Heute in den Feuilletons

Das Gefängnis ist wieder eine Kategorie der Politik

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.10.2010. In der Welt fasst Eckart Conze, Koautor der Studie über das Auswärtige Amt die Erkenntnisse des Bandes zusammen: Die Beamten waren Mittäter. Und später haben sie vertuscht. Besonders der FDP droht deshalb eine unangenehme Debatte, vermutet die taz, denn von 1969 bis 1998 stellte sie die Außenminister Die NZZ erinnert an Schanghai zur Kolonialzeit. Die FAZ berichtet von der Rückkehr der Finsternis in der Ukraine. Laut Irights.info will die Gewerkschaft Ver.di das Netz jetzt lückenlos überwachen: um Urheberrechtsverletzungen auf die Spur zu kommen.

NZZ, 30.10.2010

Die Kolonisierung brachte den Chinesen Demütigung und Krieg - und ein Bild von der Moderne. In Bilder und Zeiten erinnert der Sinologe Roland Altenburger an die Konzessionsgebiete der Briten und Franzosen in Schanghai im 19. Jahrhundert. "Was die Konzessionsgebiete Schanghais von den traditionsreichen Kulturstädten im Hinterland unterschied, waren das für China neuartige Flair der von Europäern entwickelten Stadtgebiete, die Annehmlichkeiten des täglichen Lebens wie fliessendes Wasser und Elektrizität, breite, offene Alleen, auf denen Pferdekutschen und Rikschas, später auch Straßenbahnen, Trolleybusse und Automobile verkehrten, sowie die Straßenbeleuchtung, von den 1870er Jahren an zunächst mit Gaslampen, später eben mit Elektrizität."

Weitere Artikel in der Beilage Literatur und Kunst: Victor Ravizza erinnert an fruchtlose Bemühungen Johannes Brahms', eine Oper zu schreiben. Und Martina Wohlthat erinnert an die Freundschaft zwischen Ferruccio Busoni und Hans Huber.

Sehr hübsch der Anfang von Dubravka Ugresic' Feuilleton-Kolumne "Mein digitales Leben": "Jemand behauptete einmal, Gott sei eine Fehlinformation, jemand anders hingegen meinte, Gott sei Google. Lange Zeit glaubte ich an das Erste, neuerdings neige ich eher zu dem Zweiten."

Besprochen werden die Austellung "Hitler und die Deutschen" in Berlin, die neue Hängung des Museums Winterthur und der Sammlung Oskar Reinhart, Ereignisse des Festivals "Tanz In. Bern" und Bücher, darunter Gabriel Josipovicis Roman "Moo Pak" und eine vierbändige Anthologie chinesischer Klassiker (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Welt, 30.10.2010

In der Literarischen Welt fasst Eckart Conze, Koautor der viel diskutierten Studie über das Auswärtige Amt, die Erkenntnisse des Buchs zusammen: "Die Mitwisser waren auch Mittäter. Nicht nur beschäftigten sich eigene Abteilungen mit der Organisation moderner Sklavenarbeit und mit Kunstraub. Die deutsche auswärtige Politik machte sich die 'Lösung der Judenfrage' in Deutschland, dann die 'Endlösung', zu ihrer Aufgabe." Auf der Forumsseite interviewt Thomas Schmid Egon Bahr, einst Staatssekretär im Auswärtigen Amt unter Willy Brandt, zum Thema.

Weitere Artikel in der Buchbeilage: Richard Kämmerlings vergegenwärtigt sich Peter Handkes Besuch beim blutigen Radovan Karadzic im Jahr 1996, der laut der gestrigen FAZ allein in der Sorge um die Bosnier begründet war. Buch der Woche ist der Band 3 der Nelly-Sachs-Gesamtausgabe mit Prosawerken der Autorin. Auf der letzten Seite nimmt sich Anne Chaplet alias Cora Stephan nochmal den Roman "Tod in den Anden" des frischgebackenen Nobelpreisträgers Mario Vargas LLosa vor: "Vargas Llosa führt die Macht des Tugendterrors des Leuchtenden Pfades in seiner Verbindung mit uralten indianischen Mythen und Riten auf etwas Universelles zurück, etwas, das nicht nur zur Geschichte Perus gehört, sondern zur Geschichte der Menschheit: auf den Glauben an die Notwendigkeit des Menschenopfers."

Im Feuilleton interviewt Michael Pilz die Countrysängerin Taylor Swift.

Weitere Medien, 30.10.2010

Matthias Spielkamp zitiert in irights.info aus einem Papier der Gewerkschaft Ver.di, die das Internet lückenlos auf Urheberrechtsverletzungen absuchen lassen will: "Ziel", so heißt es in dem Papier, "ist technische Instrumente zu finden, die es ermöglichen, dass beim Aufruf einer Seite mit illegalen Angeboten ohne Registrierung der Nutzer/innen-IP auf dem Monitor eine - von dazu legitimierten Institutionen vorgeschalteter - Information über die Rechtswidrigkeit des Angebots und dessen Nutzung erscheint."
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FR, 30.10.2010

In der FR-Debatte zu Monotheismus und Gottesstaat erläutert Christian Thomas, wie sehr einst der Monotheismus-Revolutionär Echnaton sein Volk überforderte: "... zur Dialektik der ägyptischen Aufklärung, so hat es die Archäologie Stele um Stele, Scherbe um Scherbe ans Licht gebracht, zählte ein totalitäres Regiment. Dokumente der Verzweiflung hat Echnatons Gottesstaat hinterlassen wie im übrigen auch solche der satirischen Auflehnung. Im Bannkreis des Lichtgottes Aton warf die reine Idee des einzigen Gottes gnadenlose Schatten." Franz Maciejewski fasst nebenstehend zentrale Thesen seines umstrittenen Buchs zum Thema zusammen.

Arno Widmann blickt noch einmal zurück auf den Protestbrief Marga Henselers an Joschka Fischer, der zur Einberufung der Historikerkommission führte, deren Arbeit nun so hohe Wellen schlägt. Als die Studie "Das Amt und die Vergangenheit" jetzt im Berliner Haus der Kulturen der Welt vorgestellt wurde, hörte Widmann folgenden Wortwechsel: "'Wie kam es dazu?' fragte die Moderatorin. 'Wie kam es dazu, dass kultivierte, gebildete Menschen mittaten bei den Schlächtereien der Nazis?' - 'Und wenn es keine gebildeten, kultivierten Menschen waren? Wenn sie nur einen Riesenbohei um ihre Kultiviertheit machten, aber nichts dahinter war?' antwortete ihr Fischer."

Besprochen werden Körperkulttheater von Falk Richter/Anouk van Dijk und der postpornografischen Performerin Peaches in Berlin, Nuran David Calis' "Next Generation"-Projekt mit 37 Jugendlichen am Theater Bochum, ein Abend mit Choreografien von Pascal Touzeau in Mainz und zwei Ausstellungen zum Expressionismus, eine in Darmstadt, eine in Wiesbaden.

TAZ, 30.10.2010

Im Gespräch mit Cristina Nord erklärt Olivier Assayas, dass er über die Freiheiten, die er bei seinem Terrorismus-Fünfeinhalbstünder "Carlos" (mehr hier) hatte, selbst staunen musste: "Ich dachte, dass irgendwann jemand sagen würde: 'Wach auf, das ist sinnlos, du machst etwas, was es im Fernsehen noch nicht gegeben hat, einen fünfeinhalbstündigen Film, das ist schön für dich, aber wir sehen kein kommerzielles Potenzial. Hör auf!' Aber das ist nicht geschehen."

Von der Berliner Podiumsdiskussion im Haus der Kulturen der Welt mit den Ex-Außenministern Frank-Walter Steinmeier und Joschka Fischer erstattet Andreas Fanizadeh Bericht. Abgeschlossen sei die Analyse der NS-Zusammenhänge im Außenamt allerdings auch nach der nun vorliegenden historischen Studie nicht: "Die Autoren der Studie - die Historiker Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes und Moshe Zimmermann - waren sich in ihren Statements einig, dass der Umgang des Auswärtigen Amts mit der braunen Vergangenheit paradigmatisch für die Bundesrepublik stehe. Insbesondere der FDP droht eine unangenehme Debatte. Von 1969 bis 1998 stellte sie die Außenminister."

Weitere Artikel: Bernd Pickert schreibt über den erstaunlichen Einfluss der beiden US-TV-Comedians Stephen Colbert und Jon Stewart auf die politische Diskussion im Land. Nina Apin porträtiert die Grafikdesignerin Alexandra Klobouk, die in einem zweisprachigen Buch mit dem Titel "Istanbul, mit scharfe Soße?" mit manchem Türkei-Klischee aufräumt. In der "Leuchten der Menschheit"-Kolumne weiß Andreas Fanizadeh, was Stuttgart 21 Henry David Thoreaus Theorien des "zivilen Ungehorsams" verdankt.

Besprochen werden Bücher, darunter Garth Risk Hallbergs Romanhybrid "Ein Naturführer der amerikanischen Familie" und David Remnicks "Barack Obama"-Biografie (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Und Tom.

SZ, 30.10.2010

Kontrolliertes Schrumpfen, ist das einzige, was, wie es aussieht, Detroit noch helfen kann. Jörg Häntzschel war in der einstigen US-Autohochburg und erklärt die Pläne Dave Bings und seiner Organisation "Detroit Works": "Während seine Vorgänger mit einem neuen Stadion und neuen Hochhäusern downtown nur weitere Kulissen für die potemkinsche Großstadt bauten, hat Bing es hart ausgesprochen: Detroit wird nie wieder eine Zwei-Millionen-Stadt sein, und um zu überleben, muss es kontrolliert schrumpfen. Bing spricht von einer 'nodalen' Struktur: Die intakten Subzentren bleiben, aber spärlich besiedelte Viertel dazwischen werden von der städtischen Versorgung abgekoppelt und nehmen 'pastoralen Charakter' an."

Weitere Artikel: Lothar Müller fasst zusammen, was gestern in einem Auszug aus Malte Herwigs neuer Biografie über Peter Handkes Besuch bei Radovan Karadzic zu erfahren war - hält aber noch einmal fest, dass das Faktum schon seit zwei Jahren bekannt war. Für das "menschgewordene Stuttgart 21" hält Kurt Kister den viel gepriesenen Karl Theodor zu Guttenberg. Olaf Przybilla teilt mit, dass Wolfgang Wagners einziger Sohn Gottfried dessen Urnenbeisetzung fernblieb, weil er nicht glauben wollte, dass, wie die Töchter behaupten, Nike Wagner und ihre Schwester zu Wolfgangs Lebzeiten von diesem für diese Gelegenheit ausdrücklich nicht eingeladen waren. Susan Vahabzadeh porträtiert den auf der Viennale mit einer Retrospektive geehrten US-Regisseur Larry Cohen.

In der SZ am Wochenende schildern Joachim Käppner und Monika Maier-Albang den Streit um Benjamin Idriz, den Imam von Penzberg, dem der bayerische Innenminister und der Verfassungsschutz nicht abnehmen, so moderat zu sein, wie er tut: Idriz betont, der Islam solle "sich als Teil der demokratischen Gesellschaft verstehen. Genau deshalb gilt er radikaleren Muslimen aber auch als verdächtig; deshalb sprechen sie manchmal von ihm als 'dem Idioten' oder 'dem Schwachkopf'."

Im Aufmacher deutet Tobias Moorstedt den aktuellen Siegeszug der populistischen Wut-Sachbuchliteratur als Zeichen der Zeit. Auf der Historienseite geht es um den Siegeszug der Araber im siebten Jahrhundert. Auf der Literaturseite gibt es eine Erzählung von Hans Pleschinski mit dem Titel "Aus deutscher Stube". Im Interview spricht Nora von Waldstätten über ihre Karriere, die Rolle der Magdalena Kopp in Olivier Assayas' Terrorismusfilm "Carlos" und interviewtitelgebend auch über "Adel".

Besprochen werden die Performance "Peaches does herself" im Berliner HAU, ein Münchner Konzert des Pianisten Lang Lang mit dem von Antonio Pappano dirigierten römischen Sinfonieorchester der Accademia di Santa Cecilia, die Ausstellung "Re-Designing the East" über das Grafikdesign des Widerstands im Württembergischen Kunstverein (Markus Zehentbauer stellt fest, dass das Stuttgarter Publikum sich "reichlich an dem Verkaufstisch bedient, an dem es T-Shirts mit dem Solidarnosc-Schriftzug zu kaufen gibt"), die Ausstellung "Auf den Knieen meines Herzens - Kleist trifft Goethe" in der Casa di Goethe in Rom und Bücher, darunter Sascha Lobos Romandebüt "Strohfeuer" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 30.10.2010

Konrad Schuller schickt eine sehr eindrucksovlle Reportage aus der Ukraine, wo nach dem tristen Ende der orangen Revolution die alten Kräfte der Finsternis wieder das Ruder übernehmen. Er selbst werde bespitzelt, berichtet Schuller, und stellt den zuständigen Herren vor, den Oligarchen, Medientycoon und jetzigen Geheimdienstchef Valerij Choroschkowskij, der hohe Beamte der einstigen Regierung Timoschenko, wie etwa den Zolldirektor Anatolij Makarenko, in den Knast steckt. Und da sieht es so aus: "Makarenko sitzt im Isolator Nummer 1, einem Kerker aus Zarenzeiten. Sein Anwalt Jurij Suchow beschreibt die Zelle: Vier Mann auf 14 Quadratmeter, Wasserhahn, Klo ohne Sichtschutz. In den Duschen klaffen Schusslöcher, noch von den Hinrichtungen unter Stalin, und wenn die Wärter das Essen im Flur auf den Boden stellen, kommen die Ratten. Familienbesuch einmal im Monat - allerdings gefährlich, wegen der Tuberkulose im Haus. Das Gefängnis ist wieder eine Kategorie der Politik."

Weitere Artikel: Im Aufmacher lässt man nochmal die beiden Veranstaltungen Revue passieren, bei denen Guido Westerwelle und sein Vorgänger Joschka Fischer (getrennt voneinander) die Studie über die Rolle des Auswärtigen Amtes in der Nazizeit vorstellten. Stimmen aus dem Ausland begrüßen das Ausmaß der Vergangenheitsbewältigung in Deutschland. Jürgen Dollase macht sich in seiner Gastrokolumne Gedanken über die Rolle des Regionalen in der führenden Küche. Der in Großbritannien lehrende Philosoph Alexander Garcia Düttmann berichtet über drastische Sparmaßnahmen an britischen Universitäten - Geisteswissenschaften sollen überhaupt keine Staatsgelder mehr bekommen und ihre Einnahmen allein durch Studiengebühren bestreiten. Literaturdetektiv Reinhard Pabst bezweifelt die Authentizität eines jüngst entdeckten und als Sensation präsentierten Fotos von Arthur Rimbaud. Jordan Mejias befasst sich kurz vor Jon Stewarts "Rally to Restore Sanity" seltsamerweise nicht mit Stewart, sondern mit den Lesegewohnheiten des Tea-Party-Propagandisten Glenn Beck.

Besprochen werden CD's, unter anderem von dem stets noch rüstigen Brian Ferry und Sibelius- und Schönberg-Einspielungen des Tetzlaff-Quartetts, sowie Bücher, darunter Mathias Enards Roman "Zone" (mehr hier) und Monika Marons Essayband "Zwei Brüder".

In Bilder und Zeiten unterbreitet Bundesminister Rainer Brüderle seine Vision von "Deutschland als Chancenland". Daniel Haas befasst sich aus Anlass vion Halloween mit der Figur des "Zombies". Mark Siemons berichtet von einer Konfuzius-Konferenz in China

In der Frankfurter Anthologie stellt Hans Christoph Buch ein Gedicht Christian Morgensterns vor - "Er war ein Bäcker:

Wenn einst der schwarze Ochse 'Tod'
das Blümlein frisst, das meinen Namen
im Bunten Beet des Lebens trägt. (...)"