Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.12.2006. Die taz findet: Das Foto von der 51-jährigen hochschwangeren Annie Leibovitz hat das Potenzial zum Skandal. Die NZZ untersucht das Verhältnis der Skandinavier zu den Muslimen. Die SZ sagt das Ende der Mobilität an. "Hauptsache Deutsch" heißt die Devise für die Goethe-Institute. Die Welt und die Welt freuen sich drüber.Der Tagesspiegel will 1 indisches und 1 ostasiatisches Museum in Berlin.

TAZ, 11.12.2006

Die kleinen Privatfotos, die Annie Leibovitz von ihrer Lebensgefährtin Susan Sontag machte, beeindrucken Daniel Schreiber mehr als die berühmten Glamourfotos der Fotografin, etwa das bekannte Bild von der hochschwangeren und nackten Demi Moore. "Beim Blick auf das Foto der schwangeren 51-jährigen Leibovitz dagegen, für das Susan Sontag auf den Auflöser gedrückt hat, muss man erst mal schlucken. Sie nimmt die gleiche, brustverdeckende und bauchstützende Pose ein, aber ohne die Körperbeherrschung der Schauspielerin, ohne ihre schönen Oberschenkel und ohne ihre perfekte Haut. Man sieht Leibovitz ihre Unsicherheit an, desgleichen die liebevolle und schamfreie Beziehung zur kamerahaltenden Lebensgefährtin. Es ist ihr Stolz auf die Erfahrung der späten Schwangerschaft, der dem Bild das Potenzial zum Skandal gibt - das einer alternden, nackten Schwangeren." Die Leibovitz-Fotos werden zur Zeit in New York ausgestellt.

Weitere Artikel: Wolfgang Ullrich bespricht eine Studie über das Verhältnis Picassos zu den Kommunisten. Thomas Winkler porträtiert den Hiphop-Produzenten Marcus Staiger, der vor einer Ghettoisierung Kreuzbergs warnt. Ines Kappert resümiert eine Tagung über das "Gesetz der Serie in Biologie, Literatur und Kunst". Für tazzwei unterhält sich Noel Rademacher mit dem Chefredakteur Andrej Allakhverdov von der Moskauer Foundation for Independent Radio (FNR), die einen der wenigen freien Sender in Moskau betreibt, über den Fall Litwinenko. Und Kirsten Reinhardt berichtet, dass laut Greenpeace besonders die niedlichen Apple-Computer als umweltpolitisch bedenklicher Elektroschrott zu gelten haben.

Und Tom.

NZZ, 11.12.2006

Aldo Keel analysiert ein Jahr nach dem Karikaturen-Streit das Verhältnis zwischen Muslimen und der westlichen Gesellschaft in Skandinavien. Der Kulturkampf sei noch nicht ausgefochten: "In den Städten expandieren die muslimischen Enklaven. Im Kopenhagener Quartier Nörrebro kämpft die 1953 in Jordanien gegründete Organisation Hizb-ut-Tahrir gegen die Demokratie und für den Gottesstaat. Die Route der jährlichen Schwulenparade musste verlegt werden, und der Kopenhagener Imam Ahmed Akkari erklärte sich mit Bezug auf die Scharia mit der Todesstrafe für praktizierte Homosexualität einverstanden. In Oslo wiederum wurden in letzter Zeit wiederholt Homosexuelle von muslimischen Halbwüchsigen überfallen, was eine Debatte unter intellektuellen Muslimen auslöste. Der Osloer Rechtsanwalt Abid Q. Raja stellt in Aftenposten klar: 'In nichtmuslimischen Ländern ist kein Raum für Gewalt gegen Homosexuelle.' Kritik müsse jedoch auch Muslimen erlaubt sein. Schließlich könne man mit einer 'unfeinen Homo-Rhetorik' sogar zum Bischof von Oslo aufsteigen."

Weitere Beiträge: Nach der Lektüre der einmaligen Ausgabe des Magazins Tempo grübelt Uwe Justus Wenzel über die Macher des Blattes: "Sind nun auch die Egomanen von damals zu staatsbürgerlicher Besinnung gekommen?" Barbara Villiger Heilig hat am Wiener Burgtheater ein "Knallbonbon" gefunden: Das Regiedebüt von Jan Bosse. Er hat Shakespeares "Viel Lärm um nichts" als ein "Wechselbad aus Heiterkeit und Schrecken" inszeniert. Besprochen wird ein Konzert von Gidon Kremer und Martha Argerich in der Züricher Tonhalle.

FAZ, 11.12.2006

Christian Geyer verteidigt Kardinal Meisners Verbot von multireligiösen Gebetsfeiern mit katholischer Beteiligung in den Schulen seines Sprengels als Geste der Höflichkeit: "Betet ein Muslim zu Allah, dann soll der Christ gefälligst nicht dazwischenreden". Jordan Mejias notiert in der Leitglosse recht befremdete Reaktionen amerikanischer Kollegen auf Mel Gibsons neuesten Gewaltfilm "Apocalypto". Edo Reents berichtet, dass auf ebay eine Urpressung von "The Velvet Underground & Nico" für 155.401 Dollar versteigert wurde. Michael Jeismann fürchtet, dass das Frankfurter Fritz Bauer Institut mit persönlichen Querelen seinen Ruf verspielt. Joseph Hanimann befürchtet das Abgleiten der Eranos-Tagungen in Ascona in die Mittelmäßigkeit. Michael Kretzer liefert einen kurzen Bericht von Gerhard Richters Besuch in der Werkstatt der Derix Glasstudios, wo er ein Muster für sein im Kölner Dom geplantes Glasfenster begutachtete. Ingeborg Harms wirft einen Blick in deutsche und dänische Zeitschriften.

Auf der letzten Seite berichtet Jordan Mejias von einer Stanforder Tagung von Geo-Ingenieuren, die mit künstlich erzeugten Wolken und anderen Tricks die Klimaerwärmung verzögern wollen (hier das Institut, wo die Tagung stattfand). Außerdem porträtiert Julia Bähr die Popsängerin LaFee.

Besprochen werden Jan Bosses Inszenierung von Shakespeares "Viel Lärm um nichts" im Burgtheater ("Alles total süß, easy und blöde", schreibt Herr Stadelmaier), ein Konzert von Muse in München, ein "Fliegender Holländer" für Kinder in Lübeck und Sachbücher, darunter Peter Peters "Kulturgeschichte der italienischen Küche" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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Welt, 11.12.2006

Die Welt hat heute so gut wie nichts online gestellt. Wir können also nur unverlinkt zusammenfassen: Auf den Forumsseiten kommentiert Eckhard Fuhr die Trendwende in der Auswärtigen Kulturpolitik. Die Goethe-Institute bekommen wieder mehr Geld, sollen sich dafür aber auf ihre "Kernaufgabe" beschränken, die deutsche Sprache in der Welt zu fördern: "Gestern noch Task-Force der Dialogoffensive, heute schon nationalkulturelle Selbstdarstellung - ein beträchtlicher Wandel im Denkstil. Man darf durchaus hoffen, dass dieser Wandel auch substanzieller Natur ist. Er entspricht einem mächtigen kulturellen Trend der Selbstbesinnung."

Der Soziologe Ralf Dahrendorf konstatiert zudem, dass es heute nicht die Frauen an der politischen Spitze sind, die sich für "weiche Werte" stark machen.

Im Feuilleton plaudert Kameramann Michael Ballhaus über die Dreharbeiten zu Martin Scorseses "The Departed". In der Randspalte glossiert Hanns-Georg Rodek die Abspaltung der Produktionsgesellschaft Y-Filme von X-Filme. Uwe Schmitt fasst die geteilten Meinungen der amerikanischen Kritiker zusammen, die sich wie "psychiatrische Gutachter" über Mel Gibsons blutiges Maya-Drama "Apocalypto" beugen. Uta Baier spricht mit Georg Heuberger von der Jewish Claims Conference über die Rückgabe von NS-Raubkunst. Hendrik Werner meldet, dass der Wettbewerb des Goethe-Instituts um den beliebtesten deutschen Sprachexport einen Sieger hat: Es ist "Kaffepaussi", wie die Finnen sagen. Michael Pilz meldet, dass die Velvet-Underground-Platte "4-25-66" derzeit bei ebay für 155.401 Dollar zum Verkauf steht, das erste Gebot lag bei 26 Dollar.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Schriftsteller-Porträts im Schiller-Nationalmuseum in Marbach und Richard Strauss' "Arabella" unter Franz Welser-Möst an der Wiener Staatsoper.

FR, 11.12.2006

"Viel Lärm um Nichts" ist nicht gerade Shakespeares bestes Stück, meint Peter Michalzik, besser als Jan Bosse am Wiener Burgtheater kann man es aber schwer inszenieren. "Diese Aufführung von Jan Bosse ist ein großartiger, ein triumphaler Beginn des Shakespeare-Zyklus, den sich das Wiener Burgtheater für die letzten Spielzeiten des Intendanten Klaus Bachler vorgenommen hat. Bosse ist kein Regievisionär, aber er hat sich in den letzten Jahren, im Windschatten eines Vorurteils, das ihn als brav abgestempelt hat, zum sensibelsten Theaterkitzler entwickelt, den es gibt. In Zürich hat er einen hervorragenden 'Zerbrochenen Krug' inszeniert, sein 'Werther' in Berlin soll umwerfend sein, sein 'Faust' in Hamburg war großartig."

Weiteres: Christian Schlüter entdeckt im Bericht der Baker-Kommission den Hinweis auf mangelnde kulturelle Kompetenz in der US-Außenpolitik. Judith von Sternburg begeht in Times mager den Tag der Berge. Besprochen werden eine Ausstellung mit Arbeiten des Videokünstlers Peter Bogers im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart, eine Retrospektive zum Lichtkünstler Dan Flavin in der Münchner Pinakothek der Moderne" und eine Ausstellung über den berühmt-berüchtigten Werkstoff Resopal im Deutschen Architekturmuseum.

Tagesspiegel, 11.12.2006

Jens Hinrichsen wendet sich gegen die unauffällig in Szene gesetzte Fusion von Indischem Museum und Museum für Ostasiatische Kunst in Berlin: "Es geht um mehr als persönliche Verletzungen. Das weltweit einzige Spezialmuseum für Indische Kunst außerhalb Indiens ist nominell von der Museumslandkarte verschwunden. Und die Kultur des Subkontinents, mit wichtigen Konvoluten aus Nepal und Tibet, lässt sich kaum zusammendenken mit den Porzellanen, Lackmöbeln und Tuschezeichnungen aus Japan und China."
Stichwörter: Japan, Nepal, Tibet

SZ, 11.12.2006

Die SZ malt sich aus, wie es ist, wenn der Treibstoff zur Neige geht, und ruft nach kurzer Überlegung die Krise der Mobilität aus. Gerhard Matzig lässt mit Wonne alles zum Stillstand kommen. "Es wird also nicht nur zu einer Umwidmung der Ästhetik kommen, die sich gelegentlich schon andeutet - etwa im Gewand des aktuellen 'New Urbanism', der uns natursteinschwere Sockelgeschosse, unwandelbare Stadtplätze und starre Achsen bringt. Oder in Form des 'Cocooning', in dessen Namen all die Rollmöbel wieder zurückverwandelt werden in Einbauschränke. Es kommt vor allem auch zu einer neuen sozialen Schichtung, die gleichfalls immer weniger Osmose kennt: Es wird wieder Bewegliche und Unbewegliche geben. Wenige reiche Mobile und viele arme Immobile. Der Grenzübertritt wird - wie zu Zeiten der Stadttore und Zollstationen - eine Frage des Preises sein. Es wird Reisebeschränkungen geben, als lebte man hinter den Mauern einer gigantischen DDR." Petra Steinberger schickt einen kritischen Geburtstagsgruß an das jetzt 50-jährige amerikanische Interstate-System hinterher.

Christine Dössel findet es gut, dass Jan Bosse in seiner Inszenierung von Shakespeares "Viel Lärm um nichts" am Wiener Burgtheater von Beginn an konsequent auf Entzauberung setzt. "Während die exquisit kostümierten Zuschauer ihre Plätze einnehmen, wird auf der Bühne noch gewerkelt, gehämmert und gebaut. Mächtige Züge werden aus dem Schnürboden herabgefahren, Scheinwerfer werden justiert, letzte Schrauben angezogen. Es ist ein Gewusel wie auf einem Filmset, zwischen den Handwerkern laufen sich die Schauspieler warm."

Weitere Artikel: Die amerikanische Künstlerin Cindy Sherman, deren Fotoarbeiten aus den vergangenen dreißig Jahren im Kunsthaus Bregenz ausgestellt werden, verrät Eva Karcher im Interview, dass ihr die Selbstporträts als Clown am liebsten sind. Alexander Menden verfolgt, wie sich der Soziologe John Tulloch gegen die mediale Vereinnahmung als Modell-Opfer der Londoner Bombenanschläge vom 7. Juli 2005 wehrt. Alex Rühle hat erfahren, dass sich der iranische Fotograf Jahangir Razmi nun widerstrebend zu einem 27 Jahre alten Foto bekannt hat, dass die Erschießung von Kurden zeigt und anonym den Pultizer-Preis gewann. Auf dem dreiwöchigen Basler Festival Culturescapes, auf dem in diesem Jahr Estland zu Gast war, lernt Volker Breidecker, den Morgenbaum "hommikupuu" und andere Erzeugnisse zeitgenössischer estnischer Kultur zu schätzen. Mel Gibsons Film "Apocalypto" wird hochgelobt, während die Kritik an Gibsons antisemitischen Äußerungen nicht abreißt, informiert Fritz Göttler.