Heute in den Feuilletons

Allerhand rätselhafte Zuckungen.

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.12.2010. Clay Shirky stürzt sich in den Zwiespalt von Transparenz und Geheimnis. In der FR vergleichen Geert Lovink und Patrice Riemens Hacker und Agenten.  Die vier Kritiker der Berliner Zeitung sind sich uneins über Thielemanns Beethoven-Zyklus. Der eine in der FAZ auch. Aber dann der langsame Satz! Netzpolitik ist entsetzt über Rot und Grün in NRW. Die taz erscheint heute mit Migrationshintergrund. Die Welt schwärmt von den "Trojanern" an der Deutschen Oper Berlin und vor allem vom Zottelschotten Runnicles. In der SZ wehrt sich der Historiker Gregor Schöllgen gegen den Vorwurf, erst durch den Band "Das Amt" sei die deutsche Außenpolitik der Nazizeit angemessen ausgeleuchtet worden.

Berliner Zeitung, 07.12.2010

Die Berliner Zeitung lässt gleich vier Kritiker über Christian Thielemanns Zyklus mit allen Beethoven-Sinfonien in Berlin schreiben. Sie sind sich keineswegs einig. Am bösesten Clemens Haustein über die Neunte: "Thielemann schlenkert nach Furtwängler-Manier den linken Arm durch die Luft und vollführt allerhand rätselhafte Zuckungen. Eine hörbare Wirkung auf die Wiener Philharmoniker leitet sich daraus selten ab." Und doch: "Aber dann unverhofft der wunderbare langsame Satz, den Thielemann ausbreitet wie ein Bruckner-Adagio. Er klingt so zart und wie nach harten Kämpfen erlöst, dass er in dieser Aufführung wie ein Schluss wirkt."

Aus den Blogs, 07.12.2010

Clay Shirky denkt über die jüngsten Wikileaks Enthüllungen nach: "My personal view is that there is too much secrecy in the current system, and that a corrective towards transparency is a good idea. I don?t, however, believe in total transparency, and even more importantly, I don?t think that independent actors who are subject to no checks or balances is a good idea in the long haul."

Sehr erstaunt über das offenbar in lauschiger Atmosphäre geführte Interview der FAZ-Journalistin Christiane Hoffmann mit dem engsten Berater Ahmadinedschads, Esfandiar Rahim-Mashai, ist Oliver Picha in Wadinet: "Man gibt ihm brav die Stichworte vor, zu denen er sich ganz freundlich und gewandt gerne äußert, kein Nachfragen, nichts Unangenehmes wird angesprochen, ja der egomanische Selbstdarsteller Mashai darf noch kokett die Frage offen lassen, ob er Nachfolger von Ahmedinejad werden könnte."

Das Blog Carta, einer der brillantesten Beiträge zur deutschen Blogosphäre, organisiert sich neu. Carta-Erfinder Robin Meyer-Lucht schreibt: "Nach zwei Jahren intensiver Aufbauarbeit bei Carta ist für mich die Zeit gekommen, mich wieder verstärkt meiner Tätigkeit als Berater zuzuwenden und mich aus der operativen Führung von Carta zu verabschieden. Selbstverständlich werde ich Carta als Autor erhalten bleiben."

SPD und Grüne im Landtag NRW - das heißt die Regierungsfraktionen - scheinen sich entschlossen zu haben, bei der Abstimmung über den JMStV gemeinsam für Enthaltung zu stimmen. Das Gesetz würde damit wahrscheinlich durchkommen. Jörg-Olaf Schäfers in Netzpolitik ist entsetzt: "Schlimmer als eine gemeinsame Enthaltung geht nicht. Eine gemeinsame Enthaltung wäre - unabhängig vom JMStV - nicht nur verantwortungslos, sondern ein demokratischer Totalausfall und des Landes NRW unwürdig."

Gestern nacht bei Youtube "Die Mörder sind unter uns" geguckt, danach Hildegard Knef gesucht und dieses Video gefunden, das einem komplett die Sprache verschlägt: "Er hieß nicht von Oertzen"


Weitere Medien, 07.12.2010

(Via Die Achse des Guten) Ari Shavit zieht in Ha'aretz eine Lehre aus den jüngsten Wikileaks-Enthüllungen: "The confidential e-mails proved that the world they were talking about in Washington, Paris and London was an imaginary world. Assange proved that there was no connection between the real Middle East and the Middle East they talk about in The Washington Post, Le Monde and The Guardian. He revealed that the entire Arab world is currently busy with one problem only - Iran, Iran, Iran."
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TAZ, 07.12.2010

Die taz nennt sich heute "Deutschland-taz. Zeitung mit Migrationshintergrund" und führt mit 53 Gastautoren und -redakteuren die Integrationsdebatte.

Das kenianisch-deutsche Model Waridi Schrobsdorff plädiert für ein selbstbewusstes Auftreten: "Bei einer Begegnung ist es wichtig, dass man sich nicht von vornherein selbst in eine klischeehafte Rolle hineinbegibt. Sondern vielmehr auch andere Wahrnehmungen zulässt. Wenn ich in ein Restaurant gehe, gucken mich vielleicht alle an. Aber ich denke dann doch nicht: 'Oh Gott, ich bin die einzige Farbige hier', sondern gehe davon aus, dass die Leute mich anschauen, weil ich so groß bin. Oder weil sie denken: 'Wow, die sieht ja gut aus!'"

Außerdem: Norbert Bolz schreibt über linke Lebenslügen in Sachen Einwanderung, Daniel Cohn-Bendit über rechte Lebenslügen. Henryk M. Broder interviewt Thilo Sarrazin ("Der Arbeitstitel, unter dem das Buch immer noch geführt wird im Verlag, wenn ich meine Abrechnungen bekomme, heißt: 'Wir essen unser Saatgut auf.'") Emilia Smechowski schildert die Zustände in einem Asylbewerberheim im bayerischen Denkendorf. Sineb el Masrar stellt sich vor mit den Worten: "Gestatten, emanzipiertes Opfer!" Mehmet Öztürk erzählt, wie es ist, türkisch, deutsch und schwul zu sein. Ein Streitgespräch über Heimat, "Leitkultur" und Integration führen Erika Steinbach, Naika Foroutan, Neco Celik und Thomas Brussig. Feridun Zaimoglu erklärt, warum er Deutschland liebt.

Alle Artikel findet man hier. Und Tom hier.

NZZ, 07.12.2010

Beatrice Uerlings erzählt die Geschichte der Lyrikzeitschrift Poetry, die nach Jahrzehnten eines mittellosen Schattendaseins 2001 eine Spende von 100 Millionen Dollar erhielt. Der Investmentbanker John Barr hat die Geschäfte übernommen: "Poetry residiert jetzt in einem schicken Büro in der Chicagoer Innenstadt und beschäftigt 20 Berater, deren Hauptaufgabe es ist, Barrs Vision einer anderen Dichtungskultur zu verwirklichen. Lyrik so populär zu machen wie Hollywood-Filme - das ist der Traum des neuen Poetry-Chefs."

Weiteres: Andreas Klaeui stellt den argentinischen Dramatiker, Regisseur und Schauspieler Rafael Spregelburd vor. Besprochen werden eine Aufführung von Verdis "Räubern" am Opernhaus Zürich, Andras Schiffs Bach-Konzert in Zürich, Tom Rachmans Roman "Die Unperfekten", Liebesgedichte von Michael Lentz und Belletristik aus der Romandie.

Auf der Medienseite liest Heribert Seifert die bisher nur auf Englische erschienenen Erinnerungen des früheren Chefredakteurs der New York Times Gerald M. Boyd.

Welt, 07.12.2010

Ziemlich begeistert ist Manuel Brug von Berlioz' "Trojanern" an der Deutschen Oper, zumindest von der Musik unter Donald Runnicles: "Nach nun schon eine Spielzeit währenden Aufwärmübungen im Repertoire mit Wagner und Puccini dirigierte der gemütlich wirkende Zottelschotte, der freilich kraftvoll zupacken und scharf den Tritt vorgeben kann, seine erste echte Premiere am eigenen Haus. Die erwies sich nicht nur als wunderbare, souverän angeführte Stilübung für sein Orchester. Einer der besten, von William Spaulding weichtönend und doch großräumig disponierten Opernchöre der Welt tat es ihm gleich."'

Weiteres: Peter Praschl erzählt, wie unangenehm es The Simth ist, eine Lieblingsband von Premier David Cameron zu sein. Hannes Stein fährt in New York mit der Seilbahn. Bertholf Seewald findet in Max Webers "Protestantischer Ethik" die Gründe dafür, dass es in Irland und Griechenlandmit mit dem Finanzkapitalismus nicht klappt. Paul Jandl war in Graz beim 50. Geburtstag der "besten Literaturzeitschrift, die es gibt": manuskripte.

FR, 07.12.2010

Geert Lovink und Patrice Riemens überlegen, was genau Wikileaks eigentlich ist und wie wir damit umgehen. Zwölf Thesen stellen sie auf, hier die siebte, in der es um die Frage geht, was Hacker mit Geheimdiensten gemeinsam haben und welche Kultur sie prägt: "Um ihre Werte und Aktionen zu verstehen, ist es unabdingbar darauf zu verweisen, dass Wikileaks von Hardcore-Nerds gegründet wurde und auch heute noch größtenteils von ihnen betrieben wird. Dazu kommt bedauerlicherweise eine kräftige Dosis wenig appetitlicher Aspekte der Hacker-Kultur. Der Weltverbesserungs-Idealismus von Wikileaks ist nicht von der Hand zu weisen, ganz im Gegenteil. Aber dieser Idealismus (man könnte auch sagen: Anarchismus) ist gepaart mit einem Hang zu Verschwörungen, einer elitären Attitüde und Geheimhaltungskult (herablassendes Benehmen ist kein Problem). All dies ist der Zusammenarbeit mit Gleichgesinnten wenig dienlich. Sie werden reduziert auf die Rolle von Konsumenten der Wikileaks-Veröffentlichungen."

Außerdem: Egon Bahr erinnert sich im Interview an den Kniefall von Willy Brandt am Mahnmal des Warschauer Ghettos 1970. Besprochen werden Kurzopern von Purcell und Bartok in Frankfurt und ein Hamburger Ballettabend für den Choreografen Jerome Robbins.

FAZ, 07.12.2010

Nicht nur Interpretationstriumphe erlebte Jan Brachmann bei der Beethoven-Sinfonien-Serie der Wiener Philharmoniker unter Christian Thielemann in Berlin, so gelungen er sie insgesamt auch fand. Bei den Finalsätzen der Fünften und Siebten etwa gab es Probleme: "Diese turbulenten, strahlenden Sätze sind natürlich auf eine triumphale Wirkung hin angelegt und dürfen diese sehr wohl entfalten.Sie bedürfen dazu aber auch des stabilen Tempos als Maß, an dem die harmonischen Zuspitzungen erfahrbar werden. Thielemann hingegen drehte, gerade in der Fünften, immer wieder am Temporegler: anspornen - zügeln - anspornen - zügeln! Und die Wirkung ging perdu bei dem ganzen Hott und Hüh! Einen Teil des Publikums im ausverkauften Saal riss es unbeirrt von den Sitzen zu lautem 'Bravo!', der andere Teil neigte - halb amüsiert, halb betrübt - das Haupt zum stillen 'Klickradoms!'"

Weitere Artikel: Jürgen Kaube sieht die jüngeren Bürgerproteste mit ihrem Latein da sofort am Ende, wo die Lage der Dinge abstrakter wird - genauer gesagt: so abstrakt, wie sie in den Gesellschaften der Gegenwart nun einmal ist. Die ungewöhnliche Koalition von Rechtshistorikertag und Linkspartei, die beide eine Liberalisierung der "Akteneinsicht Dritter in Verfahrensakten des Bundesverfassungsgerichts" fordern, kommentiert Martin Otto. Daniel Haas glossiert die Tatsache, dass die aktuellen Stars der britischen Charts in der Mehrzahl Privatschulzöglinge sind. Julia Bähr berichtet vom ersten Münchner Literaturfest (Website). Über den nun vor Gericht getragenen Streit in der Winckelmann-Gesellschaft informiert Christoph Schmälzle.

Besprochen werden ein von Barrie Kosky inszenierter Doppelabend mit Opern von Purcell und Bartok an der Frankfurter Oper Gerhard Rohde befindet: "brillant"), ein von Andreas Kriegenburg und acht SchauspielerInnen erarbeiteter Abend des Titels "Alles nur der Liebe wegen" an den Münchner Kammerspielen (Astrid Kaminski erlebt einen "Figurenfasching mit bewegungsneurotischen Clowns"), die Ausstellung "Credo. Meisterwerke der Glaubenskunst" in der Draiflessen Collection in Mettingen und Bücher, darunter Niklas Holzbergs "Sex und Spott und Politik" untertitelte Einführung in das Werk des "Aristophanes" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 07.12.2010

Gregor Schöllgen, Mitherausgeber der "Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland", wehrt sich gegen den Vorwurf (mehr hier, letzter Absatz), erst durch den jüngsten Band über das "Amt" sei die Verwicklung des Auswärtigen Amts in die Ermordung der Juden dokumentiert worden - dies geschah schon in seinen "Akten": Man lese nach in "Serie D": "Unter den Dutzenden Dokumenten, die sich unmittelbar oder mittelbar auf die Verfolgung des europäischen Judentums beziehen, befindet sich zum Beispiel die Aufzeichnung des Legationssekretärs Franz Rademacher vom 3. Juli 1940 über 'Die Judenfrage im Friedensvertrage', mit welcher der Plan einer Deportation 'aller Juden aus Europa', der sogenannte Madagaskar-Plan, Konturen annahm. Dieses Schlüsseldokument ist seit 1963 in den ADAP nachlesbar."

Weitere Artikel: In der "Zwischenzeit" schreibt Wolfgang Schreiber über klassische Musik, die im Netz steht - so kann man zum Beispiel den gesamten Warschauer Chopin-Wettbewerb dieses Jahres mit seiner Siegerin Yulianna Avdeeva nachverfolgen. Für Matthias Drobinski hat der "externe Bericht über Missbrauchsfälle im Erzbistum München kirchengeschichtliche Dimension" ("Es sind Akten vernichtet oder ausgelagert worden, Taten wurden geschönt, homosexuelle Mitarbeiter offenbar erpresst, um Aufklärung zu verhindern"). Burkhard Müller schreibt ein sehr wohlwollendes Porträt der gemäßigt islamischen Gülen-Bewegung unter ihrem türkischen Führer Fethullah Gülen. Auf der Literaturseite liest Camilo Jimenez einen bisher nur auf spanisch erschienen Band mit Reden Gabriel Garcia Marquez'.

Besprochen werden ein "Faust" unter Mahir Günsiray in Bochum, Hector Berlioz' "Trojaner" an der deutschen Oper Berlin und eine Ausstellung der Künstlerin Klara Liden in Bonn.