dem Erfinder der "Biene Maja" auseinander, der in diesen Tagen hundert Jahre alt geworden wäre. Harry Nutt besucht das Lepsius-Haus in Potsdam, das in dem ehemaligen Wohnhaus des Theologen an sein Engagement für die verfolgten Armenier erinnert, eine kritische Auseiandersetzung mit den politische Haltungen Lepsius' allerdings vermissen lasse. Als "Times mager" figuriert ein kleiner Text des einstigen Erfolgsschriftstellers (und Gefallenen des Ersten Weltkriegs) Gorch Fock.

Besprochen werden Tschechows "Platonov" am Wiener Akademietheater, ein Konzert des Kronos Quartets unter anderem mit einem Werk der serbischen Komponistin Aleksandra Vrebalov in Essen, eine Ausstellung im Goethe-Haus zum Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller und Volkmar Siguschs Buch "Auf der Suche nach der sexuellen Freiheit" (mehr hier).

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Welt, 10.05.2011

Boris Kalnoky meldet, dass inzwischen vier der zwanzig erfolgreichsten Autoren der Türkei im Gefängnis sitzen: "Wer schreibt, der hat in der Türkei schon immer gefährlich gelebt. Aber die Art der Gefahr scheint sich zu ändern. Pamuk war noch ein Opfer der alten Zeit. Bis vor einigen Jahren wurde man angeklagt, wenn man etwas zugunsten von Kurden oder Armeniern schrieb oder die Armee und Staatsgründer Atatürk kritisierte ('beleidigte'). Aber keiner der vier inhaftierten Autoren passt in diese Kategorie. Sie sind angeklagt, Agenten des Ancien Regimes zu sein, 'Terroristen' der alten kemalistischen Eliten. Ihnen wird vorgeworfen, sie gehörten einer 'Organisation' namens 'Ergenekon' an und wollten die islamisch orientierte Regierung stürzen."

Weiteres: Jan Küveler beschreibt einen recht lebhaften Beginn des Berliner Theatertreffens, es gab Jelinek und Gotscheff, "Kölsch für lau" und "Whisky für alle". Abgedruckt wird auch der Text von Kai-Hinrich Renner über den Streit um den Henri-Nannen-Preis, der dem Spiegel-Reporter Rene Pfister nun wieder aberkannt wurde, weil er Teile seiner Reportage nicht selbst erlebt hat, obwohl sie den Eindruck erweckt. Eckhard Fuhr berichtet von den Kurzfilmtagen in Oberhausen. Und Michael Rutschky erzählt in der Reihe zum 11. September, wie er sich nach dem Anschlag mit seiner irrationalen Tante Fritzi überwarf.

NZZ, 10.05.2011

Für Martin Meyer verkörperte Osama bin Laden durchaus das Böse, weshalb er die Kritik an Angela Merkel auch weltfremd findet, "in letzter Zuspitzung ein Ausdruck des Wunsches, wir möchten es dereinst einmal nur noch mit Parkplatzsündern zu tun haben". Ronald Gerste freut sich über die Rettung der Buchhandlung "Politics and Prose", einer Washingtoner Institution. Marcus Bauer berichtet vom rumänischen Romanerfolg des Ökonomen und Politikers Varujan Vosganian, der in "Das Buch des Geflüsters" die Geschichte der Armenier in Rumänien erzählt.

Besprochen werden eine Ausstellung des Renaissancemalers Lorenzo Lotto in der Scuderie del Quirinale in Rom, Alvis Hermanis' Inszenierung von Tschechows "Platonow" am Akademietheater Wien, Dave Eggers' Reportageroman "Zeitoun" und Peter Kurzecks Roman "Vorabend" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Auf der Medienseite stellt Mirko Marr in einem Report zum Fernsehen via Internet fest, dass die Nutzerzahlen in Deutschland und der Schweiz bisher extrem gering sind: "Unstrittig ist allerdings, dass die Schleuse zwischen dem Internet und den Fernsehgeräten geöffnet ist und dies die etablierten Sender zwingen wird, ihre Eroberungsstrategie für alternative Endgeräte mit einer Strategie zur Verteidigung des angestammten Bildschirms zu ergänzen."

TAZ, 10.05.2011

Ingo Arend bespricht Ausstellungen der Maler Gerwald Rockenschaub, Angela Bullock, Joachim Grommek in Wolfsburg (hier und hier) und Berlin. Übr Rockenschaub schreibt er: "Im Schweiße irgendeines Handwerks entsteht bei diesem Künstler gar nichts. Seine Arbeiten entwickelt er in einem klinischen reinen Büro mithilfe von Computerprogrammen. Später werden sie von anderen ausgeführt. Zur Dienstleistungsästhetik gesellt sich die entsprechend coole Dienstleistungsmentalität: kalt, perfekt, emotionslos. Die Grenze zum Design ist bei Rockenschaub in jeder Hinsicht fließend."

Weitere Artikel: Aram Lintzel liest Alain Badious kapitalismuskritisches "Lob der Liebe".

Besprochen werden außerdem die Überblicksschau von Thomas Struths Fotografien in Düsseldorf, Peter Weiss' "Marat/Sade" in Dresden und ein Comic über Bertrand Russell (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Auf der Meinungsseite fordert Rafael Seligman Israel auf, die "einsetzende Demokratisierung Arabiens als Chance zur Entschärfung des Konflikts nutzen".

Und Tom.

Aus den Blogs, 10.05.2011

Die rechtsextreme Partei Jobbik hat im ungarischen Parlament den Antrag gestellt, Imre Kertesz wegen eines ungarn-kritischen Interviews aus dem Lehrplan für Abiturienten zu entfernen. Die Regierung antwortet laut dem Blog Puszta-Ranger wie folgt: "Mit den Äußerungen der von Ihnen erwähnten zeitgenössischen Autoren ist auch die Regierung nicht einverstanden. Jedoch wollen wir nicht die Erben der (?) Diktatur mit ihren politisch motivierten Kunstsäuberungen sein. Tatsächlich werden wir noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte warten müssen, bis der eventuell vorhandene ästhetische und moralische Wert - oder die Wertlosigkeit in beider Hinsicht - sich endgültig von unserer momentanen historischen Sensibilität abgelöst haben."
Stichwörter: Imre Kertesz

SZ, 10.05.2011

Ira Mazzoni ist nicht einverstanden mit dem aktuellen "Heritage at Risk"-Report des internationalen Denkmalschutzrates Icomos und nennt als Beispiel Kritik an der Restauration von Bauhausdenkmälern in Dessau: "Die Unterbringung einer jederzeit rückbaubaren Behindertentoilette in der Avantgarde-Garage des Bauhaus-Papstes Gropius kann nun wahrlich nicht als 'ruthless handling' angeprangert werden."

Weitere Artikel: Andreas Zielcke schreibt den Nachruf auf Gunter Sachs. In der "Zwischenzeit" legt Gustav Seibt dar, dass Goethe mit seinem Begriff der "Weltliteratur" eigentlich so etwas wie eine internationale Öffentlichkeit im Sinn hatte - und die Idee einer Vielfalt der Kulturen, die gleich nahe zu Gott stünden. Fritz Göttler gratuliert Ettore Scola zum Achtzigsten. Jens Bisky besucht den von Gabriele Glöckler entworfenen Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig

Nur online wird gemeldet, dass dem Spiegel-Autor Rene Pfister der Henri-Nannen-Preis aberkannt wurde.

Besprochen werden die Uraufführung von Reto Fingers "Haus am See" in Bochum, Terry Gilliams' Londoner Inszenierung der "Damnation de Faust" von Hector Berlioz, Ereignisse des "Heidelberger Stückemarkts", in dem Jürgen Berger die Türkei als aufregendstes Theaterland Europas wahrnahm, eine Ausstellung des Fotografen Paul Pfeiffer in der Münchner Sammlung Goetz und die Ausstellung "Ludwig Wittgenstein - Verortung eines Genies" im Schwulen Museum, Berlin.

FAZ, 10.05.2011

Joseph Croitoru fasst die Ausschreitungen gegen Christen und andere blutige Ereignisse der letzten Tage in Ägypten zusammen und sieht erste Anzeichen für eine Verfestigung, wenn nicht Verschärfung der Konfliktlage: "Hinzu kommt, dass in dieser angespannten Atmosphäre mittlerweile etliche Ägypter, die mit einiger Unruhe auf den blutigen Verlauf der Rebellionen anderswo in der arabischen Welt blicken, eifrig Argumente für die These sammeln, dass auch ihr Land vor einem Bürgerkriegsszenario keineswegs gefeit sei. Bezeichnend dafür ist die in den letzten Tagen in den ägyptischen Medien geradezu inflationäre Verwendung des arabischen Terminus 'fitna'. Ursprünglich wurde er meist als Bezeichnung der muslimischen Bruderkriege um die politische Nachfolge des Propheten Mohammed gebraucht."

Weitere Artikel: Sehr skeptisch blickt Joseph Hanimann auf ein geplantes Google-Kulturzentrum in Paris - und erst recht wundert er sich über die neuerdings dem Konzern sehr freundlich gesinnte französische Regierung. Wie kompliziert die Dinge im neuen RAF-Prozess gegen Verena Becker liegen, erläutert Ulf G. Stuberger. In der Glosse ist Jürgen Kaube der Bewunderung voll für die grafische Umsetzung schwieriger Argumente auf der Youtube-Seite der "Royal Society for the Encouragement of Arts, Manufactures and Commerce". Beim Blick in osteuropäische Zeitschriften liest Joseph Croitoru einen Text über das Verhältnis Polens zu seiner multikulturellen Vergangenheit. Arnold Bartetzky begutachtet den Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig. Gemeldet wird, dass der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu erneut Ausreiseverbot erhielt - und außerdem streng gemahnt wurde, im Ausland nicht mehr zu veröffentlichen.

Besprochen werden die vom Regieduo Barbe & Doucet inszenierte Rossini-Oper "La Centerola" an der Hamburger Staatsoper, die Inszenierung des Stücks "Mamma Mafia" von Federico Bellini, Giuseppe Massa und Sybille Meier am Schauspiel Köln, die Ausstellung "Unsere Moderne" in der Kunsthalle Karlsruhe ("Meine Moderne", widerspricht Julia Voss, ist das nicht), die Ausstellung "Roni Horn. Photografien" in der Hamburger Kunsthalle und Bücher, darunter gleich zwei neue Kriminalromane von Andrea Camilleri (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).