Heute in den Feuilletons

Immer bleibt ein Bild ein Bild

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.08.2009. "Eto stal, eto stal!", rufen sie. Die FAZ berichtet aus einem Sommerlager der Naschisten. Der Spiegel fürchtet sich vor einem Netz ohne Gesetz. Die NZZ besucht die europäische Kulturstadt Vilnius und würdigt die Rolle der litauischen Fotografie. Der Internetpionier Jason Calacanis erklärt in seinem Blog, warum er Apple gefährlicher findet als Microsoft oder Google. Die SZ hat in China die Zukunft des E-Books gesehen und feiert Volker Zastrows Reportage über die "Vier aus Hessen". 

FR, 10.08.2009

Daniel Kothenschulte hat sich in Locarno die Retrospektive zum japanischen Animationsfilm angesehen, der im Gegensatz zu amerikanischen Trickfilme immer eine Bilderzählung bleiben möchte: "Der Anime schlägt die Brücke zur japanischen Bilderzählung früherer Jahrhunderte, die von den Rollenbildern zum Manga in Buchform führte. Und zu Vorformen des Kinos im Schatten- und Bildertheater. Nie überwiegt der Naturalismus in dieser Kunstform, immer bleibt ein Bild ein Bild."

Weiteres: In Times mager sucht Hans-Jürgen Linke blickt auf den schiefen Turm von Pisa und andere unlösbare Probleme. Linke berichtet auch von der Ansbacher Bachwoche.

Besprochen werden Rossinis Bibeloper "Moise et Pharaon" in der Inszenierung von Jürgen Flimm und Ricardo Muti, Ilija Trojanows und Juli Zehs Streitschrift "Verteidigung der Freiheit" und Gil Adamasons Roman "In weiter Ferne die Hunde" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des tages)..

NZZ, 10.08.2009

Vilnius ist fast tausend Jahre alt, dennoch wirkt die litauische Hauptstadt, die - zusammen mit Linz - 2009 europäische Kulturhauptstadt ist, manchmal wie "ein Küken, das gerade aus dem Ei geschlüpft ist", schreibt Rudolf Hermann. "Beispielsweise wenn man den Werdegang von Kestutis Kuizinas betrachtet. Wo sonst kann ein 41-Jähriger von sich sagen, seit siebzehn Jahren Direktor eines der wichtigsten Kulturinstitute einer Landeshauptstadt zu sein? Im gerade in die Unabhängigkeit getretenen Litauen der frühen neunziger Jahre war vieles im Fluss. Der eben erst ins Twen-Alter gerutschte Kuizinas packte die Gelegenheit, die sich ihm bot, am Schopf und stellte das avantgardistisch ausgerichtete Contemporary Art Centre (CAC) auf die Beine. 'Junge Leute hatten großartige Möglichkeiten, etwas zu erreichen. Wir genossen Sympathien und Unterstützung', sagt Kuizinas. 'In Westeuropa funktioniert alles perfekt, doch scheint mir die Gesellschaft dort ein bisschen wie eingefroren. Hier können wir machen, was wir wollen. Wir leben wie Cowboys!'"

Weitere Artikel: Joachim Güntner fragt in einem kleinen Essay über die Bundeswehr, ob die Idee der "inneren Führung" auch in den heutigen Kampfeinsätzen am Hindukusch standhält. Cristina Garcia Rodero ist neues Mitglied der Fotoagentur Magnum, berichtet Brigitte Kramer.

Besprochen werden das Festival "Young Artists in Concert" in Davos und der Film Film "Giulias Verschwinden" beim Filmfestival in Locarno.

Aus den Blogs, 10.08.2009

(Via Techcrunch) Wenn heute ein Konzern wegen Wettbewerbsbehinderung verklagt werden müsste, dann nicht Microsoft oder Google, sondern Apple, meint der Internetpionier Jason Calacanis in seinem Blog: "Steve Jobs is on the cusp of devolving from the visionary radical we all love to a sad, old hypocrite and control freak - a sellout of epic proportions." Calacanis begründet seine Kritik dann sehr ausführlich.

Matthias Spielkamp kündigt auf seinem Blog eine vom Goethe-Institut und der Böll-Stiftung mit organisierte Tagung zum Google Book Settlement an: "Es wird die Leser dieses Blogs nicht verwundern zu hören, dass es weniger um 'Werkherrschaft' gehen wird und mehr um die Fragen, was nicht nur Autoren zu befürchten und zu gewinnen haben, sondern auch die Leser - kurz: wir alle." Stattfinden soll die Tagung am 2. Oktober in Berlin.

Jörg Lau erzählt in seinem Blog die Geschichte des iranischen Journalisten Issa Saharkhiz, der zur Zeit im Gefängnis ist. Gegenüber einem iranischen Blog sagte er, er sei mit der Nokia-Siemens-Überwachungstechnologie aufgespürt worden. Das Nokia-Signet sieht im Iran jetzt so aus:

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Welt, 10.08.2009

Wolf Lepenies erinnert daran, dass sich schon 1990 ein Forschungsbericht "Sonnenenergie" der Westberliner Akademie der Wissenschaften mit exakt den selben Fragen befasste wie das Solarprojekt Desertec. Die Ideen waren so gut, dass die Arbeitsgruppe damals umgehend aufgelöst wurde. "Der Forschungsbericht blieb weitgehend folgenlos, denn im gleichen Jahr wurde die 1987 vom CDU-Senat gegründete Akademie vom neugewählten SPD-AL-Senat wieder aufgelöst. (...) Die Fortführung der Arbeitsgruppe und ihre politische Unterstützung hätte Berlin eine wesentliche Rolle in einem Projekt wie Desertec sichern können."

Weitere Artikel: Michael Pilz feiert den Fünfzigsten von Miles Davis' Album "Kind of Blue". Aus der Glosse erfahren wir von Hendrik Werner, dass Bremen jetzt ein Literaturhaus hat - zumindest virtuell. Hannes Stein schickt einen Brief aus Brooklyn und guckt Current TV, den Sender, dessen Reporterinnen Bill Clinton aus Nordkorea befreien musste. "Wundersam besinnliche Stunden" erlebte Ulrich Weinzierl beim Varese-Schwerpunkt in Salzburg.

Besprochen werden Jürgen Flimms Inszenierung von Rossinis Oper "Moses und Pharao" in Salzburg, Lodi Boeckens Film "Unter Bauern - Retter in der Nacht" beim Filmfestival in Locarno, eine Ausstellung über den Fürsten und Mäzen Ferdinand Karl auf Schloss Ambras bei Innsbruck, William Shatners Autobiografie und eine Reihe seelenvoller Gartenbücher.

Spiegel Online, 10.08.2009

Reichlich alarmistisch wirkt das Titelbild des Spiegels. Die Geschichte selbst hat dann keine so klare Tendenz und stoppelt alles zusammen, was zur Zeit Debatte ist: Kinderpornosperren, Überwachungsstaat, Raubkopien Urheberrecht, Netzdemokratie. Genial hat es der CvD als Unterzeile zusammengefasst: "Längst ist das Internet ein Paralleluniversum. Die Refugien der Diebe, Rufmörder, Kinderschänder entziehen sich weitgehend der Kontrolle des Rechtsstaats. Nur einer transnationalen Instanz kann es gelingen, Ordnung zu schaffen. Das Ziel: die globale Netzdemokratie."

Weitere Medien, 10.08.2009

In Cicero plädiert Alexander Kissler für die Abschaffung des ZDF: "Die Bundesrepublik Deutschland zahlte 2007 netto 7,42 Milliarden Euro an die Europäische Union - ein enormer Betrag, der politisch umstritten ist und für Debatten sorgt. Fast genauso hoch, aber politisch völlig unumstritten ist die Summe, die das öffentlich-rechtliche Gebührenfernsehen einstreicht. Anno 2008 flossen 7,26 Milliarden Euro an die alimentierten Sender. Das größte Stück vom Kuchen sicherte sich das Zweite Deutsche Fernsehen, nämlich 1,73 Milliarden. Warum eigentlich?"

TAZ, 10.08.2009

Klaus Bittermann ist ganz aus dem Häuschen über Martin Sonneborns PARTEI, die bei ihrer Protestkampagne gegen ihre Nichtzulassung "Where is my vote, Wahlleiter?") auf die Unterstützung Irans und Nordkoreas hofft: "Martin Sonneborn ist der Buster Keaton der deutschen Politik und als Vorsitzender der PARTEI hat er seine Rolle fürs Leben gefunden."

Weiteres: Katharina Granzin unterhält sich mit der schwedischen Krimi-Autorin Asa Larsson über ihre Arbeit: "Als ich zu schreiben anfing, war ich wie ein Hund mit seinem Knochen; ich war in meinem ganzen Leben noch nie so entschlossen gewesen, etwas zu tun." Adrienne Woltersdorf berichtet, wie Annie Leibovitz von ihren Gläubigern die Pistole auf die Brust gesetzt wird. Jettte Gindner war bei einer Buchvorstellung des amerikanischen Kunsttheoretikers und -kritikers Mark von Schlegell.

Auf der Meinungsseite erklärt die bulgarische Historikerin Maria Todorova die postkommunistische Nostalgie in ihrem Land so: "Das Beklagen der Verluste, die mit dem Kollaps des Staatssozialismus einhergingen, impliziert nicht automatisch den Wunsch, er möge zurückkehren. Es wird lediglich nicht alles an ihm verteufelt."

Und noch Tom.

SZ, 10.08.2009

Alex Rühle hat sich auf dem chinesischen Buchmarkt umgesehen, auf dem E-Books bereits boomen. Die Buchseite Shanda zm Beispiel hat Millionen Besucher pro Tag: "Man darf als Leser die erste Hälfte, manchmal auch die ersten zwei Drittel eines E-Books umsonst lesen. Danach zahlt man pro tausend Schrift-Zeichen einen verschwindend geringen Betrag, am Ende hat man meist nur ein Zehntel dessen bezahlt, was man im Laden für ein gedrucktes Buch ausgeben würde."

In allerhöchsten Tönen feiert Gustav Seibt Volker Zastrows literarisch ambitionierte Reportage über die "Vier von Hessen", in der das Drama um Andrea Ypsilanti noch einmal aufgegriffen wird: "Sein Blick für Schwächen und Ängste der Menschen zielt ins Naturgeschichtliche, wo der Mensch dem Menschen ein Wolf ist, von fern klingt die Erbsünde, ein Dostojewski-Ton an..."

Weitere Artikel: Johannes Boie annonciert das Ende der Pirate Bay, der er in der legalisierten Version kein Potenzial zubilligt. Karl Bruckmaier schreibt zum Tod des Folksängers Mike Seeger (Bruder von Pete), der eine wichtige Inspiration für Bob Dylan war.

Besprochen werden eine Ausstellung über den Welfenkaiser Otto IV. in Braunschweig, Rossinis Oper "Moïse et Pharaon" unter Jürgen Flimm und Riccardo Muti in Salzburg, einige neue DVDs, Jose Padilhas Film "Tropa de Elite", zu dem Padilha auch interviewt wird, und, auf der Literaturseite, der von Reinhard Kaiser in modernes Deutsch gebrachte "Simplizissimus", besprochen von Georg Klein.

Auf Seite 2 verteidigt Antje Vollmer den Dirigenten Christian Thielemann, dessen Münchner Vertrag nicht verlängert wurde: "Ein Genie wird gemobbt." Auf der Medienseite räumt Felix Serrao der neuen Bezahlstrategie Rupert Murdochs (mehr hier) im Netz wenig Chancen ein.

FAZ, 10.08.2009

Kerstin Holm berichtet aus einem alljährlichen Sommerlager des präsidententreuen russischen Nachwuchses, der "Naschisten" ("Unsrigen"). Das klingt alles andere als geheuer: "Draußen an der Innovationsallee sammelt sich eine schulklassengroße Gruppe mit hellblauen Fahnen, die mit den Graffitibuchstaben 'stal' (Stahl) bedruckt sind. Es ist eine Unterabteilung der 'Unsrigen', die mit politischen und informationstechnischen Aktionen das Image Russlands in der Welt aufpolieren will. Auf ein Signal ihres dicklichen Anführers bellen sie: 'Eto stal, eto stal!' (Das ist Stahl), während sie in Viererreihen durchs Zeltdorf marschieren. Der Schriftsteller Wladimir Sorokin nennt die 'Naschisten' eine SA mit Puderzucker."

Weitere Artikel: Andreas Rossmann meldet, dass in Köln auch unter Wasser jetzt weiter Bestände des eingestürzten Archivs gerettet werden sollen. Wiebke Hüster hat das neu eröffnete Museum "Kunst der Westküste" auf der Insel Föhr in Augenschein genommen. Timo John begutachtet den Neubau einer Privatschule durch das Kloster Hegne der Barmherzigen Schwestern am Bodensee. Martin Huff schildert einen Fall, in dem ein Jurist ein aus dem Internet ausgedrucktes Urteil, das keines war, für bare Münze nahm und sogleich in einer Fachzeitschrift kommentierte. In der Glosse schreibt Gina Thomas über wertvolle Bücher, von deren Wert jene, die sie karitativ spendeten, zum Glück der Hilfsbedürftigen nichts ahnten. Im "Glossar der Krise" geht es auf den "Sunset Boulevard". "Hcr" meldet, dass die Hamas nun mit Spielfilmen Propaganda macht. Geburtstagsglückwünsche gehen an den Drahtseilartisten Philippe Petit (60), den Musiker Mark Knopfler (60), den Bildhauer Richard Deacon (60) und den Jazzpianisten George Shearing (90). 

Besprochen werden Jürgen Flimms Inszenierung von Rossinis "Moise et Pharaon" in Salzburg, und Bücher, darunter Ljudmila Ulitzkajas Roman "Daniel Stein" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).