Mathias Enard

Zone

Roman
Cover: Zone
Berlin Verlag, Berlin 2010
ISBN 9783827008862
Gebunden, 608 Seiten, 28,00 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. Francis Mirkovic, alias Yves Deroy, sitzt im Pendolino von Mailand nach Rom, inkognito und erster Klasse reisend, und über ihm, mit einer Handschelle an der Gepäckstange gesichert, ein Metallkoffer voller Dokumente und Fotos - der "Koffer voller Toten". Er enthält die Listen von Kriegsverbrechern, Waffenhändlern und Terroristen, die Francis als Agent des französischen Geheimdienstes in den Konfliktzonen des Mittelmeerraums zusammengestellt hat und an den Vatikan verkaufen will, um ein neues Leben zu beginnen. Erschöpft von Alkohol und Amphetaminen lässt er seinen Erinnerungen freien Lauf - an die Entsetzlichkeiten des Balkankrieges, in die er zwei Jahre als Söldner verwickelt war, an die Freunde, die neben ihm starben, an die Menschen von Algier bis Jerusalem, die er ausspionierte, an die Frauen, die er liebte: Stephanie, die kein Kind "mit einem Barbaren wie ihm" wollte, oder Sashka, die vielleicht noch in Rom auf ihn wartet.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 10.01.2011

Fast hat es Jan Süselbeck geschafft, fast hat er es dem Autor gleichgetan und seine Rezension, wie Mathias Enards Roman, aus einem einzigen, endlos langen Satz gebaut. Aber nur fast. Aber Enards Text kann mehr, als nur zu formalen Experimenten inspirieren. Laut Süselbeck handelt es sich sogar um ein literarisches Wunder, sehr traurig zwar, aber auch dicht, poetisch, abgründig, sprachlich, polyfonisch, überetzungstechnisch einfach große Klasse. Und dann dieser Gedankenstrom - endlos, wie bei Joyce, Fiktives und Reales ineinanderwuselnd, dass der Rezensent zwischendrin googeln oder im Glossar blättern muss: War das auch wirklich so, verdammt, es WAR so. Oder so ähnlich, denn Enard kann eben literarisieren, wie Süselbeck staunt. Heraus kommt eine Art mediterrane Landkarte von Krieg und Terror, auf der sich die Kriegsverbrecher die Knarre, also die Klinke in die Hand geben, von der Antike über den Ersten Weltkrieg bis zu George W. Bush, eine "halluzinogene Erinnerungsorgie" des Erzählers auf einer Zugfahrt im Eurocity.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 28.12.2010

Thomas Laux scheint noch gar nicht richtig zu Luft gekommen seit nach seiner atemlosen Lektüre dieses Romans von Mathias Enard. Aber was heißt Roman, eine Suada war es, die da über den Rezensenten hereinbrach, ohne Punkt, aber mit Komma, eine "rücksichtslose Attacke auf unsere Lesegewohnheiten". Schreibt Laux begeistert. "Zone" ist ein Parforceritt durch die europäische Geschichte, erfahren wir vom Rezensenten, der Ich-Erzähler ist ein Doppelagent nicht näher genannter Geheimdienste und er hat genug von seinem Job. Im Zug zwischen Mailand und Rom spult er in einem einzigen Bewusstseinsstrom die schlimmsten Verbrechen des 20. Jahrhundert ab, ein Massaker mündet in das nächste, mitunter springt er aber auch von den Schützengräben des Ersten Weltkriegs zur Seeschlacht von Lepanto. Für den Rezensenten macht das alles Sinn, auch wenn er den Erzähler eher unsympathisch findet. Dafür fallen ihm gewisse Ähnlichkeiten zu Homers "Ilias" auf.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 24.11.2010

Wow, Weltliteratur! Und dass von einem erst 38-Jährigen. Rezensent Jürgen Ritte staunt nicht schlecht über ein Buch, nein, ein Epos ("tadellos" übersetzt auch noch), das ihn mitnimmt auf eine Reise von Mailand nach Rom und durch die gesamte historische wie heutige wie mythologische Welt des Mittelmeerraumes. Ein vom Abschiedsfest in Paris ordentlich berauschter Geheimdiensmitarbeiter auf finaler Fahrt Richtung Vatikan, nicht um Absolution, sondern um ein letztes Mal Lohn zu erhalten und dann auszusteigen, das ist die an sich nicht weiter spektakuläre Situation, der sich der Rezensent überlässt. Der Bewusstseinsstrom des Helden am Zugfenster jedoch hat es in sich. Kriegserlebnisse auf dem Balkan, in Algerien und im Spanischen Bürgerkrieg tauchen auf, die Juden von Thessaloniki, der Zusammenbruch Jugoslawiens - all das und mehr bringt Mathias Enard unter im das Persönliche und das Allgemeine vereinenden Monolog seiner Figur. Ritte liest es als "Urgeschichte" der Gewalt, von Leben und Sterben. Und das Tollste für ihn: Nie hat er das Gefühl, der Autor wüsste nicht, wovon er spricht, bei aller Komplexität und Kunstfertigkeit des Werks.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.10.2010

Ein gewaltiger Anspruch steckt hinter diesem großen, auf die Shortlist des diesjährigen Prix Goncourt gesetzten Roman, so Rezensentin Katharina Teutsch. Was nicht darin steckt, ist ein Punkt. Beziehungsweise doch, aber nur einer: ganz am Schluss. Zäsuren gibt es sehr wohl, das aber sind die Namen der Städte, durch die sich der Zug, von dessen Fahrt Enard erzählt, auf der Reise seines Helden von Paris nach Rom bewegt. 24 Kapitel hat das ganze (wie die Odyssee), an neun Bahnhöfen (wie Dantes neun Kreise der Hölle) hält der Zug und vollgestopft mit Anspielung auf allerlei Weltliteratur ist das ganze sowieso. Der Protagonist ist ein ehemaliger Söldner im Jugoslawienkrieg, der nun einen Koffer voller Akten zu Mördern und Tätern aller Art in den Vatikan bringen will. Auf dem Weg dahin entfaltet mit größter Ambition Mathias Enard eine Kriegsgeschichte Europas. Das Wunder ist nun, so Teutsch, dass der Autor sich dabei nicht überhebt. Gewaltig sei der "Sog", der sich entfaltet, "grausam" die Wirkung; "Zone" also ein Werk, das seinem eigenen riesigen Anspruch gewachsen ist.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 30.09.2010

Mit gemischten Gefühlen schreibt Rezensentin Marie Schmidt über diesen Roman. Man muss offenbar mit harten Bandagen ausgestattet sein, um die Lektüre beenden zu können. In Mathias Enards Roman sitzt ein Mann mit einer geheimnisvollen Aktentasche im Zug und überlässt sich einem Bewusstseinsstrom, der von Ereignissen getragen wird, die er selbst erlebt hat, und von seinen Assoziationen. Immer neue Bilder der Gewalt des 20. Jahrhundert stapeln sich aufeinander: Algerienkrieg, Jugoslawienkrieg, Holocaust, Folter, Mord. Als Leser fühlt man sich mitunter, als höre man dem Schwadronieren eines Betrunkenen zu, so Schmidt, die das offenbar auch nur schwer ertragen hat. Meisterhaft findet sie dagegen die Fähigkeit Enards, die gravierende Frage wer hier die Opfer und wer die Täter sind, im Unentschiedenen zu belassen. Das ist ihr allemal lieber als ein Roman wie Littells "Die Wohlgesinnten", der sich mit der Täterperspektive geradezu brüstet.
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