Heute in den Feuilletons

Schokoladentorten

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.12.2008. Aravind Adiga schreibt in der FAZ über die Attentate von Bombay, die er als Angriff auf die Buntheit, Toleranz und Offenheit der Stadt sieht. In der Berliner Morgenpost erzählt der Berliner Galerist Andreas Osarek, wie er die Terrornacht im Taj Mahal erlebte.  Für die FR analysiert Hans Christoph Buch die Lage im Kongo. Und alle Feuilletons haben sich bei Elfriede Jelineks Spektakel über das Massaker von Rechnitz in München recht gut unterhalten.

FR, 01.12.2008

Der Autor Hans Christoph Buch wirft einen Blick auf die Lage im Kongo, und ihm gefällt gar nicht, welche Rolle Ruanda dort spielt. "Der eigentliche Skandal aber ist, dass der 15 000 Mann starken Blauhelmtruppe im Osten des Kongo in drei Jahren nicht das gelang, was 300 französische Fallschirmjäger in Bunia in nur drei Tagen schafften: Das Morden und Vergewaltigen zu beenden - statt dessen verübten pakistanische UN-Soldaten selbst Massaker und sexuellen Missbrauch von Minderjährigen. Im Mai 2005 exekutierten von Ruanda bewaffnete Rebellen vor meinen Augen einen Sechzehnjährigen, der sich weigerte, Lasten für sie zu tragen, und als ich einen indischen UN-Offizier zu intervenieren bat, wie dies seine Pflicht gewesen wäre, meinte er lakonisch: 'Human life has no value in Africa', und wollte lieber Tee mit mir trinken, als das Leben des Jungen zu retten."

Als "Brechmittel" hat Peter Michalzik Elfriede Jelineks in München uraufgeführtes Stück Rechnitz erlebt. Es geht um jenes Massaker, dass SS-Leute nach einer Party bei der Thyssen-Erbin Gräfin Margit Batthyany an 180 jüdischen Zwangsarbeitern verübten (mehr hier): "Ein zwittriges, bedächtiges Wälzen und Suhlen, mit kleinen Fressorgien als Höhepunkten, triefende Salamischeiben, die diese begnadet bedächtigen Schlemmer von der Pizza werfen, Hähnchenschenkel, die sie auseinander zerren, Torten, die bei allen Schmierspuren hinterlassen. Wie sauber und erholsam könnte doch eine Tortenschlacht sein! Aber es ist alles Brei. Oh, würde man diesen Vergangenheitsschleim gerne von sich abschütteln!"

Martina Meister berichtet von der großen Party der Pariser Kultur-Hautevolee zu Claude Levi-Strauss 100. Geburtstag im Musee du Quai Branly. Christian Thomas schreibt zum Tode des dänischen Architekten Jörn Utzon, des Erbauers der Oper von Sydney. Sehr empfehlen kann Stefan Behr die heute Abend gezeigte ARD-Dokumentation über die Entführung des Frankfurter Bankierssohn Jakob von Metzler. In Times mager sorgt sich Judith von Sternburg um Autos ohne menschliche Züge und Japaner ohne Kinder.

Besprochen werden Konzerte von Alice Cooper und David Coverdale in Frankfurt.

Welt, 01.12.2008

Irgendwie recht gut unterhalten hat sich Matthias Heine bei Elfriede Jelineks Spektakel "Rechnitz" um ein Massaker an jüdischen Zwangsarbeitern in den letzten Tages des Krieges (mehr Informationen über Rechnitz hier). Jossi Wieler hat es an den Münchner Kammerspielen inszeniert. Heine fühlt sich an Bunuels Film "Würgeengel" und Pasolinis "120 Tage von Sodom erinnert: "Dabei scheut Jelinek die Nähe zum Kalauer durchaus nicht. Bei ihr ziehen die Russen 'alle Register der Stalinorgel' und die Toten werden sowohl 'abgehäutet' als auch 'abgeheutet'. Das ergibt Sinn, weil die Schwätzer vom Hölzchen aufs Stöckchen assoziierend vor einer klaren Aussage fliehen wollen. Allerdings waren Jelineks Wortspiele schon mal näher an der Poesie und weiter weg vom Kabarett."

Weitere Artikel: Der Autor Rolf Schneider verteidigt Franco Stellas siegreichen Schlossentwurf, der ja doch nur aussieht wie das ehemalige Berliner Stadtschloss, als den richtigen. Hendrik Werner stellt den Roman "Senghor on the Rocks" vor, dessen Stationen man auf Google Maps mitverfolgen kann. Ulrich Baron beklagt ein zu idyllisches Indien-Bild im Westen, das hinter der Lichtgestalt Mahatma Gandhis die blutige Geschichte des Landes verkenne. Sven Felix Kellerhoff gratuliert der "Zentralen Stelle Ludwigsburg", die Pionierarbeit in der Erforschung der NS-Verbrechen leistete, zum Fünfzigsten. Auf einer Seite stellen Welt-Redakteure mögliche Weihnachtsgeschenke vor.

Besprochen werden eine Popoper mit Sting und ein "Fidelio" mit Mosebach-Texten in Paris.

In einem Essay für die Forumsseite schreibt Uli Kule im Vorfeld des Posener Klimagipfels über eine im Zeichen der Wirtschaftskrise leicht abflauende Begeisterung für den Klimawandel.

NZZ, 01.12.2008

Ordentlich schlucken musste Barbara Villiger Heilig bei Jossi Wielers Uraufführung von Elfriede Jelineks Stück "Rechnitz": "Unverschämte Schamlosigkeit treibt Jelineks Partyfurien an, wenn sie ihre mäandernden Erzählungen von der namenlos bleibenden 'Frau Gräfin" und ihren Gespielen bzw. Geliebten gedankenlos mit T. S. Eliots danteskem Limbus oder Euripides' blutrünstiger Orgie am Kithairon verlinken. Die Gedanken sollen wir uns machen, Elfriede Jelinek hat sie schon vorbereitet - ohne freilich den Bildungskanon als schöngeistiges Ausweichmanöver bereitzustellen. Vielmehr verschmelzen die literarischen Unmenschlichkeiten mit der Realität."

Weiteres: Lutz Windhöfel besucht den architektonisch sehr ambitionierten Novartis-Campus in Basel. Joachim Güntner geht den ostdeutschen Erfolgen bei der jüngsten Pisa-Studie auf den Grund.

Besprochen werden die Design-Ausstellung "Cold War Modern" im Londoner Victoria & Albert Museum und Peter Kastenmüllers Inszenierung von Döblins "Berlin Alexanderplatz" in Basel.
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Aus den Blogs, 01.12.2008

Via BoingBoing. Die Webseite Apartment Therapy hat eine wunderbare Fotoreihe mit Rockstars aus den Siebzigern ins Netz gestellt: Frank Zappa, Grace Slick, David Crosby, die Jackson Five, Elton John und Eric Clapton und andere Vertreter des wilden Lebens posieren verlegen lächelnd wie Konfirmanden zuhause neben Mama und Papa auf der Wohnzimmercouch.

TAZ, 01.12.2008

Katrin Bettina Müller schreibt über die Inszenierung Jossi Wielers und Elfriede Jelineks Rollenprosa in "Rechnitz" an den Münchner Kammerspielen: "Die Schokoladentorten: Mit bloßen Händen greifen die Partygäste in die Creme, mit den gleichen Händen, die zuvor schon den Belag von der Pizza zupften, gebratene Hühner zerrupften und Eier pellten. Es liegt Rohheit und Arroganz zugleich in ihren verlangsamten Gesten dabei. Die Frauen stecken die Schokoladencremefinger nicht nur in den Mund, sondern streichen über die nackten Beine bis zur Scham, wischen die Finger an den Hemden ihrer Begleiter ab. Sie zelebrieren das Obszöne und Provokative. Und obszön ist dieses Tun vor allem, weil sie dabei über Mord und Verhungernde reden; aber nicht im Ton des Schreckens, ohne Urteile über Schuld, ja, ohne Unrechtsbewusstsein überhaupt. Fast wie ein Fachsimpeln über die Regeln der Jagd..."

Weitere Artikel: Sonja Vogel begutachtet das Gemälde "Unterzeichnung der Deklaration über den Anschluss von Westherzegowina und Popovo Polje an die Republik Kroatien (Wer hat das Bier bestellt?)" des kroatischen Künstlers Lovro Artukovic, das im ungarischen Haus Berlin ausgestellt ist. Frank Dobler schreibt zur Einstellung der Popsendung "Der Ball ist rund" von Radio-DJ und Musikautor Klaus Walter im Hessischen Rundfunk.

Besprochen wird die Ausstellung "Interieur/Exterieur. Wohnen in der Kunst" in Wolfsburg.

Tom.

Weitere Medien, 01.12.2008

Der Berliner Galerist Andreas Osarek hat die Terrornacht im Taj Mahal miterlebt und erzählt Ulf Poschardt in der Berliner Morgenpost, wie er mit einer Gruppe von Hotelgästen vom Personal des Hotels in der Küche versteckt wurde: "Das Personal hat gesagt, wir sollten ruhig bleiben und dass wir hier 'safe' seien. Dann haben sie irgendwann den Raum verdunkelt. Wir haben uns unter Sofas, Tischen und hinter Mauerecken verkrochen. Das war unser Glück. Deswegen hat man uns nicht gefunden. Im Nebenraum war weiterhin Licht. Plötzlich hörten wir, wie dort wild herum geschossen wurde. Als man uns später raus führte, sahen wir dort die Leichen liegen." Nicht ganz passend die kleine Eigenwerbung der Morgenpost unter dem Interview: "Mit dem Reise-Quiz  von Morgenpost Online können Sie herausbekommen, ob Sie das Zeug zum weltgewandten Globetrotter haben."
Stichwörter: Ulf Poschardt

FAZ, 01.12.2008

Der indische Bookerpreisträger Aravind Adiga schreibt aus Bombay und erklärt, warum die für seine Begriffe schönste und bunteste Stadt Indiens für Fundamentalisten ein rotes Tuch ist: "Warum also dieser Hass auf Bombay? Was können sie nur gegen diese wunderbare Stadt haben, die Terroristen, die die Bahnhöfe, Krankenhäuser, Hotels und Straßen angegriffen haben? Es sind genau diese Stärken, die Buntheit, Toleranz und Offenheit, derentwegen Bombay immer schon verhasst ist bei diesen Extremisten. Für all jene, die von Reinheit, Homogenität, Gleichförmigkeit träumen, hätte nicht einmal New York ein geeigneteres Hassobjekt abgeben können."

Das FAZ-Feuilleton bloggt, ab heute. "Wo das Internet eine Flut von Informationen aus oft dubiosen Quellen bietet, liefern die F.A.Z.-Blogs die Expertise vertrauter Autoren", versichert Jörg Thomann. Vielleicht sollte man Google bitten, den Rest dann einfach wegzufiltern!

Weitere Artikel: In der Glosse verabschiedet Gina Thomas die in die Insolvenz gegangene britische Woolworths-Kette, die sie allerdings verwirrenderweise Woolworth nennt wie die deutsche Kette, die ganz unabhängig und darum auch nicht insolvent ist. Andreas Kilb hat sich den jetzt ausgewählten Stadtschlossentwurf angesehen und findet, ceterum censeo, dass man sich das mit dem Humboldtforum jetzt wirklich noch mal überlegen sollte. Der Kirchenrechtler Hans Michael Heinig leistet seinen Beitrag zur im FAZ-Feuilleton wild tobenden Debatte über Für und Wider der von einer von den Südstaaten der Bundesrepublik ausgehenden Initiative des Bundesrats angestrebten Rückgängigmachung der Aufhebung der Bindung der kirchlichen an die standesamtliche Eheschließung. Kerstin Holm erklärt, wie der Mörder von Anna Politkowskaja nun mit Hilfe einer Überwachungskamera überführt werden soll. Jürg Altwegg informiert über Kritik an der französischen Lottogesellschaft. Gerhard Stadelmaier gratuliert Ulrich Matthes zum Theaterpreis "Der Faust". Dieter Bartetzko schreibt zum Tod des Architekten Jorn Utzorn, der die Oper von Sydney entwarf. Auf der Medienseite muss sich Martin Ruff sehr beschweren, dass sie beim Deutschlandfunk fremdländische Namen partout nicht richtig - und das heißt für ihn: fremdländisch - aussprechen können oder wollen.

Besprochen werden Jossi Wielers Inszenierung von Elfriede Jelineks "Rechnitz (Der Würgeengel)" (die Gerhard Stadelmaier genossen hat, obwohl er Jelinek immer noch nicht ausstehen kann), die Ausstellung "Die Anatomie des Bösen" in Schaffhausen, Georg Mischs Film "Der Weg nach Mekka", und Bücher, darunter Jonas T. Bengtsson Roman "Aminas Briefe" und der keine einzige der 2658 deutschen Weinlagen auslassende "Weinatlas Deutschland" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 01.12.2008

In Tübingen hörte Alex Rühle eine Diskussion zwischen dem Schriftsteller Kiran Nagarkar aus Mumbai und dem Germanisten Anil Bhatti aus Neu Delhi. Henning Klüver besucht in Vicenza Franco Stella, den Sieger des Berliner Schlosswettbewerbs. Gerhard Matzig schreibt zum Tod des Architekten Jörn Utzon. In Stuttgart wurde der deutsche Theaterpreis Faust an Volker Ludwig, Leiter des Berliner Grips-Theaters, verliehen, berichtet Adrienne Braun. Alexander Runte fordert in seinen Nachrichten aus dem Netz eine strengere Kontrolle der Besucher von rapidshare.com.

Besprochen werden die Aufführung von Elfriede Jelineks Stück "Rechnitz" an den Münchner Kammerspielen, ein Konzert mit Sonny Rollins in Hamburg, Philipp Jeschecks Inszenierung von Philipp Löhles "Lilly Link" am Münchner Volkstheater, Christophe Barratiers historisches Kino-Variete "Paris, Paris", einige DVDs, eine Ausstellung mit altniederländischer Malerei im Frankfurter Städel-Museum, Jochen Hicks Dokumentarfilm über Schwule in Russland "East/West - Sex & Politics" und Bücher, darunter Florianne Koechlins "PflanzenPalaver" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).