Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.06.2006. Die FAZ begeht das 20. Jubiläum des Historikerstreits und veröffentlicht einen Brief Golo Manns zu der Angelegenheit. Die taz plädiert für Handke und warnt vor eigenartig gekleideten isralischen Spionen. Die SZ durchschreitet "diesen Raum, dieses Glas, dieses Licht" des neuen Literaturmuseums in Marbach. Die NZZ hält locker mit der Bibliothek des Privatmanns Werner Oechslin dagegen - 50.000 Bände in einem Gebäude von Mario Botta.

NZZ, 06.06.2006

Hubertus Adam schreibt zur Eröffnung der Bibliothek Werner Oechslin in Einsiedeln - der Architekturhistoriker Oechslin hat sich für seine Sammlung vom Architekten Mario Botta eine Bibliothek bauen lassen und dieses Ensemble in eine Stiftung eingehen lassen, die künftig mit der ETH Zürich zusammenarbeitet. "Seit seiner Studienzeit hat Oechslin, Professor für Architekturgeschichte und langjähriger Leiter des Instituts für Geschichte und Theorie der Architektur an der ETH Zürich, leidenschaftlich Bücher gesammelt und eine weltweit einzigartige Bibliothek geschaffen. Weit mehr als 50.000 Bände umfasst der Bestand, dessen Kern Quellenschriften zur Architekturtheorie des 15. bis 20. Jahrhunderts darstellen." Roman Hollenstein beschreibt die Architektur des neuen Gebäudes (hier Bilder in einem pdf-Dokument).

Weiteres: Andrea Köhler erzählt Neues über die Art und Weise, wie in den USA literarische Bestseller gemacht werden und spielt auch einmal dunkel auf die deutsche Lage an: "Es häufen sich die konzertierten Aktionen von großen Tageszeitungen und deutschen Talkshow-Runden, in denen unisono dieselben Bücher gepriesen werden." Schließlich schreibt Marc Zitzmann zum 400. Geburtstag von Corneille. Besprochen werden Claudes Simons früher Roman "Der Palast".

SZ, 06.06.2006

Heute eröffnet Horst Köhler das Literaturmuseum in Marbach. Thomas Steinfeld durchschreitet den mit dunklem Holz getäfelten Ausstellungsraum, in dem vier dreißig Meter lange Vitrinen kunstvoll ins Licht gesetzt werden. "Gewiss, hier finden sich immer noch dieselben Gegenstände, die man in jeder beliebigen Ausstellung zu Leben und Werk eines Schriftstellers finden könnte: das Manuskript zum Gedicht 'Ach, das Erhabene' von Gottfried Benn, auf der Rückseite einer Speisekarte notiert, den Führerschein von Hans Blumenberg mit einer der beiden Fotografien, die es von diesem Philosophen gibt, einen Brief von Thomas Gottschalk an Marcel Reich-Ranicki. Und doch - dieser Raum, dieses Glas, dieses Licht verändern jedes einzelne dieser Objekte. Sie sind nicht mehr Illustrationen einer anderswo, außerhalb der Ausstellung, im literarischen Werk und dessen Rezeption, vorhandenen Bedeutung. Sie sind diese Bedeutung selbst."

Weitere Artikel: Oliver Fuchs und Axel Henrici berichten vom diesjährigen "Rock am Ring" ("Axl Rose und Pete Doherty führen zwei Arten des Scheiterns vor, zwei sehr männliche Arten, sich zum Affen zu machen. Wie man Herr seines Schicksals bleibt, zeigt dagegen der eher androgyne Morrissey.") In der Kolumne "Zwischenzeit" fragt sich Claus Heinrich Meyer, ob eventuelle Siege der Fußballnationalmannschaft auf angemessenen Patriotismus der deutschen Intellektuellen stoßen werden. Herbert Günther schreibt zum Tod von Hans-Christian Kirsch, der als Jugendautor Frederik Hetmann bekannt wurde.

Besprochen werden Ibsens "Baumeister Solness" am Münchner Residenztheater, eine Ausstellung mit Zeichnungen Michelangelos in London, ein "Lohengrin" unter Kent Nagano bei den Baden-Badener Festspielen, Gerhard Friedls Filmessay "Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen?" und Bücher, darunter Michael Borgoltes große Monografie "Christen, Juden, Muselmanen - Die Erben der Antike und der Aufstieg des Abendlandes 300 bis 1400 nach Christus" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

In einem kleinen Essay auf den Politikseiten erkennt der New Yorker Religions-Soziologe Jose Casanova Parallelen zwischen der ultramontanen Bewegung des 19. Jahrhunderts und dem heutigen Islamismus: "Beide waren parallele Reaktionen transnationaler religiöser Gruppen auf die Bedrohungen, die vom modernen System der Nationalstaaten ausgingen." Auf der Medienseite berichtet Kai-Hinrich Renner über einen Eklat um Matthias Matussek im sonst so behäbigen "Presseclub" der ARD.

Auch in der SZ wird die Fußball-WM gebührend berücksichtigt - mit einer 32-seitigen Beilage.

Welt, 06.06.2006

Die Welt erscheint heute als Sonderausgabe zur WM. Mit kurzen Beiträgen von Boris Becker, dem amerikanischen Schriftsteller T.C. Boyle, dem polnischen Staatspräsidenten Lech Kaczynski, dem koreanischen Regisseur Kim Ki Duk, dem japanischen Präsidenten Junichiro Koizumi, dem Architekten Volkwin Marg, dem Dramatiker Moritz Rinke und ehemaligen Fußballspielern wie Berti Vogts, Wolfgang Overath, Sepp Maier.

Auf der einzigen Feuilletonseite berichtet Hendrik Werner über die 2. WM der Autoren in Bremen: "Ginge es nach Metaphernreichtum und Anzahl der Flüche bei Ballverlusten, wären wohl die Italiener ('porca miseria' pp.) Weltmeister geworden." Nach Toren gewann Schweden. Stefan Kister kann Franz-Xaver Kroetz' Stück "Tänzerinnen und Drücker" im Marstall des Bayerischen Staatsschauspiels nur sehr bedingt empfehlen. "Applaus für die Schauspieler, Buhs für den Autor - und ein Stinkefinger fürs Publikum".
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TAZ, 06.06.2006

In der Frankfurter Städel-Kunstschule wurde ein "Wörterbuch des Krieges" begonnen, dass im Netz weiter vervollständigt wird, wie Klaus Walter informiert. Darin finden sich Geschichten wie die der Dokumentarfilmerin Azza El-Hassan über den Featherman des Libanonkriegs. "Zwischen 1975 und 1982 war er in Beirut bekannt wie ein bunter Hund. Er trug eine Che-Guevara-Uniform und war von Kopf bis Fuß mit Federn geschmückt. Der Spaß, den libanesische Kinder mit dem irren Featherman hatten, nahm ein jähes Ende, als er nach dem Sieg der Israelis bei einem Triumphzug durch Beirut auf einem israelischen Panzer posierte - in Uniform, ohne Federn. Als israelischer Spion war der Featherman an der Ermordung vieler Palästinenser beteiligt. Die besondere Sichtbarkeit seiner Fantasy-Verkleidung hatte den Spion unsichtbar gemacht."

Die deutschkroatische Schriftstellerin Marica Bodrozic findet es unmöglich, dass Peter Handke den Heine-Preis nicht bekommen soll. "Die Beschießung Serbiens ist noch immer im Bewusstsein der Politiker ein politisch korrekter Akt. Wie kriegen wir das in unserem Weltbild zusammen? Wie können wir tatsächlich einem Menschen, der, natürlich mit vielen Widersprüchen (wer widerspricht sich nicht?), der uns auf all das alleinstehend auf großer Flur aufmerksam gemacht hat, allen Ernstes wieder den Heinrich-Heine-Preis aberkennen wollen? Das bloße Daherreden ist zum eigenartigen Gefuchtel geworden."

Weiteres: Ira Mazzoni lobt das vom Architektenbüro David Chipperfield entworfene Literaturmuseum der Moderne in Marbach, die Dauerausstellung findet sie aber "unterschwellig pathetisch". Isolde Charim resümiert das neue Buch des französischen Philosophen Alain Badiou, der darin die "Sakralisierung" des Begriffs "Jude" kritisiert.

Stefan Reinecke und Christian Semler lassen sich vom Historiker Ulrich Herbert auf den Tagesthemenseiten den Historikerstreit und die multiperspektivische Zukunft der Holocaustforschung erklären. "In Frankreich, Italien, Holland etc. wird verstärkt nach Kollaboration und eigenen Beteiligungen gefragt. In Zukunft wird es einen Diskurs geben, der Osteuropa einschließt, der sich mit den NS-Verbrechen und den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts befasst."

Und hier noch TOM.

FR, 06.06.2006

Mirja Rosenau berichtet von einer Veranstaltung zur Erstellung eines "Wörterbuchs des Krieges" in Frankfurt (mehr hier). Besprochen wird Nikolaus Lehnhoffs "Lohengrin"-Inszenierung unter der musikalischen Leitung von Kent Nagano in Baden-Baden.

Berliner Zeitung, 06.06.2006

Wolfgang Fuhrmann spricht mit dem scheidenden Chefdirigenten des Berliner Sinfonie-Orchesters Eliahu Inbal, der mehr Mitbestimmung für das Fußvolk fordert. "Der Intendant kann dem Orchester auch Dirigenten aufzwingen, die es gar nicht kennt. Das haben die Politiker schamlos ausgenutzt, nicht nur beim BSO. Ich finde das nicht akzeptabel. Da muss mehr Demokratie sein." - "Das kann man auch für Zeitungsredaktionen nur unterschreiben." - "Hat denn in der einen Zeitung die Redaktion enorme Macht und in der anderen Null, ist das möglich?" - "Es gibt da sehr unterschiedliche Modelle."
Stichwörter: Orchester

FAZ, 06.06.2006

Das Feuilleton der FAZ begeht das 20. Jubiläum des Historikerstreits, der mit einem Beitrag des Historikers Ernst Nolte im Feuilleton der FAZ vom 6.6.1986 seinen Ausgang nahm. Zu diesem Anlass wird ein Brief Golo Manns an den damaligen Chef des FAZ-Feuilletons Joachim Fest dokumentiert, in dem er sich auf eine Anfrage der FAZ bezieht: "Für mich bleibt das Phänomen 'Hitler' einzigartig, vergleichbar wohl, aber eben einzigartig. (...) Die Deutschen haben längst dazu geneigt, das juristische Element im Gang der Weltgeschichte gewaltig zu überschätzen. Dass Hitler die extrem entgegengesetzte Ansicht vertrat, zeigt wieder einmal, dass er durchaus kein typischer Deutscher war, sondern im Grunde vaterlandslos aus Niemandsland, ein Österreicher war er erst recht nicht." Tilmann Lahme kontextualisiert die Äußerungen des Historikers, der sich "im Historikerstreit nicht öffentlich geäußert" hat.

Weitere Artikel: Der Schriftsteller Andreas Maier nähert sich der Fußball-WM mit Apfelwein. In der Reihe "Marbacher Glanzstücke" beugt sich der Autor Martin Mosebach über den Karteikasten mit Ernst Jüngers "Sammlung letzter Worte". Heinrich Wefing hält Wolfgang Thierse nach dessen Äußerungen zur Föderalismusreform für unfähig, den Entwurf zum neuen Gesetz zu lesen, in dem ausdrücklich steht, dass "die gemeinsame Kulturförderung von Bund und Ländern (...) unberührt" bleibt. Auf der letzten Seite berichtet Abdelkader Benali von der Suche der libanesischen Intellektuellen nach einem "Leben jenseits des Krieges". Dirk Schümer porträtiert den neuen italienischen Kulturminister Francesco Rutelli. Von einem vom Schrifsteller Marcel Beyer inszenierten Dichtergespräch mit Toten berichtet Alexander Müller.

Besprochen wird eine Recital-CD mit Veronique Gens, der Baden-Badener "Lohengrin" von Nikolaus Lehnhoff und Kent Nagano, der Film "Wahrheit oder Pflicht" (mehr), ein Konzert des Rappers 50 Cent ("nach 32 'fuck you' und 'motherfucker' vergeht die Lust mitzuzählen"), das erste Konzert von Eric Claptons Deuschlandtournee in Frankfurt und die deutsche Erstaufführung von Sabine Harbekes "Nur noch heute" im Bochumer Schauspielhaus.

Rezensiert wird Jessica Durlachers Roman "Emoticon" (dazu mehr in der Bücherschau ab 14 Uhr).