Heute in den Feuilletons

Farblose Zeitungen, denen alles fehlt

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.02.2009. Die NZZ fragt: Gibt's die Uffizien künftig nur noch mit Pommes und Majo? In Granma sinniert Castro über die Aussprechbarkeit von Obama. Die FR ist nicht sehr zufrieden mit der Auswahl für das Berliner Theatertreffen. Opendemocracy wirft einen russischen Blick auf die Chinesen. Die SZ kommentiert die Schließung von Norman Fosters Berliner Büro: ein Verlust für die Architekten - aber für die Baukultur?

FR, 11.02.2009

Sehr unzufrieden ist Peter Michalzik mit dem Berliner Theatertreffen, das auf dem besten Wege ist, sich selbst überflüssig zu machen, indem es nur noch Aufführungen aus den Metropolen mit einer ganz bestimmten Ästhetik - "modern, aber nicht zu radikal" - zeigt. "Was in der Provinz, zu der inzwischen auch Hannover, Leipzig oder Frankfurt zählen, gezeigt wird, zählt nicht. Es ist - mit einem Wort - nicht mehr kunstfähig. 'Das können wir in Berlin nicht zeigen', und weg damit. Da fallen bewegende, gefeierte Aufführungen wie zum Beispiel 'Eine Familie' in Mannheim hinten runter und niemand weiß warum. Es gibt eben die Ästhetik-Metropolen und die Theaterlandschaft, die Leuchttürme und das flache Land, die Kunstkunst und die Grundversorgung. Und die sind streng getrennt. Es ist wie bei Kassen- und Privatpatienten." Eine reisende Jury braucht man dann aber auch nicht mehr.

Außerdem: Eva Schweitzer war dabei, als Jeff Bezos - mit Steven King im Schlepptau - sein neues Kindle vorstellte. Besprochen werden eine Ausstellung der Chapman-Brüder in der Kestnergesellschaft in Hannover, Thomas L. Friedmans Buch "Was zu tun ist" und Asa Larsens Krimi "Bis dein Zorn sich legt" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

NZZ, 11.02.2009

Gabriele Detterer beklagt den Ausverkauf der italienischen Museen, denen das Geld gekürzt und als Generaldirektor nicht etwa ein Mann vom Fach, sondern der ehemalige Direktor von McDonald's Italia vorgesetzt wird. Bedenklich findet Detterer diese Entwicklung nicht nur im Hinblick auf die Vermarktung von Kulturgütern: "Es steht jedoch noch weit mehr auf dem Spiel, die Zukunft eines Kulturlandes, das glaubt, es sich leisten zu können, nach jedem politischen Machtwechsel den kulturellen Sektor umzuorganisieren und Positionen neu zu besetzen, aus purem Machtkalkül. Das Nachsehen haben die substanzielle Pflege des Kulturerbes ebenso wie der Aufbau von signifikanten Kunstsammlungen der heutigen Zeit, die auf lange Sicht den kurzen Atem der Politik doch bei weitem überdauern."

Susanne Ostwald zieht eine Zwischenbilanz der Berlinale und stellt fest: das meiste gab's schon mal - und zwar besser. Größe entdeckt Ostwald höchstens in einigen kleinen Produktionen, besonders beeindruckt hat sie Rachid Boucharebs "London River", der von einer Engländerin und einem in Frankreich lebenden Afrikaner handelt, die sich nach den Londoner Terroranschlägen in der britischen Hauptstadt auf die Suche nach ihren Kindern begeben.

Besprochen werden die Ausstellung "Las Vegas Studio" im Museum Bellpark in Kriens und Bücher, darunter Alice Munros Erzählband "Wozu wollen Sie das wissen?" und Manfred Geiers Doppelbiografie der Brüder Alexander und Wilhelm von Humboldt (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Aus den Blogs, 11.02.2009

Don Alphonsos abschließende Bemerkung zum Ende von Zoomer: "Blogger haben Zoomer zu dem Misthaufen gemacht, der es schon immer war."

Zum Rechtsstreit Rowohlt gegen Spiegel: Thomas Knüwer weist in Indiskretion Ehrensache darauf hin, dass Daniel Kehlmann und sein Roman "Ruhm" nicht nur im Spiegel vor Ablauf der Sperrfrist am 16.1.09 vorgestellt wurden: "Am 27.12. erschien in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung [tatsächlich war es in der FAZ in Bilder und Zeiten] ein langes Interview mit Daniel Kehlmann sowie ein Auszug aus seiner Kurzgeschichten-Sammlung 'Ruhm', die am 16. Januar erscheinen würde. Bemerkenswert: Dieser Buchauszug wird von der FAZ vermarktet wie ein normaler Artikel, sprich: Er ist über die Pressedatenbank Genios käuflich erhältlich." Danach schrieb der Spiegel, anschließend erschien in der Welt ein Interview mit Kehlmann. Danach in der FAS und im Tagesspiegel Hinweise auf das Buch. Alles vor dem 16.1. Aber nur der Spiegel wurde verklagt. Warum? Warum darf man nicht über ein Buch sprechen, das der Autor selbst schon mit Interviews und langen Leseproben öffentlich gemacht hat?

Via Gawker. Fidel Castro kaut und kaut, aber er kann den Namen von Obamas Staatschef Rahm Emanuel (Bild) einfach nicht runterschlucken. In Granma - offizielle Zeitung der Kommunistischen Partei Kubas - grübelt er in seinen "Reflexionen": "WAS für ein seltsamer Nachname! Er klingt Spanisch, leicht auszusprechen, aber er ist es nicht. Niemals zuvor in meinem Leben habe ich von einem Studenten oder Landsmann mit diesem Namen gehört, nicht unter zehntausenden. Woher kommt er? Ich frage mich. Immer und immer wieder denke ich an den brillanten deutschen Denker, Immanuel Kant, der zusammen mit Aristoteles und Platon das Trio von Philosophen bildete, die das menschliche Denken am meisten beeinflusst haben. Zweifellos war er nicht sehr weit entfernt, wie ich später entdeckt habe, von der Philosophie des Mannes, der Barack Obama, dem jetzigen Präsidenten der Vereinigten Staaten, am nächsten steht."

Und hier das immer wieder gern gesehene Video "2005 - Obama grillt Rahm Emanuel":

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TAZ, 11.02.2009

Robert Schröpfer fürchtet in einem kleinen Essay über Dresden, dass sich die extreme Rechte das Gedenken an die Zerstörung der Stadt unter den Nagel reißt und hofft auf Gegenakzente der civil society: "Diesem mehrdeutigen Erinnerungsort eine weitere Komponente hinzuzufügen oder besser ihn gar umzukodieren als Ort der Auseinandersetzung mit Geschichte, als Ort der Zurückweisung rechter Vereinnahmungsversuche und eines breiten demokratischen Konsens - das hieße, den Geschichtsrevisionisten tatsächlich eine Niederlage beizubringen."

Weitere Artikel: Dietmar Kammerer berichtet von der Berlinale. Ebendort hat Diedrich Diederichsen den neuesten Film von Manoel de Oliveira gesehen. Christian Semler verfolgte eine Hamburger Podiumsdiskussion über die Hitler-Attentäter Claus Schenck Graf Stauffenberg und Georg Elser. Besprochen wird eine CD des "Elektronikers" Uwe Schmidt.

Auf der Tagesthemenseite publizieren Bahman Nirumand (hier), Katajun Amirpur (hier) und Omid Nouripour (hier) persönliche Erinnerungen an die iranische Revolution vor dreißig Jahren.

Und Tom.

Spiegel Online, 11.02.2009

In Interview mit Spiegel Online erzählt  Amelie Fried, wie sie sich die Nachfolgesendung von "Lesen" vorstellt, die sie zusammen mit Ijoma Mangold moderieren wird: "Die neue Sendung muss kontroverser werden, als es 'Lesen!' manchmal war. Das war eher affirmativ, da hat man Bücher empfohlen bekommen. Aber es gab wenig Kontroverse."

Weitere Medien, 11.02.2009

Die russische Dichterin Tatjana Scherbina findet die Chinesen seltsam. Aber sie haben auch eine Menge mit den Russen gemeinsam: es brauchte den Sozialismus, um sie vom Kämpfen und Stehlen abzuhalten. Der Rest ist Wurschtigkeit. Die Erkenntnis, nachzulesen in Open Democracy, kam ihr in Hainan, einer Insel (früher eine Gefängnisinsel) ganz im Süden von China - wo nur Chinesen und Russen Urlaub machen. "Die Chinesen haben zum Tee dieselbe Einstellung wie die Franzosen zum Wein. Aber bei Wein zählt das Label, während die Chinesen nach dem Preis urteilen. Wie unterscheiden sich echte Labels von gefälschten westlichen Marken, die die chinesischen Fabriken in enormen Mengen herstellen und mit denen die russischen Touristen ihre Koffer füllen? Im Preis. Die Chinesen erkennen nicht den Unterschied in den Qualitäten, so wie sie den Laut r nicht hören können. Für sie tut es jedes alte Ding."

Via Arts and Letters Daily. Matthew Price zeigt sich in Abu Dhabis The National fasziniert von Kenneth Whytes Biografie "The uncrowned king" des jungen William Randolph Hearst, der, lesen wir, eigentlich ganz ok war. Eins jedenfalls konnte er: Auflage machen! "Der Journalismus im Hearst-Stil konnte extrem sein und durch die Decke schießen, aber er war auch äußerst unterhaltsam und frech. Hearst überwältigte die Leser mit einem unbarmherzigen Stil; er machte das Lesen von Nachrichten zu einem Ereignis. Vielleicht kann nichts der Krise abhelfen, der die Zeitungen heute entgegensehen, aber die grauen Entitäten, die heute die meisten amerikanischen Zeitungen besitzen, Aktiengesellschaften mit langweiligen Namen wie MediaNews Group, sind ihre eigenen schlimmsten Feinde. Sie produzieren farblose Zeitungen, denen alles fehlt, was der dynamische Hearst täglich lieferte: Stil und Geist." Hier Robert Fulhams Kritik in Kanadas National Post (Jack Rosenthals Kritik in der NYT ist nicht so amüsant). Leseproben hier.

FAZ, 11.02.2009

Manfred Püschner erinnert an eine kuriose Fußnote der Geschichte des Kalten Kriegs - nämlich den Versuch der DDR, einen Störsender gegen den Prager Frühling in Stellung zu bringen. Die Sache ist freilich kläglich gescheitert: "Vltava verriet sich mit nicht akzentfreiem Tschechisch; Versuche, Sprecher in Prag zu finden, waren gescheitert. Die Ansagen muteten kurios an: 'Der vorgesehene Sprecher liegt im Krankenhaus. Die beiden vorgesehenen Sprecherinnen haben angeblich Angst.' Zwei Tschechinnen sagten zu und saßen in Berlin erstmals vor einem Mikrofon."

Weitere Artikel: Oliver Tolmein betrachtet die derzeit vorliegenden deutschen Patientenverfügungs-Entwürfe im Lichte des Falls Eluana Englaro. Patrick Bahners hat in Frankfurt Wilhelm Genazino aus seinem neuen Roman lesen hören. In der Glosse weiß Christian Geyer, was die Wirtschaftswissenschaft alles nicht weiß. Joseph Hanimann erklärt, warum die zwanzig Jahre zurückliegende "Internationale Bauausstellung Emscher Park" bis heute in Frankreich als "Parc de la Ruhr" Beachtung findet. Kerstin Holm kann vermelden, dass das von Stalin eingerichtete Musterferienland "Artek", in der heutigen Ukraine an der Krim gelegen, nun wohl doch weiterexistieren kann. Jordan Mejias informiert über Jeff Bezos Vorstellung von "Kindle 2", an der auch Stephen King teilnahm. Der Historiker Jörg Nagler erinnert an den vor 200 Jahren geborenen Abraham Lincoln. Zum Tod des Fernsehautors Robert Stromberger ("Diese Drombuschs") schreibt Dieter Bartetzko.

Berlinale: Bert Rebhandl hat im Panorama-Film "Die Regenbogenkrieger" indonesischen Neorealismus entdeckt. Verena Lueken hat die Wettbewerbsfilme "Cheri" und "The Messenger" gesehen - letzteren hält sie für eine echte Entdeckung. Andreas Platthaus hat eine Diskussion zwischen der Experimentalfilmlegende Michael Snow und der Youtube-Nachwuchskraft David O'Reilly verfolgt und den zweiten Film über die polit- und wirtschaftsanarchistischen Streiche-Spieler "Yes Men" gesehen.

Kurzbesprechungen gibt es zu einer Luzerner Aufführung von Misato Mochizukis Kammeroper "Die große Bäckereiattacke", einer Londoner Inszenierung von Erich Wolfgang Korngolds Oper "Die tote Stadt" und einer "Tosca" in Dresden. Besprochen werden außerdem die große Degas-Ausstellung "Intimität und Pose" in der Hamburger Kunsthalle, Tina Laniks Münchner Inszenierung von Kleists "Zerbrochnem Krug", die Berliner Übernahme von Robert Carsens Münchner Inszenierung von Richard Strauss' "Ariadne auf Naxos", ein Konzert der Band Travis in Frankfurt und neue Bücher, darunter eine "Labelkunde Vinyl" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Welt, 11.02.2009

Im Aufmacher erinnert Michael Pilz an die Village People, die vor dreißig Jahren mit ihrem Hit "YMCA" schwule Subkultur salonfähig machten. Michael Stürmer erinnert an den Ayatollah Chomeini, der vor dreißig Jahren dem Iran die Islamische Revolution bescherte. Als fröhlichen Basar hat Wieland Freund die Veranstaltung "Breakfast and Books" erlebt, auf der die Berlinale Buch- und Filmbranche miteinander verkuppeln wollte. Berlins ehemaliger Senatsbaudirektor Hans Stimmann vermisst die Schönheit in der Architektur. Sven Felix Kellerhoff berichtet, dass das deutsche Historische Museum Plakate aus der Sammlung Hans Sachs zurückgeben muss. Besprochen wird eine Ausstellung des Karikaturistenduos Greser und Lenz im Frankfurter Museum für Komische Kunst.

Nach Sichtung mehrerer Polit-Filme auf der Berlinale konstatiert Hanns-Georg Rodek: "Typisch für den Zeitgeist auf der Berlinale ist nicht mehr die Theorie, sondern das Jucken nach Aktion." Thomas Abeltshauser hat sich Gus van Sants Biopic über den San Franciscos erschossenen schwulen Politiker "Milk" angesehen.

SZ, 11.02.2009

Gerhard Matzig kommentiert die Meldung, dass Norman Foster mangels Aufträgen sein Berliner Büro schließt: "Für die Architekten und die Mitarbeiter ist das ein großer Schaden. Ob es auch einer für die Baukultur ist, muss sich zeigen."

Weitere Artikel: Christine Dössel stellt die Auswahl für das Berliner Theatertreffen vor. Alex Rühle berichtet von einem Streik französischer Universitätsprofessoren, die befürchten, dass Sarkozy etwas am Status quo ändern könnte. Anke Sterneborg hat im Wettbewerb der Berlinale neue Filme von Oren Moverman und Chen Kaige gesehen. Fritz Göttler schreibt über einen Film von Michael Winterbottom über die Altermondialistin Naomi Klein, der ebenfalls in Berlin gezeigt wurde. Thomas Steinfeld meditiert ausführlich über die Lage der Museen in Zeiten der Krise. Sebastian Schoepp berichtet aus Cartagena über einen kolumbianischen Ableger des britischen Hay-Festivals, bei dem sich die Creme der lateinamerikanischen Literatur versammelte ("Als Ehrengast schaute diesmal Salman Rushdie vorbei, um über das kreative Amalgam von Kulturen zu plaudern und Panama-Hut zu tragen, sozusagen die offizielle Festival-Kopfbedeckung.")

Besprochen werden die Stuttgarter Ausstellung "Drei" über die Geschichte des Triptychons in der Moderne (mehr hier) und Bücher, darunter Walter Kappachers Roman "Der Fliegenpalast" ("Kappacher schreibt ein ungespreiztes, zart antiquiertes, nie auf die Pointe schielendes, wunderbares Deutsch", versichert Rezensent Michael Maar).

Auf der Medienseite unterhalten sich Christopher Keil und Hans Werner Kilz (oh je, der Chef persönlich) mit dpa-Chefredakteur Wilm Herlyn über Nachrichtenjournalismus im Internetzeitalter und über den Umzug der Agentur nach Berlin.