Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.01.2007. Im Perlentaucher fragt Pascal Bruckner: Ist Ayaan Hirsi Ali eine Fundamentalistin der Aufklärung? Oder sind Ian Buruma und Timothy Garton Ash Hohepriester einer subtilen Apartheid? Die FAZ schildert Episoden aus dem Krieg der russischen Kunst gegen die Wirklichkeit und wendet sich gegen ein Manifest katholischer Ästhetizisten für die lateinische Messe. Die taz bringt einen Artikel von Hrant Dink über die Frage, ob ein EU-Beitritt der Türkei zur Modernisierung verhelfen kann.

TAZ, 24.01.2007

Aus Anlass der Ermordung des armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink bringt die taz einen Artikel von Dink, der in dem Sammelband "Modell Türkei? Ein Land im Spannungsfeld zwischen Religion, Militär und Demokratie" erschienen ist. Darin untersucht Dink, von welchen Kräften - inneren oder äußeren - der Antrieb für Veränderungen in der Türkei ausgeht, und ob ein EU-Beitritt der Türkei im Kampf gegen den religiösen Fundamentalismus helfen kann. "In der Türkei beruhen Veränderungen stets auf dem Willen des 'Schattenstaates', dem Bündnis aus Militär und nationalem Kapital. Veränderungen liefen immer von oben nach unten ab. Die Gesellschaft trug in den Wandlungsprozessen nicht zu den Veränderungen bei, sondern hatte diese zu akzeptieren. Am besten drückt dies ein Satz aus dem Mund des Bürgermeisters von Ankara, Nevzat Tandogan, aus: 'Was habt ihr schon zu melden. Wenn dieses Land den Kommunismus braucht, dann werden wir ihn auch einführen.'"

Weiteres: Jörg Sundermeier beklagt die Auflösung der Band Blumfeld. Besprochen wird die Ausstellung "Sprengelprojekt", in welcher der Fotograf Thomas Ruff eigene Fotoarbeiten mit Werken aus den Beständen des Sprengel Museum Hannover kombiniert.

Und hier Tom.

Perlentaucher, 24.01.2007

Warum soll sich Ayaan Hirsi Ali nicht auf Voltaire berufen, fragt der französische Philosoph Pascal Bruckner Ian Buruma und Timothy Garton Ash, die sie eine "Fundamentalistin der Aufklärung" genannt haben. "Die Aufklärung gehört dem Menschengeschlecht und nicht nur einigen Privilegierten aus Europa und Nordamerika - die sich überdies herausnehmen, sie wie verwöhnte Gören mit Füßen zu treten und anderen vorzuenthalten. Vielleicht ist der Multikulturalismus angelsächsischer Prägung nichts anderes als eine legale Apartheid, begleitet - wie so oft - vom rührseligen Gesäusel der Reichen, die den Armen erklären, dass Geld allein nicht glücklich macht. Wir tragen die Bürde der Freiheit, der Selbstverwirklichung, der Gleichberechtigung der Geschlechter, euch bleiben die Freuden des Archaischen, des Missbrauchs nach Vorvätersitte, der arrangierten Heiraten, Kopftücher und Vielehen. Angehörige dieser Minderheiten werden unter Denkmalschutz gestellt. Wir sperren sie in ein Reservat, um sie vor dem Fanatismus der Aufklärung und den Kalamitäten des Fortschritts zu bewahren: All jenen, die uns unter dem Sammelnamen Muslime bekannt sind (Maghrebiner, Pakistani, Afrikaner) soll es verboten sein, den Glauben abzulegen, oder nur ab und zu zu glauben, auf Gott zu pfeifen oder sich ein Leben fernab von Koran und Stammesriten aufzubauen. Der Multikulturalismus ist ein Rassismus des Antirassismus. Er kettet die Menschen an ihre Wurzeln."

FAZ, 24.01.2007

In Russland führt die Kunst einen "Krieg gegen die Wirklichkeit", zum Beispiel in Person der genial gruftigen Dichterin Alina Wituchnowskaja oder in Pavel Lungins Erfolgsfilm "Die Insel" ("Ostrow"), der das Leben eines armen Sünders schildert, welcher auf einer Klosterinsel als wundertätiger Heizer Buße tut. Aber Russlandkorrespondentin Kerstin Hom bleibt mit beiden Füßen auf dem Boden: "In der real existierenden russischen Einöde ist Wodka das Fahrzeug zum Nirwana. In jüngster Zeit ermordeten zweimal in entlegenen Dörfern alkoholisierte Weltflüchtige den örtlichen Priester. Im Herbst wurde im Landkreis Twer Priester Andrej Nikolajew mitsamt Gattin und drei Kindern in seiner Hütte verbarrikadiert und angezündet, weil er sich mit der Trunksucht der Dorfbewohner nicht hatte abfinden wollen."

Auch Gerhard Stadelmaier greift im Aufmacher ein religiöses Thema auf und wendet sich gegen ein Manifest einiger katholischer Ästhetizisten, die die Rückkehr zur lateinischen Messe fordern: "Wer sich unter den heute etwas über Fünfzigjährigen an die lateinischen vorkonziliaren Messen seiner Kindheit in den Domen und Kathedralen erinnert, der denkt nicht nur an alte Formen, sondern auch an: elendes Geleier. An Abweisendes. Leeres. Hohles." Stadelmaier unterstellt, dass es den Unterzeichnern des Manifests gar nicht um das Lateinische geht: "Es geht um eine szenische Konfiguration: dass nämlich der Priester in der alten lateinischen Liturgie die Messe vom Volke abgewandt, und nicht wie in der neuen nachkonziliaren, dem Volke zugewandt zelebriert. Die Manifestler hätten den Gottesdienst gerne etwas elitärer, gleichsam 'undemokratischer'. Man hört da die linguistisch kostümierten Nachtigallen ein bisschen allzu sehr trapsen."

Weitere Artikel: Gemeldet wird, dass die FAZ- und Anzeigenbeilage für Günter Grass' "Beim Häuten der Zwiebel", die publizistisch durch ein berühmt gewordenes Interview mit dem Autor ein wenig in den Hintergrund gerückt worden ist, zumindest einen Preis für Zeitungsdesign gewonnen hat. Verena Lueken meldet, dass der Film "Das Leben der anderen" jetzt auch für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert wurde. Jürgen Kaube glossiert eine Studie über den Zusammenhang von Schlafen und Licht. Dieter Bartetzko besucht das restaurierte Zeughaus von Mannheim. Rüdiger Soldt befasst sich mit Identitätsproblemen des aus historisch unzugehörigen Regionen aggregierten Bundeslandes Baden-Württemberg. Gerhard R. Koch schreibt zum Tod von Fassbinders Filmkomponist Peer Raaben. Martin Lhotzky berichtet über einen Fund von Fotos, die die Vertreibung der Armenier durch die Türken dokumentieren, im Naturhistorischen Museum Wien. Ulrich Herbert schreibt zum Tod des Historikers Michael Zimmermann. Jürg Altwegg beschreibt, wie die Franzosen Abschied von Abbe Pierre nehmen. Jakob Köllhofer schreibt zum Tod des Philologen Rudolf Sühnel.

Auf der Medienseite schreibt Michael Hanfeld über einen im Auftrag des Hauses Bertelsmann gefertigten hagiografischen Film über Reinhard Mohn, der in Berlin Standing Ovations unter dort versammelten Managern des Konzerns auslöste. Und Stefan Niggemeier berichtet über eine von Hubert Burda organisierte Konferenz von Internetunternehmern. Auf der letzen Seite erzählt Andreas Kilb, dass die Westberliner nach den Havarien am Hauptbahnhof ihren Bahnhof Zoo wieder ins Spiel bringen. Und Andreas Platthaus porträtiert den Comiczeichner Trondheim, der dieses Jahr das Comicfesitval von Angouleme leitet.

Besprochen werden der Film "Blood Diamond" mit Leonardo DiCaprio und ein Gastspiel des Mariinsky-Theaters mit Puccini-Opern in Baden-Baden.

Nur online die Meldung vom Tod des großen polnischen Reporters Ryszard Kapuscinski.
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NZZ, 24.01.2007

"Für das Sujet allzu unterhaltsam" findet Andrea Köhler Norman Mailers Romanbiografie über Hitler, "The Castle in the Forest", auch sei es ein "durch und durch amerikanisches Buch; seine Atmosphäre entbehrt jener spezifisch deutschen Mischung aus Sentimentalität und Sadismus, die eine Figur wie Hitler möglich und für viele so anziehend machte."

Weiteres: Uwe Justus Wenzel hat zugehört, als Jürgen Habermas am Montag bei den Jesuiten in München über Vernunft sprach. Besprochen werden eine Ausstellung mit Bildern des Fotoreporters Agusti Centelles im Palau de la Virreina, Barcelona und Bücher, nämlich ein "Heimat"buch von Iso Camartin, zwei Bücher von Peter Handke und Hermann Lenz, Bernardo Carvalhos Roman "Neun Nächte", Olaus Magnus' Buch aus dem 16. Jahrhundert über die "Wunder des Nordens" und ein Gesprächsband mit der Sopranistin Inge Borkh (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Welt, 24.01.2007

Uwe Schmitt hat erste Reaktionen auf Norman Mailers neues Buch "The castle in the Forest" gesammelt, das sich dem kleinen Hitler als "gewissermaßen hochverdichtete Herrenrassenschande", verschrieben hat: "Die amerikanischen Kritiker sind uneins, ob "The Castle in the Forest" beweist, dass Mailer, Ende des Monats 84 Jahre alt, nicht mehr alle Klicker beisammen hat. Oder ob er nach 35 Büchern immer noch der Provokateur erster Güte ist: 'Es scheint mit, dass es zwei exzeptionelle Geburten in der Menschheitsgeschichte gegeben hat: Jesus Christus und Adolf Hitler. Hitler ist die Antwort des Teufels auf Jesus Christus.' Mailer liebt solche grandiosen Sprüche, schon weil es 'Ehefrauen in die Weißglut treibt'."

Weiteres: Berthold Seewald verarbeitet in der Randglosse die Meldung, dass jetzt auch die Familie Holstein-Sonderburg-Glücksburg ihr Tafelsilber verscherbeln will - zum Ärger Griechenlands, dessen Könige sie von 1863 bis 1974 stellte. Sven Felix Kellerhoff berichtet, dass morgen die Limbach-Kommission entscheiden wird, ob die Plakatsammlung Sachs restituiert wird. Der Fall ist offenbar noch verwickelter als bei Kirchner "Straßenszene", denn Hans Sachs ist entschädigt worden und hat - in Gegensatz zu seinem Sohn - keine Ansprüche mehr gestellt. Hanns-Georg Rodek informiert über die Oscar-Nominierungen, darunter auch Florian Henckel von Donnersmarcks "Das Leben der Anderen".

Gemeldet wird, dass Günter Grass im Rechtsstreit gegen die FAZ gestern Recht bekommen hat, die seine Briefe an Karl Schiller ohne Einverständnis abgedruckt hatte. Entschieden wird der Fall aber erst in der Berufung. Uwe Wittstock besichtigt das runderneuerte Zeughaus-Museum in Mannheim. Im Interview mit Monika Nellissen spricht Jan Philipp Reemtsma über sein neues Buch "Lessing in Hamburg". Gabriela Walde blickt auf die Berliner Pläne zur Neugestaltung des Humboldt-Forums. Und für Luc Bessons eklektizistischen Animationsfilm "Arthur und die Minimoys" hat Holger Kreitling vor allem Spott übrig: "Alle guten Bilder sind schon gefunden, also nehmen wir sie noch mal."

FR, 24.01.2007

In Times mager denkt Harry Nutt anlässlich eines Doppelmords im mecklenburgischen Tessin über Jugendgewalt nach. "Der schwer zu ertragende Skandal solcher Akte von 'random violence' besteht darin, dass sie von kaum entwickelten Biografien ausgehen. Spielte Gewalt in fast allen Jugendbewegungen eine Rolle bei der beschleunigten Durchsetzung der erkorenen Ideale, so hat es nun den Anschein, als sei Gewalt eine Art Zentrifuge, durch die spontan empfundene Regungen hindurch müssten. Wut und Zorn besitzen als begründungslose Erregungen ein beachtliches Drohpotenzial."

Weiteres: In ihrer Kolumne staunt Marcia Pally darüber, dass es in den USA plötzlich nur noch ein Gesprächsthema gibt: Politik und die Präsidentschaftskandidaten der Demokraten. Tim Gorbauch würdigt den verstorbenen Komponisten Peer Raben.

Besprochen werden Bücher, darunter der Hitler-Roman "The Castle in the Forest" von Norman Mailer, die Briefe von Virginia Woolf und der Roman "Die Gehilfin" von Martin Kluger (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 24.01.2007

Andrian Kreye und Susan Vahabzadeh analysieren die Oscarnominierung des Films "Das Leben der Anderen" und konstatieren einen Blickwechsel auf fremde Realitäten in Hollywood, der allerdings nicht ganz freiwillig sei: "Da wirkt immer noch der Schock des 11. Septembers, der Schock, dass eine Ereigniskette, die zunächst nichts mit Amerika zu tun hat, zu einem solch tragischen Ereignis führen konnte. Und da ist eine Regierung, deren größter Fehler es ist, die Welt mit einem rein amerikanischen Blick zu betrachten. Das hat zu einer deutlichen Politisierung des amerikanischen Films geführt."

Weiteres: Gerhard Matzig plädiert für den Ankauf des Privathauses des Jugendstil-Künstlers Richard Riemerschmid durch die Stadt München. Marcus Jauer informiert über den Sieg, den Günter Grass in zweiter Instanz gegen die FAZ errungen hat, weil sie zwei Briefe von ihm an den ehemaligen Wirtschaftsminister Karl Schiller abgedruckt hatte. Fuchs findet es trotz angekündigter Auflösung der Popgruppe Blumfeld für Nachrufe noch zu früh. Frank Thinius stellt den Entwurf des Bundesbauministeriums für das "Humboldt-Forum" vor, das in der Hülle des wiederzuerrichtenden Berliner Stadtschlosses entstehen soll. "klüv" berichtet über eine italienische Debatte über die Bestrafung von Holocaustleugnern. Thomas Steinfeld würdigt in einem ausführlichen Nachruf den Kritiker und Publizisten Uwe Nettelbeck. Susan Vahabzadeh gratuliert Ernest Borgnine zum 90. Geburtstag. Und auf Seite Drei berichtet Henrik Bork über eine Pekinger "Kunstfabrik" und den aberwitzig preistreibenden Kunstboom in China.

Besprochen werden der Film "Blood Diamond" mit Leonardo DiCaprio, Carla Brunis neues Album "No Promises", auf dem sie Gedichte unter anderem von Emily Dickinson vertonte, Inszenierungen von Grillparzers "Das Goldene Vliess" im Grillo-Theater Essen und von "Tannhäuser" an der Staatsoper Hannover und Bücher, darunter eine englischsprachige Geschichte des Fotobuchs von Martin Parr und Gerry Badger (siehe unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).