Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.11.2005. Die FAZ hörte sieben Klaviere in einem neuen Werk von Mathias Spahlinger intelligente Musik machen, die trotzdem tonal war. In der SZ macht sich Ulrich Beck Gedanken über die revoltierenden Jugendlichen. In der Welt wendet sich Hans-Christoph Buch gegen die sozialromantische Verklärung von Gesetzesbrechern, und Irina Antonowa vom Moskauer Puschkin Museum erklärt ihre Pläne mit der Beutekunst: behalten. Die Berliner Zeitung lässt Kastraten Hoden.

Berliner Zeitung, 15.11.2005

In einem Artikel über Kastraten und ihre wahrscheinlich unkastrierten und heute konzertierenden Nachfolger leistet Wolfgang Fuhrmann auch ein Stück historischer Aufklärung: "Entgegen populären Ansichten war es bei der Produktion eines Gesangskastraten nicht notwendig, die Hoden abzuschneiden oder zu zertrümmern - sie abzubinden oder die Samenleiter zu durchtrennen genügte."

NZZ, 15.11.2005

Lilo Weber schreibt über Marc Quinns Statue "Alison Lapper Pregnant", die auf dem Trafalgar Square der Nelson-Statue ins Auge blickt: Die Statue der behinderten Künstlerin "scheint nun in eigentümlicher Grazie über den Platz und die Helden des Trafalgar Square. Sie werde beweisen, dass Behinderte schön sind, sagte ihr Modell voraus. Und sie sollte Recht bekommen."

Besprochen werden eine Goya-Ausstellung in Wien, die Uraufführung von Arnaldo de Felices Oper "Medusa" in München, eine Aufführung von Donizettis "Rita" in der Opera de Lausanne, ein Konzert des Takacs-Quartetts in der Tonhalle Zürich und Bücher, darunter zwei Bände mit Erzählungen und Reiseskizzen von Andrzej Stasiuk und Gustav Seibts Essayband "Canaletto im Bahnhofsviertel" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 15.11.2005

Es gibt viel dumme Musik, die meist tonal ist, und noch dümmere Vorurteile über atonale Musik, die sogar vom ehemaligen Kulturminister Michael Naumann vorgebracht werden, schreibt Eleonore Büning. Und nun kehrt sogar der große Grübler seiner Generation, der Komponist Mathias Spahlinger in "farben der frühe", einem Werk für sieben Klaviere zur Tonalität zurück. Eleonore Büning hat es in Stuttgart gehört und ist begeistert: "Zwar kommt in seinem neuesten Werk weder ein dummes Dur noch ein banales Moll vor. Doch glaubt man ohne weiteres schon bei erster Begegnung mit den 'farben der frühe' allerhand tonalitätsgebundene Formeln, Ordnungsmuster und Grundrhythmen erahnen und wiedererkennen zu können, die dem Ohr bestens vertraut sind: einen Vordersatz, einen Nachsatz, die Reprise, die Fortspinnung, den Orgelpunkt, eine Art durchbrochene Arbeit, eine Art Walzer, eine Art Swing, eine Art Kadenz und eine echte Coda. Kaum gewonnen, schon zerronnen. Wie blassbunte Schatten von lieben, alten Gespenstern huscht das vorbei und ist gleich wieder verschwunden."

Frankfurt findet immer etwas abzureißen. Nun soll das Technische Rathaus am Alten Markt weichen, und Dieter Bartetzko verfasst zu den Plänen und Debatten um eine historische Rekonstruktion der Gegend einen fünfspaltigen Aufmacher: "Es geht um das Herz Frankfurts, seine Keimzelle und das Umfeld seiner wichtigsten historischen Wahrzeichen."

Weitere Artikel: Gerhard Stadelmaier schreibt eine Leitglosse über die heutige Schiller-Rezeption durch Bundespräsidenten und andere Sonntagsredner. Wolfgang Schneider verfolgte den Berliner Wettbewerb "Open Mike". Jürg Altwegg blickt in Schweizer Zeitschriften.

Auf der DVD-Seite werden Neuauflagen von Filmen Truffauts und Martin Scorseses Dokumentation über Bob-Dylan besprochen.

Auf der Medienseite porträtiert Judith Lembke die einstige Viva- und jetzige MTV-Moderatorin Collien Fernandes und gibt nebenbei Auskunft über die Verdauungsfortschritte des Senders MTV, nachdem er Viva bekanntlich schluckte. Jürg Altwegg berichtet über den Fall des Liberation-Reporters Christophe Boltanski, der in Tunis von wahrscheinlich offizieller Seite zusammengeschlagen und -gestochen wurde, nachdem er am Rande des Informationsgipfels über Zensur in Tunesien berichtet hatte. Und Jürg Altwegg meldet auch, dass Chiracs "French CNN" nicht aus der Planung herauskommen will.

Für die letzte Seite durchstreift Michael Jeismann, der sich ja gestern schon positiv überrascht von Evry im Pariser Banlieue zeigte, dieses Viertel ein zweites Mal. Dirk Schümer berichtet über barbarische Streichungen im italienischen Kulturetat. Und Lorenz Jäger porträtiert den katholischen Wüstenforscher und Einsiedler Charles de Foucauld, der knapp 90 Jahre nach seinem Tod nun seliggesprochen wird.

Besprochen werden Stücke von Arnolt Bronnen in Bremen und David Harrower in Berlin, der Film "Edelweißpiraten", Ibsens "Wildente" in Basel, die laut Artikelüberschrift an der für Ibsen lebensgefährlichen "Spaßvogelgrippe" leidet, und Arnaldo de Felices Oper "Medusa" in München.
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Welt, 15.11.2005

Im Interview mit Uta Baier erklärt die Beutekunstverwalterin Irina Antonowa vom Moskauer Puschkinmuseum ihre Pläne mit der Kunst, die die Stalinisten von Nazis erbeuteten, durch einen Vergleich: "Drei Viertel der italienischen Kunst im Louvre kamen mit Napoleon nach Paris. Wir wissen das, und die Werke bleiben trotzdem im Louvre. Ich kenne den Ort, wo das große Bild von Veronese im Kloster von Vicenza gehangen hat. Jetzt ist es im Louvre, und es bleibt dort. Genauso wie die Elgin Marbles in London bleiben. Das ist so."

Weitere Artikel: Eva Behrendt hat sich Produktionen des linken Berliner Theaterfestivals "Politik im Freien Theater" angesehen. Uwe Schmitt sieht sich den Film "Get Rich" an, der das superinteressante Leben des Rappers 50 Cent erzählt. DW berichtet von der Verleihung des Welt-Literaturpreises an Yasmina Reza. Auf der Magazinseite berichtet Uwe Schmitt über die Dreharbeiten zu einer neuen King-Kong-Verfilmung.

Besprochen werden Verdis "Maskenball" unter Riccardo Chailly an der Leipziger Oper und David Harrowers Stück "Blackbird" in der Schaubühne Berlin.

Auf der Forum-Seite wendet sich Hans-Christoph Buch anlässlich der Pariser Jugendunruhen gegen die "sozialromantische Verklärung von Gesetzesbrechern" durch eine wohlmeinende Presse, und er meint dass das französische Modell der Integration keineswegs nur gescheitert ist: "Frankreich war ein Einwanderungsland, das politisch Verfolgten Asyl bot und in dem sich eine kulturelle Symbiose vollzog, von der man diesseits des Rheins nicht einmal zu träumen wagte... Man denke nur an die deutlich sichtbaren Spuren, die Maghrebiner, Afrikaner und Antillaner in Kunst, Musik und Literatur, im Film oder in der Kochkunst hinterlassen haben: Couscous ist mittlerweile ein französisches Nationalgericht wie Paella oder Choucroute."

FR, 15.11.2005

Oliver Tepel lässt sich von der amerikanischen Soziologin Saskia Sassen die Proteste in Frankreich als Ruf einer sonst stummen Bevökerungsschicht erklären. "Ich war einmal rein zufällig in einem Bus in den Randvierteln von Bogota als dieser attackiert wurde. Es waren die Armen, die damit fuhren, selbst der Busfahrer gehörte zu der Schicht. Was war geschehen? Der Staat hatte die Fahrkartenpreise erhöht und die einzigen Objekte, die sie attackieren konnten, waren die Busse und nicht etwa die Mittelschicht. Dies ist ein kritischer und nicht zur Genüge beachteter Faktor der Armut, die völlige Einschränkung politischer Möglichkeiten."

Weiteres: Ursula März sieht den lustlosen Berliner Gorilla Ivo (Bild) als Menetekel der grassierenden Fortpflanzungsmüdigkeit. Besprochen wird Filmisches, William Kentridges Arbeit "Black Box" zur deutschen Kolonialgeschichte in der Deutschen Guggenheim Berlin und Doris Metz' glücklose Dokumentation "Schattenväter" über die Söhne von Willy Brandt und Günter Guillaume.

Außerdem wird Philosophisches rezensiert: Thorsten Galerts Gedanken zum "Schmerz der Tiere", Jean-Claude Kaufmanns Studie "Die Erfindung des Ich - Eine Theorie der Identität" sowie Hans Ulrich Gumbrechts Essay und "kleine Kampfschrift" "Lob des Sports".

TAZ, 15.11.2005

In den einschlägigen Kreisen der Popkritik tobt seit Wochen eine heftige Debatte, seit Ulf Poschardt behauptet hat, der Freiheitsdrang des Pop müsse in der Wahl der FDP münden. Dagegen steht Dietmar Dath, der über die Theorie die revolutionäre Praxis nicht vergessen will. Tobias Rapp erklärt die Debatte als Erbfolgekrieg um die Hinterlassenschaft der Spex und ihren Übervater Diedrich Diederichsen. Rapps eigene Position: "Nun ist Deutschland nicht die Volksbühne und Poschardts Eindruck, in einem Land zu leben, das es sich unter einer Hegemonie der Linken bequem gemacht hat, objektiv wahrscheinlich falsch (wer weiß das schon genau, dafür gibt es keine Messgeräte). Doch das Feld, wo sich Poschardt gerne Bestätigung abholen möchte, das Milieu der urbanen, popkulturinteressierten Bürgerkinder, zappelt trotz aller Versuche junger Konservativer, das zu ändern, eben nicht an den Fäden der kulturellen Neokons aus Spiegel und FAS, Monopol und Der Freund. Sonst könnte Poschardt andere Gewährsleute benennen, als immer wieder auf die drittklassige Krimiautorin Thea Dorn zurückgreifen zu müssen."

Weiteres: Robert Hodonyi beobachtet die Renaissance des Theaterchors auf deutschen Bühnen. Dirk Baecker muss aus nicht näher bestimmbaren Gründen bei der Debatte um die Leitkultur an Sardinenschwärme, Delfine und Haie denken. Für Gerrit Bartels geht der erste Preis des Open-Mike-Wettbewerbs an Lucy Fricke "okay". Andreas Schnell war beim Free-Jazz-Festival "Unlimited" im österreichischen Wels.

Auf der Medienseite berichtet Gabriele Lesser, dass der polnische Agora Verlag, der auch die Gazeta Wyborcza herausgibt, nun mit dem eigenen Boulevardblatt Nowy Dzien den Gegenangriff auf Springers Fakt startet.

Und Tom.

Tagesspiegel, 15.11.2005

Die belgischen Regisseure Jean-Pierre und Luc Dardenne gestehen Julian Hanich im Interview zu ihrem Film "L'enfant", der in Cannes die goldene Palme gewann, mit einer erfrischenden Offenheit, manchmal einfach gar nichts zu beabsichtigen. "Als Zuschauer können Sie selbstverständlich Symbole entdecken, das steht Ihnen völlig frei. Zum Beispiel gibt es im Film einen Kinderwagen. Er ist für uns nur ein Requisit, aber ist es möglich,darin auch eine Metapher zu sehen. Ein klassisches Problem des Realismus: Der Rezipient entdeckt doch immer wieder Metaphern und Symbole, auch wenn der Künstler gar keine haben will." Hier Christina Tilmanns Rezension zu dem Film über soziale Verwahrlosung.

SZ, 15.11.2005

Die Krawalle in den Banlieues sind weder französisch noch haben sie etwas mit Arbeitslosigkeit, Armut oder Einwanderung zu tun, sagt der Soziologe Ulrich Beck. Vielmehr erzeugt die Globalisierung überall immer mehr Menschen, die nicht gebraucht werden. Und an der mangelnden Integration liegt es erst recht nicht. Eher im Gegenteil. "Diese assimilierten Jugendlichen, deren Eltern zugewandert waren, unterscheiden sich in ihren Wünschen und Einstellungen kaum von ihren gleichaltrigen Gruppen des Einwanderungslandes; im Gegenteil: Sie stehen ihnen besonders nahe. Eben daran bemessen ist der Rassismus der Ausgrenzung für diese sehr heterogenen Jugendgruppen so entsetzlich bitter, und für alle Übrigen so skandalös. Man kann es paradox formulieren: Mangelnde Integration der Elterngeneration entschärft, gelungene Integration der Kindergeneration verschärft die Probleme und Konflikte."

Weiteres: Die amerikanische Soziologin Saskia Sassen spricht mit Johanna di Blasi unter anderem über die Bedeutung der neuen Medien in der Organisation der Revolte. Henning Klüver berichtet aus Bologna, wo die kompromisslose Politik des linken Bürgermeisters gegenüber Obdachlosen und Bettlern die Stadt teilt. Ralf Wiegand stellt sehr kurz Bernd Neumann vor, neben Maria Böhmer Kandidat für das Amt des Kulturstaatsministers. Gerwin Zohlen lässt sich von Bahnchef Hartmut Mehdorn schon mal durch den beinahe fertigen Berliner Hauptbahnhof führen und freut sich auf die "kühle Ingenieursästhetik" (mehr). Herrmann Unterstöger sinniert in der Zwischenzeit auch über das bei der Forstarbeit recht nützliche Rückrad. Für nicht mehr als einen Freundschaftsdienst hält Patrick Barton Sydney Pollacks Dokumentarfilm über den Architekten Frank Gehry. Ira Mazzoni resümiert eine sehr lebhafte Münchner Tagung über den Wandel der Bestattungskultur. Gregor Schiegl weist auf Satire im Internet hin, ohne allerdings Adressen zu nennen.

Der Literaturteil: Ijoma Mangold hat beim 13. Open Mike der Literaturwerkstatt Berlin das "Brav-Traurige" siegen sehen und ansonsten Spaß an Thomas-Bernhard-Imitationen gehabt. Joachim Kaiser schreibt zum Tod der Schriftstellerin Diana Kempff.

Besprochen werden John Singletons Großstadtwestern "Four Brothers", die Ausstellung "Die Entdeckung der Landschaft" mit Werken niederländischer Maler des 16. und 17. Jahrhunderts in der Staatsgalerie Stuttgart, Verdis "Maskenball" unter der musikalischen Leitung von Riccardo Chailly in der Leipziger Oper, die Uraufführung von Arnaldo de Felices Musikstück "Medusa" in der Allerheiligen Hofkirche in München, und Bücher, der von Pierre Nora herausgegebene und jetzt in einer Auswahl vorliegende Band mit "Erinnerungsorten Frankreichs" sowie August Strindbergs "Das Blaue Buch" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).