Günter Grass

Beim Häuten der Zwiebel

Cover: Beim Häuten der Zwiebel
Steidl Verlag, Göttingen 2006
ISBN 9783865213303
Gebunden, 480 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Günter Grass erzählt von sich selbst. Vom Ende seiner Kindheit beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Vom Knaben in Uniform, der so gern zur U-Boot-Flotte möchte und sich hungernd in einem Kriegsgefangenenlager wiederfindet. Von dem jungen Mann, der sich den Künsten verschreibt, den Frauen hingibt und in Paris an der "Blechtrommel" arbeitet. Günter Grass erzählt von der spannendsten Zeit eines Menschen: den Jahren, in denen eine Persönlichkeit entsteht, geformt wird, ihre einzigartige Gestalt annimmt. Zwischen den vielen Schichten der "Zwiebel Erinnerung" sind zahllose Erlebnisse verborgen. Grass legt sie frei, schreibt über den Arbeitsdienst-Kameraden, der niemals eine Waffe in die Hand nahm, schildert genüsslich einen Lager-Kochkurs, der mangels Lebensmitteln abstrakt blieb, und berichtet, wie der Kunststudent sein Geld in einer Jazzband verdiente. Zudem zeichnet er liebevolle Porträts von seiner Familie, von Freunden, Lehrern, Weggefährten.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.08.2006

Nun also, nach weltgeschichtlich bedeutendem Interview und nachgeschobener Sonderbeilage, die FAZ-Besprechung von Günter Grass' Autobiografie. Sie fällt, der Inszenierung im Vorfeld durchaus angemessen, einigermaßen hymnisch aus. Beweisen, so Hubert Spiegel, müsse sich das Buch als Literatur - und als solche bestehe es glänzend. Keineswegs als Zurückweichen oder Verdrängung sind nach Meinung des Rezensenten die beiden Zentralmetaphern fürs Erinnern, die Zwiebel und der Bernstein, zu verstehen. Im Gegenteil mache Grass sie literarisch produktiv und wahre so seine "Glaubwürdigkeit" als Literat, dessen Werk von Beginn an in sein Leben geradezu "verkrallt" gewesen ist. Nachdrücklich lobt Spiegel gerade die Passagen, die den jungen Grass im Krieg zeigen, als Meisterstücke der "Vergegenwärtigung". Auch die literarhistorische Einordnung des Buches wird sogleich vorgenommen: Seit der "Danziger Trilogie" habe der Literaturnobelpreisträger nichts so Bedeutendes verfasst.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 23.08.2006

Martin Lüdke ist entschlossen, das Werk für sich sprechen zu lassen, ohne die Diskussion um Grass' SS-Mitgliedschaft zu beachten. Und stellt unumwunden fest: "Ein dolles Konzept. Ein dolles Buch. Ungeheuerliche Szenen." Das zugrundeliegende Bild einer Zwiebel, das auf die Unmöglichkeit einer historischen Wahrheit verweist, gefällt ihm gut. Lüdke bevorzugt überhaupt diejenigen von Grass' Büchern, in denen dieser direkt auf seine Vergangenheit Bezug nimmt, etwa "Das Treffen in Telgte" oder eben das vorliegende Erinnerungsbuch. Dann gewinne die Sprache wie hier an "Kraft, Wucht, Sinnlichkeit", dann laufe Grass zu Hochform auf. Als Beispiel nennt der Rezensent den Kochkurs im Gefangenenlager, der sich in den wortreichen Beschreibungen des Kochens erschöpfen muss, oder die Beschreibungen des Hungers. Dass dieser literarische Versuch einer Erinnerung, dieser "mächtig-prächtige Bogen" - und hier kommt Lüdke doch noch auf die Debatte zu sprechen - mit der Wirklichkeit der SS-Mitgliedschaft kollidiert und auch den Schriftsteller Grass beschädigt, findet Lüdke offenbar vom rein literarischen Standpunkt her "schade" - auch deshalb, weil wir keinen besseren haben".

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 23.08.2006

Zäh, eitel und wohl auch ziemlich wehleidig findet Gerrit Bartels die Erinnerungen von Günter Grass an die Jahre 1939 bis 1959. Die Selbstbefragung in dem Kapitel "Wie ich das Fürchten lernte", das vor allem seiner Zeit in der SS gewidmet ist, findet er wenig ergiebig: Zum einen gebe es die praktische Zweiteilung zwischen dem Ich-Erzähler von heute und dem Jungen von damals. Zum anderen nehme Grass gern das Recht des Schriftstellers in Anspruch, seine Erinnerungen lückenhaft und fiktionalisiert darbieten zu können. Und so ist das Buch für Bartels eine Art Zwitter geworden, eine Mischung aus Autobiografie und Schuld-und-Scham-Debatte, die "poetisch arrangiert" wird. Die späteren Jahre werden zwar teilweise in "durchaus eindringlichen, nachhallenden Geschichten" erzählt, doch fehlt der Beschreibung "das wirklich Dringliche", so Bartels.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 19.08.2006

Unbeeindruckt zeigt sich Beatrix Langner von Günter Grass' Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel", deren Erscheinen wegen des gewaltigen Mediensturms um des Schriftstellers Geständnis, bei der Waffen-SS gewesen zu sein, vorgezogen wurde. Sie versteht das Werk als Grass' Korrektur einer "Lebenslüge", nicht aber als ein "Schuldbekenntnis". Zu Beginn gibt Langner zu verstehen, stets einen "blinden Fleck" in Grass' Werk wahrgenommen zu haben. Die Offenbarung des Literaturnobelpreisträgers hat sie daher offenbar nicht besonders überrascht. Allerdings scheinen ihr die Passagen, in denen Grass seine Zeit bei der SS-Division "Frundsberg" schildert, dennoch ein gewisses Unbehagen zu bereiten. Sie hält Grass hier einen "verbergend-enthüllenden Stil" vor, mit dem er das Kind von damals in Schutz vor dem Erzähler von heute nehme. Seine Sprache schwanke zwischen "Benennen und Umschreiben". Einige Beschreibungen wirken auf Langner sogar "aufdringlich verharmlosend". Nüchtern betrachtet gibt die Geschichte um den SS-Burschen Grass ihrer Ansicht nach nicht viel her. Immerhin attestiert sie Grass, nun den Dichterschmerz zu leiden, "eine Welt beschrieben zu haben und doch sich selbst nicht auf den Grund zu kommen."

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 19.08.2006

Autor und Werk sind zwei Paar Schuhe, so der einleitende Kommentar des Rezensenten Ijoma Mangold, der wenig bis gar kein Verständnis dafür zeigt, wie Grass' jüngstes Eingeständnis, der Waffen-SS angehört zu haben, ohne Berücksichtigung seiner literarischen Form verhandelt wird. Dennoch hat Mangold mit dem Zwiebel schälenden Günter Grass ein Hühnchen zu rupfen. "Ästhetisch penetrant" findet er nicht nur die unermüdlich bemühte Zwiebel-Metapher (zu der sich mitunter auch noch die Bernstein-Metapher gesellt), sondern auch Grass' doppelte Selbstinszenierung als Ausflüchte suchendes und verdrängendes empirisches Ich, dem das aufklärende, beharrlich zur Erinnerung drängende und zur Verantwortung ziehende dichterische Ich gegenübersteht. Hier werde die Selbstanklage gleichsam zur eitlen Selbstüberhöhung ("Seht, wie meine Augen tränen!"), bemerkt Mangold irritiert und verweist auf den bäuerlich-barocken Stil dieser Autobiografie: extrem adjektivlastig, redundant und allen voran so dauermetaphorisch, dass "kaum einmal ein normales Wort" falle. Demnach hält der Rezensent die Qualität dieser selbstkritischen Geste für äußerst fragwürdig - schließlich taugen Metaphern, zumal in solcher Fülle, eher zur Verschleierung und Verklärung von Abgründen als zu ihrer Erhellung.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 17.08.2006

Durch und durch beeindruckt ist Fritz J. Raddatz von Günter Grass' Erinnerungsbuch über die Jahre im und nach dem Krieg. Das liegt einerseits an der Schonungslosigkeit, mit der Grass seinen über die Kapitulation hinausreichenden Glauben an Hitler schildert, "bohrend, brennend, mit dem rotglühenden Eisen namens Erinnerung". Diese unerschütterliche wie unbedingte und vor allem durch nichts gestörte Hingabe an Hitler, die Grass beschreibt, ist das Einzige, was Raddatz ein wenig stutzig macht. Angesichts der Fronterlebnisse, der zerstörten Städte und der Not in Deutschland hätten sich wenigstens ein paar leise Zweifel einschleichen können, wundert sich Raddatz, immerhin sei Grass ja damals schon Jugendlicher gewesen. Was "Beim Häuten der Zwiebel" für Raddatz zu einem "wichtigen, einem glücklich gelungenen" Buch macht, ist aber vor allem die in der Art einer "Doppelhelix" eingeflochtene zweite Ebene der Erzählung, in der Grass zu erklären versucht, wie diese "verbogene Jugend" sein Schreiben, seine schriftstellerische Existenz geprägt hat. Das ist dem "meisterlichen Erzähler" so "radikal" und offenbar großartig gelungen, dass Raddatz nur seine Bewunderung äußern kann.

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