Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.10.2006. Die taz konstatiert eine Annäherung von Kunst- und Modekritik bei gleichzeitigem Bedeutungsverlust der Kunstkritik. Die FR erklärt, wie es dem Künstler Stephen Willats gelang, die Zeit anzuhalten und zwar ausgerechnet in Berlin-Gropiusstadt im Jahr 1979. Die FAZ behauptet, dass acht Perkussionisten in Donaueschingen ihre strukturierende Pflicht taten. Die Welt applaudiert Harold Pinters Krapp. In der SZ empfiehlt Joachim Kaiser Takt angesichts von übergewichtigen Operndiven.

FR, 24.10.2006

Anlässlich einer Ausstellung im Siegener Museum für Gegenwartskunst porträtiert Ulf Erdmann Ziegler den britischen Künstler Stephen Willats, der in den Siebzigern von Notting Hill auszog, um "Volkskunst ohne Folklore" zu machen. Besonders gut ging das in Berlin-Gropiusstadt, wo er die Bewohner aufs Tonband sprechen ließ. Das Ergebnis war vorhersagbar, so Ziegler. "Dennoch ist Willats' maus- und betongraue Installation über '4 Inseln in Berlin' (meinend West-Berlin) - die Fotografien durchkreuzt von grafischen Symbolen, die nackten Lautsprecher plappernd über suspendierten Bilderparavents - ein Schock, weil es wirklich gelingt, die Zeit, ihre psychosoziale Atmosphäre, anzuhalten. Die Arbeit entstand 1979/80. Später kehrt er nach Berlin zurück und schildert in einem zart colorierten Tableau die Situation einer jungen Frau, die als letzte in einem abrissgefährdeten Studentenwohnheim am Schlachtensee geblieben ist, ein krasses Gefälle von Utopie und realer Situation ('Ich möchte in einem demokratisch bestimmten Haus leben', 2003)."

Hans-Klaus Jungheinrich berichtet Schockierendes über die Donaueschinger Musiktage: "Das kuschelige Uraufführungsforum der zeitgenössischen Musik platzt aus allen Nähten. Die Insider des Avantgardebetriebs werden hier zur Minderheit, ein mehr und mehr jugendliches Publikum füllt die Säle und Hallen, die gar nicht groß genug sein können. Eine mächtige Tradition wirft jetzt sozusagen Markennamen-Profit ab... Schon jetzt findet manche Donaueschinger Novität keinen adäquat mittelgroßen Rahmen mehr, und wenn das Arditti-Streichquartett sein intensives, anstrengendes Programm (mit dem auf hohem Niveau leicht enttäuschenden neuen Wolfgang-Rihm-Stück 'Akt und Tag') in einer Kirche gleich dreimal absolvieren muss (gleichwohl werden noch viele Interessenten abgewiesen), dann ist das eine für die Interpreten beinahe schon unzuträgliche tour de force. Immerhin, mancher im federführenden SWR mag sich verwundert die Augen reiben, wie eine scheinbar minoritäre Spinnerei nun großveranstalterisch brummt."

Weitere Artikel: Ralf Krötker resümiert ein Podiumsgespräch mit Peter Sloterdijk und Joschka Fischer im Berliner Haus der Kulturen der Welt über "Kulturvermittlung nach dem Leitbild der Diplomatie". In Times mager ätzt Elke Buhr über ein Buch aus der Reihe "Eichborns schräge Bücher" zum Umgang mit Putzfrauen nebst einem "Grundwortschatz in 7 Sprachen".

Besprochen werden die erste Düsseldorfer Quadriennale, für die fast alle Kunstinstitutionen der Stadt auf das gemeinsame Thema Körper verpflichtet wurden, sowie Inszenierungen von Tschechows "Möwe" und Strindbergs "Totentanz" am Bremer Schauspielhaus.

TAZ, 24.10.2006

Eine "formale Annäherung von Mode- und Kunstkritik" diagnostiziert Isabell Graw in einem Essay in der Reihe "Kritik der Kritik": "Vermischung von redaktionellem Teil und Werbetexten macht auch vor Kunstzeitschriften nicht Halt. Zu Saisonbeginn füllen selbst seriöse Zeitschriften wie Artforum ihre Seiten mit pressetextförmigen Ankündigungen internationaler Ausstellungen, die namhafte Kritiker schreiben. Unwillkürlich fühlt man sich an jene emphatischen Kurztexte erinnert, mit denen in Modezeitschriften neue Kosmetikprodukte angepriesen werden."

Weitere Artikel: Christian Broecking stellt südafrikanische Musiker vor, die auf dem Frankfurter Festival "Jazz gegen Apartheid" spielen werden, das bis 29. Oktober unter dem Motto "Heimkehr oder Exil" stattfindet. Helmut Merker schildert Eindrücke vom 11. Internationalen Filmfestival im südkoreanischen Pusan. In der Rubrik Schriften zu Zeitschriften wirft Alexander Camann einen Blick in die neuesten Ausgaben von Das Magazin und Schreibheft. Ersteres widmet sich den Liebesmühen von Singles; in Letzterem geht es um das Verhältnis von Redakteur und Autor, genauer um den Briefwechsel des ehemaligen SDR-Rundfunkredakteurs Helmut Heißenbüttel mit Adorno, Enzensberger und Arno Schmidt.

Auf der Meinungsseite skizziert der amerikanische Soziologe Norman Birnbaum die vier "außenpolitischen Denkschulen", die derzeit um die Rolle der USA in der Welt konkurrieren.

Besprochen wird die Ausstellung "bin beschäftigt" in der Bremer Gesellschaft für Aktuelle Kunst, die unsere neurotische Beziehung zur Arbeit analysiert und sogar therapeutische Ansätze liefert.

Schließlich Tom.

NZZ, 24.10.2006

Heute reines Rezensionsfeuilleton: Im Politikteil berichtet "by." aus Delhi, dass der pakistanische Präsident Pervez Musharraf mit seiner Autobiografie ein neues literarisches Genre geschaffen habe: die "Auto-Hagiografie". Andrea Gnam hat die Caravaggio-Ausstellung im museum kunst palast in Düsseldorf besucht, Marianne Zelger-Vogt berichtet über Sebastian Nüblings Carmen-Inszenierung am Staatstheater Stuttgart und Beatrice Eichmann-Leutenegger über Sabine Harbekes "nachts ist es anders" in Bern.

Außerdem gibt es Besprechungen zu neuen Büchern, u.a. von Silvia Bovenschen ("Älter werden", Leseprobe hier), Dieter Mertens ("Städte und Bauten der Westgriechen") und Elfriede Gerstls gesammelten Gedichten (mehr dazu ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).
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Welt, 24.10.2006

Thomas Kielinger referiert beeindruckt, wie der krebskranke Harold Pinter Becketts "Krapp" im Londoner "Jerwood Theatre Upstairs" gibt. Die Inszenierung ist ganz auf den fragilen Hauptdarsteller abgestellt. "Der Regisseur Ian Rickson lässt den Monolog des Titelhelden, eines der Senilität zueilenden Autors, mit minutenlangem Schweigen beginnen. Aus dem bric-a-brac eines Einsiedlerzimmers taucht Krapps hageres Gesicht hervor, im Morgenmantel am Schreibtisch, beschienen von einer tief hängenden Beleuchtung, dem Licht eines Rembrandt-Porträts alter Menschen. Das starrt vor sich hin, eine ins Endlose gestreckte typisch Pintersche Pausensprache, noch ehe ein Laut gefallen ist. Existenzielle Spannung liegt in der Luft."

Der Schriftsteller Clemens Meyer spricht mit Hendrik Werner über die Unterschicht. Im Vorgriff auf Sofia Coppolas Film über "Marie Antoinette", der Anfang November in die Kinos kommt, skizziert Jörg von Uthmann noch einmal den Werdegang der letzten Königin des Ancien Regime. Michael Pilz gratuliert dem ehemaligen Rolling Stones-Bassisten Bill Wyman zum Siebzigsten. In den USA setzen die Zeitungen auf narrativen Journalismus, erfährt die Medienwissenschaftlerin Marlis Prinzing auf einer Leipziger Tagung. Rainer Haubrich glaubt, dass man die Größe des scheidenden Berliner Senatsbaudirektors Hans Stimmann bald erkennen wird.

Besprochen werden Ausstellungen von Werken des Frührenaissance-Malers Andrea Mantegna in Padua, Verona und Mantua, Sebastian Nüblings Fassung von George Bizets "Carmen" in Stuttgart, sowie Mozart- und Schumann-Aufnahmen des Pianisten Pierre-Laurent Aimard.

FAZ, 24.10.2006

Bei den Donaueschinger Musiktagen hat es Eleonore Büning vor allem Georg Friedrich Haas' Klanginstallation "Hyperion" angetan, die sich wiederum von einer Lichtinstallation der Künstlerin Rosalie dirigieren lässt: "Bald bauen sich gehämmerte Tonrepetitionen auf, Klangbänder schwellen an, lawinenartige Blechbläserglissandi und Akkordverschiebungen bilden imaginäre Wände und rücken dem Publikum von allen Seiten zu Leibe. Links sägen fünf Dutzend Streicher, rechts donnern vier Flügel, von der Empore eifert das Blech, gegenüber haben sich Holzbläser zur Angriffslinie formiert, acht Perkussionisten tun ihre strukturierende Pflicht."

Weitere Artikel: Dietmar Dath singt eine Hymne auf Stephen Kings gerade erschienen Horror-Liebesroman "Love". Tilman Spreckelsen glossiert die Meldung, dass die Stiftung Weimarer Klassik die zahlreichen, Friedrich Schiller zugeschriebenen Knochen analysieren lässt um herauszufinden, welche ihm tatsächlich gehörten. Christian Schwägerl stellt den Personalvermittler Björn Engeset vor, der in Berlin-Prenzlauer Berg dafür sorgt, dass einige der 145.000 Hochqualifizierten, die Deutschland inzwischen jährlich verlassen, nach Norwegen gehen. Andreas Rossmann resümiert kulturpolitische Diskussionen in Köln, wo man sich Sorgen über ein Absinken in die Provinzialität macht. Ina Freiwild zieht eine skeptische Bilanz der Aktion "Schulen ans Netz", die vor zehn Jahren startete. Jürg Altwegg zitiert französische Reaktionen auf die Grass-Affäre und hier besonders einen großen Aufsatz des Autors Laurent Dispot in Bernard-Henri Levys Zeitschrift La Regle du Jeu. Edo Reents gratuliert dem Rolling Stone Bill Wyman zum Siebzigsten. Alexander Cammann resümiert ein Symposion über "Wege zur Bundesrepublik" an der Berliner Humboldt-Universität.

Auf der Medienseite stellt Olaf Sundermeyer eine von Reporter ohne Grenzen angefertigte Länderliste der Pressefreiheit vor, auf der Russland doch recht weit hinten rangiert. Für die letzte Seite besucht Andreas Rosenfelder eine Computerspiel-Olympiade in Monza. Eva-Maria Magel beklagt eine immer drastischer gekürzte Musikförderung in Südafrika. Und Hansgeorg Hermann porträtiert den griechischen Autor Periklis Korovessis, dessen Buch "Menschenwärter" als einer der beeindruckendsten Berichte über Folter gilt.

Besprochen werden eine Werkschau Erik Bulatovs in der Moskauer Tretjakow-Galerie, Amanda Millers Ballett "Giselle, on love and other difficulties" in Köln, eine neue CD von Yo La Tengo, Sebastian Nüblings "Carmen"-Inszenierung in Stuttgart, eine Ausstellung des spanischen Fotografen Joan Colom im Essener Museum Folkwang und Georges Feydeaus "Floh im Ohr" und Jon Fosses "Schatten" am Bayerischen Staatsschauspiel.

SZ, 24.10.2006

Wolfgang Bachmann, Chefredakteur der Architekturzeitschrift Baumeister, erzählt die Entstehungsgeschichte der geplanten Stiftung Baukultur und meldet Zweifel an, dass diese mehr bringe als "Pöstchen und Papiere". Andrian Kreye porträtiert für die Serie "Bei der Arbeit" Klaus Biesenbach, Kurator für die Abteilung Kunst und Medien am MoMA. Henning Klüver informiert über die Entstehung einer Europäischen Bibliothek in Rom. In der Kolumne "Zwischenzeit" denkt Joachim Kaiser über "Gewichtsprobleme und Taktfragen" im Bereich Oper und Theater nach. Er empfiehlt diesbezüglich "eine gewisse heitere Geduld". bru gratuliert dem früheren Stones-Bassisten Bill Wyman zum Siebzigsten. Und pte. berichtet, dass Rupert Murdoch das Online-Netzwerk MySpace nach China bringen will.

Besprochen werden Sebastian Nüblings Inszenierung von "Carmen" an der Stuttgarter Staatsoper, die Ausstellung "Black Style Now" im Museum The City of New York über den Siegeszug der Hip-Hop-Ästhetik, der zweite Film von Jared Hess "Nacho Libre", und Bücher, darunter die Betrachtungen von Holm Friebe und Sascha Lobo über "Die digitale Boheme oder: Intelligentes Leben jenseits der Arbeit" (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).