Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.12.2006. Die NZZ stellt einen Newcomer in der libanesischen Medienlandschaft vor: die hisbollahfreundliche Tageszeitung Al-Akhbar. Die Welt porträtiert den Berliner Rapmusiker Sido. Die taz hört House von Innervisions. Die SZ besucht den georgischen Autor Aka Morchiladze. Und in der FAZ erzählt Josef Bierbichler, wo er sich vor den Touristen versteckt.

NZZ, 08.12.2006

Mona Sarkis beschäftigt sich auf der Medien- und Informatikseite mit den Zeitungen im Libanon und stellt fest, dass diese stark polarisiert ist. Kurz nach dem Krieg mit Israel ist die Tageszeitung Al- Akhbar hinzugekommen, die als hisbollahfreundlich gilt. Laut Chefredakteur Joseph Samaha wendet sie sich vor allem an die Jungen und Gebildeten: "Der größte Absatz der 20 000 Exemplare starken Auflage erfolge vor den Universitäten. Damit habe sich das Blatt innert dreier Monate der größten Zeitung, der 'An-Nahar' (39 500 Exemplare), angenähert. Davon überleben kann die mit offensichtlich viel Kapital an den Start gegangene Zeitung nicht. Entsprechend brodelt die Gerüchteküche. Von iranischen, syrischen, zumindest Hisbollah-nahen Geldgebern ist die Rede. Samaha beantwortet die Frage nach den Geldquellen nicht eindeutig. Warum sollte er? In Libanon, wo keine Zeitung vom Verkauf und von Inserateeinnahmen leben kann und wo die Hariri-Familie nahezu alle wichtigen Medien mit 'Spenden' bedenkt, wäre es kaum verwunderlich, wenn auch die Gegenseite in die Tasche greifen würde."

Im Feuilleton berichtet Roman Bucheli vom Robert-Walser-Symposium an der Züricher Universität und findet dort "robuste Exegeten", darunter die Schriftsteller Brigitte Kronauer und Matthias Zschokke. Dirk Pilz zieht eine positive Bilanz der dreijährigen Intendanz von Matthias Lilienthal am Berliner Theater Hebbel am Ufer. Beatrice Eichmann-Leutenegger gratuliert der Autorin Maja Beutler zum Siebzigsten. Besprochen werden drei Ausstellungen des italienischen Malers Andrea Mantegna in Mantua, Verona und Padua, und eine Schau der Neuen Nationalgalerie Berlin mit Werken des Architekten Oswald Mathias Ungers zu seinem 80. Geburtstag.

Welt, 08.12.2006

Der Berliner Rapmusiker Sido heißt ohne Maske Paul Würdig und bemüht sich neuerdings um sozialen Realismus made in Berlin-Reinickendorf, verkündet Michael Pilz nicht ohne Genugtuung. "'Ich bin ein Straßenjunge, ich bin kein Gangster', stellt der Künstler etwas überraschend in der Kernaussage seiner Platte fest. Nicht dass dies nicht vom Publikum bereits vermutet worden wäre. Aber damit schafft sich Sido nun gehörigen Abstand zu den langweiligen oder hanebüchenen deutschen HipHop-Welten. Zu den älteren Rappern aus den Reihenhäusern der Provinzvorstädte ohnehin. Und jetzt lässt Sido auch seine krakeelenden Nachbarn dämlich im Problemkiez stehen. Migration oder prekäre Einkommensverhältnisse machen noch keinen Ghetto-Gangster."

Manuel Brug meldet, dass die vier abgeschlagenen Köpfe der Religionsstifter aus der vorläufig abgesetzten "Idomeneo"-Inszenierung der Deutschen Oper entwendet wurden. Außerdem weiß Brug, dass der Aufenthalt des Deutschen Symphonieorchesters in Abu Dhabi mehr politisch als kulturell inspiriert ist. Uwe Müller informiert, dass mit neuen Stasi-Überwachungsakten zu Günter Grass jetzt der Historiker Karlheinz Schädlich, Bruder des DDR-kritischen Autors Hansjoachim Schädlich, als Spitzel identifiziert werden konnte. Michael Stürmer lässt nach Wladimir Kramniks Niederlage gegen Deep Fritz seine Gedanken schweifen, vom Spiel der Könige bis hin zu Golems. Dass Maxim Biller im "Tempo"-Jubiläumsheft seine Emigration ankündigt, ennerviert Uwe Wittstock nicht, dass Biller dafür aber offenbar antiisraelische Tendenzen in Deutschland verantwortlich macht, sehr wohl.

TAZ, 08.12.2006

Tobias Rapp stellt das Plattenlabel Innervisions vor, mit dem der Berliner DJ Dixon den "Sound der Hauptstadt verändert" hat. "Dixon ist ein Veteran des Berliner Nachtlebens. Seit den frühen Neunzigern legt er auf, eigentlich wollte er Leistungssportler werden, eine Verletzung warf ihn aus der Bahn, und als er das explodierende Clubleben der Nachwendezeit entdeckte, ließ er die Rekonvaleszenzübungen rasch bleiben. Und er ist ein Überzeugungstäter. Es waren zwar Alec Empires krachige Bass-Terror-Partys, die ihn ins Nachtleben zogen - doch schon damals legte er nur House auf."

Besprochen werden die von Rene Block und Marius Babias herausgegebene "Balkan-Trilogie" sowie CDs von Knarf Rellöm Trinity und Jeans Team.

Und Tom.
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FR, 08.12.2006

Besprochen werden die "erste und zunächst einzige" Aufführung der Kantate "Mater" des slowakischen Komponisten Vladimir Godar in Deutschland mit Musikern aus Bratislawa und der Sängerin Iva Bittova, zwei Berliner Ausstellungen mit Fotografien von David LaChapelle - in der Jablonka Galerie und im Museum für Fotografie, die Ausstellung "Home Stories, eine Gruppenschau zum Thema Wohnen, in der Städtischen Galerie Bietigheim Bissingen und Iny Lorentz' Roman "Die Pilgerin".
Stichwörter: Deutschland

SZ, 08.12.2006

Sonja Zekri hat den georgischen Autor Aka Morchiladze besucht, dessen Buch "Santa Esperanza" gerade im Pendo Verlag erschienen ist: "die wohl verrückteste und verwegenste verlegerische Leistung der Saison", so Zekri. Das Buch ist "die fiktive Chronik eines fiktiven Archipels im Schwarzen Meer. Aber eigentlich, sagt Morchiladze, geht es nur um Georgien. Genauer: um ein utopisches Georgien, das nie von den Russen annektiert, nie von der Sowjetunion unterjocht wurde. Auf den drei Inseln leben Georgier, Türken, Italiener, Juden und Briten, jawohl Briten. Im Jahr 1919 hat nämlich der osmanische Pascha Sari Beg die Inselgruppe an den britischen Colonel Rollston verpachtet. 145 Jahre später geben die Briten den Archipel zurück, und um diesen heiklen Moment im Jahr 2002 kreist Morchiladzes Geschichte. 'Es ist eine Hongkong-Story', sagt er. Aber eine ohne Happy End."

Recht deutlich spricht Andre Schmitz über seine Rolle als Kultur-Staatssekretär unter Klaus Wowereit: "Ich habe lange überlegt, ob ich mich auf eine solche Rollenverteilung einlasse, und ich glaube auch nicht, dass dieses Modell für 20 Jahre taugt. Ich habe mich aber darauf eingelassen, weil ich glaube, dass es in der jetzigen Situation für die Berliner Kulturpolitik ganz gut ist, wenn sie das persönliche Backing des Regierenden Bürgermeisters hat. Klaus Wowereit weiß, dass jeder Erfolg oder Misserfolg in der Kultur jetzt auf sein persönliches Konto geht. Im Übrigen habe ich meine Bedingungen gestellt", nämlich, "dass während meiner Amtsperiode kein größeres Theater oder Opernhaus geschlossen wird. Das schließt für mich ausdrücklich ein, dass alle drei Opern erhalten bleiben und kein Haus zur bloßen Spielstätte reduziert wird, wie dies bei einer Fusion beispielsweise von Deutscher Oper und Staatsoper der Fall wäre."

Weitere Artikel: Klaus Kreiser gibt einen interessanten Überblick, wie türkische Literatur ins Deutsche übersetzt wird. Susan Sarandon gibt ein kurzes, aber lebhaftes Interview über Preise fürs Lebenswerk und Politik: "Was Hillary Clinton betrifft - ich bin nicht so begeistert von ihr. Sie hat für den Irak-Krieg gestimmt. Das ist vielleicht unfair von mir, aber ich erwarte von einer Frau, dass sie besser ist als die Männer." Thomas Urban erzählt, wie in Polen alte Industrie- und Arbeiterviertel zu mondänen Standorten umgebaut werden. Helmut Mauro beschreibt den Neubau des Mariinsky-Konzertsaals in St. Petersburg als "planungs- und finanztechnische, aber auch gesamtorganisatorische Meisterleistung". Klangschön sei er auch noch. Jens Bisky ärgert sich über die Entgrenzung unseres Bildes von der Armut, denn in diesem "Diffuswerden entschwinden mehr oder weniger leicht zu behebende, auf jeden Fall pragmatisch zu lösende Probleme dem Blick". Ekkehard Müller-Jentsch berichtet von einem Rechtsstreit der Erben des Dichters und Librettisten Hugo von Hofmannsthal mit den Erben des Komponisten Richard Strauss. Marcus Jauer besucht Prinz Bernhard von Baden (der junge Mann links), der in die Kritik geriet, weil er mittelalterliche Handschriften verkaufen wollte, um Schloss Salem zu retten, und findet ihn ganz sympathisch. Eine Seite ist dem SZ-Karikaturisten Ernst Maria Lang gewidmet, der heute 90 Jahre alt wird. Auf der Medienseite empfiehlt Christina Maria Berr einen Film über Russland nach Anna Politkowskaja, der heute um 22.10 Uhr auf 3sat läuft.

Besprochen werden eine Ausstellung über Ambroise Vollard im Metropolitan Museum New York, eine CD von Cibelle und Bücher, darunter Alona Kimhis "aufreizend geschmacklose" Schmonzette "Lilly die Tigerin" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 08.12.2006

"Frankreich hat recht bekommen", meint Jürg Altwegg mit Blick auf den Irakkrieg "und jetzt auch die Möglichkeit, dies aller Welt mitzuteilen." Seit gestern abend erklärt der französische Nachrichtensender France 24 auf Englisch und Französisch die Welt aus französischer Perspektive, von Mitte 2007 an auch auf Arabisch. Altwegg hat das Programm schon begutachtet: "Was gezeigt und angekündigt wurde, war keineswegs schlecht. Viel Blau - es ist die Nationalfarbe -, dazu attraktive Nachrichtensprecherinnen, Kultur und Lifestyle, Börse und Politik. Als die Spiele der Champions League schon angefangen hatten, gab es auf dem Laufband noch immer die Resultate vom Vortag. Im Wetterbericht wurde sogar die Schweiz erwähnt."

Auf der letzten Seite erklärt der Schauspieler Josef Bierbichler, warum man ihn in der Wirtschaft "Zum Fischmeister" nicht findet: "Hören Sie, ich sitze da hinterm Eingang in dem Eck, weil es natürlich mittlerweile Leute gibt, die schauen, und das ist nicht das, was ich suche. Darum verstecke ich mich da in dem Kasten hinterm Windfang. Aber ich sitze sehr gerne da unten, das ist eine praktische Einrichtung, ich muß selber nie kochen. Ich bin da aus ganz pragmatischen Gründen."

Weitere Artikel: Hubert Spiegel hat die Nobelpreisrede von Orhan Pamuk gehört oder gelesen, die "wie angekündigt, frei von politischen Kommentaren" war. (Hier können auch Sie sie lesen). Günter Paul ist wenig beeindruckt von der Behauptung der NASA, sie habe Wasser auf dem Mars entdeckt; Science berichtet darüber in seiner neuen Ausgabe. Patrick Bahners sieht Ulla Unseld-Berkewicz vom Hexenhammer Wolfgang Büschers bedroht. In der Leitglosse bekundet Rh. volles Verständnis für Klaus Wowereits Bemerkung, er könne jeden verstehen, der seine Kinder nicht in Kreuzberg zur Schule schicken wolle. Thomas Wagner plädiert dafür, die Neubesetzung der wahrscheinlich 2008 frei werdenden Stellen des Präsidenten der Stiftung preußischer Kulturbesitz und des Generaldirektors der Staatlichen Museen zu Berlin mit einer Neuordnung der "Führungsstruktur" der Stiftung" zu verbinden. Regina Mönch annonciert die Eröffnung eines kleinen Museums in der Rosenthaler Straße für den Begründer der Berliner Blindenwerkstatt, Otto Weidt. Weidt hatte während der Nazizeit zahlreiche Juden vor der Deportation gerettet und in seiner Werkstatt versteckt. Andreas Rossmann befürchtet, dass der Aachener Katschhof demnächst von einem "Bauhaus Europa" zerstört werden könnte, einem "Informations-, Erlebnis- und Mitspracheort für ein bürgernahes Europa und eine Zukunftswerkstätte für Bildung und Berufsvorbereitung". Paul Ingendaay stellt den katalanischen Theatermacher Albert Boadella und seine Truppe "Els Joglars" (Die Gaukler) vor, die gerade eine "unverblümte Verteidigung der Tauromachie" inszeniert hat. Andreas Eckert schreibt zum Tod des Historikers Joseph Ki-Zerbo. Kho. meldet, dass die Schriftstellerin Olga Slawnikowa (mehr) für ihren Roman "2017" mit dem russischen Booker-Preis ausgezeichnet worden ist.

Auf der Medienseite ist Michael Hanfeld einfach baff, dass Helmut Markwort siebzig wird. Swka meldet, dass die iranische Regierung westliche Internetseiten hat sperren lassen, darunter so dezidiert politisch gefährliche Seiten wie imdb.com, youtube.com, wikipedia.org und amazon.com. Auf der letzten Seite beschreibt Reinhard Olt einen Skandal in Rumänien: Das Land, das mit Leonard Orban den ersten "Mehrsprachigkeits"-Kommissar der EU stellen will, hat gerade zwei Hochschullehrer der Babes-Bolyai-Universität in Cluj (Klausenburg/Kolozsvar) entlassen: "Der Physiker Peter Hantz und der Mathematiker Lehel Kovacs wurden fristlos entlassen, weil sie ethnische Ungarn sind. Alle anderen Begründungen sind vorgeschoben." Kerstin Holm stellt einen Sammelband über "Stalin und die Deutschen" vor, den deutsche und russische Wissenschaftler gemeinsam veröffentlicht haben (mehr hier als pdf).

Besprochen werden eine Konzert von Trivium in der Frankfurter Batschkapp (Heute abend schmeißen sie "in Dortmund mit Feuer, morgen wird Köln zerlegt, und übermorgen flambieren sie der Königin ihr Kind", verspricht ein euphorischer Dietmar Dath, hier ein paar Hörproben), John Dews Inszenierungen von Orffs "Oedipus der Tyrann" und "Antigonae" in Darmstadt und Bücher, darunter Joachim Kalkas "glanzvoller" Essay "Phantome der Aufklärung" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Außerdem gibt's heute eine Literaturbeilage in der FAZ. Im Aufmacher bespricht Eberhard Rathgeb "Wir nennen es Arbeit. Die digitale Boheme oder Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung" von Holm Friebe und Sascha Lobo.