Heute in den Feuilletons

Kleine und große Kompromisse

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.08.2008. In der taz äußert sich Diedrich Diederichsen skeptisch über den afroamerikanischem Widerstands-Wagnerianismus des John Coltrane. Cyndi Lauper klagt in der Berliner Zeitung: Heute sieht man keine Girl Power mehr. Die FAZ notiert erste Äußerungen der Quandt-Familie über ihre Vergangenheit. Außerdem schließt Ingo Schulze mit der Wende ab: Zwanzig Jahre danach fällt die Bilanz des Westens mehr als mager aus. Im SZ-Magazin posieren Olympiasportler für verfolgte Chinesen.

TAZ, 01.08.2008

Diedrich Diederichsen befasst sich im Aufmacher mit der John-Coltrane-Biografie "Siegszug eines Sounds" des New-York-Times-Kritikers Ben Ratcliff und nutzt dies natürlich auch für einige generellere Bemerkungen über die Relevanz von Jazz heutzutage und Coltranes soziale und spirituelle Utopie. Nicht anfreunden kann er sich bei aller Liebe mit Coltranes "Monotonie der Erhabenheit": "Womöglich ist dies die Kehrseite der von antiamerikanischer Seite so viel und klischeehaft beklagten 'Oberflächlichkeit'. Diese monotone Erhabenheit lässt sich durchaus als eine Art Koproduktion zwischen protestantisch-transzendentalistischer Überspanntheit und afroamerikanischem Widerstands-Wagnerianismus beschreiben. Und tatsächlich kann man ein noch so großer Bewunderer von Coltrane sein und in seinem Sound eine alle Mauern überwindende Menschlichkeit hören, Humor hat der Mann nicht gehabt."

Weiteres: Klaus Bittermann erinnert an die großen Werke der Philosophie, die wir Rauchern verdanken. Maurice Summen bespricht das neue Album "Beautiful Future" von Primal Scream.

Auf "flimmern und rauschen" berichtet Julius Müller-Meiningen, dass nun auch Berlusconis Mediaset-Konzern YouTube wegen Verletzung seiner Urheberrechte auf 500 Millionen Euro verklagt. Ein spanisches Gericht hatte bereits dem Sender Telecinco gegen YouTube Recht gegeben, allerdings nur 100.000 Euro zugesprochen. Auf der Meinungsseite kommentiert Jürgen Gottschlich das Urteil im Verbotsverfahren gegen die türkische Regierungspartei: "Das Urteil vom Mittwoch hat für die AKP in dieser Hinsicht einen ganz unangenehmen Nebeneffekt. Es raubt ihr den Opferstatus."

Und schließlich Tom.

Berliner Zeitung, 01.08.2008

Cyndi Lauper stellt im Interview ihre neue CD vor und spricht über den Feminismus: "Heute sieht man keine Girl Power mehr. Man sieht frauenfeindlichen Scheiß und Mädchen, die sich verhalten, als wären sie lobotomisiert. Babes, ihr habt keine Power! Ihr könntet genauso gut Halsband und Leine tragen. Das ist nicht Selbstermächtigung, das ist rückwärtsgerichtet. Aber auch dagegen kommt wieder ein Backlash."
Stichwörter: Feminismus

FR, 01.08.2008

Heute geht's in der FR um China: Im Interview mit Susanne Messmer spricht der Pekinger Architekt und Künstler Ai Weiwei über europäische Eifersucht, romantische Chinesen, über Individualismus und die Pläne zum historischen Wideraufbau Pekings: "Es zeigt das totale Unverständnis und die Dummheit dieser Regierung, die Brutalität dieses bürokratischen Systems. Sie könnten so viel aus den Fehlern anderer Länder und ihren Versuchen, Historisches zu erhalten, lernen. Aber es überrascht mich nicht, dass sie es nicht tun. In diesem Land entscheidet die Regierung. Die Leute werden nicht gefragt, sie haben keine Wahl. Dies ist nach wie vor keine demokratische Gesellschaft mit einem funktionierenden Zivilrecht. Allein die Besitzverhältnisse in diesen historischen Stadtteilen sind schon so kompliziert, dass gar nichts Gutes dabei herauskommen kann, wenn eine Regierung nicht auf Partizipation setzt."

Arno Widmann denkt darüber nach, ob die moderne Welt nicht eine mongolische Erfindung war: "Ein zukünftiger Historiker wird auf diese Zeit europäisch-amerikanischer Weltbeherrschung in einer ähnlichen Mischung aus Be- und Entgeisterung zurückblicken, wie wir heute kopfschüttelnd auf die Rolle von Kleinstädten wie Florenz, Pisa, Bologna oder Venedig für die Renaissance sehen. Man wird sich mühsam zu erklären versuchen, wie es passieren konnte, dass einige der wichtigsten Innovationsschübe über ein paar Jahrhunderte nicht wie die Jahrhunderte davor aus China, Indien und Zentralasien kamen, sondern aus dem Krähwinkel der europäischen Peripherie."

Weitere Artikel: Nicht viel zu feiern gibt es anlässlich des zehnjährigen Jubiläums der Rechtschreibreform resümiert Christian Schlüter. In Times mager berichtet Harry Nutt von einem Internet-Dienst des Deutschen Historischen Museums (DHM), der Erstaunliches über Hitlers "Sonderauftrag Linz" zu Tage fördert. Auf der Medienseite schreibt Susanne Messmer über das chinesische Pendant zu DSDS.

Besprochen werden die Premiere von "Barock am Main" im Bolongaro-Palast in Frankfurt-Höchst, die Molieres "Menschenfeind" auf Hessisch zeigt, und Bücher, darunter Jenny Silers Krimi "Portugiesische Eröffnung", China-Bücher, die man unbedingt gelesen haben muss, und Franz Doblers Roman "aufräumen" (mehr ab 14 Uhr in der Bücherschau des Tages).
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Weitere Medien, 01.08.2008

Ivo Bozic ist in der Jungle World gar nicht zufrieden mit den menschelnden Darstellungen der Liebe im Tierreich, wie sie der demnächst anlaufende Film "Animals in Love" zeigt: "Dass niederrangige Orang-Utan-Männchen die Weibchen schlicht vergewaltigen, oder dass Schimpansinnen sich zuweilen aus Stöckchen einen Dildo zurechtkauen und Elefanten sich mit Hilfe ihres Rüssels einen runterholen, erfah­ren wir in dem Film nicht." Und empfiehlt das Buch "Das bizarre Sexualleben der Tiere" von Michael Miersch .
Stichwörter: Michael Miersch

Welt, 01.08.2008

"Verqueren, vermurksten Quark" der Tanzavantgarde erlebte Jochen Schmidt beim Tanzfestival in Montpellier. Peter Dittmar schreibt über die Geschichte des chinesischen Sports. Thomas Lindemann berichtet über die Datenbank mit Hitlers Sammlung für ein Museum in Linz, die das Deutsche Historische Museum ins Netz gestellt hat. Hanns-Georg Rodek gratuliert Artur Brauner zum Neunzigsten.

Auf der vermischten Seite wird über den Mord an der libanesischen Popsängerin Suzanne Tamim berichtet. "Suzanne Tamim ist ermordet in ihrer Wohnung in Dschumeira, einem Oberschichtviertel am Strand von Dubai, aufgefunden worden. Medienberichten zufolge hat der Täter mehrfach mit einem Messer auf sie eingestochen. Noch bevor er ihr die tödlichen Verletzungen beibrachte, zerschnitt er ihr das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit." Gesucht wird der Ex-Ehemann, ein libanesischer Musikproduzent, der nach wenigen Monaten Ehe verlangt haben soll, "dass Tamim ihre Karriere abbricht und als Hausfrau daheimbleibt. Als sie sich weigerte, setzte er vor Gericht ein Reiseverbot für seine Ehefrau durch." (Eine interessante Leserdiskussion über die Frage, ob der Islam mit dem Mord zu tun hat oder nicht, findet man bei Al Arabiya)

Besprochen werden die Uraufführung von E.T.A. Hoffmanns Singspiel "Liebe und Eifersucht" in Ludwigsburg, einige CDs und die Ausstellung "Alltäglichkeit des Krieges" des Fotografen Wolfgang Bellwinkel.

SZ, 01.08.2008

Endlich mal eine Bilderstrecke, die wir wirklich gern empfehlen. Im SZ-Magazin (und auch online) posieren einige Olympiasportler, um sich für die Opfer chinesischer Staatswillkür einzusetzen.
Jens Bisky schreibt ein Feuilleton über Berliner Bettler im Sommer und schließt sich einer Forderung des Autors Wilhelm Genazino nach Bettlerschulen an: "Viele in Berlin sammeln Almosen gegen die Erfahrung, dass entspannte Menschen freigiebiger sind, sie suchen gestresste Bürger in der Rushhour heim statt beim Feierabendbier."

Weitere Artikel: Burkhard Müller erinnert in einem ganzseitigen Essay an den Urvater der Bevölkerungsforschung Thomas Robert Malthus, dessen Name meist noch im Begriff des "Malthusianismus" in den Diskursen kursiert ("Dass Malthus in besonderer Weise die Feindschaft aller linken Theorien auf sich gezogen hat, versteht sich. Diese speisen sich wesentlich aus der Wut, dass alles Übel den Rang des Natürlichen genießen soll, als wäre es nicht menschen-, klassen-, interessengemacht") "Midt" meditiert angesichts des nun bartlosen Karadzic über frisch rasierte Diktatoren. Anke Sterneborg gratuliert dem Produzenten Arthur Brauner zum Neunzigsten.

Besprochen werden eine Ausstellung zum 100. Geburtstag des Architekten Sep Ruf in München, eine Vilhelm Hammershoi-Ausstellung in der Royal Academy of Arts London und Bücher, darunter Albert Ostermaiers neuer Roman "Zephyr". Eine ganze Seite widmet sich neuen Kinder- und Jugendbüchern

Spiegel Online, 01.08.2008

Auch im Olympia-Pressezentrum wird das Internet zensiert, berichtet Christian Stöcker: "Die Open Net Initiative, ein Zusammenschluss mehrerer Spitzenuniversitäten, der sich für ein freies Netz einsetzt, hat den Zugang im Pekinger Pressezentrum getestet. Das Ergebnis: Verbindungen werden bei Eingabe bestimmter Schlüsselwörter zurückgesetzt, bestimmte IP-Adressen komplett blockiert. Betroffen sind unter anderem: die chinesische Wikipedia, Radio Free Asia, Voice of America, die chinesische Ausgabe von BBC News, eine Reihe von Seiten zum Thema Tibet und einige chinesische Studentenforen."
Stichwörter: Internet, Tibet, Wikipedia

Tagesspiegel, 01.08.2008

Im Victoria & Albert Museum in London läuft ab 25. September die Ausstellung "Cold War Modern", erzählt Bodo Mrozek, der die Kuratoren in Berlin begleitet hat. "Architektonischer Schwerpunkt wird dabei Berlin sein, denn hier verlief schließlich nicht nur der Stacheldraht der politischen Teilung, sondern auch die Glas und Beton gewordene Frontlinie zweier architektonischer Konzepte, die sich in nur wenigen Kilometern Entfernung gegenüberstanden. Im Westen setzte das Hansaviertel ein ästhetisches Statement. Mehr als 50 Architekten aus 13 Ländern waren hier tätig. Die Häuser von Avar Aalto, Eugen Eiermann, Walter Gropius und Max Taut sollten nicht nur den transparenten Vorstellungen demokratischen Massenwohnens entsprechen, sie brachten auch eine Portion Luxus in das mittelständische Wohnen: Fußbodenheizung, gemeinschaftliche Waschküchen, Luft- und Lichtschächte. Die sozialistische Vision der Moderne liegt in zehn Kilometern Luftlinie Entfernung in einer gänzlich anderen Welt. In Ost-Berlin entwarf sie der Architekt Hermann Henselmann, der die Große Frankfurter Allee im sozialistischen Klassizismus zur Stalinallee umgestaltete. Rund um den Straußberger Platz errichtete er sogenannte Arbeiterpaläste."

FAZ, 01.08.2008

Hubert Spiegel führt ein langes Interview mit Ingo Schulze (Website), dessen neuer Roman "Adam und Evelyn" nächste Woche erscheint. Der Roman zieht durch seine Protagonisten offensichtlich auch eine Bilanz der Wende und der zwanzig Jahre seitdem: "Interessanter als den West-Ost-Vergleich finde ich die Fragestellung: Wie hat sich der Westen durch den Kollaps des Ostblocks entwickelt? Mein Buch spielt auch auf die Hoffnungen an, die es damals gab, die große Befreiung, dass die hochgerüsteten Systeme sich nicht mehr feindlich gegenüberstehen. Damals hätte es vielleicht die Chance gegeben abzurüsten. Gemessen an den Hoffnungen und Möglichkeiten, die damals bestanden, eine wirklich andere Welt zu schaffen, fällt die Bilanz tatsächlich mehr als mager aus."

Weitere Artikel: Dieter Bartetzko besucht das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle, wo nun auch die Himmelsscheibe von Nebra ausgestellt ist. Jürg Altwegg begeht den heutigen Schweizer Geburtstag, zu dem wir herzlich gratulieren. In der Leitglosse annonciert Andreas Platthaus ein Buch von Kurt Beck, das im Oktober herauskommen soll. Der überraschende Titel: "Ein Sozialdemokrat". Karen Krüger sammelt türkische Reaktionen auf das gescheiterte Verbot der AKP, der Partei des Ministerpräsidenten Erdogan. Claudius Seidl gratuliert dem Filmproduzenten Artur Brauner zum Neunzigsten. Eduard Beaucamp erklärt, warum Kunstakademien "ihre Studenten unbedingt strenger trainieren sollten". Der Rechtsprofessor Gerd Roellecke möchte, dass Europa endlich seine Grenzen definiert ("Die Iren haben eine Revision des EU-Vertrages abgelehnt, weil sie nicht eines Tages aufwachen und sich von Türken oder Kasachen regiert sehen wollten"). Hannes Hintermeier meldet, dass der Randomhouse-Verlag in München wegen eines Streits um den Titel eines Buches polizeilich durchsucht wurde.

Auf der Medienseite berichtet Michael Hanfeld, dass der von der Hamas festgesetzte und nun wieder freigelassene ARD-Kameramann Sawah Abu Saif nach Angaben der ARD gefoltert wurde. Gina Thomas hat ein BBC-Biopic über Saddam Hussein gesehen. Auf der letzten Seite beobachtet Gerhard Stadelmaier bei den Salzburger Festspielen einen Klatschreporter und die dazugehörige "superbe Null-Valeur-Bagage".

Besprochen werden Jennifer Lynchs Film "Unter Kontrolle", eine Ausstellung des Malers Clemens Kaletsch in Mülheim, Salzburger Festspielkonzerte mit Boulez, Barenboim und Lang Lang und Sachbücher, darunter die "Grundsätze sozialer Gerechtigkeit" des britischen Philosophen David Miller.

Auf den Wirtschaftsseiten der FAZ weist Carsten Knop auf eine Rede (hier als pdf) des Unternehmers Stefan Quandt hin, der erstmals zu den Vorwürfen Stellung nimmt, seine Familie hätte ihr Vermögen auf Zwangsarbeit gebaut - die eigentliche historische Aufarbeitung hat die Familie in die Hände des Historkers Joachim Scholtyseck gelegt. Quandt bleibt noch recht allgemein: "Manche, und mit der Zeit auch viele, folgten dem Nationalsozialismus aus Überzeugung. Viele andere gingen jedoch kleine und große Kompromisse ein, oder wurden zu ihnen gezwungen. In einem Klima der Angst und Verunsicherung erging es Günther und Herbert Quandt als Unternehmer nicht anders." Hintergrund der Meldung ist, dass die Journalisten Mathias Müller von Blumencron (Der Spiegel), Gabriele Fischer (Brand Eins) und Christoph Keese (Springer-Verlag) aus der Jury für den nach Herbert Quandt benannten Medienpreis zurückgetreten sind.