Heute in den Feuilletons

Our climb will be steep

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.11.2008. Yes, he could. Wir verlinken auf seine Rede. Das alte Europa beschäftigt sich indes noch mit der übrigen Aktualität. In der FR leiht sich Ulrich Beck einen Begriff von Josef Ackermann. Die Welt besucht Luhmanns Bielefeld. Die Kundera-Affäre ist den meisten Feuilletons trotz der kollektiven Nobelpreisträgersolidarisierung zumeist kein Wort wert. Nur der Tagesspiegel fordert die objektive Wahrheit. Und in Deutschlandradio hält Jiri Grusa das Polizeidokument für echt - und er glaubt Kundera doch.

Aus den Blogs, 05.11.2008

"President Barack Obama" titelt Gawker und bringt dieses etwas surreale Foto, das für eine Tierschutzkampagne aufgenommen wurde und das wir hiermit zitieren.




Übrigens zu blöd, dass wir nicht Amerikaner sind: Gawker zitiert auch aus Obamas Ansprache in Chicago, und da wäre man doch gern "a part of it": "It's been a long time coming, but tonight, because of what we did on this date in this election at this defining moment, change has come to America... To McCain supporters, some of whom were loudly disappointed at their candidate's defeat tonight: 'I may not have won your vote tonight but i hear your voices. I need your help and I will be your president too.' To the nation more broadly: 'We rise or fall as one nation, as one people. Let's resist the temptation to fall back on the same partisan ship. There is new energy to harness... the road ahead will be long, our climb will be steep..... but I have never been more hopeful that we will get there. We, as a people, will get there.'"

Hier ein Ausschnitt aus der Rede:



Stichwörter: Chicago, Gawker, Barack Obama

Tagesspiegel, 05.11.2008

"Verleumdungskampagne", "Gerücht" - Gregor Dotzauer findet die Wortwahl der elf Großschriftsteller in ihrer Erklärung zu Kundera "in zweierlei Hinsicht ungenau. Immerhin hat sich das 'Gerücht' in einer schriftlichen Meldung bei der Polizei materialisiert, die dazu führte, dass der als Westagent verhaftete Miroslav Dvoracek zu 14 Jahren Zwangsarbeit in einem Uranbergwerk verurteilt wurde. Man kann nur den Wert dieser Quelle in Zweifel ziehen. Und von 'Verleumdung' kann nur reden, wer über die legitime Unschuldsvermutung hinaus eindeutige Kenntnisse des Sachverhalts besitzt." Die aber hätten die Schriftsteller nicht. Und ach ja: "Es gibt, was den Vorgang selbst angeht, eine objektive Wahrheit." Schön, dass das mal jemand gesagt hat.

Aus den Radios, 05.11.2008

Jiri Grusa, tschechischer Dichter, Dissident, nach 89 Diplomat und Politiker und heute Präsident der internationalen Schriftstellervereinigung PEN hat, war in Prag und hat sich das umstrittene Polizeidokument angesehen, das Milan Kundera belastet. Im Deutschland Radio Kultur erklärte er jetzt, er habe keinen Zweifel, "dass das Papier echt ist. Das kann man nicht leugnen. Nur ist es kein Papier von Milan Kundera, es ist keine Denunziation sondern eine Anunziation eines Polizisten. Und wenn Kundera sagt, ich war's nicht, dann muss ich auch Kundera sowas wirklich glauben." Von einer "Verleumdungskampagne" will er aber nicht sprechen. "Nein, das würde ich nicht sagen. Es ist ein Zusammentreffen unglücklicher Umstände, denn das Papier ist echt. Die zehn Jahre der Kommunistenpropaganda im Lande, die auch Kunderas Werk in dieser Zeit repräsentiert, die sind auch echt."
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TAZ, 05.11.2008

Esther Slevogt beklagt in Antwort auf einen Artikel von Hubertus Knabe in der Berliner Zeitung eine ärgerliche Nebenfolge der "Anonyma"-Verfilmung: Darin werde die Nazipropaganda gegen den Schriftsteller Ilja Ehrenburg unkritisch nachgebetet, der angeblich zur Vergewaltigung deutscher Frauen aufgerufen haben soll. "Längst ist jedoch von Historikern belegt, dass es einen Aufruf Ehrenburgs zur Vergewaltigung deutscher Frauen nie gegeben hat." Der Ausspruch "Wenn du nicht im Laufe eines Tages wenigstens einen Deutschen getötet hast, so ist es für dich ein verlorener Tag gewesen", stamme allerdings wirklich von Ehrenburg. "Allerdings sollte man bei seiner Beurteilung auch den Kontext seiner Entstehung im Auge behalten: den Sommer 1942, als die Deutsche Wehrmacht weit auf Sowjet-Territorium vorgedrungen war, Städte und Dörfer dem Erdboden gleichgemacht hatte und ihren Vernichtungskrieg gegen die jüdische Bevölkerung und den 'slawischen Untermenschen' führte."

Udo Kittelmann, neuer Direktor der Berliner Nationalgalerien, erläutert in einem Gespräch seine Pläne und erklärt, weshalb er es nur bedingt sinnvoll fände, in der Aura der Alten Nationalgalerie mit aktueller Kunst zu intervenieren. Besprochen wird der neue Bond-Film "Ein Quantum Trost", über dessen Purismus die Kritikerin das Wesen Bonds beinahe verloren gehen sieht, andererseits jedoch das "fast sinnbildliche Ablegen des üblichen Bond-Ballasts" durchaus begrüßt.

In tazzwei ist außerdem ein Interview mit der amerikanisch-israelischen Sängerin und Schauspielerin Daliah Lavi zu lesen, worin sie über ihren Erfolg im Deutschland der Siebzigerjahre, den Holocaust, den Nahen Osten sowie McCain und Obama spricht.

Und hier Tom.

Spiegel Online, 05.11.2008

Egal was sie sonst noch sind, in jedem Fall mutig findet Reinhard Mohr die vier SPD-Abweichler, die Ypsilanti stürzten: "Nur jenen Mitläufern, Gschaftlhubern und ewiggrauen Parteischranzen fehlt jede Phantasie, dass es irgendwann einmal einen sehr persönlichen Bruch geben kann, den man (fast) alleine vollziehen und durchstehen muss - um seiner selbst willen. Die populäre Verachtung der Abweichler ist ein Zerrspiegel der eigenen Willenlosigkeit; deren Stärke stellt die eigene Schwäche heraus, ihr Mut die Mutlosigkeit der Mehrheit, die es sich in der eigenen Propaganda gemütlich gemacht hat."

Welt, 05.11.2008

Vor zehn Jahren starb Niklas Luhmann. Thomas Lindemann besucht die Lebens- und Wirkstätten des für seine Kälte und Schärfe verehrten Soziologen: "Bis heute umgibt Luhmann etwas Provinzielles. Die Sparkasse Bielefeld vergibt ihm zu Ehren einen Forschungspreis. Ein Gymnasium an seinem Wohnort Oerlinghausen benannte sich nach ihm - die Website ist seit Monaten kaputt. An seinem Geburtsort Lüneburg wird demnächst die erste Luhmann-Straße eingeweiht, in einem Neubaugebiet. Irgendwie passt das alles zu dem Verwaltungsjuristen, der im Stillen eine Wissenschaft revolutionierte. Ein freundlicher Bürokrat war der Erneuerer der modernen Soziologie."

Weitere Artikel: Berthold Seewald kritisiert die finanzielle Weichherzigkeit des Landes Baden-Württemberg gegenüber dem klammen Haus von Baden. Anlässlich einer aktuellen Affäre um die Milliardärin Susanne Klatten schreibt Hendrik Werner eine kleine Kulturgeschichte des Verführers. Peter Zander unterhält sich mit dem James-Bond-Darsteller Daniel Craig. Manuel Brug gratuliert dem Klassiklabel Virgin Classics zum Zwanzigsten. Brug stellt auch den neuen Intendanten des Konzerthauses Berlin, Sebastian Nordmann, vor. Und Sven Felix Kellerhoff empfiehlt eine heute im Ersten laufende Dokumentation über die "Reichskristallnacht".

NZZ, 05.11.2008

Der spanische Historiker und Schriftsteller Antonio Orejudo beschreibt, wie schwer sich Spanien noch immer mit dem Erbe des Franqusimus tut. Nun hat der Untersuchungsrichter Baltasar Garzon - der schon den Haftbefehl gegen Augusto Pinochet ausstellen ließ - Anklage gegen Francisco Franco und 34 weitere Personen wegen möglicher Verbrechen gegen die Menschlichkeit erhoben und die Öffnung von 19 Massengräbern, darunter dem Federico Garcia Lorcas, angeordnet. Orejudo befürwortet dies: "Kein Land kann seine Geschichte auf der Fälschung seiner Vergangenheit aufbauen. Nicht weil dies unmoralisch ist, sondern weil es - wie unmoralisch auch immer - unmöglich ist. Früher oder später tritt die Vergangenheit ans Licht, und die Gemordeten ziehen ihre Mörder zur Rechenschaft. Auch ewige Schmach und anhaltende Schmähung sind keine Zukunftsgrundlage: Oder sollten jene, die einst den Rechtsstaat und die republikanische Ordnung verteidigten, als 'die Roten' in die Geschichte eingehen? Sie müssen ihre Würde wie auch ihr Hab und Gut wiedererlangen. Ihr Einsatz und ihre Courage verdienen Anerkennung. Die Nachfahren der in Massen verscharrten Opfer haben das Recht, die Öffnung der Gräber zu fordern."

Ursula Kähler berichtet vom Genfer Filmfestival Cinema Tous Ecrans. Besprochen werden die Ausstellung "Focus Orient" zu orientalischen Fotografie des 19. und 20. Jahrhunderts im Sharjah Art Museum in den Vereinigten Arabischen Emiraten, ein Ballettabend im Stadttheater Bern, Randolph C. Heads bisher nur auf Englisch erschienene Biografie des Graubündener Kriegshelden Georg Jenatschs "Jenatsch's Axe" und Kinderbücher (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FR, 05.11.2008

Arno Widmann unterhält sich mit Ulrich Beck über die Finanzkrise. Der Soziologe holt sich terminologische Inspiration von unerwarteter Seite: "Die Praktiker, Ackermann zum Beispiel, sprechen von einem systemischen Risiko. Das lässt den Soziologen aufhorchen. Es geht in seinen Augen weniger um die in den letzten Wochen viel kommentierten, auch durchaus vorhandenen individual- und sozialpsychologischen Faktoren, also etwa die viel skandalierte Gier, sondern um die Tatsache, dass gerade die freigesetzte, entgrenzte, von nationalstaatlichen Vorschriften befreite Marktwirtschaft ihr eigenes System in eine Existenzkrise treibt."

Weitere Artikel: Die Globalisierungsgegnerin Naomi Klein kritisiert zum Abschluss seiner Ära noch einmal George W. Bush. Der Musikkritiker Norman Lebrecht berichtet, dass eine der berühmtesten Geigen der Welt, eine Guarneri del Gesu von 1741, zum Verkauf steht, weil ein in Not geratener Millionär sich sanieren muss, und erzählt andere Anekdoten über Musik und Finanzkrisen. Besprochen wird Ödön von Horvaths Stück "Kasimir und Karoline" am Hamburger Thalia Theater.

Weitere Medien, 05.11.2008

Die New York Times jubelt auf ihrem Titel über den ersten schwarzen Präsidenten der USA und die "gefallenen Rassenschranken" und kommentiert: "Dies ist einer der Momente in der geschichte, in dem man innehalten muss und sich die grundlegenden Fakten vor Augen halten muss: "Ein Amerikaner mit dem Namen Barack Hussein Obama, Sohn einer weißen Frau und eines schwarzen Mannes, den er kaum kannte, aufgezogen von seinen Großeltern weit abseits der Macht und des Wohlstands, wurde zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde."
Stichwörter: New York, New York Times, Sohn, USA

SZ, 05.11.2008

Für Franziska Augstein sind die drei SPD-Abweichlerinnen nichts als drei Wichtigtuerinnen - Herr Walter wird interessanterweise ausgeklammert. Bei den Frauen: Kein Schatten von ehrenhaftem Motiv, selbst der Mut zur Abweichung sei bestens abgefedert: "Dagmar Metzger bekannte sich zu ihrer erschütterten Begeisterung von sich selbst: 'Niemand weiß besser als ich, wieviel Mut hierzu gehört.' Wieso weiß das niemand besser als Dagmar Metzger? Und von welcher Art Mut redet sie eigentlich, da der ihre doch von der politisch einflussreichen Familie konservativer Sozialdemokraten, in die sie eingeheiratet hat, sehr - sagen wir - beflügelt wurde?" (Könnte einer geborenen Augstein natürlich nie passieren)

Weiteres: Elisabeth Kiderlen lauschte gebannt dem Vortrag über "Der Islam - Chancen und Probleme des Gesprächs mit dem Westen" des iranischen Ex-Präsidenten Mohammed Chatami in Freiburg. Gottfried Knapp betrachet das glanzvoll restaurierte Erdgeschoss der Schackgalerie in München. Franziska Brüning gratuliert dem Deutschen Historischen Institut in Paris zum Fünfzigsten. Der Posaunist Nils Landgren erklärt im Interview, was für ihn Jazz ist.

Besprochen werden der James-Bond-Film "Ein Quantum Trost" (daneben versichert Roger Moore den Machern: "Bond war immer eine gute Investition"), Stephan Kimmigs Inszenierung von Horvaths Oktoberfest-Stück "Kasimir und Karoline" am Thalia Theater, ein Konzert von Paul Potts in der Kölner Lanxess-Arena, ein Münchner Beethovenkonzert mit dem Cellisten Pieter Wispelwey und Alexander Melnikow am Klavier, einige CDs,und Bücher, darunter Peter Longerichs Himmler-Biografie (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 05.11.2008

Patrick Bahners hat eine Art demokratietheoretisches Gutachten verfasst, das zum Ergebnis kommt, dass das Handeln der drei beziehungsweise vier hessischen Abweichler total okay gewesen ist. In der Glosse kommentiert Rüdiger Soldt den nicht ganz billigen, dem Kulturerbe aber zugute kommenden Sonderfrieden zwischen dem Haus Baden und dem Land Baden-Württemberg. Auf den Spuren franzöischer "Verdrängungskünstler" und Liebhaber von "Verschwörungstheorien" charakterisiert Jürg Altwegg die Intellektuellen, die partout und unterschriftlich nicht an Milan Kunderas Denunziation und deshalb an eine "Verleumdungskampagne" glauben wollen. Auf der Suche nach dem realen Ursprung einer Auschwitz-Erwähnung in Walter Kempowskis Roman "Tadellöser und Wolff" haben die Germanisten Andreas Pfeifer und Sascha Feuchert im Nachlass des Autors nachgeforscht. Robert Kaltenbrunner macht sich Gedanken zur angeblichen "Renaissance der Innenstädte". Von der Rückkehr der spanischen Original-Nationalflagge nach Madrid berichtet Paul Ingendaay. Regina Mönch schildert, wie im Berliner Norden nach möglicher Raubkunst im Staatsbesitz gesucht wird. Frank-Rutger Hausmann entnimmt den Tagebüchern italienischer Diplomaten, dass diese bei Deutschlandbesuchen in den frühen vierziger Jahren sehr skeptisch im Land der befreundeten Achsenmacht unterwegs waren. Rüdiger Klein hat gesehen, wie im pfälzischen Eiswoog ein Saustall zum Museum umgebaut wurde. Den neuen Intendanten des Konzerthauses am Gendarmenmarkt Sebastian Nordmann porträtiert Frank Pergande. Jürg Altwegg gratuliert dem französischen Philosophen Bernard-Henri Levy zum Sechzigsten.

Besprochen werden die Ausstellung "Goldener Drache - Weißer Adler" im Dresdener Residenzschloss, der neue Bond-Film "Ein Quantum Trost" und Bücher, darunter die ersten zehn Bände des von Julius H. Schoeps herausgegebenen "Bibliothek der verbrannten Bücher"-Projekts (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).