Heute in den Feuilletons

Die Ehre der Familie, ja des Clans

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.08.2010. In der NZZ erzählt Azar Nafisi die Geschichte der Sakineh Mohammadi Ashtiani, die gesteinigt werden soll. In der Jungle World meint Jeffrey Herf, dass die neuen Forschungen über den Mufti von Jerusalem geeignet sind, den Blick auf Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt zu verändern. Laut SZ diskutiert Italien über das Ende der Ära Berlusconi, für den es dummerweise keine Alternative gibt.

NZZ, 02.08.2010

Die in den USA lebende, iranische Autorin Azar Nafisi erzählt die Geschichte der Sakineh Mohammadi Ashtiani, die ihr einmal mehr beweist, dass Frauen im Iran keine Chance haben: "Sakineh Mohammadi Ashtiani, 43 Jahre alt und Mutter zweier Kinder, war 2006 'unerlaubter Beziehungen' zu zwei Männern angeklagt und zu 99 Peitschenhieben verurteilt worden. Während der Züchtigung (und unter unerträglichen Schmerzen) gestand sie das 'Vergehen' ein, zog die Aussage aber bald darauf zurück. Im Herbst 2006 wurde das Verfahren im Zusammenhang mit einer Klage gegen einen der beiden Männer, den man der Mitschuld am Tod von Ashtianis Ehemann bezichtigte, erneut aufgerollt; diesmal lautete die Anklage gegen Sakineh auf Ehebruch, das Urteil auf Tod durch Steinigung." Nafisi hat eine Kampagne gegen die Verurteilung ins Leben gerufen.

Weiteres: Zweifel hegt Marion Löhndorf an den Projekten, die London für seine Kultur-Olympiade "Artists taking the lead" an den Start gebracht hat, darunter zehn Meter hohe, gehäkelte Löwen in Nottingham von Shauna Richardson oder eine riesige Godiva-Figur, die von Radfahrern von Coventry nach London antretengezogen werden soll. Brigitte Kramer berichtet vom spanischen Erfolg des baskischen Autor Kirmen Uribe mit seinem volkstümelnden Roman "Bilbao-New York-Bilbao". Besprochen wird die Inszenierung von Glucks "Orfeo und Euridice" mit Riccardo Muti bei den Salzburger Festspielen.

Aus den Blogs, 02.08.2010

Slates Farhad Manjoo hat durchaus Sympathien für Wikileaks, aber er sieht auch einige Probleme. Vor allem die Anonymität der Whistle-Blowers. Diese haben für ihre Tat ein Motiv, und dieses Motiv ist ein Teil der Geschichte, der bei Wikileaks nie erzählt wird: "... there is a profound difference between how WikiLeaks uses anonymous sources and how the rest of the media does. When the New York Times has a document provided by an anonymous source, its reporter knows the identity of that source. In that case, we expect the reporter to assess both the source's information and the source's reasons for reporting it. When mainstream media outlets are duped by these anonymous sources, we-justifiably-blame them for not checking things out."

A fool in the forest erzählt von seiner ersten Begegnung mit den Collagen Max Ernsts, die er im Art Institute of Chicago gesehen hat. Im Netz hat er einige Videos gefunden, die sich mit Ernsts im Buch "Une Semaine De Bonte" versammelten Zeichnungen - dem "besten Comic Strip aller Zeiten" - auseinandersetzen. Hier ein Video über die Originalcollagen mit Musik von Penderecki:


TAZ, 02.08.2010

Doris Akrap ist mit dem Philosophen Michel Serres über die Spree geschippert und immer noch ganz hin und weg: "Trunken wurden wir von der beeindruckenden Klarsicht und dem Optimismus des alten Mannes, der schöner strahlte als die Sonne an diesem Tag, ganz so als ob er gerade selbst noch einmal die Geheimnisse der Schönheit dieser Welt entdecken würde, die er seit Jahren zu entschlüsseln und zu beschreiben versucht."

Außerdem: Arno Frank begutachtet die Entwicklung von Brian Burton alias Danger Mouse, der gerade das Album "Dark Night of the Soul" herausgebracht hat. Tim Caspar Boehme wirft einen Blick in die Zeitschrift Agora42.

Besprochen werden Esther Dischereits Text-Installationen auf dem Eichengrün-Platz in Dülmen und dem Goethe-Institut in Jerusalem und Rolf Hochhuths Musical "Inselkomödie" im Berliner Theater am Schiffbauerdamm.

Schließlich Tom.
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Jungle World, 02.08.2010

Erst in den letzten Jahren gelangte die Rolle des Muftis von Jerusalems, des Hauptvertreters der Palästinenser vor Jassir Arafat, ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Amin Al-Hussaini war ein begeisterter Nazi und Hitler-Freund, der das Erbe des eliminatorischen Antisemitismus an Islamismus und "Antizionismus" weitergab. Lange Zeit wehrten sich Historiker gegen diese Einsicht, sagt der Historiker Jeffrey Herf ("Nazi Propaganda for the Arab World", Yale University Press, 2009) in einem Interview mit der Jungle World (das wir mit Verspätung entdecken): "Viele Einzelheiten der Kollaboration von Husseini mit den Nazis sind seit Jahrzehnten bekannt. Aber das Bild von der der Dritten Welt half, ihn aus den Reihen der Nazi-Kollaborateure in das Pantheon der Revolutionäre der Dritten Welt zu versetzen, die gegen den westlichen Imperialismus kämpften. Wie ehemalige Nazis in Europa nach 1945 haben Husseini und andere hart daran gearbeitet, ihre Aktivitäten während des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust weißzuwaschen. Sie hatten aber den Vorteil, dass sie ihren Hass gegen Juden mit den Slogans des Antiko­lonialismus rechtfertigen konnten."

FR, 02.08.2010

Auf die Frage, was ist Willensfreiheit, sucht diesmal der katholische Moraltheologe Franz-Josef Bormann eine Antwort. Auf der Medienseite berichtet Klaus Ehringfeld über die heikle Situation mexikanische Reporter, die von den Drogenkartellen aufs Korn genommen werden.

Besprochen werden das neue Album von Arcade Fire, "The Suburbs", eine Aufführung von Glucks Oper "Orpheus und Eurydike" in Salzburg, Florian Fries' Inszenierung von Hochhuths "Inselkomödie" im Berliner Theater am Schiffbauerdamm und Anne Tylers Roman "Die verlorenen Stunden" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Welt, 02.08.2010

Jacques Schuster freut sich, dass das Oberharzer Wasserregal (mehr hier) nunmehr Unesco-Welterbe ist. Laura Ewert besuchte den ersten großen Rave in Berlin seit der Duisburger Katastrophe. Dankwart Guratzsch bewundert die Stuttgarter Proteste gegen die Verstümmelung des dortigen Bahnhofs. Besprochen werden Glucks "Orfeo" in Salzburg und Rolf Hochhuths "Inselkomödie" mit Johannes Heesters am Berliner Ensemble.

SZ, 02.08.2010

Henning Klüver liest Artikel und Bücher über die Ära Berlusconi, auf deren Ende man sich offenbar vorbereitet, ohne dass eine Alternative sichtbar ist: "Fast alle Autoren, ob sie nun rechts oder links angesiedelt sind, stimmen darin überein, dass es Berlusconi gelungen sei, die Opposition gleichsam auszulöschen."

Weitere Artikel: Thomas Steinfeld greift den Fall der Autorin Asne Seierstad auf, die in ihrem Bestseller "Der Buchhändler von Kabul" einen Buchhändler und seine Frauen porträtierte und dann von diesem verklagt wurde. Steinfeld teilt die Ansicht des Autors Conor Foley aus dem Guardian (hier), wonach die Autorin hätte wissen müssen, dass sie "Details aus dem Leben von Frauen und Kindern nicht hätte preisgeben" dürfen, da sie damit "die Ehre der Familie, ja des Clans" verletze. Im Aufmacher meditiert Burkhard Müller über die selbst gestellte Diagnose, dass die amerikanische Politik die Globalisierung des Raums verkenne ("Dass man so leicht hinkommt, täuscht hinweg über die Ausdehnung der Flächen zwischen den Punkten.") Marc Deckert erinnert an die glänzende Zukunft des Krautrocks vor vierzig Jahren. Jens-Christian Rabe studiert für die "Nachrichten aus de Netz" die Flattr-Charts, die der taz und einigen Blogs kümmerliche Nebeneinnahmen bringen und informiert die Leser der SZ erstmals darüber, "dass es auch im deutschen Netz längst Texte und Essays zu Politik, Recht und Gesellschaft, zum Rauchverbot, polizeilichem Machtmissbrauch und Vuvuzela-Tröten gibt, die es verdient haben, beachtet zu werden". (Besonders zu Vuvuzela-Tröten natürlich.)

Besprochen werden eine Ausstellung holländischer Malerei im Staatlichen Museum Schwerin, eine Gedenkveranstaltung für Max Reinhardt in Salzburg, Glucks "Orfeo" unter Muti und Dorn ebendort und Bücher, darunter einige Luhmanniana (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 02.08.2010

Im Gespräch philosophiert der gerade auf allen Kanälen funkende Strafverteidiger und Autor Ferdinand von Schirach über Schuld (so auch der Titel seines gerade erschienenen Buchs), Unschuld und die Funktion des Richters: "Der Richter erkennt den Begriff des Bösen nicht. Er benennt es, indem er die strafbare Seite an ihm fasst, und dadurch kann er es bannen. In einem Prozess wird aus dem Bösen eine Straftat. Für die Gesellschaft bleibt das Böse immer das Unfassbare, das Unbegreifliche, das Dunkle. Wer das einmal hatte, wird es nicht mehr los."

Weiteres: Unbedingt zu entdecken sind Andreas Platthaus zufolge die in Deutschland kaum denkbaren und deshalb wohl auch nahezu unbekannten Arbeiten des britischen Karikaturisten und Illustrators Gerald Scarfe, die das Wilhelm-Busch-Museum derzeit in Hannover ausstellt. Viele "überraschende Berührungspunkte" hat Hans-Christian Rössler beim Rundgang durch das nach drei Jahren Bauarbeit wiedereröffnete Israel Museum in Jerusalem erblickt. Nur Mitleid mit den Beteiligten, darunter der greise Jopie Heesters, empfand Irene Bazinger bei der offenbar nicht geglückten Uraufführung der Musicalvariante von Rolf Hochhuths "Inselkomödie" in Berlin, die aus nicht näher genannten, aber juristischen Gründen nicht als Veranstaltung des "Berliner Ensembles" ausgewiesen werden darf.

Joseph Croitoru exzerpiert und resümiert die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Osteuropa, die der Wiederentdeckung des Komponisten Mieczyslaw Weinberg gewidmet ist. Knapp fällt der Nachruf auf die italienische Drehbuchautorin Suso Cecchi d?Amico aus. Ansonsten wird wild gratuliert, dem Filmregisseur John Landis (60), den Schauspielern Mathieu Carriere (60) und Martin Sheen (70), sowie der Krimiautorin PD James (90).

Besprochen wird der Auftakt eines Wolfgang Rihm (mehr) gewidmeten Konzertzyklus der Salzburger Festspiele, die Aufführung von Christoph Willibald Glucks Oper "Orfeu ed Euridice" (ebenfalls im Rahmen der Salzburger Festspiele), sowie zahlreiche Bücher, darunter Volkmar Siguschs "Personenlexikon der Sexualforschung" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).