Volkmar Sigusch

Auf der Suche nach der sexuellen Freiheit

Über Sexualforschung und Politik
Cover: Auf der Suche nach der sexuellen Freiheit
Campus Verlag, Frankfurt am Main 2011
ISBN 9783593394305
Kartoniert, 294 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

Im 20. Jahrhundert gab es drei "sexuelle Revolutionen", doch wie sexuelle Freiheit aussieht, wissen wir immer noch nicht. Wir wünschen uns, dass die Masken fallen und das Leben beginnt, doch das sexuelle Elend hält an. Volkmar Sigusch zeigt zum ersten Mal im Zusammenhang, wie kritische Sexualwissenschaft politisch darum kämpft, das sexuelle Elend zu mildern, Gewalt und Missbrauch zu verhindern, Menschenrechte für alle Sexualitäten und Geschlechter zu installieren. Er macht deutlich, welche Probleme nach wie vor oder neuerdings auf den Nägeln brennen. Die Palette reicht vom Kindesmissbrauch durch Vertrauenspersonen wie Pädagogen und Priester über die Lage der Homosexuellen zwischen Emanzipation und Verfolgung bis hin zu Neosexualitäten wie Bisexualität, Transsexualität, Asexualität und nicht zuletzt dem ganz "normalen" Liebesleben. Blicke zurück auf die 68er-Revolte und den Einbruch von Aids werden flankiert von Blicken nach vorne auf Präparate wie Viagra und auf den medizinisch begründbaren Gesundheitsgewinn gelebter Sexualität.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.06.2011

Nicht leicht verdaulich, aber dringend notwendig erscheint Rezensent Volker Breidecker dieses Buch. Zumal der Frankfurter Sexualforscher Volkmar Sigusch hier auf recht verlorenem Posten kämpfe: nicht nur, weil die Frankfurter Universität allen Widerständen zum Trotz nach Siguschs Emeritierung auch sein Fach abgewickelt habe, sondern auch, da er in "Auf der Suche nach der sexuellen Freiheit" Thesen zur bedauerlicherweise kaum noch geführten Missbrauchsdebatte aufstelle. Gerade hier sieht Sigusch das Paradoxe, wie der Kritiker berichtet: während überall penetrant über Sex "palavert" werde, werde weiterhin beharrlich über das "erschreckende Ausmaß" an sexueller Gewalt gegenüber Kindern geschwiegen - obwohl durch das kontinuierliche und brutale Überschreiten von Grenzen, etwa durch Kindersextourismus oder Kinderpornografie, immer mehr Tabus gebrochen würden. Dass der Autor teilweise zu Redundanzen und "päpstlichen" Selbsthistorisierungen neige, kann Breidecker mit gutem Gewissen verzeihen, zu interessant und wichtig erscheinen ihm Siguschs Einblicke in das "große Füllhorn der Perversionen".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 10.05.2011

Ungemach haben Mario Scalla vor allem die letzten siebzig Seiten dieses Sammelbandes mit Aufsätzen des emeritierten Sexualwissenschaftlers Volkmar Sigusch bereitet, weil dort die ärgerliche Abwicklung des Instituts für Sexualwissenschaft in Frankfurt nachgezeichnet und angeprangert wird. Ansonsten aber traut der Rezensent dem Autor zu, in alleiniger Person die mit der Schließung gerissene "Lücke" zu füllen. Der vorliegende Band liefert nicht nur eine Übersicht über alle virulenten Themen der Sexualität in unserer Gesellschaft, findet der Rezensent. Er streicht auch Siguschs theoretische Position heraus, die sich in Anlehnung an die Kritische Theorie dem konkreten Fall zuwendet und hier nicht etwas als "Archivar", sondern als Mitmensch die sexuellen Fragen in den Blick nimmt. Sigusch plädiert für eine neue "Perversionslehre" im Kontext zu den "Widersprüchen des Kapitalismus", teilt Scalla einverstanden mit. Und auch wenn er hier nicht alle angerissenen Themen erschöpfend ausgeführt findet, so ist er mit diesem Sammelband hochzufrieden.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 05.05.2011

Nicht zuletzt betrachtet Andrea Roedig den Band mit gesammelten Texten des Sexualwissenschaftler von Volkmar Sigusch, deshalb als Gewinn, weil er darin die "Ambivalenz" der sexuellen Befreiung so deutlich herausarbeitet. Nach Sigusch hat eine "neosexuelle Revolution" stattgefunden, die Sexualität zwar in fast allen Spielarten enttabuisiert, dafür aber auch entpolitisiert und "banalisiert", nimmt die Rezensentin interessiert zur Kenntnis. Sehr erhellend findet sie die Aufsätze zur Pädophilie oder Transsexualität. Die Zusammenstellung des Sammelbandes allerdings erscheint ihr nicht in allen Teilen überzeugend und für ihren Geschmack findet das Engagement des Autors für die Entkriminalisierung der Homosexualität und sein "trauriger" und letztlich vergeblicher Einsatz gegen die Schließung des Instituts für Sexualwissenschaft etwas zu breiten Raum in diesem ansonsten von ihr geschätzten Buch.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 17.03.2011

Nicht wirklich anfreunden kann sich Rezensent Jan Feddersen mit Volkmar Siguschs Bilanz des Kampfes für die sexuelle Freiheit seit der 68er-Revolte. Das Werk bietet seiner Ansicht nach keine neuen Ideen, sondern eine Zusammenfassung bereits publizierter Gedanken des Sexualwissenschaftlers und langjährigen Leiters des Frankfurter Instituts für Sexualwissenschaft. Das ist allerdings nicht der Hauptkritikpunkt des Rezensenten. Er empfindet den kulturkritischen Ton des Autors gegenüber dem Prozess der Liberalisierung seit den fünfziger Jahren als "leicht hochmütig". Siguschs Befund, dass das Leiden am Sexuellen trotz dieser Liberalisierung kein Ende findet, müsste in seinen Augen differenzierter betrachtet werden, sieht er doch gravierende Unterschiede zwischen den von restriktiven Sexualmoral geprägten fünfziger Jahren und der sexualisierten Gegenwart. Siguschs vermeintliche Neuentdeckungen wie etwa Polyamorie oder Objektophilie wertet er als normative Korsettierung von Altbekanntem. Nicht zuletzt findet er die Darstellung "bildungsangeberisch", was die Lektüre mühsam mache.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.03.2011

Verdienstvoll und interessant als "Zeitdokument" findet die Rezensentin Petra Gehring diese gesammelten Aufsätze und Texte des Sexualwissenschaftlers Volkmar Sigusch aus den letzten Jahrzehnten. Sie lässt dabei aber mehr als nur durchblicken, dass sie die von Sigusch und seinen Mitstreitern verkörperte Epoche einer sich als emanzipatorisch verstehenden Sexualwissenschaft als abgeschlossenes historisches Kapitel begreift. Als manifesten und nicht aufgelösten Widerspruch sieht sie dabei die "Dialektik von Verbot und Befreiung" in Siguschs Theorie: Einerseits kämpft er für die Enttabuisierung von Sex, andererseits begreift er das Verbot und seine Umgehung als luststeigernd. Nicht wirklich glücklich ist Gehring mit Siguschs im Kampf um sein inzwischen abgewickeltes Institut an der Uni Frankfurt verfasster "hochmoralischer Prosa" im Verbund mit "heroisierendem Selbstlob". Ein Verriss ist das dennoch nicht, nur eine etwas skeptische Interessensbekundung an diesem Abschnitt deutscher Sexualwissenschaft.