Heute in den Feuilletons

Zack, ich bin Muslim

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.03.2009. In der taz beklagt der Islamwissenschaftler Jamal Malik die Islamisierung der Muslime - durch die Deutschen. Die FR wünscht dem Dramatiker Albert Ostermaier einen Lektor an den Hals. Pop ist Mist, behauptet Helge Schneider in der Berliner Zeitung. In der NZZ warnt Emir Kusturica vor dem reinen Gift Hollywoods. In der FAZ verteidigt der Anwalt Gunnar Schnabel das Recht jüdischer Erben, alle Rechtsmittel auszuschöpfen, um geraubte Kunst zurückzuerhalten.

NZZ, 02.03.2009

Manuel Gogos besucht Küstendorf, einen kleinen Ort in Serbien, in dem der serbische Filmregisseur Emir Kusturica das Kino vor dem Pesthauch Hollywoods retten will: "Vor kurzem wurde das zweite Küstendorfer Filmfestival veranstaltet, auf dem junge Filmemacher und Filmemacherinnen aus aller Welt mit ihren Filmen konkurrieren. Im letzten Jahr war Peter Handke Jury-Vorsitzender, und auch diesmal reiste er wieder an. Für Kusturica kommen die besten Filme augenblicklich aus Asien, insbesondere aus kleinen Nationen wie Kasachstan oder Aserbeidschan, die noch keine nennenswerte eigene Filmtradition haben. Und diesen jungen Filmemachern bringt er den alten Stil des europäischen Autorenkinos bei. So ist auch der Besuch eines der Altväter des amerikanischen Underground-Kinos zu verstehen: Jim Jarmusch. Als sollte sich hier im serbischen Hinterland, der 'Schandecke Europas' (Handke), eine Art globalisierungskritische Kunstavantgarde global zusammenschließen. Hier, in diesem 'rekonstruierten Zuhause', wie Kusturica es nennt, dringt das 'reine Gift Hollywoods' nicht ein."

Das chinesische Wirtschaftswunder verläuft keineswegs geradlinig, weiß der Kulturwissenschaftler Sören Urbansky. Er schildert sehr anschaulich am Beispiel der Familie Sun das Auf und Ab der Ölstadt Daqing. "Sun Jianping thront über der gedeckten Tafel und blickt auf eine Ölpumpe, die draußen vor dem Haus rumort. Das aufgeknöpfte Hemd verleiht dem gestandenen Mann jugendlichen Charme. Sein erwachsener Sohn und vier Arbeiter knien auf Hockern um das Sperrholzrund, seine Frau sitzt abseits bei der Tür. Die Gesellschaft isst Hundefleisch aus der Nachbarschaft, ein Bekannter hat Muscheln aus Nordkorea mitgebracht. Bier und Schnaps fließen reichlich. ... Herr Sun ist ein stolzer Mann. Und die Stadt, in der er lebt, hat viele aufrechte Söhne hervorgebracht. Das 'schwarze Gold' der Öl-Metropole Daqing hat seine Bewohner groß gemacht. Doch auch wenn der Tisch bei den Suns heute üppig gedeckt ist, gab es nicht zu allen Zeiten etwas zu feiern..."

Weiteres: Jürgen Tietz lobt die Restaurierung und Ergänzung des Neuen Museums in Berlin durch David Chipperfield. Besprochen werden eine Aufnahme von Mahlers Achter Sinfonie mit dem Tonhalle Orchester, eine Aufführung von Novarinas "Le Monologue d'Adramelech" am Theatre de Vidy-Lausanne und einige DVDs.

TAZ, 02.03.2009

In taz zwei kritisiert der Erfurter Islamwissenschaftler Jamal Malik eine Islamisierung der Muslime durch die deutsche Mehrheitsgesellschaft. "Dahinter steht eine Homogenisierungs- und Sicherheitspolitik: Ziel ist ein nationaler Islam, eine Verkirchlichung. Da wirft man ganz verschiedene Akteure in einen Topf, klebt das Label Islam drauf, und fertig. Aber mal ehrlich: Was hat ein indonesischer Muslim mit einem Türken zu tun? Oder ein Alevit mit einem Ahmadi? Plötzlich ist es egal, ob ich gläubig bin oder nicht, ob ich praktiziere oder nicht - zack, ich bin Muslim. Und das bedeutet leider auch, dass meine Loyalität zum Grundgesetz in Zweifel gezogen wird. Da stellt man sich schon die Frage: Was soll diese Überislamisierung?"

Jörg Sundermeier berichtet über eine Diskussionsveranstaltung zu Andreas Oplatkas Buch "Der erste Riss in der Mauer. September 1989 - Ungarn öffnet die Grenze". Philipp Oswalt, neuer Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau, spricht im Interview über den Mythos Bauhaus, den Wert von Rekonstruktionen und seine Projekte. Torben Ibis hat sich vom Centraltheater Leipzig zu einer Begehung des ehemaligen Tagebaukombinats Espenhain verlocken lassen, aller Nostalgie zum Trotz ist er aber doch erleichtert, dass es demnächst gesprengt wird.

Und Tom.

Aus den Blogs, 02.03.2009

(Via Indiskretion Ehrensache). Sehr traurig - das Abschiedsvideo der Rocky Mountain News.


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FR, 02.03.2009

Wieso hat bei Albert Ostermaiers Stück "Fratzen" am Mannheimer Nationaltheater bloß niemand eingegriffen?, fragt Peter Michalzik: "Ein Lektor, der Ostermaier fragt, was er denn vor allem erzählen möchte, der Ostermaiers überquellendes Drama in eine Form lenkt, der dieses überschäumende Talent zu sich bringt, der Klarheit herstellt. So aber schreibt einer sein zwanzigstes Stück, und es wirkt so vollgepackt wie das Werk eines Anfängers."

Weiteres: In Times Mager macht sich Judith von Sternburg Gedanken über die Verniedlichung von pensionierten Spitzenpolitikern. Tilmann P. Gangloff lässt sich von den Fernseh-Einkäufern erklären, warum die Sender immer weniger Spielfilme zeigen. Guido Fischer preist den Lautenisten Konrad Junghänel und sein Vokalensemble Cantus Cölln, das eine unbekannte Marienvesper von Mazzocchi aufgenommen hat. Besprochen wird Sibylle Lewitscharoffs Roman "Apostoloff" (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Berliner Zeitung, 02.03.2009

Pop ist Mist, behauptet Helge Schneider im Gespräch mit Maurice Summen: "Richtig. Ich mach zwar manchmal auch Stücke mit Pop-Anleihen, einfach, weil es lustig ist. Aber eigentlich ist es scheiße."
Stichwörter: Pop, Helge Schneider

Welt, 02.03.2009

Wieland Freund unterhält sich mit dem Schriftsteller Stewart O'Nan über Amerikas Auto- und Identitätskrise, das Versagen der Konsumenten und die Macht und Magie eines Chevys: "Der Mythos des Schuppen- und Straßenrand-Schraubers ist wichtig. Die neuen Autos machen das schwerer, aber dafür gibt es den neuen Mythos der Tuner-Generation. Die frisierten Taschenraketen aus 'The Fast and the Furious'. Bodykits, Crazy Paint, Nitrous Systems, Sportluftfilter und -auspuffanlagen. Das ist der gleiche selbstgemachte Wild-Style, der uns die Hot Rods der Fünfziger beschert hat und die Muscle-Cars und Funny-Cars der Sechziger und Siebziger. Es spielt sich alles nur auf einer ganz anderen Ebene technischen Wissens ab."

Weitere Artikel: Hendrik Werner versteht nur zu gut, dass in diesen Zeiten die "von psychischen Grauen und körperlichem Bankrott kündenden" Vampire ihre Renaissance erleben. Johnny Erling berichtet von chinesischen Auslandsstudenten, um die auch das deutsche Internat Salem buhlt. Peter Dittmar erklärt in der Randglosse, wie und warum die Meerjungfrau von Kopenhagen nach Shanghai kommt. Uta Baier begrüßt Klaus Schenk als neuen Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen.

Besprochen werden Karin Henkels Inszenierung der "Gefährlichen Liebschaften", mit der das Deutsche Theater nach seiner Renovierung wiedereröffnet, Ian Bostridges Händel-Tour, das Musical "Rudolf" in Wien und der ZDF-Zweiteiler "Entführt".

SZ, 02.03.2009

Hunderte von Kirchen werden in Deutschland nicht mehr gebraucht, und die Kirchenoberen geben dabei am liebsten die Nachkriegsbauten preis. Wolfgang Pehnt verteidigt diese Bauten: "Wie wäre es, wenn man in diesen oftmals großartigen Räumen nicht die drohende Gefährdung sähe, sondern die Chancen? Wenn man sie in erster Linie nicht als bedrohte Kultstätten betrachtete, die es zu verteidigen gilt, sondern als Einladung, über neue Formen urbaner Ingebrauchnahme nachzudenken?"

Weitere Artikel: In den Nachrichten aus dem Netz stellt Niklas Hofmann ein Kultvideo aus der Video-Plattform Vimeo vor, die er als "Youtube für Menschen mit ästhetischem Empfinden" bezeichnet - in dem Video tanzt sich ein Grafikstudent aus Yale durch 100 songs.



Andrian Kreye schildert den Urheberrechtssteit um Obamas bekanntestes Wahlkampfplakat. Alex Rühle begegnete in Hamburg dem superbegabten Autisten Daniel Tammet ("Tammets beste Freunde sind bis heute die Primzahlen, er kennt sie derart gut, dass er intuitiv achtstellige Primzahlen erzeugen kann, einfach weil er ahnt, das es sich jeweils um eine Primzahl handelt"). Hans Schifferle gratuliert der Hollywood-Schauspielerin Jennifer Jones zum Neunzigsten. Frank Nienhuysen verfolgte ein Moskauer Symposion zum misslichen Thema Beutekunst.

Besprochen werden die Uraufführung von Albert Ostermaiers Stück "Fratzen" in Mannheim, Magnus Mills' Roman "Die Entdecker des Jahrhunderts".

Auf der Medienseite findet sich ein Interview mit dem neuen ARD-Vorsitzenden Peter Boudgoust, der verspricht, mehr Qualität ins Programm zu bringen.

FAZ, 02.03.2009

Der Berliner Rechtsanwalt Gunnar Schnabel verteidigt das Recht jüdischer Erben, alle Rechtsmittel auszuschöpfen, um von den Nazis geraubte Kunst zurückzuerhalten - und wendet sich damit gegen einen Artikel seines Kollegen Peter Raue im Tagesspiegel: "Viele hochbetagte Betroffene können und wollen sich nicht weiter jahrelang hinhalten lassen. Sie werden ihr Eigentumsrecht an den verlorenen Bildern einklagen, wenn es erforderlich ist. Schon deshalb besteht politischer Handlungsbedarf."

Weitere Artikel: Dieter Bartetzko ist begeistert von David Chipperfields behutsamer Rekonstruktion des Neuen Museums in Berlin ("Chipperfield hat in elfjähriger nervenzermürbender Detailarbeit unverkennbar Neues geschaffen, das dennoch Stülers Geist atmet"). Jürg Altwegg glossiert die Verleihung der Cesars in Paris. Claudia Lanfranconi verfolgte eine Tagung für den gerade 85 Jahre alt gewordenen Kunsthistoriker Willibald Sauerländer in München. Ingeborg Harms liest Beiträge in deutschen Zeitschriften, die die Schönheiten des Prints gegenüber dem Netz verteidigen. Wolfgang Sandner schreibt zum Tod des Jazzrockers Ian Carr. Auf der letzten Seite werden verschiedene runde Geburtstage prominenter Kulturmenschen wie Ariane Mnouchkine, Bernhard Haitink und Günter Kunert abgefeiert.

Besprochen werden eine Variation über Laclos' "Liebschaften" in der Regie Karin Henkels im renovierten Deutschen Theater (Gerhard Stadelmaier charakterisiert die Inszenierung als "grenzdebiles Hasentheater im Rammelbammel-Brüllstil") und eine neue Choreografie Ingun Björnsgaards in Bremen.

Nur online wird gemeldet, dass der Chinese Cai Mingchao, der zwei chinesische Bronzetierköpfe aus der Sammlung Saint Laurent für 31 Millionen Dollar ersteigert hat, nun aus politischen Gründen die Zahlung verweigert - die Chinesen fordern die Restitution der beiden Werke.