Heute in den Feuilletons

Auf Kortners Kosten jubelnd-schadenfroh

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.08.2008. Die taz erinnert an die traurige Tatsache, dass der Zerfall des Römischen Imperiums vor allem den kleinen Leuten schadete. Die FR meint, dass die weißen Amerikaner inzwischen die Afroamerikaner mögen, aber die Nigger hassen sie immer noch. In der SZ erinnert sich Joachim Kaiser daran, wie er einmal mit einem Verriss seinen Job riskierte. In Liberation erklärt die georgische Politikerin Medea Tuschmalischwili, warum sie den Vergleich von Abchasien und Südossetien mit dem Kosovo für abwegig hält.

TAZ, 27.08.2008

Sehr kritisch fällt die Beurteilung von Ralph Bollmann zur Ausstellung "Rom und die Barbaren" über die Völkerwanderungen Europas in der Bonner Bundeskunsthalle aus, in der die römisch-germanische Integration vor allem als Erfolgsgeschichte gezeigt, ihr Scheitern jedoch mit bronzenen und goldenen Schätzen überdeckt wird. "Dass der Untergang des Imperiums vor allem für die kleinen Leute eine Katastrophe war, anders als heutige Globalisierungskritiker glauben, davon erzählt die Ausstellung nichts. Nichts davon, dass die Wasserleitungen versiegten, die Thermen schlossen, die flächendeckende und preisgünstige Versorgung mit mediterranen Grundnahrungsmitteln wie Wein, Getreide und Olivenöl zum Erliegen kam." Von den kleinen Jobs bei den Schlachtfesten im Kolosseum ganz zu schweigen!

Weiteres: Julian Weber beschreibt am Beispiel der amerikanischen Alternative-Country-Band Lambchop, wie die Pop-Industrie mit neuartiger Schnäppchenmentalität aus der Tonträger-Krise finden will. Cristina Nord stimmt auf die heute beginnenden Filmfestspiele von Venedig ein, wo als deutsche Beiträge "Jerichow" von Christian Petzold und "Nuit de chien" von Werner Schroeter um den Goldenen Löwen konkurrieren.

Besprochen wird der Dokumentarfilm über "Die Todesreiter von Darfur" ("The Devil Came on Horseback") von Anni Sundberg und Ricki Stern.

Und Tom.

Tagesspiegel, 27.08.2008

Im Tagesspiegel verabschieden "große Wagnerianer" Wolfgang Wagner, der nach einem halben Jahrhundert abtritt. Christoph Schlingensief erinnert sich an den "Friedhof der Kunstwerke" in seiner "Parsifal"-Inszenierung: "Als Schlüsselwerk war dort auch das erste Readymade, das Urinal von Duchamp zu sehen, dem ich in meiner Arbeit sehr verpflichtet bin. Dieses Urinal verwandelte sich während der Proben in einen Zankapfel, ohne dass ein Wort darüber gesprochen wurde. Tagsüber probten wir auf dem Friedhof der Kunstwerke und das Urinal war da, Nachts, wenn alles schlief, schlich sich Wolfgang nochmal auf die Bühne und entfernte eigenhändig dieses Objekt, das für ihn absolut nichts mit Wagner und 'Parsifal' zu tun hatte. Dies geschah an jedem Abend, nach jeder Endprobe. Und Wolfgang gewann durch Penetranz, und so blieb dem Urinal von Duchamp der Friedhof erspart. Und alle waren zufrieden. Der Readymade-Gedanke ist trotzdem aus der Oper nicht mehr wegzukriegen."

Nike Wagner beginnt ihre kurze Würdigung mit dem Satz: "Mein Onkel Wolfgang hat über Jahrzehnte - seit 1966, seit dem Tod seines Bruders Wieland - für die Bayreuther Festspiele sein Äußerstes getan."

NZZ, 27.08.2008

Die Publizistin Wei Zhang wirft einen abschließenden Blick auf die Olympischen Spiele von Peking und erkennt in China Signale eines stillen ideologischen Wandels: "Die Berufung des Filmemachers Zhang Yimou zum künstlerischen Leiter der Eröffnungs- und der Schlussfeier wäre vor kurzem noch undenkbar gewesen, ist er doch weder Parteimitglied noch ausgewiesener Vertrauensmann der Partei, sondern ein politischer Außenseiter, dessen frühe Filme sogar als 'politisch inkorrekt' gelten. In der von ihm gestalteten Eröffnungsfeier kam tatsächlich die Revolution, die in der Volksrepublik China fast sechzig Jahre lang im Zentrum jeder offiziellen Feier gestanden hat, gar nicht vor... Stattdessen wurde Konfuzius, gleichsam die Personifizierung der Tradition und das wichtigste ideologische Feindbild des chinesischen 20. Jahrhunderts, als Zentrum der chinesischen Tradition rehabilitiert." Wir verweisen nochmal auf einen Spiegel-Artikel mit Interviewäußerungen Zhangs über die Überlegenheit der nordkoreanischen Ästhetik.

Weitere Artikel: Im Aufmacher stellt Susanne Ostwald die Filme vor, die ab morgen ins Rennen um den Goldenen Löwen von Venedig gehen. Eröffnet wird das Festival, dessen Jury in diesem Jahr unter dem Vorsitz von Wim Wenders steht, heute mit dem neuen Film der Coen-Brüder "Burn After Reading". Peter Hagmann berichtet weiterhin vom Lucerne Festival, unter anderem von sehr gut besuchten Konzerten von Maurizio Pollini. Nach den Spielen ist vor den Spielen, meint Klaus Bartels und entwirft eine kleine Geschichte der "Medaille". Gemeldet wird der Tod des israelischen Komponisten Josef Tal.

Besprochen werden eine Reihe Bücher, darunter der von Joseph Jung herausgegebene Band "Lydia Welti-Escher", Amy Blooms Buch "Die unglaubliche Reise der Lillian Leyb", Wolfgang Koeppens Briefwechsel mit seiner Frau Marion, Igor Stiks' Roman "Die Archive der Nacht". (Mehr ab 14 Uhr in der Bücherschau des Tages)
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FR, 27.08.2008

"Afroamerikaner tragen Krawatten bei der Arbeit. Nigger finden keine Arbeit", lernt Arno Widmann aus der Studie "Untergrundökonomie" des Columbia-Soziologen Sudhir Venkatesh und schlussfolgert selbst, dass Barack Obama eindeutig Afroamerikaner sei: "Der Rassismus des weißen Amerikas hat sich verändert. Die Afroamerikaner werden zunehmend akzeptiert. Sie werden aufgenommen. Die Nigger dagegen werden weiter gehasst. In den letzten Jahren wurden Programme zur Unterstützung der armen schwarzen Gemeinden gekürzt. Sie wurden systematisch abgeschrieben. Sie dienten nicht einmal bei Wahlen als Stimmvieh. Sie werden nicht gefördert, sondern bekämpft. Mit Polizei, FBI und Drogenfahndung. Sie wissen schon lange, dass man in den USA, wenn man ein Problem sieht, gerne zum Krieg gegen es aufruft."

Weiteres: Daniel Kothenschulte annonciert die heute eröffnenden Filmfestspiele von Venedig, auf denen unter anderem die Coen-Brüder, Christian Petzold, Takeshi Kitano, Barbet Schroeder, Werner Schroeter und Jonathan Demme Film im Wettbewerb zeigen werden. In Times mager geht Hans-Jürgen Linke der Frage nach, ob das Wetter mit seiner Privatisierung eigentlich besser wurde. Stefan Keim verabschiedet die Schauspielerin Ingeborg Wolff, die mit Brechts "Mutter Courage" in Wiesbaden die Bühne verlassen wird.

Besprochen werden die Ausstellung "Dracula, Woiwode und Vampir" im Kunsthistorischen Museum auf Schloss Ambras bei Innsbruck, der zweite Band von Ruth Klügers Erinnerungen "unterwegs verloren" sowie neue Literaturchroniken (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Welt, 27.08.2008

Hendrik Werner porträtiert für den Aufmacher des Feuilletons den schwedischen Krimiautor Hakan Nesser. Wieland Freund zeichnet in der Leitglosse Schweizer Debatten um ein mögliches Buchpreisbindungsgesetz nach. Peter Zander wirft einen Blick auf das heute beginnende Festival von Venedig und bedauert, das Bernd Eichinger seinen RAF-Film, offenbar aus "panischer Angst" vor schlechten Kritiken, nicht nominieren ließ. Uwe Wittstock berichtet über die Schenkung einer Goethe-Zeichnung an das Goethe-Museum in Frankfurt. Und Peter Dittmar besucht ein Taschenmuseum in Amsterdam. Auf der Filmseite geht's um den dänischen Film "Tage des Zorns" (mehr hier) über den Widerstand gegen die Nazis. Hierzu interviewt Peter Zander auch den Schauspieler Mads Mikkelsen.

Besprochen werden die Ausstellung "Wozu braucht Carl August einen Goethe?" in Weimar und Ereignisse eines der Oratorienkunst gewidmeten Festivals in Innsbruck.

Weitere Medien, 27.08.2008

In Antwort auf einen Artikel von Alain Minc erklärt die georgische Politikerin Medea Tuschmalischwili in Liberation, warum sie den Vergleich zwischen Abchasien und Südossetien einerseits und dem Kosovo andererseits für irreführend hält: "Georgien befürwortet die Idee der Selbstbestimmung. Es ließe sich durchaus ein Referendum abhalten, sofern die gesamte Bevökerung der beiden Provinzen befragt wird. Kann der Westen akzeptieren, dass die Abchasen (18 Prozent der Bevölkerung) allein über das Schicksal eines multiethnischen Abchasien abstimmen, in dem zu 45 Prozent Georgier lebten, die in Frieden auf ihr Land zurückkehren wollen? Außerdem wurde das Kosovo von der internationalen Gemeinschaft unter der Ägide der UNO verwaltet, während es in den beiden georgischen Regionen keine neutrale internationale Präsenz gibt, sondern nur die Russen, die zugleich Partei und Richter in einem Konflikt sind, den sie selbst angestiftet haben."

SZ, 27.08.2008

Joachim Kaiser erzählt, wie er 1959 eine Danton-Inszenierung von Fritz Kortner verriss, was ihn beinahe seinen Job bei der SZ gekostet hätte. "An einem glühheißen Juli-Abend fand die unselige Danton-Premiere statt. Die Reaktion auf meine Kritik - mit der ich, ohne mir dessen bewusst zu sein, Kopf und Kragen riskiert hatte - war beängstigend. Die Leute lasen sich den Text auf Kortners Kosten jubelnd-schadenfroh noch am späten Abend in den Leopoldstraßen-Cafes vor! Zum Glück waren Werner Friedmann, mein Chef-Redakteur, und seine Frau Anneliese auch in dieser Premiere gewesen. Zum Glück hatte sie ihnen nicht besser gefallen als mir. Als die Kortners dann persönlich bei ihnen anrückten und auf meine Entlassung drängten, sagte Friedmann heiter: 'Wissen Sie Herr Kortner, seien wir lieber gleich bös . . .'" Daneben ist der wirklich sehr lesenswerte Verriss abgedruckt, der gerade für Schadenfreude eigentlich gar keinen Anlass gibt.

Weitere Artikel: Wenn das Humboldt-Forum tatsächlich ein "Jahrhundertprojekt" ist: warum sind dann die Vorbereitungen so "seltsam halbherzig", warum gibt es keinen "aktuellen, der Größe des Projekts angemessenen Auftritt im Internet", warum hat es keinen eigenen Intendanten und keinen Schlossbaumeister?, fragt Jens Bisky, nachdem er ein bisschen auf der Webseite Schlossdebatte.de - "eine Plattform für alle, die es gern genau wissen wollen" - gestöbert hat. Susan Vahabzadeh stellt das Programm der Filmfestspiele in Venedig vor, die heute eröffnen. In der Reihe "Was weiß die Wissenschaft vom Ich" vertraut Burkhard Müller ganz und gar auf seine Qualia. Das Goethe-Institut in Ramallah produziert eine palästinensische Seifenoper mit dem Titel "Matabb", die mindestens so viele Tabus brechen soll wie hierzulande die "Lindenstraße", berichtet Thorsten Schmitz. Die Schweiz will wieder zurück zur Buchpreisbindung, die sie im Mai vergangenen Jahres aufgehoben hatte, meldet Matthias Lüdecke.

Auf der Medienseite skizziert der amerikanische Medienexperte Tom Rosenstiel, Gründer und Direktor des Project for Excellence in Journalism (PEJ) in Washington DC, ein paar Vorschläge für die Rettung der Tageszeitungen: "Eine Lösung könnte im local search liegen, einem regionalen Äquivalent zu Googles Suchmaschine. Eine andere Lösung liegt womöglich in einer Art Vermittlungsgebühr vom Verkäufer oder Dienstleister an die Zeitung für den Fall, dass ich durch die Lektüre geworben wurde. Eine weitere Lösung wäre, eine Zugangsgebühr für Online zu erheben, die in dem Preis enthalten ist, den jeder Nutzer monatlich an seinen Provider abführt. So funktioniert das Kabelfernsehen: Man zahlt eine Gebühr an den Kabelnetzbetreiber, und der verteilt einen Teil davon an die Inhalte-Produzenten. Wenn Verleger auch im Internet verdienen könnten, wird das Potential des Online-Journalismus dem des Printjournalismus haushoch überlegen sein."

Besprochen werden eine Ausstellung der Landschaftsbilder von Jakob Philipp Hackert in Weimar, einige CDs, Mnozil Brass' Oper "Irmingard" bei den Salzburger Festspielen und Bücher, darunter eine neue Ausgabe des Diercke-Atlas.

FAZ, 27.08.2008

Die Rassismus-Frage steht im Raum, aber kaum einer wagt es, das auszusprechen. Jordan Mejias schreibt über die hartnäckige Begeisterungsverweigerung bestimmter Teile der US-Bevölkerung: "Mit all den Vorteilen, die Obama in seiner charismatischen Person vereint oder ein Präsident, der so unpopulär ist wie die von ihm ausgelösten Kriege, und eine dahinsiechende Wirtschaft ihm zuspielen, müsste er freilich in Umfragen deutlich vor einem Gegner liegen, der inzwischen überzeugende Argumente mit monotonen Hinweisen auf sein Kriegsheldentum ersetzt. Wie sollte darum Obamas Hautfarbe nicht verdächtigt werden, den Weg zum Sieg zu erschweren?"

Weitere Artikel: In einer Übernahme aus dem Lesesaal, wo es ein Video-Interview mit ihm gibt, fordert der Historiker Hans-Ulrich Wehler die SPD unter anderem dazu auf, die "verwöhnten deutschen Sozialstaatsbürger" selbstbewusster ranzunehmen - und außerdem dem "Pfälzer Waldschrat" den Laufpass zu geben. Im Zuge der FAZ-Kampagne gegen Katharina Wagners Bayreuth-Bewerbung nimmt Julia Spinola noch einmal die BF Medien GmbH unter die Lupe, die Katharina gemeinsam mit ihrem Vater gegründet hat. In der Glosse berichtet Dirk Schümer von einem neuen Kunstskandal nach dem Kippenbergerschen Christus-Frosch in Südtirol: Eine eigentlich ganz konventionelle "Kain und Abel"-Skulptur zeigt die Geschlechtsteile der Brüder, was manch Frommer anstößig findet. Ebenfalls Dirk Schümer blickt voraus auf die heute beginnenden Filmfestspiele von Venedig.

Jürg Altwegg hat in französischen Zeitschriften unter anderem Texte gelesen, die die politische Blindheit von Jean-Paul Sartre vor Augen führen. Für eine dringend erforderliche "Notmaßnahme" hält Andreas Kilb die neue Satzung, die vorsieht, dass nur noch hübsche Gebäude in Berlins Mitte entstehen. Christian Geyer feiert Franz "Münte" Müntefering als "Unhintergehbaren". Gerhard Rohde porträtiert die englische Komponistin Rebecca Saunders. Patrick Bahners meldet, dass Avi Primor die ständigen Antisemitismus-Rufe des Henryk M. Broder für kontraproduktiv hält (hier mehr zum Thema). Gina Thomas ist nicht in jeder Hinsicht zuversichtlich, was Londons Tauglichkeit für Olympia 2012 betrifft.

Besprochen werden ein Konzert mit Mahler, Stockhausen und Copland bei den Londoner "Proms", eine neue, "futuristische" Industriellen-Villa in Stuttgart, Leander Haußmanns Film "Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe" und Bücher, darunter William J. Dodds Dolf-Sternberger-Studie "Jedes Wort wandelt die Welt" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).