Heute in den Feuilletons

Kein Grund für Grausamkeit

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.07.2008. In der SZ erklärt der geschasste Kurator Andrej Jerofejew, wie Selbstzensur im Putinismus funktioniert. Die FR konstatiert: Wenn in den USA gefoltert wird, dann auf Anweisung von ganz oben. Heute stimmt das EU-Parlament über das "Telekom-Paket" ab. Die Blogs befürchten ein "sowjetisches Internet", in dem nicht mal Firefox ohne Behördenzertifizierung auskäme.

Aus den Blogs, 07.07.2008

Netzpolitik zitiert eine Stellungnahme der Foundation for a Free Information Infrastructure gegen das heute vor dem EU-Parlament zur Abstimmung stehende Telekom-Paket: "'Populäre Softwareanwendungen wie Skype oder sogar Firefox könnten in Europa für illegal erklärt werden, falls sie nicht durch eine Verwaltungsbehörde zertifiziert würden', befürchtet der Brüsseler FFII-Repräsentant Benjamin Henrion. Die gesamte offene Entwicklungsumgebung des Internet würde damit unterlaufen. 'Die Agenda, eine chinesische Internetmauer in Europa zu errichten, geht auf das Konto einiger Ultra-Copyright-Lobbyisten?, ergänzt FFII-Präsident Alberto Barrionuevo."" Auch Heise.de berichtet über das Thema.

FR, 07.07.2008

Arno Widmann hat mit angehaltenem Atem Philippe Sands' Buch "Torture Team" gelesen, das akribisch analysiert, wie beharrlich ein innerer Zirkel der Bush-Regierung daran arbeitete, die Folter wieder einzuführen - und das auch schon vor dem 11. September: "Deutlich wird, was die Regierung alles unternahm, um ihre Absicht zu foltern und dann ihre Folterpraxis zu vertuschen. Vor allem lag ihr daran, nicht bekannt werden zu lassen, dass die Wiedereinführung der Folter - Abraham Lincoln hatte 1863 erklärt: 'militärische Notwendigkeiten sind kein Grund für Grausamkeit' - nicht die Tat einiger überlasteter unterer Chargen war, sondern auf Anweisung von ganz oben geschah... Es ging der Bush-Regierung nicht um Erkenntnisse. Nicht, was den Irak-Krieg und nicht, was die Aussagen von Gefangenen angeht. Es ging ihr um die Wieder-Einführung des Staatsterrorismus."

Weiteres: Widmann empfiehlt auch Ingrid Betancourts Brief aus ihrer Gefangenschaft "Meine liebe Maman" zu lesen. Joachim Lange lobt den mit der "Götterdämmerung" abgeschlossenen "Ring"-Zyklus in Weimar, der es an "szenischer Intelligenz, Spielwitz und ambitionierter Interpretation" mit Wien und Hamburg durchaus aufnehmen könne. Franz Anton Cramer berichtet vom Tanzfestival in Montpellier. Harry Nutt war beim Berliner Poesiefestival.

Auf der Medienseite fürchtet Daland Segler das Ende der Netzeitung, Berichten zufolge könnte die gesamte Redaktion entlassen werden: "Betriebsratsvorsitzender Breitinger macht allerdings klar, dass es 'egal ist, ob zwei oder alle gekündigt werden': Schon jetzt arbeite man am unteren Limit, und der seriöse Qualitätsjournalismus, für den die Netzeitung stehe, sei mit noch weniger Kräften nicht mehr zu machen."

NZZ, 07.07.2008

Der Politologe Amr Hamzawy vom Carnegie Endowment for International Peace erklärt die drei Formen islamistischer Partizipation am politischen Leben der Länder im Nahen Osten und in Nordafrika. Joseph Jung erinnert an die vor 150 Jahren geborene Lydia Welti-Escher, deren Ehemann, ein Schweizer Bundesratssohn, sie in Italien für verrückt erklären ließ, weil er ihr Geld wollte. Daneben steht das psychiatrische Gutachten, dass sie später für gesund erklärte. Uwe Justus Wenzel gratuliert dem Ägyptologen Jan Assmann zum Siebzigsten. Andrea Eschbach schreibt zum Tod des Schweizer Designers Hannes Wettstein. Rudolf Stamm würdigt 60 Jahre Istituto Svizzero di Roma.

Besprochen wird Luc Bondys Inszenierung von Marivaux' "La Seconde Surprise de l'amour" bei den Zürcher Festspielen.
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TAZ, 07.07.2008

Gabriele Goettle fährt mit dem Kollegen Helmut Höge zu Heike und Klaus Richter nach Potsdam, um sich an die Ärztin und Kommune-Bewohnerin Dorothea Ridder zu erinnern. Eva Behrendt schreibt zum Tod des Soziologen, Autoren und "großen Kosmopoliten" Nicolaus Sombart. Besprochen wird das Hamburger Konzert der amerikanisch-kenianischen Combo "Extra Golden", die sogar einen "Obama"-Song im Repertoire haben.

In der zweiten taz spöttelt Rafael Seligmann über den Ärger mit dem Wachshitler in Berlin: "Artenschutz für Adolf! Und da sage einer, die deutsche Geschichte mache keine Fortschritte." Im Medienteil berichtet Klaus Raab, dass die Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten für "kommerzielle" Fotos von Schloss Sanssouci nun Geld verlangen will.

Und Tom.
Stichwörter: Geld, Gabriele Goettle, Kommune, Taz

SZ, 07.07.2008

Andrej Jerofejew, der wegen Modernismus gefeuerte Leiter der Abteilung für Zeitgenössische Kunst der Moskauer Tretjakow-Galerie, erklärt im Interview: "Wir haben Werke gezeigt, die von Moskauer Museen und Galerien abgelehnt worden waren. Unsere Verfassung verbietet Zensur - wir haben gezeigt, dass sie stattfindet. Zwar gibt es keine Zensurbehörde mehr, die anonym schwarze Listen verschickt, aber ein funktionierendes System der Selbstzensur. Die Leiter der Institute oder die Behörden entfernen Werke. Manchmal hilft ihnen der Zoll, manchmal das Kulturministerium, in jedem Fall aber fehlt jede fachliche Begründung."

In thematischer Nähe bewegt sich Volker Breideckers Artikel über die von Boris Groys gastkuratierte Ausstellung "Die totale Aufklärung. Moskauer Konzeptkunst 1960-1990" in der Frankfurter Schirn.

Weitere Artikel: Eine hochkarätig - u.a. mit Jürgen Habermas und Charles Taylor - besetzte Tagung in Erfurt zum Thema "Achsenzeit" hat Tim B. Müller besucht. Alexander Kissler kommentiert jüngste Angriffe des Ultrabiologen Ulrich Kutschera auf die Geisteswissenschaften: Im Laborjournal hatte Kutschera "die gesamte Geisteswissenschaft in die Nähe des Privatvergnügens (gerückt). Er nennt sie 'Verbalwissenschaft' und scheidet sie scharf von der 'Realwissenschaft'." Eine alles andere als begeisterte Bilanz des "Theater der Welt"-Festivals in Halle zieht Till Briegleb. Die Historikerin Dagmar Ellerbrock erinnert daran, dass in Deutschland das Recht auf privaten Waffenbesitz bis ins 20. Jahrhundert hinein selbstverständlich war. Niklas weist in den Nachrichten aus dem Netz auf wichtige Internet-Bildarchive hin. Gustav Seibt gratuliert dem "in der Welt einflussreichsten und umstrittensten deutschen Geisteswissenschaftler", dem Ägyptologen Jan Assmann zum Siebzigsten. Auf der Literaturseite klagt der Verleger wissenschaftlicher Bücher G.-Jürgen Hogrefe bitter über § 52 des Urheberrechtsgesetzes, der es Hochschulen ausnahmsweise erlaubt, wissenschaftliche Inhalte ohne Lizenzahlungen in ihre Intranets einzustellen: Auf Dauer, so Hogrefe, bedeutet das den Tod der Wissenschaftsverlage.

Besprochen werden ein Abend mit Martha-Graham-Choreografien in Berlin, Nicolas Philiberts Film "Rückkehr in die Normandie", in der DVD-Kolumne jede Menge "United Artists"-Filme, die zum 90. Geburtstag des Studios jetzt (wieder)veröffentlicht werden, und Bücher, darunter Joyce Carol Oates' Roman "Du fehlst" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)..

Welt, 07.07.2008

Thomas Kielinger schreibt im Kulturaufmacher über die finstere Konjunktur sadistischer Morde von Jugendlichen an Jugendlichen in London, die die Polizei inzwischen mehr beschäftigt als die Angst vor islamistischen Anschlägen. In der Leitglosse kommentiert Rolf Schneider den ikonoklastischen Anschlag auf einen Wachs-Hitler in Berlin. Ulrich Wenzierl unterhält sich mit dem neuen Direktor der Wiener Albertina, Klaus Albrecht Schröder. Hendrik Werner stellt den "Atlas der wahren Namen" vor, in dem Ortsnamen etymologisch entschlüsselt werden. Und Hans Helmut Prinzler Co-Autor des Films "Auge in Auge" über die Geschichte des deutschen Kinos, erzählt in einem Artikel, wie es zu dem Film kam.

Besprochen werden Mel Brooks' Musical "The Producers" in Wien, eine Ausstellung über groteske mittelalterliche Bronzen in Hildesheim und Gershwins "Porgy und Bess" an der Deutschen Oper Berlin.

FAZ, 07.07.2008

In der Türkei wurden hochrangige pensionierte Generäle verhaftet, aufgrund des Verdachts, terroristische Taten zu planen. Ein Tabubruch, der die Türkei verändern könnte - meint der Türkei-Experte Cemal Karakas: "Das Militär regiert nicht, es herrscht. Zwar hat es die Macht nach jedem seiner Putsche in den Jahren 1960, 1971, 1980 und 1997 an die Parteien zurückgegeben, es verstärkte jedoch mit jedem Putsch seinen legalen Einfluss auf Politik und Justiz... Daher kann man, trotz der EU-Reformen, die Türkei nach wie vor als eine 'Militär-Demokratie' bezeichnen... Die Verhaftung der Generäle könnte, stärker als die bisherigen EU-Reformen, zu einem Mentalitätswandel und einer Stärkung der Zivilgesellschaft beitragen."

Weitere Artikel: Der Autor Javier Marias erinnert sich - in einer Übernahme aus El Pais (Originalartikel) - dankbar an seine verstorbene deutsche Übersetzerin Elke Wehr: "Ich lese kein Deutsch, doch alle Rezensionen meines Romans 'Mein Herz so weiß' haben den außerordentlichen Klang der deutschen Übersetzung hervorgehoben. Da ich weiß, dass er in meiner Sprache nicht so klang, bin ich fest davon überzeugt, dass Elke Wehr ihn verbessert hat." Dirk Schümer schildert den Streit, den der Lega-Nord-Innenminister Italiens mit seinen Plänen ausgelöst hat, allen Roma-Kindern präventiv die Fingerabdrücke abzunehmen. Jordan Mejias berichtet, dass Barack Obamas Ehefrau von Rechten im Internet als "radikale, scharfzüngige, alle Weißen hassende, im Grunde eben antiamerikanische Sozialaktivistin" beschimpft wird. In der Glosse stellt Oliver Jungen mehr oder minder kuriose Ergebnisse der allgemeinen Umfragewut vor. Korrespondent Joseph Oehrlein stellt sein Buenos Aires vor. Robert von Lucius porträtiert Andor Izsak, der in Hannover bald eine Professur für Synagogale Musik bekommen soll. Gemeldet wird, dass die Berliner Stadtschlossbefürworter jetzt in Deutschlands Malls für das Projekt werben bzw. Spendensammeln gehen. Patrick Bahners gratuliert dem eminent lesbaren Ägyptologen Jan Assmann zum Siebzigsten.

Besprochen werden ein Tanzabend mit Martha Graham-Choreografien in Berlin (bei der Gelegenheit kann Wiebke Hüster nicht umhin zu seuzfen: "Was hätte aus [Graham] werden können, wenn sie nicht C.G. Jung gelesen, sondern sich von ihren weiblichen Fixierungen gelöst hätte"), Christine Mielitz' "Fidelio"-Inszenierung in Meiningen, ein Heidelberger Konzert der Magnetic Fields, und Bücher, darunter Margrit Schribers Roman "Die falsche Herrin" und Ulrich Becks neue Studie "Der eigene Gott" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).