Heute in den Feuilletons

Zum Samtglanz getrocknet

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.05.2011. Die Filmkritik hat sich in Cannes eingerichtet und blickt weitgehend freudig den heute eröffnenden Filmfestspielen entgegen: Gezeigt werden auch zwei mutig an die Croisette geschickte Filme der beiden iranischen Regisseure Jafar Panahi und Mohammed Rasoulof. In der SZ beobachtet der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe eine antikapitalistische Revolution in Europa. In der FR empfiehlt Joachim Radkau die Weisheit des Mittelwegs. Die FAZ präsentiert das chinesische Fräuleinwunder Gao Can. Und die Welt beobachtet ehrfurchtsvoll die Digitalisierung Paul Klees. Weiter für Diskussion sorgt der Henri-Nannen-Preis: Wurde Rene Pfister in der falschen Kategorie nicht ausgezeichnet?

Welt, 11.05.2011

Hans-Joachim Müller besucht ehrfürchtig und staunend das digitale Labor der Düsseldorfer Kunstsammlung, wo die Bilder, Aquarelle und Zeichnungen Paul Klees gescannt werden: "Paul Klees 'heroische Rosen' als 'Digitalisat'. Das Wort ist so schrecklich, dass sich der empfindsame Maler gleich jegliche Algorithmisierung seiner Kunst verbeten hätte. Aber interessiert hätte es ihn vielleicht schon, wenn man ihm gezeigt hätten, wie seine Brokat-Farben die Papierzellen aufgefüllt haben, bevor sie zum Samtglanz getrocknet sind."

Weiteres: Kai Hinrich Renner berichtet vom anhaltenden Krach um den Henri-Nannen-Preis, der dem Spiegel-Redakteur Rene Pfister wegen seines zweifelhaften Reportageeinstiegs wieder aberkannt wurde. Oberjournalistenlehrer Wolf Schneider macht dabei ein ganz anderes Fass auf: "Pfisters Stück über Seehofer sei ein guter Text, der lediglich in der falschen Kategorie ausgezeichnet worden sei. Es handele sich dabei um ein Porträt und nicht um eine Reportage."

Hanns-Georg Rodek blickt auf das Filmfestival von Cannes voraus, für das Terrence Malicks neuer Film "The Tree of Life" nun endlich fertig georden ist. Michael Pilz gedenkt des heiligen Bob Marleys, der vor dreißig Jahren gestorben ist. Manuel Brug freut sich über die finazielle und künstlerische Wiederauferstehung der Sidney Dance Company. Klaus Lüber instruiert über die modernen Yoga-Stilen, die sich mehr und mehr einer Body-Wellness angleichen. Hajo Steinert liest Angela Krauß' Buch "Im schönsten Fall".

NZZ, 11.05.2011

Susanne Ostwald stimmt uns auf die heute eröffnenden Filmfestspiele von Cannes ein, deren Bedeutung mit der stetig wachsenden Zahl konkurrierender Festivals eher noch zugenommen haben dürfte. Gezeigt werden unter anderem die neuen Filme von Terrence Malick, Lars von Trier, Pedro Almodovar, Aki Kaurismäki, Nanni Moretti und den Brüdern Jean-Pierre und Luc Dardenne. Aber auch die iranischen Regisseure Jafar Panahi und Mohammed Rasoulof, die zu fünf Jahre Haft und 20 Jahren Berufsverbot verurteilt wurde, wie Ostwald selbst überrascht melden kann: "'In Film Nist' (Dies ist kein Film) von Panahi dokumentiert einen Tag im Leben des Filmemachers, der auf seine Gerichtsverhandlung wartet. Der Spielfilm 'Be Omid e Didar' (Good-bye) von Rasoulof erzählt von einer iranischen Anwältin, die das Land verlassen will. Beide Filme sind, wie das Festival erklärt, unter 'semi-klandestinen Bedingungen' entstanden - ein mutiger Akt gegen die Repression."

Besprochen werden die Münchner Ausstellungen zur Architekturfotografie seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, Francis Alys Installation zur heiligen Fabiola im Haus am Kirschgarten in Basel, die Wittener Tage für neue Kammermusik 2011, Peter Oliver Loews Biografie der Stadt "Danzig" und John Updikes Erzählungen "Die Tränen meines Vaters" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FR, 11.05.2011

Der Historiker Joachim Radkau schreibt in einem Essay über Flunkereien für das "friedliche Atom" und die "Weisheit des mittleren Wegs" bei technischen Großprojekten. Ausgehend von der Geschichte von Dädalus und Ikarus stellt er fest: "Es ist gerade die technische Kompetenz des Dädalus, die zur Vorsicht verleitet, zur Weisheit des mittleren Weges, zur klugen Balance zwischen konträren Risiken, während die Euphorie, die Fixierung auf den Superlativ in einer Richtung, der fatale Hang des naiven Dilettanten ist. Den wahren technologischen Virtuosen zeichnet das Risikobewusstsein aus; die Einbildung totaler Sicherheit verrät Ignoranz."

Daniel Kothenschulte widmet sich den unterschiedlichen Perspektiven der Kurzfilmfestivals in Oberhausen und Stuttgart. In Times mager kommentiert Christian Schlüter die Aberkennung des Henri-Nannen-Preises für den Spiegel-Autor Rene Pfister. Mit diesem Thema beschäftigen sich auf der Medienseite auch Marin Majica und Ralf Mielke sowie Christian Bommarius.

Besprochen werden ein Konzert des Ensemble Modern in der Alten Oper, Lorenzo Fioronis Inszenierung von Wagners "Lohengrin" am Staatstheater Kassel, der Roman "Die Lichter von Bullet Park" von John Cheever, Patrick Pecherots Krimi "Belleville - Barcelona" und der Comic "Laika" von Nick Abadzis. (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)
Anzeige

TAZ, 11.05.2011

Cristina Nord bereitet auf die heute beginnenden Filmfestspiele von Cannes vor, auf denen auch Filme aus dem Arabischen Frühling zu sehen sein werden. Katrin Bettina Müller berichtet vom fulminanten Start des Berliner Theatertreffens mit der Trilogie "Das Werk/Im Bus/Ein Sturz"von Elfriede Jelinek und einer "Kirschgarten"-Inszenierung von Karin Henkel. Bert Rebhandel schreibt über Fritz Langs Filmklassiker "Metropolis", der jetzt in restaurierter und vervollständigter Fassung in die Kinos kommt. David Denk und Philipp Gessler informieren über die Aberkennung des Henri-Nannen-Preises für den Spiegel-Autor Rene Pfister, der den Aufhänger für sein Porträt über Horst Seehofer, dessen Modelleisenbahn, in Wirklichkeit nie gesehen hatte.

Und Tom.

Tagesspiegel, 11.05.2011

Harald Martenstein findet die Entscheidung, Rene Pfister den Henri-Nannen-Preis zu entziehen, überzogen: "Die Aberkennung eines Preises ist ein pathetischer Akt, der eine Ehrung in ihr Gegenteil verkehrt, in eine öffentliche Schmähung, und das hat der Autor Pfister nicht verdient. Er hat nicht betrogen, nicht gelogen, alle Fakten stimmen, und seine Geschichte ist gut."

FAZ, 11.05.2011

Mark Siemons stellt die chinesische Dichterin Gao Can vor, die gerade viel Aufmerksamkeit bekommt, nicht zuletzt ihres Alters wegen: "Heute ist sie fünfzehn, und bei verschiedenen Verlagen sind mittlerweile neun Bücher von ihr erschienen, fünf Lyrikbände und vier Essay- und Märchensammlungen. Ursprünglich waren sie für andere Kinder gedacht, doch inzwischen werden sie vor allem von Erwachsenen gelesen. In dem 2010 veröffentlichten Buch 'Gao Can als Literatin' würdigten chinesische Schriftsteller und Philosophen die junge Dichterin als Hoffnung nicht nur für die Literatur, sondern inmitten einer Umgebung, die ihnen immer berechnender vorkommt, für die Phantasie schlechthin."

Weitere Artikel: In der Glosse schildert Jordan Mejias, wie die jüdische Community von New York heftig in Streit geriet über die Verleihung der Ehrendoktorwürde an den israelkritischen Juden Tony Kushner. Der Sozialwissenschaftler Gunnar Heinsohn erklärt, warum die demografische Entwicklung einst zum Amerikanischen Bürgerkrieg führen musste. Auf der DVD-Seite geht es unter anderem um zwei Dokumentarfilme über den Afghanistan-Krieg und eine Edition mit drei Filmen von Mike Leigh. Auf der Medienseite erklärt Frank Schirrmacher noch einmal ausführlich, warum er als Jury-Mitglied gegen die Aberkennung des Henri-Nannen-Preises an den Modelleisenbahn-Aufschneider Rene Pfister war.

Besprochen werden Anselm Webers Bochumer Uraufführung von Reto Fingers Stück "Haus am See", eine Madrider Aufführung der Moliere- und Lully-Oper "Der Bürger als Edelmann" durch Vincent Dumestre und sein Ensemble "Le Poeme Harmonique", die nun in den Kinos anlaufende rekonstruierte "Metropolis"-Version, und Bücher, darunter Sönke Neitzels und Harald Welzers "Soldaten"-Studie (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 11.05.2011

In einem sehr interessanten ganzseitigen Interview gibt der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe der aktuellen, derzeit auf Griechenland konzentrierten Staatsverschuldungskrise eine historische Tiefendimension: "Spanien erlebte im 17. Jahrhundert mehrere große Staatsbankrotte. Daran kann man gut sehen, was passiert: Wenn der spanische König seine Finanzen nicht in Ordnung hält und vom Edelmetall aus Südamerika lebt; wenn alle denken, er sei als König in jedem Fall solvent, und ihm Geld leihen, und wenn er dann plötzlich pleite ist: Dann wird eben der spanische Staat ärmer, vor allem aber müssen die Gläubiger dran glauben, in diesem Fall auch die oberdeutschen Bankhäuser, die Fugger und die Welser - und ihr Geld ist futsch." Da nun genau das aber diesmal nicht passieren soll und die Europäische Zentralbank das Risiko übernimmt, spricht Plumpe von einer "antikapitalistischen Revolution", deren Folgen nicht recht absehbar seien. 

Weitere Artikel: Auf Neues von alten Bekannten freut sich - gebremst - Susan Vahabzadeh in ihrem Cannes-Vorbericht; auf Jafar Panahis mutig an die Croisette geschickte "Datei auf einem USB-Stick" ist sie allerdings schon recht gespannt. Thomas Steinfeld referiert die Auseinandersetzung zwischen Noam Chomsky - der die "Hinrichtung" Osama Bin Ladens scharf verurteilt und dessen Täterschaft bei 9/11 nicht für ausgemacht hält - und Christopher Hitchens (in Slate), der Chomsky nicht nur deshalb für einen antiamerikanischen Verschwörungstheoretiker hält. Jens Bisky hält den Konflikt zwischen Architekturfreunden und Sanierern aus Klimaschutzgründen für keinen notwendigen. Willi Winkler gratuliert dem Rocksänger Eric Burdon zum Siebzigsten.

In einem Interview auf der Medienseite erklärt Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo, warum er die Aberkennung des Henri-Nannen-Preises für Rene Pfister für falsch hält. Von einer Tagung zum Persönlichkeitsschutz im Internet, bei der sich die Rechtsprofessoren in ganz klar getrennte Lager spalteten, berichtet Helmut Kerscher.

Besprochen werden ein Konzert mit der Geigerin Hilary Hahn und der Pianistin Valentina Lisitsa in München, die Ausstellung "Afropolis" im Iwalewa-Haus in Bayreuth und Bücher, darunter Cees Nootebooms "Schiffstagebuch" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).