Heute in den Feuilletons

Eine besondere dialektische Geltung

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.09.2010. Heute bekommt Kurt Westergaard in Deutschland einen Preis für Pressefreiheit - in Anwesenheit Angela Merkels. Die FAZ bewundert sie für einen Mut, den diese Zeitung  seinerzeit nicht hatte. Die meisten anderen Zeitungen schweigen beredt. Auf Carta erklärt der Qualitätsforscher Kurt Imhof, warum er die Qualität solcher Qualitätsmedien schützen will. Böse ist dagegen das Internet, findet Jonathan Franzen in der FAZ. In der taz erklärt Tom Segev, warum die Österreicher dankbar dafür sein sollten, dass Simon Wiesenthal mit dem Mossad gearbeitet hat.

Welt, 08.09.2010

Auf der Seite drei erinnert Richard Herzinger daran, dass sich die deutschen und andere europäische Zeitungen gegenüber dänischen Karikaturisten nicht immer so kollegial verhielten wie sie es heute gern hätten: "Die bedrohten dänischen Karikaturisten wurden vom Gros der geistigen Elite von Anfang an unter den Verdacht gestellt, sie hätten durch ihre Provokation benachteiligte und von Rassismus bedrängte Muslime demütigen wollen... Der Karikaturenstreit ist so zu einem Testfall für die Widerstandsbereitschaft nicht nur der dänischen, sondern der gesamten westlichen demokratischen Öffentlichkeit gegenüber den Einschüchterungsversuchen totalitärer Ideologien geworden, die sich hinter dem Argument religiöser Sensibilität verstecken. Angesichts der massiven Desolidarisierung gegenüber dem eigensinnigen Individualisten Westergaard fällt dieser Test bisher leider nicht ermutigend aus." (Die Welt hat als einzige deutsche Zeitung damals alle Karikaturen abgedruckt, mehr hier).

Thomas Lindemann lässt sich vom Steinway-Chefklavierstimmer Stephan Knüpfer erklären, wie man einen Flügel richtig stimmt: "Der japanische Ton ist wie eine höfliche Verbeugung, er schwingt schnell ein und geht geradlinig runter. Der Italiener schwingt langsam ein und klingt dann irgendwie leicht, wie mit einem 'Ach ja!' aus. Der Deutsche will die totale Kontrolle, sein Ton ist sofort da, dann steht er, dann ist er wieder weg. Das kann ich alles hören. Die Persönlichkeit hat einen enormen Einfluss auf den Klang, beim Stimmer wie beim Spieler."

Außerdem: Stefan Koldehoff berichtet anlässlich zweier Beuys-Ausstellungen in Düsseldorf und auf Schloss Moyland vom Streit um den in die Moyland-Stiftung eingebrachten Nachlass. Paul Jandl erzählt halb angewidert halb fasziniert, wie sich der Boulevard an Natascha Kampusch ranschmeißt ("Eine Interviewerin des Wiener Kurier bietet an, erst einmal gemeinsam zu weinen"). Arne Willander schreibt zum Achtzigsten von Mario Adorf.

TAZ, 08.09.2010

Im Interview erklärt der israelische Historiker Tom Segev, der gerade eine Biografie Simon Wiesenthals veröffentlicht hat, die Empörung über dessen Zusammenarbeit mit dem Mossad für heuchlerisch: "Österreichische Journalisten haben mich gefragt: War das denn legal? War er vielleicht ein ausländischer Spion? Na ja, sie sollen dankbar sein. Sie haben es überhaupt nicht verdient, dass es so einen Wiesenthal gab in Österreich. Sie sollen dankbar sein, dass jemand ihnen geholfen hat, in ihrer Gesellschaft sauber zu machen. Und wenn es dieser Person gelungen ist, zu diesem Zweck auch eine Organisation wie den israelischen Geheimdienst einzuspannen, dann sollen sie umso dankbarer sein. Die Österreicher haben Wiesenthal nicht geholfen, der Mossad dagegen hat ihn unterstützt. Und es wurde immer in Wiesenthals Sinn verfahren: Es ging nicht darum, NS-Verbrecher heimlich an einer Straßenecke zu erschießen, sondern darum, sie vor Gericht zu bringen. Der Mossad hat sich als Institution gezeigt, die das österreichische Gesetz akzeptiert. Er hat dazu beigetragen, dass diese Verbrecher vor österreichische Gerichte kamen."

Isabell Metzger besucht die Bamberger Gartenstadt, die langsam verfällt, obwohl sie Welterbestatus hat und eine sehr alte Tradition: "Wie alt die Parzellen sind, begann man erst 2002 zu ahnen. Archäologen entdeckten unter den oberen Schichten Abfallkammern und Vorratsräume, die bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen. Eine Karte, die um 1600 entstand, zeigt die bis heute erhaltene Parzellenstruktur. Dazwischen sind Zeichnungen von Süßholzgewächsen angebracht, für die der Bamberger Gartenbau berühmt war. Bis nach Venedig wurden die Wurzeln verkauft. Später wurde das Gewächs am Markt durch Zuckerrüben und Zuckerrohr verdrängt. Und die Bauern stellten allmählich auf Gemüse und Gewürze um."

Besprochen werden Lynn Sheltons Film "Humpday" und Jonathan Franzens Roman "Freiheit" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Ach, und Tom.

NZZ, 08.09.2010

Wie ein "mächtiger Paukenschlag" wirkte Alex de la Iglesias Politsatire "Balada triste de trompeta" bei den Filmfestspielen Venedig auf Susanne Ostwald: "Stilistisch bedient sich der Filmemacher einer sensationellen, übersteigerten Dramaturgie sowie einer markerschütternden Musik. Das sich anbahnende Ende der Franco-Ära findet hier eine drastische Überzeichnung. Dieses Meisterwerk zeigt eine neue, unverfrorene Art der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Thema Diktatur und weiß weit mehr zu überzeugen als der Film 'Post Mortem' des 1976 geborenen Chilenen Pablo Larrain." Auch sonst hat sie eine Reihe interessanter Filme gesehen.

Weitere Artikel: Peter Hagmann berichtet glücklich über die Proben zu Mahlers Sechster, die Pierre Boulez bei der Lucerne Festival Academy leitete. Roger Friedrich besucht Park, Villa und Sammlung des kürzlich verstorbenen Guiseppe Panza di Biumo, die der Kunstsammler vor zehn Jahren der Fondo per l'Ambiente Italiano schenkte.

Besprochen werden Bücher, und zwar Manfred Gailus' Bericht über den Widerstand einer Protestantin gegen die Nazis, "Mir aber zerriss es das Herz", Stephen Hawkings und Leonard Mlodinows neuer Versuch, das Universum zu erklären, "Der Große Entwurf", sowie die Werke von Jose Saramago, "Die Reise des Elefanten" und "Das Tagebuch" (Mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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Aus den Blogs, 08.09.2010

Der Schweizer "Qualitätsforscher" Kurt Imhof fordert im Gespräch mit Robin Meyer-Lucht auf Carta eine Förderung für den Journalismus, allerdings nicht für Internetmedien, sondern nur für "General-Interest-Medien mit ausgebauten und in Ressorts strukturierten Redaktionen. Die Förderungskriterien müssen sich - neben strukturellen Indikatoren wie Ausbildungsmöglichkeiten, Ressourcen, Redaktionsstatute, Ressortstrukturen etc. - an den Qualitätskriterien des professionellen Journalismus orientierten, also Universalität bzw. Vielfalt, Relevanz, Aktualität und Professionalität. Diese lassen sich vergleichend messen, die Beachtung dieser Standards sichert den guten Informationsjournalismus."

FR, 08.09.2010

Daniel Kothenschulte hat zwei tolle Filme in Venedig gesehen: Jerzy Skolimowskis Comeback "Essential Killing", aber auch Wang Bings "The Ditch", der ein chinesisches Umerziehungslager schildert: "Man hat schon viele Dramen über Lagerhaft gesehen, allein die filmische Verarbeitung des Holocaust führte in alle erdenklichen Höhen und Tiefen. Schon das Wort 'Dramatisierung' ist hier fatal, wenn man es wörtlich nimmt. Denn es gibt keinen Spannungsbogen im institutionellen Töten. So belässt es Wang Bings Film aus einem Lager in der Wüste Gobi bei der Konstante stummer Hoffnungslosigkeit. Die Menschen, die hier in Erdhöhlen hausen und sinnlose Gräben ausheben, sterben den Hungertod. Sie ernähren sich von Ratten oder dem Erbrochenen der Sterbenden. (Wang Bing wird in der Unterzeile Wang Pang genannt. Da sagen wir nur Au weiwei!)

Besprochen werden Schorsch Kameruns Hamburger Stück "Vor uns die Sintflut", eine Ausstellung von Cyprien Gaillards Dokumenten zerstörter Landschaften im Frankfurter MKK, das Album "Barking des Techno-Duos Underworld, Jonathan Franzens Roman "Freiheit", Raphael Gross' Studie zur NS-Moral "Anständig geblieben" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

SZ, 08.09.2010

Der damalige SZ-Chefredakteur Hans-Werner Kilz wird heute zwar dem dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard zu seiner Pressefreiheit applaudieren (so steht's bei m100 im Programm), er war sogar in der Jury, aber seine Zeitung, die Westergaards und die anderen Zeichnungen lieber als "albern" verhöhnte und dem Zeichner vorhielt, dass er selber schuld sei ("Wer beleidigt, muss auch zugestehen, dass der Beleidigte beleidigt ist", so Andrian Kreye), statt ihr Publikum mal durch Abdruck über die Mohammed-Karikaturen zu informieren, beschweigt die feierliche Gelegenheit kommunikativ.

Statt dessen: Für Lothar Müller erzählt Jonathan Franzens neuen Roman "Freiheit" die "Geschichte des drohenden Selbstverlusts einer liberalen Familie in der Bush-Ära." Und noch ein Meisterwerk: Joseph Hanimann behauptet, Michel Houellebecqs neuer Roman "La carte et le territoire", der bisher nicht den geringsten Skandal auslöste, sei sein bisher bester. Gottfried Knapp besucht für die Reihe "Schule der Kunst" die Akademie der bildenden Künste in München. Tobias Kniebe hat in Venedig Filme von Jerzy Skolimowski, Vincent Gallo und Wang Bing gesehen. Andrian Kreye unterhält sich mit dem Professor für soziale Psychologie Richard Nisbett über Vererbungstheorien, Bildung und Intelligenz - und der teilt eine einfache Wahrheit mit: "Sorgt man für gute Bildung, steigt der IQ." Alexander Menden unterhält sich mit dem Kinderbuchautor Axel Scheffler. Auf der Medienseite stellt Julia Amalia Heyer die von George Soros mitfinanzierte International Crisis Group (Website) vor, eine NGO, die Informationen über internationale Krisen sammelt und verbreitet.

Besprochen wird Poul Ruders' Oper nach dem Film 'Dancer in the dark' des dänischen Filmemachers Lars von Trier in Kopenhagen.

FAZ, 08.09.2010

So stiehlt man sich aus der Geschichte! Angela Merkel wird heute bei der Preisverleihung für den Karikaturisten Kurt Westergaard zugegen sein, und es wird gewiss auch ein gemeinsames Foto gemacht. Salbungsvoll lobt Nils Minkmar sie für einen Mut, den seine Zeitung (die wie die meisten anderen während des Karikaturenstreits auf eine Information der Leser durch Abdruck der Karikaturen verzichtete, mehr hier) seinerzeit nicht hatte: "So kurz nach ihrem Einspruch gegen das pauschale Urteil von Thilo Sarrazin über die in Deutschland lebenden Muslime kommt dieser symbolischen Handlung eine besondere dialektische Geltung zu: Hier halten wir uns von biologistischen Abqualifizierungen fern, dort feiern wir das so hart erworbene Recht auf freie und freche Meinungsäußerung. ... So gefällt uns Richtlinienkompetenz."

Im großen Interview mit Felicitas von Lovenberg zu seinem neuen Roman "Freiheit" erklärt Jonathan Franzen, wer heute der Feind des Schönen, Wahren und Guten ist - das Internet natürlich: "Ich glaube, Schriftsteller müssen heute unnachgiebiger denn je versuchen, Erzählungen zu schaffen, welche die Menschen von dieser oberflächlichen Sofort-Befriedigung wegholen. Insofern konkurriere ich vielleicht doch, aber nicht, weil ich glaube, dass das Internet etwas besser kann, sondern im Gegenteil: weil ich denke, dass das Internet und die sozialen Netzwerke bösartige Drogen sind, die enormen gesellschaftlichen und psychologischen Schaden anrichten."

Weitere Artikel: Simon Fuchs besucht eine Moschee in Damaskus und weiß hinterher auch nicht genau, wie Syrien seinen eilig beschrittenen Weg Richtung freie Marktwirtschaft, seinen offiziellen Säkularismus und die offensichtliche Duldung erstarkender muslimischer Kräfte vereinbaren will.Julia Spinola porträtiert den erst 23jährigen, von Gustav Mahler besessenen Dirigenten Yoel Gamzou - soeben hat er seine Zuendekomposition von Mahlers unvollendeter Zehnter mit dem eigenen Orchester zur Aufführung gebracht. In der Glosse informiert Regina Mönch über Streit zwischen den Bauhausstädten Dessau, Weimar und Berlin.

Besprochen werden eine Cyprien-Gaillard-Ausstellung im Frankfurter Museum für Moderne Kunst, Francois Ozons neuer Film "Rückkehr ans Meer" (mehr) und Bücher, darunter Michel Houellebecqs jetzt in Frankreich erschienener neuer Roman "La carte et le territoire", in dem kein geringerer als Houellebecq selbst "enthauptet und zerstückelt" wird.