Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.02.2006. Die Stadelmaier-Tragödie hält die Feuilletons weiter in Atem. Die FR ist nicht einverstanden mit der Darstellung der FAZ, deren Kritiker am Donnerstag vom Schauspieler Thomas Lawinky angepöbelt worden war, und bezichtigt die Oberbürgermeisterin Petra Roth der Willfährigkeit gegenüber der FAZ. Die FAZ äußert sich zufrieden über den Rausschmiss des Schauspielers. Die SZ gibt Stadelmaier Gelegenheit zu nochmaliger Darstellung des Angriffs. In der Berliner Zeitung erklärt Regisseur Sebastian Hartmann: "Mich hat von denen keiner angerufen." Den Berlinale-Berichterstattern fehlten im Wettbewerb die großen Autorenfilmer.

FR, 20.02.2006

Die Stadelmaier-Tragödie (siehe unsere Feuilletonrundschau von Samstag) hält die Zeitungen auch heute noch in Atem. Peter Michalzik zeigt sich in seinem Artikel nicht völlig einverstanden mit der Darstellung der FAZ: "So wird - im Namen der Pressefreiheit, für die zu kämpfen die FAZ vorgibt - einem Theater vorgeschrieben, was es zu tun hat. Jetzt entlassen also Kritiker via Oberbürgermeister die Schauspieler. Sehr schön. Meine Freiheit ist das nicht, liebe FAZ, liebe Oberbürgermeisterin, die auf diese Weise verteidigt wird. Vielmehr kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Freiheit hier gerade ganz massiv beschnitten wird." Auch für das Verhalten der Oberbürgermeisterin Petra Roth findet Michalzik klare Worte: "Man reibt sich die Augen, sieht bestürzt auf die Liebedienerei von höchster Stelle, und fragt sich verwundert, welche Form von Druck die FAZ auf die Oberbürgermeisterin ausgeübt hat. Erklären kann man sich das Ganze nur mit den bevorstehenden Frankfurter Kommunalwahlen."

Weitere Artikel: Daniel Kothenschulte ist in seinem Berlinale-Resümee einigermaßen einverstanden mit den Preisen und der politischen Ausrichuntg des Wettbewerbs. Amin Farzenefar will in dem türkischen Film "Tal der Wölfe" keinen Skandal erkennen. In 'times mager schreibt Elke Buhr über das neue Schlagwort der "Doppelverdienerfamilie".

Berliner Zeitung, 20.02.2006

Im Interview mit der Berliner Zeitung kann Regisseur Sebastian Hartmann es nicht fassen, dass Thomas Lawinkys Ausfall gegen Gerhard Stadelmaier "solche Wellen schlägt! Stadelmaier geht zu seinem Chef, der ruft die Oberbürgermeisterin an und meldet einen Angriff auf die Pressefreiheit, die wiederum fordert die Intendantin Elisabeth Schweeger auf, den Täter fristlos zu entlassen, was auch geschieht. Mir ist nicht bekannt, dass ein zweiter Blick auf die Sache abgefragt wurde. Mich hat von denen keiner angerufen. So etwas kommt mir aus anderen Zeiten bekannt vor."
Stichwörter: Pressefreiheit

Welt, 20.02.2006

Hanns-Georg Rodek resümiert seine Berlinale: "Zehn Tage lang haben wir ein perfekt organisiertes, reich starversorgtes Festival gesehen. Wir haben uns über Filme wie 'The Road to Guantanamo' oder 'V wie Vendetta' oder 'Sehnsucht' oder 'Der freie Wille' die Seele aus dem Leib diskutiert. Aber wir sind keinmal wie betäubt aus dem Kino getaumelt. Beeindruckt: öfters. Beglückt: nie." Peter Zander schreibt eine kleine Hommage auf die Schauspieler Sandra Hüller, Jürgen Vogel und Moritz Bleibtreu, die alle drei ausgezeichnet wurden.

Weitere Artikel: Katja Ridderbusch schreibt über den heute in Österreich beginnenden Prozess gegen den Holocaust-Leugner David Irving und interviewt die Historikerin und Irvings einstige Prozess-Gegnerin Deborah Lipstadt, die rät: "Lasst ihn gehen. Macht ihn nicht zum Märtyrer, er ist nicht so wichtig." Auf der Medienseite gratuliert Uwe Schmitt der grandiosen, im Internet leider nicht mehr zugänglichen Bostoner Zeitschrift Atlantic Monthly zum 150. Jubiläum.

Besprochen werden die Ausstellung "3 x Tischbein" in Kassel, Martin Kusejs Inszenierung von Ödön von Horvaths "Zur schönen Aussicht" am Hamburger Schauspielhaus und das Stück "Servus Kabul" von Jörg Graser in der Regie von Franz-Xaver Kroetz.

Auf der Forumseite folgert Ralf Dahrendorf aus dem Wahlsieg der Hamas in Palästina, dass freie Wahlen noch nicht Demokratie bedeuten: "Das Vorhandensein einer Demokratie im Sinne freier Wahlen mit bestimmten Regeln gestattet es den übrigen von uns nicht, zu sagen, die Sache der Freiheit habe gesiegt und wir könnten gehen. Im Gegenteil: Demokratie ist eine langfristige Aufgabe. Manche behaupten, sie wäre erst erreicht, wenn ein Land zwei friedliche Regierungswechsel bewältigt habe ('two-turnover test')."

Im Magazin porträtiert Felix Müller die Autorin Ute Scheub, die ein Buch über ihren Vater geschrieben hat - einen ehemaligen Nazi, der sich 1969 beim Evangelischen Kirchentag öffentlich umbrachte.
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TAZ, 20.02.2006

Cristiana Nord zeigt sich in ihrem Berlinale-Resümee nicht völlig zufrieden mit der Wettbewerbsauswahl: "Wenn Cannes im vergangenen Jahr Michael Haneke, Atom Egoyan, Gus Van Sant, Lars von Trier, Jim Jarmusch, David Cronenberg und die Brüder Dardenne defilieren ließ, macht ein Wettbewerbsprogramm mit Oskar Roehler, Pernille Fischer Christensen und Michele Placido keine allzu gute Figur - selbst wenn Regiemeister wie Claude Chabrol, Robert Altman und Sidney Lumet runde Alterswerke beisteuern."

Weitere Artikel: Brigitte Werneburg schreibt im Aufmacher fasziniert über die "Melancholie"-Ausstellung in der Berliner Nationalgalerie.

Auf den Tagesthemenseite berichtet Ralf Leonard über den beginnenden Prozess wegen Holocaust-Leugnung gegen David Irving in Österreich. Und Jan-Hendrik Wulf zitiert Intellektuelle, die mehrheitlich gegen einen solchen Prozess plädieren.

Und nicht vergesssen: TOM.

SZ, 20.02.2006

Auch die SZ gibt Gerhard Stadelmaier Gelegenheit zur Selbstdarstellung. Im Interview erklärt der Theaterkritiker der FAZ noch einmal, wie schlimm die Sache für ihn war: "Mir wurde mein Spiralblock brutal aus der Hand gerissen. Ich hätte mich dabei verletzen können. Aber es hat auch so ganz schön weh getan." Dass er überreagiert, findet er nicht. "Nein, je länger ich darüber nachdenke, desto fassungsloser bin ich. Als ich das Theater verließ, als freier Kritiker eines freien Landes, rief mir der Schauspieler nach: 'Hau ab, du Arsch, verpiss dich!' Ich bin beleidigt und in meiner bürgerlichen Ehre gekränkt worden."

Weitere Artikel: Kai Strittmatter rät Edmund Stoiber, sich nicht weiter gegen die Aufführung des türkischen Films "Tal der Wölfe" einzusetzen. Fritz Göttler und Susan Vahabzadeh charakterisieren die Berlinale als "politisch, unangenehm, grausam": "Am unangenehmsten war, dass über dem durchaus ehrenwerten politischen Einsatz vieler Filme das Filmische in den Hintergrund geriet." Die soziale Ungleichheit in China steigt, meldet Angela Köckritz: Der einschlägige Gini-Koeffizient sei auf 0,4 angestiegen, das Land auf den 90. Platz abgerutscht. Jens-Christian Rabe schreibt zum Tod des Oxforder Philosophen Peter F. Strawson, Jonathan Fischer würdigt den gestorbenen Percussionisten Ray Barretto. Ralf Dombrowski stellt den Pianisten Brad Mehldau vor, der mit einem neuen Trio durch Deutschland tourt. Im Literaturteil berichtet Helmut Böttiger von einer Veranstaltung der Berliner Literaturwerkstatt, bei der die Protagonisten der Lautpoesie aus Barcelona vorgestellt wurden.

Auf der Medienseite rät Donatella della Ratta zu mehr Zusammenarbeit unter den zersplitterten arabischen Medien. Ihnen "fehlt nicht der Dialog mit dem Westen, sondern es fehlt der Dialog untereinander - der Austausch darüber, was in der arabischen Welt geschieht und wie sich die Gesellschaften der Region verändern. Während sie die Schlacht um die Eingliederung ins globale System gewinnen, verlieren die arabischen Medien die Auseinandersetzungen auf lokaler Ebene."

Besprochen wird das "grandiose" Regie-Comeback von Franz Xaver Kroetz mit Jörg Grasers Stück "Servus Kabul" an den Münchner Kammerspielen, Marc Adams "naturalistische" Inszenierung von Einojuani Rautavaaras erstmals in Deutschland aufgeführter Oper "Rasputin" in Lübeck, die Ausstellung "Arkadische Utopien in der Moderne" mit Bildern Ludwig von Hofmanns in Darmstadt, die DVD-Edition der "Filme des Marshallplans" aus der dreijährigen "Selling democracy"-Reihe der Berlinale, und Bücher, darunter Christoph Martin Wielands "Schriften zur deutschen Sprache und Literatur" sowie Leonie Swanns Krimi "Glennkill" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

NZZ, 20.02.2006

Auch die kalifornische Berkeley-Universität, die erfolgreichste öffentliche Hochschule der Welt, wird von den Sparanstrengungen Arnold Schwarzeneggers in Mitleidenschaft gezogen, berichtet Sören Urbansky. Mit der Lage in Deutschland sei die Situation trotzdem nicht zu vergleichen. "Mit rund 33 000 Studenten spielt die Hochschule quantitativ in einer Liga mit den drei Berliner Universitäten. Bei der Qualität hingegen gibt es nach wie vor signifikante Unterschiede, denn noch schließt Masse in Berkeley Klasse nicht aus: Die entscheidenden internationalen Rankings führen die Anstalt immer unter den besten zehn Schulen, weltweit, versteht sich."

Weiteres: Barbara Villiger Heilig nimmt die Beschimpfung des FAZ-Theaterkritikers Gerhard Stadelmaier durch den Schauspieler Thomas Lawinky recht gelassen. "Es scheint etwas verfrüht, gleich den Schwanengesang hinsichtlich einer vogelfrei gewordenen Kritikerzunft anzustimmen." Andreas Maurer fasst einen "abwechslungsreichen" Wettbewerb auf der Berlinale zusammen.

Besprechungen widmen sich Matthias Günthers Version von Anton Tschechows "Die drei Schwestern" am Theater Basel und einer "umfangreichen" Ausstellung des Deutschen Bergbau-Museums in Bochum rund um das Schiffswrack von Uluburun in der Türkei.

FAZ, 20.02.2006

Zur Stadelmaier-Tragödie bringt die FAZ nur die Meldung, dass der Schauspieler Thomas Lawinky entlassen wurde: "Übergriffe von Schauspielern auf Personen im Publikum werden von allen zivilisierten Theatern der Republik als Vertragsverletzung gewertet und führen zum Rausschmiss", schreibt diese Zeitung zufrieden und gibt weiter bekannt, dass sich Oberbürgermeisterin Petra Roth "bei Gerhard Stadelmaier persönlich und im Namen des Magistrats für diesen wahrlich skandalösen Vorfall in aller Form' entschuldigt" habe. Mehr auch bei Bild.

Weitere Artikel: Michael Althen zieht Berlinale-Bilanz. Michael Hanfeld bewundert die "perfekte technische Darstellung der Vernichtung" in einem Fernsehfilm über die Bombardierung von Dresden, der Anfang März ausgestrahlt wird. Gemeldet wird, dass Rolf Hochhuth als Vertreter der Immobilienbesitzer des Berliner Ensembles Claus Peymann gekündigt hat. Nils Minkmar glossiert eine Rede Nicolas Sarkozys bei der Adenauerstiftung. Joseph Hanimann besucht das Grab Heinrich Heines in Paris. Andreas Rossmann berichtet von Feierlichkeiten in Heines Geburtshaus in Düsseldorf, in das jetzt auch eine Literaturhandlung einzieht. Andreas Rosenfelder berichtet über eine Tagung über Fußball unter den Nazis, bei der ein heftiger Streit um Nils Havemanns Buch "Fußball unterm Hakenkreuz" entbrannte. Dirk Schümer meldet, dass der italienische Staat immer mehr antike Kunstwerke im Getty-Museum als illegal erworben betrachtet.

Für die Medienseite besuchte Tilmann Lahme einen Tag der offenen Tür bei der Zeit, die gerade ihren sechzigsten Geburtstag feiert. Petra Tabeling sprach mit mehreren Reportern, die die fast unmöglichen Arbeitsbedingungen im Irak schildern (Der kanadisch-iranische Journalist Maziar Bahari hat darüber einen Film für die CBC gedreht - "Targets: Reporters in Iraq") Michael Hanfeld notiert neue Ereignisse im Karikaturensteit (unter anderem wiederholte Günter Grass seine Kritik an den Karikaturen).

Auf der letzten Seite bringt Michael Althen noch einmal Impressionen von der Berlinale. Andreas Kilb porträtiert die Schauspielerin Sandra Hüller, die den Silbernen Bären für ihre Rolle in "Requiem" erhielt. Alexandra Kemmerer meldet, dass das Weblog "Underneath Their Robes", das durch Juristenklatsch in den USA berühmt wurde, wiedereröffnet hat.

Besprochen werden die Uraufführung des Stücks "Servus Kabul" von Jörg Graser in der Regie von Franz Xaver Kroetz in München, ein Tanzabend von Mei Hong Lin in Darmstadt, Martin Kusejs Inszenierung von Horvaths "Zur schönen Aussicht" in Hamburg, Händels Oper "Lotario" in Karlsruhe und Sachbücher, darunter Geert Maks viel gefeiertes Buch über Europa.