Heute in den Feuilletons

Er hält sich für klasse

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.11.2010. Heute spricht das Erste Pius XII. selig. In der Welt erklärt Rolf Hochhuth noch einmal, wie er auf den "Stellvertreter" kam: durch einen Brief Ernst von Weizsäckers ans AA, der sich freute, dass der Papst nicht gegen die Deportation von Juden protestierte. Die Blogs diskutieren über ein Papier der Gewerkschaft Ver.di, das die totale Überwachung des Netzes zur Verhinderung von Urheberrechtsverstößen fordert. Die taz porträtiert den immer wieder stolpernden Verlagserben Konstantin Neven Dumont. Die FR feiert Elfriede Jelineks neues Stück "Der Sturz" als "großartig bösartige" Lokalfarce über den Einsturz des Kölner Stadtarchivs.

Welt, 01.11.2010

Heute und morgen Abend läuft im Ersten ein Biopic über Pius XII., der von einer dem Vatikan nahe stehenden Firma produziert wurde und den Weg zu der von Benedikt XVI. betriebenen Seligsprechung des Papstes ebnen soll. Alan Posener unterhält sich mit Rolf Hochhuth über den Film, der ihn arg beschönigend findet. Erhellend im Zusammenhang heutiger Debatten seine Antwort auf die Frage, wie er seinerzeit auf das Thema für seinen "Stellvertreter" gekommen ist: "Durch Hitlers letzten Botschafter beim Heiligen Stuhl, Ernst von Weizsäcker, Vater des späteren Bundespräsidenten, der in einem fast triumphierenden Brief aus dem Vatikan ans Auswärtige Amt schrieb, und ich zitiere: 'Der Papst hat sich, obwohl von vielen Seiten bestürmt, zu keiner demonstrativen Äußerung gegen den Abtransport der Juden aus Rom hinreißen lassen.' Damit sei das unangenehme Problem, so Weizsäcker wörtlich, 'liquidiert'."

Weitere Artikel: Paul Jandl schreibt zum Tod des großen niederländischen Autors Harry Mulisch. Johannes Wetzel unterhält sich mit Luc Bondy, der gerade in Paris Ionescu inszeniert. Sascha Westphal stellt die Video-Plattform mubi.com vor, auf der man - sofern es die komplizierte Rechtslage gestattet - Autorenfilme sehen kann.

Besprochen werden eine Revue mit Peaches in Im Berliner Hebbel-Theater, Elfriede Jelineks Stück "Der Sturz" über die Katastrophe des Kölner Stadtarchivs in Köln.

NZZ, 01.11.2010

Martin Meyer schreibt schreibt zum Tod des Schweizer Unternehmers und großen Mäzens Branco Weiss: "Weiss war ein selfmade man, schöpfte aus sich selbst. Dies machte ihn immun gegen das Gift der Bequemlichkeit." Dorothea Dieckmann liefert den Nachruf auf den niederländischen Schriftsteller Harry Mulisch.

Besprochen werden Michael Thalheimers Inszenierung von Brechts "Heiliger Johanna" an der Wiener Burg und ein Musiktheater-Abend mit Schönberg, Nono und Bach in Chur sowie Thomas Hauerts Choreografie von Sciarrinos "Il giornale della necropoli" in Zürich.

FR, 01.11.2010

Gut unterhalten hat sich Peter Michalzik bei einem Jelinekabend im Kölner Schauspielhaus. Von Karin Beier "identifikativ und den Text bedienend" inszeniert, wurden die Stücke "Das Werk" auf- und "Im Bus" und "Ein Sturz" uraufgeführt. Letztes ist eine "großartig bösartige" Lokalfarce über den Einsturz des Kölner Stadtarchivs: "Die Schauspieler (inklusive Caroline Peters) sind sehenswert, unübersehbar aber ist Kathrin Welisch, die als nackter Erdgeist durch 'Ein Sturz' huscht, sie ist die Erde, nass, geschunden, ungreifbar. Bis das Wasser kommt. Erde und Wasser, heißt es bei Jelinek, treiben es miteinander. Karin Beier zeigt das und was sie da zwischen Choreografie, Gewalt und einem Wasserbecken inszeniert hat, ist eine der schärfsten Sexszenen, die im Theater bisher zu sehen war."

Weitere Artikel: Arno Widmann schreibt zum Tod des niederländischen Schriftstellers Harry Mulisch: "Harry Mulisch, so sagen seine Kritiker, ist seiner Lebensgeschichte niemals entkommen. Sie begreifen nicht: Er hat sie fruchtbar gemacht." Und Hans-Jürgen Linke berichtet vom 41. Deutschen Jazzfestival im Sendesaal des Hessischen Rundfunks, das ganz gut ohne die Jazzpolizei klarkam und einen ganz unjazzigen Star präsentierte: "Jake Shimabukuro aus Hawaii ist so ziemlich von allem und jedem beeinflusst, von Carlos Montoya wie von Bruce Lee, von George Harrison und Franz Schubert. Seine musikhistorische Verantwortungslosigkeit ist unwiderstehlich." Hier eine Hörprobe:



Besprochen werden Amelie Niermeyers Inszenierung von George Taboris "Mein Kampf", Bastien Vives' Comic "In meinen Augen" und Tanizaki Jun'ichiros Essay "Lob der Meisterschaft" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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Aus den Blogs, 01.11.2010

Die etablierten Medien haben es kaum aufgegriffen. Die Gewerkschaft Ver.di fordert in einem Papier die lückenlose Überwachung des Netzes, um Urheberrechtsverstöße zu verhindern (mehr bei irights.info). Matthias Spielkamp kommentiert im Immateriblog das im Papier mal wieder angestimmte Klagelied über das Netz: "Obwohl in der Einführung auf die positiven Aspekte von Digitalisierung und Internet hingewiesen werden, ist die Tendenz doch leider überwiegend eine negative: Durch unsinnige Analogien ('Es entspricht einem breiten gesellschaftlichen Konsens und dem Selbstverständnis der Gewerkschaft, dass Rechtsverstöße (wie Betrug, Erpressung, Nazipropaganda, Verleumdungen), wo immer sie geschehen, zu unterbinden und erforderlichenfalls zu ahnden sind.') wird versucht, Urhebeberrechtsverstöße in die Nähe derartiger Taten zu rücken. Was soll das eine mit dem anderen zu tun haben?"

Das Portal Hartplatzhelden hat vor dem BGH gegen Fußballverbände gewonnen, die es stolzen Eltern nicht gestatten wollten, Videos von ihren in der E-Jugend kickenden Töchtern und Söhnen ins Netz zu stellen. Ein wichtiges Urteil, kommentiert Jürgen Kalwa in Carta, zumal die ersten Instanzen gegen das Portal entschieden hatten: "Mir ist in dem Zusammenhang noch etwas anderes aufgefallen. Das Leistungsschutzrecht, das sich die Sportverbände anmaßen wollten, ähnelt von der Uridee her stark dem Leistungsschutzrecht, das deutsche Medienhäuser durchdrücken wollen. Auch hier wird die gleiche Theorie ins Spiel gebracht, wonach die Verlage Rechte haben, weil sie es sind, die diese Überschriften auf die Beine stellen, die Google kopiert und verlinkt."

TAZ, 01.11.2010

Steffen Grimberg porträtiert den nicht ganz in die Spur kommenden Verlagserben Konstantin Neven Dumont, der immer wieder über peinliche Blogeinträge und sein Ego stolpert: "'Der Vater wollte und will immer wieder dem Sohn vertrauen', sagt ein DuMont-Insider. Bloß steht er ihm dabei selbst im Wege, denn wie viele Patriarchen kann Alfred nicht loslassen. Konstantin hat sich auf seine Art in dem Dilemma eingerichtet: Er hält sich für klasse. Neuen Führungskräften stellt er sich schon mal völlig ohne Selbstironie als der 'beste Mann im ganzen Konzern' vor."

Weiteres: Gerhard Dilger erklärt, was für eine große Leitfigur die Linke mit Nestor Kirchner verloren hat: Er konnte sogar mit Geld umgehen! Oranus Mahmoodi sieht trotz zunächst abgewendeter Sparbeschlüsse noch viel Misstrauen gegenüber Hamburgs Kulturpolitik. Rudolf Walther schreibt den Nachruf auf den niederländischen Schriftsteller Harry Mulisch. Brigitte Werneburg berichtet von den Plänen der Dokumenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev, unter anderem ihre Kuratoren künftig Agenten zu nennen.

Und Tom.

SZ, 01.11.2010

Die SZ feiert heute Allerheiligen. Wir gratulieren.

FAZ, 01.11.2010

Als eine Figur, die es in dieser Mischung nicht noch einmal gab, würdigt Dirk Schümer den verstorbenen niederländischen Weltliteraten Harry Mulisch. Gerd Roellecke findet mit Erstaunen alles, was es zu Stuttgart 21 zu sagen gibt, in Niklas Luhmann "Die Gesellschaft der Gesellschaft", und zwar auf den Seiten 847 bis 865: die moderne Gesellschaft protestiert gegen sich selbst. Gerade entsteht die jüngste Fortsetzung der erfolgreichen türkischen Fernseh- und Filmserie "Tal der Wölfe" - diesmal geht es um "Palästina". Bert Rebhandl geht kenntnisreich den populistischen Versuchen dieser Serie nach, Politik ohne Bemühen um Korrektheit in populistische Action zu überführen. Von einer mit einem Grußwort Herta Müllers eröffnete Berliner Tagung über die Diktaturen Osteuropas berichtet Katharina Teutsch. Rolf Dobelli rät in seiner "Klarer denken"-Kolumne entschieden zu Mangel an Respekt vor Autoritäten. In der Glosse geht es ums Rappen für die Politik, bei dem kaum jemand je eine gute Figur macht.

Besprochen werden Karin Beiers Aufführung von Elfriede Jelineks bei der Gelegenheit aktualisierend erweitertem Stück ""Das Werk / Im Bus / Ein Sturz" am Schauspielhaus Köln (Andreas Rossmann ist von der Regie mehr als begeistert: "wagemutig, fulminant und facettenreich"), Michael Thalheimers Inszenierung von Brechts "Heilige Johanna der Schlachthöfe" am Wiener Burgtheater ("grandios bübisch" findet Gerhard Stadelmaier das), Peter Guyers Dokumentarfilm "Sounds and Silence" (mehr) und Bücher, darunter Keith Richards' Autobiografie "Life" (mehr dazu in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).