Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.02.2006. In der FAZ beschreibt Kerstin Holm, wie Wladimir Putin in Russland muslimische Empfindlichkeiten exekutiert. In der SZ fragt Regisseur Nicolas Stemann, wer in der Stadelmaier-Affäre eigentlich der freie Künstler ist und wer der Fundamentalist. In der Welt datiert Niall Ferguson die große Zeitenwende von 1989 auf 1979 um. Die NZZ wandelt durch die neue Kunststadt Mailand. Die FR lobt Martin Kusejs Totentanz der Verlorenen. Die taz probiert Couscous mit Blutwurst.

TAZ, 21.02.2006

So gefreut hatte sich Sabine Leucht auf Franz Xaver Kroetz neues Stück "Servus Kabul" am Bayerischen Staatsschauspiel, in dem Islam und Niederbayern "lustig ineinander krachen" sollten. Doch leider, leider hat Kroetz - "eingedenk des Karikaturenstreits" - das Stück entschärft: "Wo am Ende eigentlich Brodler und Brodlerin die schwere Kiste mit den drei toten Burka-Trägerinnen einfach in die Pampa stellen, zieht man bei Kroetz drei Babys draus hervor, angetan mit Kopfschmuck und Haartracht der Weltreligionen; und Jusuf hält auch noch ein Pappschild ins Publikum, auf dem handschriftlich 'Buddhismus' steht: 'Die ganze Welt zu Gast in Straubing!' - lauwarme Multikultisoße, die zur politisch unkorrekten Härte des Stücks passt wie Couscous zu Blutwurst."

In der Reihe zur "neuen Bürgerlichkeit" stellt Jens Hacke fest, dass es bestimmt kein Zufall ist, dass gerade den "bürgerlichen Werte" zu einem Zeitpunkt das Wort geredet wird, da im Munde geführt werden, "die den Rückzug eines Staates kompensieren sollen". Aber, fragt er, "Ist diese neue Bürgerlichkeit durch ihre strategischen Interessen schon diskreditiert?": "Triebfeder des bürgerlichen Handelns bleibt der Wunsch, sich in einer Gemeinschaft von Freien und Gleichen auszuzeichnen, verdient zu machen. Aus diesem Blickwinkel verliert die Alternative, ob der Staat für die Bürger oder die Bürger für den Staat da sind, ihre Brisanz."

Weiteres: Dirk Baecker erklärt uns den Karikaturenstreit mit der Schismogenese von Gregory Batesons "Ökologie des Geistes". Detlef Kuhlbrodt sieht sich die Olympischen Winterspiele im Fernsehen an. In der tazzwei äußert Daniel Bax schwere Bedenken gegen den antisemtischen Gehalt des türkischen Kassenschlagers "Tal der Wölfe". Und Michael Streck erzählt, wie er "Künstlerinnen im Biomarkt" mit seinem Bekenntnis zu den USA schockiert.

Und schließlich Tom.

SZ, 21.02.2006

In einem offenen Brief zur Stadelmaier-Affäre ergreift der Regisseur Nicolas Stemann Partei für den Schauspieler Thomas Lawinky. Der Übergriff sei keine "besonders kluge Provokation in einer etwas wirren Inszenierung" gewesen, aber auch nicht mehr. "Bei dem, was dann jedoch auf den Vorfall folgte, hat man den Eindruck, die beteiligten Akteure spielten in absurder Verdrehung den Karikaturenstreit nach - hier die als Spiel gerahmte Provokation, da der Fundamentalist, der keinen Spaß kennt und seine Befindlichkeit zum Maßstab der Dinge macht. Seine Zeitung setzte ihre Macht ein, um zurückzuschlagen. Diese Macht scheint groß zu sein. Denn die ganze Stadt spielt dies absurde Spiel mit."

Der britische Publizist David Irving ist in Wien wegen der Leugnung des Holocaust zu drei Jahren Haft verurteilt worden, berichtet Michael Frank. "Bei den Zahlen blieb Irving bei der Marginalisierung des Völkermords. Aber bei den strafrechtlich relevanten Fragen, der Existenz von Vernichtungslagern, der Gaskammern - Originalzitat: 'Man wird doch das Päckchen zum Thema Gaskammern mal aufschnüren dürfen' - und des Völkermords selbst, ließ sich der Delinquent zu einer Entschuldigung herbei: Das von ihm Gesagte sei nicht mehr gutzumachen. Seinen Sinneswandel suchte er mit altbekannten Dokumenten zu belegen. Damit stand gleich zu Beginn der Verhandlung ein Schuldspruch fest, wobei Irving damit pokerte, einige Zerknirschung zu zeigen, um doch vielleicht trotz Strafe bald wieder freizukommen."

Anlässlich des Erfolgs von "Tal der Wölfe" weist Christiane Schlötzer auf den seit längerem stark wachsenden Markt für türkische Filme in Deutschland hin. Alexander Kissler gibt einen Einblick in die Schweizer Diskussion über die staatliche Reglementierung der Sterbehilfe. Jonathan Fischer unterhält sich mit Irvin Mayfield, dem Leiter des New Orleans Jazz Orchestra und offiziellen Kulturbotschafter, über die Wiederauferstehung der Jazzstadt. In einer Zwischenzeit schwärmt Harald Eggebrecht von der Gelassenheit in Robert Altmans "A Prairie Home Companion" (ein Film über eine Radioshow), den er auf der Berlinale gesehen hat. Klaus Lüber fasst einen Artikel in Wired zusammen, der über die Einstellung bekannter Podcasts aus Zeitgründen berichtet.

Auf der Medienseite spekuliert Claudia Tieschky, dass der Fernsehsender Premiere sich die Fußball-Bundesliga doch noch über die Internetlizenz des künftigen Partners T-Online holen könnte. Im Literaturteil gratuliert Jens Bisky dem Germanisten Karl Otto Conrady zum Achtzigsten. Jörg Drews meldet, dass der Arno-Schmidt-Übersetzer Claude Riehl gestorben ist. Im Kunstmarkt schreibt Dorothea Bäumer zur Messe Cologne Fine Art, während Ulla Fölsing Schmuck von Theodor Fahrner aus den zwanziger Jahren bewundert.

Besprochen werden Martin Kusejs "radikale" Umarbeitung von Ödon von Horvaths "Zur schönen Aussicht" am Schauspielhaus Hamburg, die Ausstellung "Ort und Erinnerung" über den Nationalsozialismus in München in der Pinakothek der Moderne, eine mitreißende Schau über den "Tanz der Avantgarde" im italienischen Rovereto, die von Jugendlichen um Dustin Loose gestemmte Verfilmung von Hans-Georg Noacks Roman "Rolltreppe abwärts", und Bücher, darunter Lars Brandts Erinnerungsbuch an seinen Vater Willy Brandt "Andenken" sowie Oliver Müllers Einführung in das Denken des Philosophen Hans Blumenberg "Sorge um die Vernunft" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Welt, 21.02.2006

Auf den Forumsseiten vermisst der Historiker Niall Ferguson die klaren Fronten des Kalten Krieges und stellt fest: "Im Nachhinein betrachtet war 1989 gar nicht der entscheidende Wendepunkt der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der kam zehn Jahre früher mit der Iranischen Revolution von 1979. Und der militante Islamismus bereitet den Russen heute ebenso sehr Kopfzerbrechen wie Westeuropa."

Ganz auf seine Kosten gekommen ist Manuel Brug bei Liza Minnelli im Konzert: "Sie schwitzt, sie spritzt, sie lebt. Diese Zitrone hat offenbar noch sehr viel Saft." Auch die ausstehenden Entscheidungen der Kultusministerkonferenz zur neuen Rechtschreibung wird die Unklarheiten nicht beseitigen, vermutet Dankwart Guratzsch und beklagt: "Bis heute gibt es keine verbindliche Wörterliste, keine Zusammenstellung der Zweifelsfälle, keine amtliche Erhebung über die Fehleranfälligkeit der neuen Schreibweisen." Sven Felix Kellerhoff berichtet von einem neuen Aufsatz des polnischen Historikers Bogdan Musial, der deutlich mache, dass "sich die Sowjetunion spätestens seit Anfang der dreißiger Jahre auf einen ideologisch bedingten Angriffskrieg vorbereitete". Hanns-Georg Rodek sieht schlechte Chancen, den türkischen Film "Tal der Wölfe" abzusetzen, selbst die Freigabe von 16 auf 18 Jahren heraufzusetzen wird einen langen Instanzengang erfordern. Und Ute Baier stellt Hans-Joachim Müllers Biografie des großen Schweizer Ausstellungskurators Harald Szeemann vor.
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NZZ, 21.02.2006

Gabriele Detterer stellt erleichtert fest, dass Mailand künstlerisch nicht mehr ein ganz so trostloses Bild ergibt: "Seit vergangenem Jahr beleben zwei neue Adressen die wenig aufregende Kunstlandschaft der lombardischen Kapitale. Im Umkreis des geplanten Großprojektes 'Ansaldo - Citta delle Culture' hat die in einer Werkhalle situierte Fondazione Arnaldo Pomodoro ihren Standort strategisch gut gewählt... Die zweite Adresse, Hangar Bicocca, Spazio d'arte contemporanea, setzt auf angesagtere Namen und klotzt mit den 'Sieben Himmelspalästen' von Anselm Kiefer."

Sieglinde Geisel berichtet von der Tagung über den "Neid", die vor gut zwei Wochen im Potsdamer Einstein-Forum stattfand. Besprochen werden Valerie Poiriers Stück "Les Bouches" am Genfer Grütli-Theater und Bücher, darunter Anna Mintas Studie über Architektur und Städtebau in Israel "Israel bauen", Joshua Sobols Roman "Whisky ist auch in Ordnung und Harry G. Frankfurts Studie über den "Bullshit" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FR, 21.02.2006

Frauke Hartmann dankt Gott dafür, dass die streikenden Bühnentechniker die Hamburger Premiere von Martin Kusejs Interpretation von Ödon von Horvaths "Zur schönen Aussicht" verschont haben, und staunt darüber, was Kusej aus dem "schmalen Stückchen" herausholt. "Kusej macht eben den ganzen Horvath, seinem Ruf als Bilderprovokateur treu, etwas eindeutiger. Die Jauche, den billigen Fusel, mit dem man sich in einem Hotel besäuft, in dem es ohnehin nichts mehr zu essen gibt, lässt er in einen Becher pinkeln. Den heutigen Totentanz der Verlorenen hat Kusej ganz zeitgemäß mit diffuser Panik ausgestattet, etwa wenn einer im künstlichen Bein der hingestürzten Baronin eine Bombe vermutet und ein paar Mal schreit 'Nicht den Zünder drücken'."

Peter Michalzik sammelt Reaktionen auf die Stadelmaier-Affäre, etwa eine Anekdote des Kasseler Intendanten Thomas Bockelmann. "Der Kritiker Christoph Müller wurde nach einem Verriss im Spiegel von dem Stuttgarter Schauspieler und Ensemblesprecher Jörg Löw im Foyer geohrfeigt. Der Intendant rief den Kritiker an und fragte, welche Reaktion er jetzt erwarte. Eine Entschuldigung, sagte Müller. Sie erfolgte. Jahre später war Löw als Gast wieder in Stuttgart und wurde von Müller positiv besprochen. 'Hallo, Ohrfeige', schrieb er in der Kritik zu seinem Lob dazu."

Weiteres: Alexander Schnackenburg meldet, dass die Tarifverhandlungen am Bremer Theater vorerst gescheitert sind. Das Verlagshaus Neven DuMont weist den Vorwurf des Spiegel zurück, es hätte zu den Profiteuren der Arisierung gezählt, informiert Ingrid Müller-Münch im Medienteil. Das Nachrichtenmagazin habe die Sachlage "verzerrt" oder der Autor "nicht recherchiert".

Besprechungen widmen sich einer Aufführung von Claudio Monteverdis Oper "Krönung der Poppea" an der Staatsoper Berlin, einem Auftritt des Chanson-Veteranen Charles Aznavour in der Alten Oper Frankfurt, und Büchern, darunter eine von Mischa Meier herausgegebene Geschichte der "Pest" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 21.02.2006

Wie ein Karikaturenstreit in Russland aussieht, schildert Kerstin Holm. Dort hat die Zeitung Gorodskije westi eine eigentlich nette Zeichnung veröffentlicht, auf der Jesus, Mohammed, Buddha und Jahwe erschüttert im Fernsehen beobachten, wie verfeindete Menschenhorden aufeinander losgehen. Die Zeitung wurde geschlossen. "Den höchsten Willen hatte zuvor die Kremlpartei 'Einheitliches Russland' zum Ausdruck gebracht, die die Wolgograder aufrief, die Gorodskije westi zu boykottieren. In einer Zeit, da Russland sich als Vermittler in den Konflikten mit Iran und Nahost etablieren will, antizipiert es muslimische Empfindlichkeiten mit vorauseilendem Eifer und akzeptiert im Innern nur schweigsamen Gehorsam. Eine unabhängige Stimme säkularer Vernunft wird da zur Provokation. Als christliches Land gehört Russland zu Europa, doch als illiberale Subordinationsgesellschaft steht es manchen islamischen Ländern näher." Von Dauer sind solche Allianzen aber meist nicht: Noch vor einem Jahr, erzählt Holm auch, stand ein Jugendroman von Jelena Tschudinowa auf den Bestseller-Listen, der die "Horrorvision" eines Europas ausmalt, das sich die Wahabiten untertan gemacht haben.

Weiteres: An einen "Feierabendjam von Feuilletonredakteuren" fühlte sich Klaus Unger auf dem Konzert von Clap Your Hands Say Yeah erinnert: "pflichttreues Saitenzupfen bei gleichzeitiger Denkerstirn". In der Leitglosse wirft F.P. einen Blick auf die Insel Rügen und unter die Räder der Übertragungswagen. Tilman Spreckelsen hat beim Abschiedskonzert von Charles Aznavour erlebt, was echte Klasse ist. Wulf Segebrecht gratuliert dem Germanisten Karl Otto Conrady zum achtzigsten Geburtstag. Gina Thomas betrauert den Tod der englischen Schriftstellerin Sybille Bedford. Auf einer ganzen Seite erklärt uns Thomas Meyer die philosophiegeschichtliche Bedeutung des Davoser Treffens von Ernst Cassirer und Martin Heidegger im Jahr 1929.

Auf der letzten Seite zeichnet Robert von Lucius ein kurzes Porträt des dänischen Kinderbuchautors Kare Bluitgen, dessen Wunsch, eine Mohammed-Biografie für Kinder zu bebildern den Karikaturenstreit auslöste. Hans-Joachim Queisser erzählt die Erfolgsgeschichte des Silicon Valleys. Heinrich Wefing erklärt, warum der türkische Reißer "Tal der Wölfe" bereits ab sechzehn freigegeben ist.

Auf der Medienseite berichtet Robert von Lucius, dass der norwegische Orkla-Konzern seine gesamten Medienbeteiligungen abstoßen will, darunter die dänische Berlingske Tidende, die polnische Rzeczpospolita, die Netzeitung und ungefähr hundert Lokalzeitungen.

Besprochen werden drei Stücke von Beckett in den Berliner Sophiensälen, Richard Strauss' "Arabella" an der Deutschen Oper Berlin, neue DVDs, die vollständige Neuausgabe des Nibelungenlieds nach der Handschrift C und John Entwistles Soloalben.