Heute in den Feuilletons

In Clooneys gemessen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.08.2008. Es ist Kalter Krieg, meint die FAZ. Und der größte Provokateur ist ausgerechnet die sanfte EU, die nicht aufhört sich auszudehnen, meint Richard Wagner in der Achse des Guten. Am besten, wir geben den Russen keine Visa mehr, schlägt Foreign Policy vor. Die Berliner Zeitung beklagt die totgesparte und gnadenlos ausgepresste Kultur Italiens. Die taz ermittelt gegen die Hacks-Mafia. Die Zeit basht die Jugend (aber liest die das auch?)

TAZ, 28.08.2008

Stephan Schlak wundert sich über das Comeback von Peter Hacks, das fünf Jahre nach dessen Tod und im Jahr seines 80. Geburtstags durch eine "aktuelle publizistische Hacks-Mafia" hymnisch inszeniert werde: "In einer schwindelerregenden Parallelaktion wird Hacks gleichzeitig auf die kommunistische Plattform und in den bürgerlichen Olymp gehoben. Schon wird allenthalben vor der Verbürgerlichung gewarnt, ziehen die Gralshüter gegen die Erbschleicher zu Felde. Aber spannender als diese Kämpfe um die Gunst des verblichenen Meisters scheint doch die Suche nach den Gründen für das erstaunliche Comeback des klassischen Dichters zu sein."

Weitere Artikel: Sebastian Moll erklärt, warum viele schwarze Wähler und Politiker Angst vor Obamas Erfolg haben: Er "birgt für sie die Gefahr, dass die amerikanische Gesellschaft glaubt, sie habe kein Rassenproblem mehr." Von den Filmfestspielen in Venedig berichtet Christina Nord über den außer Konkurrenz laufenden Eröffnungsfilm der Coen-Brüder "Burn After Reading".

Besprochen werden außerdem die Komödie "Couscous mit Fisch" von Abdellatif Kechiche, der im französischen Einwanderermilieu spielt, und die DVD-Fassung von D. W. Griffiths Klassiker "Geburt einer Nation".

Und Tom.

Weitere Medien, 28.08.2008

Wie soll Europa auf die russische Annektionspolitik reagieren? Der Kaukasus-Experte Paul A. Goble macht im Gespräch mit Foreign Policy einen Vorschlag: "Umfragen sagen uns, dass die Russen keine Freiheit seit 1991 höher schätzen als die Reisefreiheit. Wenn es schwieriger wird, ein Visum zu bekommen, wird es für die Russen schwieriger sich zu bewegen. Sie können ihre Kinder nicht in Eliteschulen unterbringen. Es gibt weniger Geld..."
Stichwörter: Europa, Geld

Welt, 28.08.2008

Die Filmfestspiele von Venedig sind eröffnet. Ganz beschwingt berichtet Peter Zander von der Premiere des neuen Films der Coen-Brüder, der Agentenkomödie "Burn after Reading" mit George Clooney, der glücklicherweise mit seiner Präsenz auf Festivals nicht geizt: "'Burn after Reading' ist nicht nur der bestmögliche Festivalauftakt, der mit Glamour und Intelligenz Lust auf die kommenden zehn Tage macht. Ein gelungenes Festival, so scheint es, muss heutzutage mindestens einen Clooney enthalten, ja wird in absehbarer Zeit überhaupt in Clooneys gemessen werden."

Weitere Artikel: Jörg von Uthmann liest ein französisches Buch über das erotische Leben der Vichy-Zeit. Matthias Heine singt ein kleines Loblied auf den Theaterkanal des ZDF, der heute den Saisonauftakt im Deutschen Theater Berlin überträgt. Uta Baier unterhält sich mit dem Historiker Julius Schoeps, der für die Erbengemeinschaft Mendelssohn-Bartholdy einige Picassos und van Goghs erstreiten will, die heute in amerikanischem Besitz sind. Stefanie Huisgen berichtet über ein historisches Forschungsprojekt, das den Nummern von Häftlingen in einer zentralen Kartei der SS Namen zuordnen will.

Auf der Filmseite geht's unter anderem um Leander Haußmanns neuen Film "Robert Zimmermann,..." Besprochen wird überdies ein Architekturbuch über "Vorbildliches Bauen im Bestand".
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NZZ, 28.08.2008

Die Abschaffung der Buchpreisbindung hat in der Schweiz bislang nur geringe Auswirkungen gezeigt, berichtet Roman Bucheli: "Wenigen Preisausschlägen nach unten bei Bestsellern standen moderate Preiserhöhungen gegenüber. Lediglich im Internet kam es zu veritablen Preisschlachten." Für den Aufmacher des Feuilletons besucht Samuel Herzog die europäische Wander-Kunstbiennale "Manifesta", die mit vier unabhängigen Ausstellungen in der Region Trentino - Südtirol aufwartet. Jürg Huber bespricht Konzerte der St. Petersburger Philharmoniker beim Lucerne Festival. Alexandra Stäheli spricht mit dem Drehbuchautor der Schweizer Feelgood-Komödie "Das Geheimnis von Murk" Daniel Howald über das Schreiben, Mainstream-Filme und die Macht der Produzenten.

Besprochen werden Jonathan Levines Film "All the Boys Love Mandy Lane" und Bücher, darunter Fabrizia Ramondinos letztes Werk "La Via" sowie neue Studien über den Soziologen Robert Michels herausgegeben von Timm Genett. (Mehr ab 14 Uhr in der Bücherschau des Tages)

Berliner Zeitung, 28.08.2008

Der italienische Kulturetat wird unter der neuen Berlusconi-Regierung gnadenlos totgespart, berichtet Kordula Doerfler. Das Alternativmodell sieht so aus: "Berlusconis Kulturbegriff orientiert sich von jeher ausschließlich an seinem Selbstverständnis als Unternehmer: Italiens Denkmäler sollen so weit wie möglich privatisiert und stark kommerzialisiert werden. Schon träumen manch ehrgeizige Regionalpolitiker, vor allem im armen Süden, von gigantischen Joint Ventures mit Großkonzernen."
Stichwörter: Kulturbegriff

FR, 28.08.2008

Norbert Mappes-Niediek berichtet vom Fall des niederländischen Anthropologen Mart Bax, der offenbar seit fünfzehn über einen Stammeskrieg auf dem Balkan publiziert, den es nie gab. Bei einer Dorffehde im herzegowinischen Wallfahrtsort Medjugorje sollen 140 Menschen getötet worden sein. Oliver Herwig verleiht dem neuen Ikea-Katalog feuilletonistische Weihen und annonciert seine heutige Auslieferung. Er hält Ikea immer noch für einen Fortschritt gegenüber der Eichenschrankwand. In Times mager beobachtet Peter Michalzik Frauen, die ihre Männer nicht besser behandeln als ihre Handtaschen.

Auf der Medienseite berichtet Gerd Höhler von der Internet-Zensur in der Türkei: "Aktuell haben türkische Gerichte 853 Internetseiten blockiert - viele davon wegen vermeintlich beleidigender Inhalte zu Atatürk."

Besprochen werden Ole Christian Madsens Drama "Tage des Zorns" über den dänischen Widerstand, Abdella Kechiches Einwanderer-Film "Couscous mit Fisch"; Leander Haußmanns Roman-Verfilmung "Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe", eine Georgio-de-Chirico-Retrospektive auf im Kunstmuseum Winterthur und Bücher, darunter Michael Wildenhains Roman "Träumer des Absoluten" und Robert Girtlers Kellner-Studie "Herrschaften wünschen zahlen" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Aus den Blogs, 28.08.2008

Nicht das angeblich so kriegstreiberische Amerika, sondern die EU hat die für Russland schmerzlichsten Schritte unternommen, meint Richard Wagner in der Achse des Guten: "Während Amerika im Kaukasus seit den frühen Neunzigern klassische Strategien der Einflussnahme verfolgt und seine Siege eher als Schachzüge zu werten sind, die von Moskau bisher durch Bauernbewegungen pariert werden konnten - wie das Beispiel Georgien zeigt - werden die bleibenden Fakten von der EU geschaffen. So wird Russland wahrscheinlich noch oft in Georgien intervenieren, aber keinen Fuß mehr ins Baltikum setzen können."

SZ, 28.08.2008

Janek Schmidt beschreibt, wie Akademiker nach und nach ihren Einfluss auf die US-Politik an oft genug ideologisch stärker festgelegte und stärker spezialisierte Thinktanks verloren haben - und hofft auf eine Wende mit Barack Obama. Zur Halbzeit des Berliner "Tanz im August"-Festivals zieht Arnd Wesemann eine Zwischenbilanz. Kia Vahland informiert darüber, dass eine vor zehn Jahren für schlappe 20.000 Dollar verkaufte Frauen-Zeichnung nun als mögliches Leonardo-Original gehandelt wird. Dietmar Schellin war dabei, als in Saarbrücken die Pläne für die neue Saarphilharmonie vorgestellt wurden. Nichts ist dran an Gerüchten, Ludwig Kirchners "Straßenszene" könne als Leihgabe ins Berliner Brücke-Museum zurückkehren, versichert Stefan Koldehoff.

Auf der Filmseite erklärt Susan Vahabzadeh, dass sie nicht mehr und nicht weniger als "zwei schöne schwarze Kinostunden" mit dem Venedig-Eröffnungsfilm, der Agentenparodie "Burn After Reading" der Coen-Brüder, verbracht hat. Rezensionen gibt es unter anderem zu Abdellatif Kechiches Film "Couscous mit Fisch" und zu Leander Haußmanns "Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe".

Auf der Medienseite stellt Thomas Schuller mehrere innovative Journalismusprojekte in den USA vor und porträtiert auch den Experten Jay Rosen (Blog), der sehr pragmatisch über die Zukunft des Journalismus nachdenkt: "Niemand wisse, wie man Journalismus in Zukunft finanzieren könne, sagte Jay Rosen der New York Times. Man müsse einfach vieles probieren. Das meiste werde vermutlich nicht funktionieren und scheitern, man müsse deshalb viele Boote ins Wasser lassen."

Besprochen werden die Edinburgher Uraufführung von David Harrowers Stück "365", "neue Platten alter Helden" wie Patti Smith, Elvis Costello und Loudon Wainwright III und Bücher, darunter die neue kritische Ausgabe von Goethes Tagebüchern der Jahre 1813 bis 1816 (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 28.08.2008

Nicht ohne Pathos fragt Tobias Rüther "Wo waren Sie, als Medwedjew die Unabhängigkeit von Südossetien und Abchasien anerkannt hat?" und erklärt dann, dass mit diesem Akt der Kalte Krieg endgültig zurückgekehrt ist: "Medwedjew lässt keinen Zweifel daran, worum es ihm geht, er hat es ja gleich mit ausgesprochen, als er am Dienstag die georgischen Provinzen anerkannte: Russland wolle keinen Kalten Krieg. Man fürchte ihn aber auch nicht. Und damit haben auch Medwedjews Sätze aus einem mulmigen Gefühl eine Gewissheit gemacht. Der Kalte Krieg droht also nicht mehr nur, er ist kein rhetorisches Szenario, er ist da." Daran, wie die Großmächte des 19. Jahrunderts mit dem Reich der Zaren verfuhren, erinnert auf der letzten Seite dann Eberhard Straub.

Weitere Artikel: Der Dirigent Lorin Mazeel, der Ende August seine letzte Europatournee mit den New York Philharmonikern startet, schildert im Interview die verjüngende Kraft der Musik: "Ich persönlich bin manchmal am Ende eines Konzertes frischer, fühle mich stärker als zu Beginn. Als hätte ich Energie durch die Musik bekommen." Verena Lueken hat sich amüsiert mit George Clooney und Brad Pitt als Vollidioten in "Burn After Reading", dem Venedig-Eröffnungsfilm der Coen-Brüder. Für bedenklich hält Regina Mönch den derzeit in Potsdam zu beobachtenden Privatschulboom - wenn das auf den Rest der Republik übergreift, droht, fürchtet sie, das Ende der jahrhundertealten deutschen Staatsschultradition. In der Glosse denkt Johann Wolfgang von Goethe anlässlich seines 259. Geburtstags über postume Nachrede nach. Oliver Jungen porträt Goethes Jugendfreund Johann Jakob Riese: eine vom Dichter angefertigte Zeichnung des Freundes ist jetzt wiederaufgetaucht. Eberhard Rathgeb gratuliert dem Publizisten und Kulturpolitiker Hermann Glaser zum Achtzigsten.

Auf der Kinoseite stellt Andreas Platthaus eine im September im Berliner Arsenal laufende Reihe mit Filmen des japanischen Regisseurs Heinosuke Gosho vor. Andreas Kilb schildert kurz einen Hollywood-Bollywood-Copyright-Streitfall um einen indischen Film mit dem verdächtig klingenden Titel "Hari Puttar: A Comedy of Terrors".

Besprochen werden ein Kölner Gossip-Konzert, der dänische Widerstandsfilm "Tage des Zorns", der auf dem Fantasy-Filmfest gezeigte neue Film "Mother of Tears: The Third Mother" von Horror-Altmeister Dario Argento und Bücher, darunter Judith Kuckarts Roman "Die Verdächtige" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Zeit, 28.08.2008

In einem sehr persönlichen Text beleuchtet der Philosoph Michail Ryklin das Verhältnis zwischen Georgiern und Russen, erinnert sich an seinen Lehrer, den georgischen Philosophen Merab Mamardaschwili und sieht in der mangelnden Aufarbeitung der Sowjetgeschichte eine Ursache für den Krieg im Kaukasus: "Unter dem heutigen amtierenden georgischen Präsidenten Saakaschwili wurde (der frühere nationalistische Präsident Swiad) Gamsachurdia rehabilitiert und eine Uferpromenade in Tbilissi nach ihm benannt; er selbst und seine Gefolgsleute wurden von allen Vorwürfen freigesprochen. Dabei hatte Gamsachurdia seinerzeit verkündet: 'Das ossetische Volk ist ein Unrat, den wir durch den Roki-Tunnel hinauskehren müssen.' ... Nichts liegt mir ferner, als die russische Intervention in Georgien zu rechtfertigen, umso weniger, als sie offenbar von langer Hand geplant und keine improvisierte Aktion war. Aber den Anlass zu dieser Intervention lieferte die georgische Führung."

Jens Jessen vermisst die Revolte, gern auch bei den anderen. Traurig sei die Jugend von heute, bedenkenlos sei sie höchstens an der Börse und leider überhaupt nicht rebellisch: "Auch Idealismus galt einmal als Zug der Jugend, das Nein zu Kompromiss, Anpassung und Geschäftemacherei. Die Generation des Sturm und Drang, des Jungen Deutschland, lebten vom Aufbegehren gegen die Ständegesellschaft, die Herrschaft der Kirche, die ungerechten Verhältnisse. Jugend hat Revolutionen gemacht." Maximilian Probst darf mit einer kleinen Problemgeschichte der Adoleszenz sekundieren.

Weitere Artikel: Katja Nicodemus beschäftigt sich in der Randspalte auch mit den wirren Worten von Venedigs Festivalchef Marco Müller über die moralische Kraft des Kinos und mit dem Eröffnungsfilm der Coen-Brüder, der bei aller Vertracktheit mit einem klaren Bekenntnis zur Schönheitsoperation aufwartet. Nicodemus hat außerdem "eine Woche lang mit dem Kino Rotwein auf Eis getrunken": Sie durfte Jeanne Moreau in den Ateliers d'Angers beim Workshop mit - wie sich herausstellt - recht gehässigen JungregisseurInnen beobachten. Klaus Kreimeier weiß am Beispiel Siegen zu berichten, wie Universitäten zu Unternehmen umfunktioniert werden. Arno Frank ist nicht überzeugt vom Comeback der Band The Verve.

Besprochen werden Simon Stephens' Stück "Harper Regan" bei den Salzburger Festspielen und das Debütalbum der Fleet Foxes.