Heute in den Feuilletons

"Autor ohne Vaterland"

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.10.2007. Die Buchmesse ist eröffnet: Die NZZ meldet gute Stimmung in der Branche und einen Hauch von Wachstum. Der Tagesspiegel sieht den Buchmarkt dagegen immer gleichförmiger werden. Die FR sieht im Gastland-Konzept der Buchmesse einen politischen Wurm. In der Welt fragt die katalanische, aber spanisch schreibende Schriftstellerin Nuria Amat, ob es eigentlich der zweisprachige Kafka auf die Buchmesse geschafft hätte. Ebenfalls in der Welt fragt Salman Rushdie, ob die niederländische Regierung aus Feigheit oder Dummheit Ayaan Hirsi Ali den Personenschutz entziehen will.

Welt, 10.10.2007

"Man muss sich klarmachen, dass Ayaan Hirsi Ali der erste Flüchtling aus Westeuropa seit dem Holocaust sein könnte. Als solche ist sie die einzigartige und unverzichtbare Zeugin der Stärke wie der Schwäche des Westens: der Pracht der offenen Gesellschaft ebenso wie der grenzenlosen Energie ihrer Feinde", schreiben der einst selbst gefährdete Salman Rushdie und Sam Harris drastisch zum Fall Hirsi Ali, für deren Personenschutz in den USA die Niederlande nicht mehr aufkommen wollen. "Besonders beschämend: Jan Peter Balkenende, der niederländische Ministerpräsident, hat Hirsi Ali empfohlen, die Niederlande einfach zu verlassen, sich aber geweigert, auch nur eine Woche lang für ihren Schutz außerhalb des Landes aufzukommen - eine Woche, in der sie sich um Mittel hätten bemühen können, um ihren Personenschutz selbst zu finanzieren. Ist das der feige Versuch, fanatische Muslime in den Niederlanden zu besänftigen? Eine Warnung an die Adresse anderer niederländischer Dissidenten, keinen Ärger zu machen, indem sie allzu offen über den Islam sprechen? Oder ist es bloße Gedankenlosigkeit?" (Hier das Original)

Die Spanisch schreibende, katalanische Schriftstellerin Nuria Amat fragt sich angesichts des katalanischen Buchmesse-Schwerpunkts, ob es vor hundert Jahren auch ein Problem gewesen wäre, Kafka einzuladen, wenn Tschechien Gastland gewesen wäre: "So wie man Prag nicht mehr ohne Kafka begreifen kann, so kann man Barcelona auch nicht ohne seine zwei Sprachkulturen verstehen. Wir wissen, dass es Sache der Politiker ist, mit Lügen zu manipulieren, und die der Schriftsteller wie Kafka, Wahrheiten aufzudecken. Was aber passiert, wenn jene Politiker und Kulturleute, die die Einladung nach Frankfurt verwalten, einen Autor wie Kafka nicht mitnehmen, weil er von den Patrones kultureller Subventionen als Autor ohne Vaterland und ohne eigene Sprache definiert wird?"

Weitere Artikel: Mit Einschränkungen, aber dennoch als "verlegerische Großtat" wertet Uwe Wittstock den gestern von Suhrkamp-Verlegerin Ulla Berkewicz vorgestellten Verlag der Weltreligionen. Wieland Freund spekuliert über die Aussichten auf den Literaturnobelpreis, der morgen in Stockholm vergeben wird. Beim Online-Buchmacher Ladbrokes führt Philip Roth mit 7/2. Nikolaus Nowak berichtet aus Spanien, dass Francos Familie offenbar immer noch in Palästen logiert, die sich der Generalissimo zusammengeraubt hatte. Stefan Keim unterhält sich mit Karin Beier, der neuen Intendantin des Kölner Schauspiels.

Besprochen werden Michael Moores Abrechnung mit dem amerikanischen Gesundheitssystem "Sicko" und eine DVD-Edition der "Blechtrommel"

NZZ, 10.10.2007

"Die Stimmung im deutschen Buchhandel ist zurzeit gut", meldet Joachim Güntner, und auch die Leiter der Frankfurter Buchmesse sind wohl zufrieden: "'Ein Hauch von Wachstum' sei festzustellen, meint Direktor Boos. Die Messe sei ausgebucht. Über die Anwesenheit lateinamerikanischer Verlage ist Widersprüchliches zu hören (offiziell steigt sie an, inoffiziell geht sie zurück), doch US-Amerikaner und Engländer, die Vertreter der 'Kernmärkte' des Buchgeschäfts, kommen wieder so zahlreich wie einst vor dem 11. September. Asien boomt in Frankfurt, China hat seine Präsenz um stolze dreißig Prozent erhöht."

Weiteres: Sieglinde Geisel besucht ein Berliner Stadtbad - allerdings nicht um zu baden. Besprochen werden eine Ausstellung der Kleider des Couturiers Uli Richter im Kunstgewerbemuseum Berlin, erste Inszenierungen am Pariser Odeon-Theater unter der Leitung von Olivier Py, Konzerte des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin mit Ingo Metzmacher und Bücher, darunter Peter Heathers Buch "Der Untergang des Römischen Reiches" und Arno Geigers Erzählband "Anna nicht vergessen" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Nachtrag: Auch die NZZ hat inzwischen ihre Literaturbeilage vom 8. Oktober online gestellt.

Tagesspiegel, 10.10.2007

Der Umsatz der Buchbranche ist 2006 wieder gestiegen. Also geht's dem Buchhandel gut? Gerrit Bartels hat da seine Zweifel. "Nur wenige Bücher sorgen für die ganz großen Umsätze, wie eben Harry Potter, der gleich die Jahresbilanz rettet, wie das Papstbuch oder Hape Kerkelings Wanderschaft. Schwerer noch wiegt der radikale Wandel des Buchmarktes. Die Expansion der Buchhandelsketten wird nicht nur vom alteingesessenen Buchhandel mit Sorge betrachtet, sie verschiebt auch das Kräfteverhältnis zu Lasten der Verlage. Die zwei größten Ketten, die DBG-Gruppe (Weltbild/Hugendubel) und Thalia, setzen mehr um als Random House, Hanser und Suhrkamp zusammen, rund 1,4 Milliarden Euro im Jahr. Jedes vierte Buch in Deutschland wird in einem Kettengeschäft gekauft. Dass das Angebot immer gleichförmiger wird, lässt sich schon jetzt beobachten. Kleinere Verlage haben es schwer, überhaupt noch ihre Bücher in diese Läden zu bekommen. Die Gefahr ist groß, dass die Ketten eines Tages den Verlagen vorschreiben, was sie tun sollen - von der Art und dem Inhalt der verlegten Bücher bis hin zur Covergestaltung."

Auch dem Tagesspiegel liegt heute eine Literaturbeilage bei. Besprochen werden unter anderem Ulrich Peltzers Roman "Teil der Lösung" (Leseprobe) und Wassili Grossmans Roman "Leben und Schicksal" (Leseprobe).
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TAZ, 10.10.2007

Dirk Knipphals kommentiert die Zuerkennung des Deutschen Buchpreises an Julia Francks Roman "Die Mittagsfrau" und freut sich, dass die Jury offenbar heiß darüber diskutiert hat, "was ein deutschsprachiger Gegenwartsroman jenseits von literarischen Moden und Konfektionsware zu leisten imstande" sei. Er resümiert jedoch: "So lesbar Julia Francks Roman ist, ihn als Repräsentanten der deutschsprachigen Literatur auszuwählen, zeigt deutlich das immer drohende Grundproblem dieser Buchpreis-Veranstaltung: Debatten über Gegenwartsromane sind natürlich gut. Aber: Jenseits von Moden und Konfektionsware - klingt das nicht schon sehr nach Gediegenem? Nach der Anwendung des Manufactum-Satzes auf die Literatur: Es gibt sie noch, die guten Bücher?"

Weiteres: Ursula Wöll bespricht eine Ausstellung zeitgenössischer ägyptischer Kunst im Kunstmuseum Bonn. In tazzwei porträtiert Bettina Gaus unter der Überschrift "Puppenstube und Gmorrha" die unterschiedlichen "Ansätze zum Glück" der nur 60 Meilen voneinander entfernt liegenden US-Städte Wildwood und Ocean City: In Ersterer "fließt der Alkohol in Strömen", in Letzterer ist er strikt verboten. Und auf der Meinungsseite erklärt Hilal Sezgin den Islam für genauso oder genauso wenig patriarchalisch wie den deutschen Universitätsbetrieb.

Ansonsten alles auf Buchmesse. So startet auf der Wahrheitseite eine mehrtägige satirische Verwurstung des Gastlandes Katalonien. Ernsthafter geht es dagegen in der heute beiliegenden dicken Literataz zur Sache.

Und hier Tom.

FR, 10.10.2007

In einem Leitartikel sieht Ina Hartwig das Gastland-Konzept der Buchmesse an seine Grenzen gestoßen und den Auftritt Kataloniens als problematisch an, da sich trotz zweisprachiger Kultur vor allem Autoren präsentierten, die ausschließlich in dem unter Franco verbotenen Katalan schreiben. "Man stelle sich vor, Bayern oder Mecklenburg-Vorpommern wären Gastland der Messe und ausschließlich Mundart-Autoren würden die Stadt Frankfurt durch ihre Anwesenheit beglücken? Katalonien ahnt die Polemik - und möchte sich deshalb nicht als Land, sondern als 'Kultur' präsentieren: Ein Kunstgriff, der nicht darüber hinwegtäuscht, dass politisch betrachtet der Wurm drin ist. Als Gebrauchsanweisung für die Buchmesse muss dennoch gelten: Die Katalanen sind da - schau, welche Schätze sie zu bieten haben."

Weitere Artikel: Fritz Rudolf Fries plädiert für eine Neuentdeckung des katalanischen Autors Josep Pla. In Times mager preist Arno Widmann den erstmals vollständig ins Deutsche übersetzen Roman "Felix oder das Buch der Wunder" von Ramon Lull (1232 - 1316) als "eines der großen Werke der katalanischen Literatur". Christoph Schröder kommentiert die Verleihung des Deutschen Buchpreises an Julia Franck.In einem Interview erklärt Regisseur Robert Rodriguez, warum Filme ohne Geld besser werden. Elke Buhr meldet, dass entgegen anderslautender Gerüchte Teile der Kunstsammlung der Deutschen Bank nicht aufgelöst werden sollen, "wahr ist nur, dass Ariane Grigoteit, die seit über zwanzig Jahren die Sammlung gemeinsam mit Friedhelm Hütte aufgebaut hat, nicht mehr an ihrem Platz sitzt; kommissarisch hat Hütte die Geschäfte übernommen. Gerüchteweise ist von Missmanagement die Rede." Christian Schlüter stellt einen Sonderband mit Asterix-Variationen vor, der zum 30. Todestag von Rene Goscinny am 5. November als Hommage erscheinen wird. Besprochen wird eine Inszenierung von Umberto Giordanos 1896 uraufgeführtem Musikdrama "Andrea Chenier" am Opernhaus Zürich.

Im Medienteil fragt sich Daland Segler nach der gestrigen Verhandlung in Sachen FAZ und SZ gegen Perlentaucher (mehr hier) vor dem OLG Frankfurt "in welcher Form überhaupt noch zitiert werden darf, ohne dass ein Urheber kommt und klagt". Das Urteil wird am 13. November verkündet.

Auch die FR erscheint heute mit Literaturbeilage. Im Aufmacher bespricht Ina Hartwig Marguerite Duras' "Hefte aus Kriegszeiten". (Wir werten die Beilage in den nächsten Tagen aus.)

Berliner Zeitung, 10.10.2007

Man wird in Frankfurt nur ein unzureichendes Bild der katalanischen Kultur gewinnen können, meint Brigitte Preissler. "Dieser Eindruck verstärkt sich, so bald man einen Blick auf jene Werke wirft, die nun ins Deutsche übersetzt wurden. Viele Titel erschienen im katalanischen Original bereits vor geraumer Zeit; einige Autoren stellen mit Ende Fünfzig dem deutschen Publikum Romane vor, die sie als Mittdreißiger schrieben. (...) Ein literarisches Abbild des heutigen Katalonien oder gar eine Aufarbeitung globaler Gegenwartsthemen kann man von solchen Titeln kaum erwarten."

Auch die Berliner Zeitung erscheint heute mit ihrer Literaturbeilage. Im Netz konnten wir allerdings keine Spur davon entdecken.
Stichwörter: Frankfurt, Katalonien

SZ, 10.10.2007

Volker Breidecker berichtet über die Verleihung des Deutschen Buchpreises an Julia Franck. Merten Worthmann informiert über Romane, die mit dem verkaufsträchtigen Argument beworben werden, sie seien von Franco verboten worden. Und im Politikteil werden in mehreren Artikeln die politischen Hintergründe der umstrittenen Entscheidung der Kulturbürokratie in Barcelona ausgelotet, nur katalanisch schreibende Autoren zur Messe zu schicken. "Über die entlegensten Ereignisse aus ihren zahlreichen Konflikten und Kämpfen können Barceloner und Madrilenen streiten wie sonst nur Engländer und Schotten. Tatsache ist, dass die eher merkantil als kriegerisch veranlagten Katalanen dabei stets den Kürzeren zogen," weiß etwa Sebastian Schoepp.

Weiteres: Sonja Zekri war bei einer Diskussionsveranstaltung zu Ehren von Anna Politkowskaja im Potsdamer Hans Otto Theater und ärgert sich über zunehmende Ressentiments gegen Russland. Wolfgang Jean Stock porträtiert das Oberpfälzer Architekturbüro Brückner & Brückner. Alex Rühle informiert über eine EU-Studie zum Bildungsverhalten, die er kurz so zusammenfasst: "essen ja, lesen nicht so". Claudio Gutteck beschreibt amerikanische Parkplatzplanungen und -sorgen.

Die Schallplattenseite widmet sich heute DVDs der "schönsten Opern in diesem Herbst". Reinhard J. Brembeck schwärmt davon, was Dirigent Franz Welser-Möst und Regisseur Claus Guth in Zürich aus Schuberts "Fierrabras" gemacht haben und erklärt außerdem, was das Wichtigste an einer Oper sei. Wolfgang Schreiber schreibt über Peter Konwitschnys Inszenierung von Verdis "Don Carlos", erstmals in voller Länge an der Wiener Staatsoper. Und Jörg Königsdorf stellt Hindemiths "Cardillac" unter Wolfgang Sawallisch und Kent Nagano vor.

Besprochen werden außerdem Michael Moores Abrechnung mit dem amerikanischen Gesundheitswesen "Sicko", die Uraufführung von Tankred Dorsts Stück "Ich bin nur vorübergehend hier" am Schauspiel Hannover, Inszenierungen der Theaterstücke "Die Beißfrequenz der Kettenhunde" von Andreas Marber am Hamburger Thalia Theater sowie "Diesseits" von Thomas Jonigk am Düsseldorfer Schauspielhaus und Bücher, darunter Botho Strauss? Novelle "Die Unbeholfenen" (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 10.10.2007

Auf der ersten Seite der Literaturbeilage feiert Edo Reents Julia Francks mit dem Buchpreis ausgezeichneten Roman "Mittagsfrau" als Werk, das über den Begriff geht, den wir uns von der "Familie" machen: "Worum es hier geht, ist von dem kleinsten gemeinsamen politischen Nenner, auf den man sich unter dem Regiment einer Familienministerin vielleicht einigen könnte, genauso weit entfernt wie von den Ideen einer Eva Herman."

Weitere Artikel: Andreas Platthaus glossiert die Verleihung des Buchpreises an Julia Franck, bei der offenbar allerhand seltsames Zeug getragen und vorgetragen wurde. Hubert Spiegel denkt außerdem zum Beginn der Buchmesse darüber nach, wie man auf kluge Weise Bücher liest - oder noch besser nicht liest. Helmut Mayer hat sich das Programm des neuen Suhrkamp-"Verlags der Weltreligionen" angesehen und manch Hochtönendes gefunden. Martin Lhotzky kann nur darüber staunen, dass man sich in Österreich über die Popularität der eigenen Literatur - etwa mit sechs von zwanzig Titeln auf der Buchpreis-Longlist - beschwert. Auf zwei Seiten äußern sich außerdem neun Nobelpreisträger zur Frage des Klimawandels. Manfred Lindinger stellt die Entdeckungen der Physik-Nobelpreisträger Peter Grünberg und Albert Fert und ersteren dann auch noch persönlich vor. Nina Rehfeld porträtiert den Neurologen Ian Livingstone, der das amerikanische Gesundheitssystems für bankrott erklärt. Und Andreas Platthaus leitet die Bitte der e.o. plauen-Stiftung um Mithilfe bei der Suche nach unbekannten Werken des Cartoonisten ("Vater und Sohn") weiter. Im Leitartikel auf der Seite 1 der FAZ kündigt Frank Schirrmacher mit vibrierender Stimme eine Revolution - was sonst? - an: "Das Buch, das imstande sein wird, Herrscher zu stürzen und Reiche zu wenden, ist die historisch-kritische Ausgabe des Korans, die in diesem Augenblick an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaft vorbereitet wird." 2009 ist es soweit, dann soll der erste Teil erscheinen.

Besprochen werden Michael Moores Film "Sicko", die Akademie-Konzerte, mit denen das Freiburger Barockorchester seinen zwanzigsten Geburtstag feierte, eine Münchner Ausstellung mit im Amsterdamer Exil entstandenen Werken Max Beckmanns, die Hamburger Uraufführung von Andreas Marbers Stück "Beißfrequenz der Kettenhunde" und Bücher, darunter ein Band, der den Tod von Ingmar Bergmans Ehefrau Ingrid aus drei Tagebuchperspektiven schildert, sowie Ariane Breidensteins "Und nichts an mir ist freundlich" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).