Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.11.2005. SZ, NZZ und FR analysieren Wut und Hass der französischen Jugendlichen. Die FAZ interpretiert den Finanztod der deutschen Theater. In der taz interpretiert Norbert Bolz die Kurzfristigkeit der Politik. Und in der Welt zieht Peter Millar eine Mauer durch London.

NZZ, 07.11.2005

Martin Meyer versucht zu verstehen, was die jugendlichen Banden antreibt, die seit elf Tagen die französischen Banlieues in Brand setzen. "Die neuen Partisanen sind mobil, informiert und wandlungsfähig. Kein roter China-Stern ziert ihre Weste, und keine Maobibel leuchtet aus dem Schulsack hervor. Sie sind vielleicht auch zunehmend 'Nihilisten' - ausgerüstet mit einem an tausend Computerspielen erprobten Gewissen der interesselosen Bereitschaft zur Gewalt, so diese auch die Lust an den Aktionen befriedigt und im Übrigen bloss von einer vagen 'Idee' mitgesteuert wird: dass man es der 'Macht' schon zeigen werde. Doch eben diese 'Handyman'-Mentalität bei großer Distanz zu Theorien und Lehren macht es den Ordnungskräften überaus schwierig, effizient zu replizieren. Einer entwurzelten Spontaneität zum Terror ist umso schwerer beizukommen, je 'spielerischer' sie sich selbst versteht."

In einem interessanten Text geht Tarek Atia, Gründer des Internet-Portals cairolive.com, der Frage nach, welche Rolle eigentlich die traditionellen islamischen Autoritäten in der Debatte um den Terror spielen. So hatte sich Scheich Mohammed Sayed Tantawi, Oberster Imam der Kairoer Al-Azhar-Universität, gegen die Führerschaft von al-Qaida gewandt: "'Ich habe lang zum Tun dieser Wahnsinnigen geschwiegen', sagte er. 'Und nun sage ich ihnen: Ihr seid Terroristen und Mörder, und ich ersehne den Tag, an dem ich die Namen az-Zawahri oder bin Ladin nicht mehr werde hören müssen.'"

Weiteres: Joachim Güntner berichtet von der Tagung der Deutschen Akademie, die ihren Büchnerpreis an Brigitte Kronauer vergab und zum Thema "Talk statt Politik" diskutierte. Peter Hagman erlebte bei den Tagen für neue Musik in Zürich einen kleinen Innovationsschub. Besprochen wird eine Ausstellung des Turnerpreisträgers Jeremy Deller im Kunstverein München. Martin Walder spricht mit Nicolas Bideau über die Schweizer Filmförderung.

NZZ Online meldet, dass bei Grabungen im israelischen Meggido-Gefängnis Überreste der möglicherweise ältesten Kirche der Welt freigelegt wurden, etwa ein mit Fischen verzierter Mosaikboden. Die Stätte befindet sich nahe Tel Meggido - den Christen auch als Armageddon bekannt.

TAZ, 07.11.2005

Da kann "Wetten, dass" einpacken. Auf den Tagesthemenseiten porträtiert Georg Blume die chinesische Unternehmerin und Fernsehmoderatorin Yue-Sai Kan, die in ihrer Show "Yue-Sais Welt" 300 Millionen Landsleuten die globale Prominenz vorstellt. Gedreht wird auch in ihrer Wohnung in der Schanghaier Pekingstraße. "Im Esssalon eine schwere runde Holztafel bedeckt mit einer Glasplatte, leicht abwischbar. Hier speist und schwatzt es sich am besten laut und chinesisch. Im Wohnzimmer mehrere Konversationsecken mit westlichen Sofas - für das in chinesischen Kreisen noch ungewohnte leise Salongespräch. Der chinesische Bankchef nähme bei Yue-Sai an der Holztafel Platz, Ralph Fiennes saß auf dem Sofa und tanzte auf dem Balkon. Yue-Sai kann sich auf jeden Gast einstellen."

Da sich sowieso nicht viel ändern lässt, sieht der Medienwissenschaftler Norbert Bolz die derzeitige Unruhe in der politischen Landschaft auch recht gelassen. "Diese Kurzfristigkeit der Politik, die vielen als Kurzatmigkeit erscheint, ist aber unvermeidbar. Sie reduziert die unbearbeitbar große Komplexität unserer Probleme (demografische Implosion, Rentensystem, Pisa - you name it!) und macht Entscheidungen überhaupt erst möglich. Deshalb gehört zu einer modernen Gesellschaft eine kontingente, opportunistische Politik, die niemals den 'großen Wurf' schafft, sondern alles vorläufig und bis auf weiteres regelt. Viele fühlen deshalb den Boden unter den eigenen Füßen wanken. Doch das ist kein Krisenzeichen; es bedeutet lediglich, dass sich die Politik, wie andere Gesellschaftsbereiche auch, nur noch dynamisch stabilisieren lässt."

Weiteres: Walter Benjamin hat sich 1940 auf der Flucht vor den deutschen Truppen in der katalanischen Grenzstadt Portbou vielleicht gar nicht selbst umgebracht, erfährt Bettina Bremme aus David Mauas' spanischem Dokumentarfilm. In der zweiten taz kommentieren Jan Feddersen, Martin Reichert und Susanne Lang die brennenden Banlieues aus der Sicht der Randalierer, der Rapper und der zuschauenden Bürger. Max Hägler schildert den langsamen Untergang Edmund Stoibers an Bayerns Stammtischen. Andere Kapitalquellen sind ähnlich problematisch wie Finanzinvestoren, konstatiert Georg Löwisch nach dem Verkauf der Berliner Zeitung auf der Meinungsseite. Ausländisches Kapital kann seiner Meinung nach sogar zu einer Belebung im monopolgefährdeten Pressemarkt führen.

Besprochen wird die Ausstellung "Gute Aussichten - Junge Deutsche Fotografie 2005/2006" im Berliner museum für Fotografie.

Und Tom.

Welt, 07.11.2005

Lars-Broder Keil unterhält sich mit Peter Millar über sein Buch "Eiserne Mauer", eine Uchronie, die durchspielt, was passiert wäre, wenn Stalin 1945 bis nach England vorgerückt wäre. "Ich habe mir einfach den Stadtplan genommen und überlegt, wo könnte man - zunächst rein geografisch - die Mauer ziehen. Als Londoner City gilt offiziell nur die alte römische Stadt, also der Ostteil mit dem Finanzzentrum. Westminister ist wie eine zweite Stadt herangewachsen. Deshalb habe ich bei Westminister - sozusagen das West-Berlin - die Grenze gezogen. Dann hat mich dort vieles an die deutsche Hauptstadt erinnert. Nehmen Sie die Siegessäule in Berlin und die Nelsonsäule am Trafalgar Square. Oder Tiergarten und Saint James Park."

Michael Pilz sorgt sich in einer Glosse über den zunehmenden politischen und kulturellen Einfluss der Ostdeutschen in Deutschland. Mathias Heine beklagt, dass das Werk Jean-Luc Godards nur sehr lückenhaft auf DVD vorliegt. Ulrich Weinzierl berichtet von einer Gala zum fünfzigsten Nachkriegsgeburtstag der Wiener Staatsoper. Hellmuth Karasek schreibt eine kleine Hymne auf Jodie Foster anlässlich ihres neuen Films "Flightplan". Wieland Freund berichtet über bodenlose Rabattforderungen der Buchhändlerkette Thalia an die Verlage. Uwe Wittstock berichtet über die Herbsttagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung über den Tod der politischen Rhetorik. Roger Köppel erinnert an die Zürcher Jugendunruhen von 1980, die auf einem auf DVD vorliegenden Dokumentarfilm verewigt sind. Und im Magazin stellt Susanne Leinemann die Madonna der Saison vor.
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FAZ, 07.11.2005

Gerade droht einigen Theatern in Bremen, Berlin und anderswo mal wieder der Finanztod, und die Intendanten greifen ins diesbezügliche Repertoire der Klagearie, aber Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier will angesichts schlechter Inszenierungen nicht einstimmen: "Der Finanztheatertod geht an den deutschen Theatern immer so lala vorbei. An ihm sind ja auch immer nur die Politiker schuld. Viel gravierender ist der Sinntheatertod. An dem sind die Theater selber schuld."

Weitere Artikel: Richard Kämmerlings verfolgte eine Tagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung über den Tod der politischen Rhetorik im Gebrabbel der Talkshows. Jürgen Kaube bewundert in der Leitglosse die SPD-Politikerin Andrea Nahles, die sich trotz zeitgeschichtlicher Wirren nicht von der Verfertigung ihrer germanistischen Dissertation abhalten lässt. Wolfgang Sandner hat sich erste Konzerte in der Frauenkirche angehört. Heinrich Wefing freut sich über die Restauration der Heilig-Geist-Kapelle in Berlin. Andreas Rödder gratuliert dem Historiker Helmut Altrichter zum Sechzigsten. Malte Herwig berichtet von einer Feier zum Abschluss der Hermann-Hesse-Gesamtausgabe. Abgedruckt wird Brigitte Kronauers Dankrede für den Erhalt des Georg-Büchner-Preises.

Auf der Medienseite berichtet Jordan Mejias über einen Streit der New York Times mit ihrer Reporterin Judith Miller, die eine dreimonatige Beugehaft absolviert hatte, um einen Informanten zu schützen, damit zugleich aber eine Racheaktion des Weißen Hauses gegen einen kritischen hohen Beamten deckte. Und Jürg Altwegg berichtet über eine melodramatische Petition von Liberation-Mitarbeitern gegen den Mitbesitzer des Blattes, Edouard de Rothschild, der angeblich den Personalbestand der Zeitung reduzieren will.

Auf der letzten Seite erinnert Bernd Noack an das polnische Theatergenie Tadeusz Kantor, der vor 15 Jahren gestorben ist. Jordan Mejias berichtet über einen wenig glamourösen Besuch des Prinzen Charles und seiner Gattin in den USA. Und Paul Ingendaay erinnert an Octavio Paz, für den in Spanien eine monumentale Werkausgabe ediert wird.

Besprochen werden Ausstellungen mit Werken des Malers Fritz Winter in Hamm und anderswo, eine Ausstellung mit Fotos Heiko Arendts, die von den Frankfurt- Szenen aus Orhan Pamuks Roman "Schnee" inspiriert sind (mehr hier), der Film "Es ist ein Elch entsprungen", Ereignisse des Hamburger Kinderlesefests "Seiteneinsteiger", ein Konzert von Echo and the Bunnymen in Hamburg, ein "Tannhäuser" in Minden, die Ausstellung "Künstlerbrüder" in München und einige Sachbücher, darunter das neue Buch des Philosophen Axel Honneth.

FR, 07.11.2005

Martina Meister kommentiert die Unruhen in den französischen Vorstädten. "Es ist, als würde Frankreich eine Rechnung serviert bekommen. Eine Rechnung für seine dreißig Jahren währende Politik sozialer, territorialer und ethnischer Ausgrenzung, für bewusste Ghettoisierung, für seine 'Politik der Apartheid', wie es Manuel Valls, Bürgermeister von Evry formuliert." Christoph Schröder resümiert zufrieden das Treffen der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, auf dem in Darmstadt Preise an die Schriftstellerin Brigitte Kronauer, den Philosophen Peter Sloterdijk und den schreibenden Psychoanalytiker Hans Keilson verliehen wurden. In Times mager sinniert Harry Nutt über Matthias Platzeck und seinen "unglaublichen" Händedruck.

Die einzige Besprechung widmet sich der "unterirdischen" Uraufführung von Roland Schimmelpfennigs Stück "Angebot und Nachfrage" am Schauspielhaus Bochum.

SZ, 07.11.2005

Clemens Pornschlegel hält die brennenden Banlieues nicht nur für eine innerfranzösische Angelegenheit. "Der Hass der Immigrantenghettos richtet sich in der Tat gegen die westliche Welt, in die man sich nicht integrieren kann, weil sie, wie es in einem Text des Rappers Akhenaton heißt, nichts als eine 'Bastion des Absurden' ist. 'Nur Gangsta als Identifikation / Das ergibt eine Million / stinkender Schakale, und der Braunhäutige / ist das räudige / Produkt von Rassisten / aus Ländern mit Profitgelüsten.'"

Daniel Geiselhart lässt sich zudem vom französischen Rapper Fofo Adom'Megaa, bekannt unter dem Künstlernamen Rost, die Situation der Randalierer erklären. "Die ältesten Kinder besuchten noch alle die Schule, manche haben sogar studiert, doch nur wenige finden einen Job. Die großen Brüder können den Kleinen die Schule überhaupt nicht mehr schmackhaft machen. Sie selbst haben es ja trotz ihrer Schulausbildung zu nichts gebracht. Diese Jugendlichen sind es, die heute Autos anzünden."

Bernd Graff stellt neue Pläne zur Zukunft des Buches vor. Amazon "will unter dem Namen 'Amazon Pages' seine Bücher tatsächlich seitenweise vermarkten, bzw. den Käufern 'realer' Bücher die Möglichkeit einräumen, diese als 'Amazon Upgrades' zusätzlich auch online griffbereit zu haben. Ebenfalls zeitgleich hat in der letzten Woche das zur deutschen Bertelsmann AG gehörende Random House, Amerikas größter Verlag, ein sogenanntes 'Micro-Payment-System' vorgestellt, das seinen Kunden eine schnelle Gebührenabrechnung von etwa 5 US-Cent für einzeln gekaufte Buchseiten ermöglichen soll. Allein die Tatsache, dass hier an einem solchen System bis zur Marktreife gearbeitet wurde, belegt, dass auch die Verlage an einer Portions-Vermarktung ihrer Güter über das Internet brennend interessiert sind."

Weiteres: Andrian Kreye berichtet vom Trubel um die erste Ausgabe des Guide Michelin New York, der die Stadt hinter Paris zur Nummer zwei der gastronomischen Welt erklärt. Alexander Menden freut sich schon auf das neue Manchester International Festival 2007, dem er den bisher einzigen Live-Auftritt der von Damon Albarn geführten Band Gorillaz verdankt. Volker Breidecker hat sich auf der Tagung der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung, in deren Verlauf Brigitte Kronauer den Büchner-Preis erhielt, recht gelangweilt und dankt Peter Sloterdijk für seine "sogar etwas unverschämte" aber erfrischende Rede zum Erhalt des Sigmund-Freud-Preises für wissenschaftliche Prosa.

Auf der Literaturseite erklärt der Literaturhistoriker Otto Karl Werckmeister, welche Bedeutung eine irische Evangelienhandschrift für Michel Houellebecqs Roman "Elementarteilchen" und die Genetik überhaupt hat. "In der Ornamentik des 'Book of Kells' spiegeln lange Reihen ineinander verbissener Tiere oder miteinander verknoteter Menschen dem meditierenden Naturwissenschaftler die symmetrische Kombinatorik replikativer Sequenzierungen wider, wie sie die Doppelhelix bei der Zellteilung aus sich herausspinnt." Hier gibt es das "Book of Kells" als CD, hier sind einige Seiten zu sehen.

Im Medienteil erinnert Uschi Treffer an die prekäre Lager von Journalisten in Lateinamerika, die in zunehmender Weise bedroht und ermordet werden.

Besprochen werden eine Schau im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle über die künstlerischen Spuren der Kreuzfahrer im mittelalterlichen Deutschland, die Ausstellung "Jüdische Identität in der zeitgenössischen Architektur" im Münchner Stadtmuseum, Cedric Klapischs Fortsetzung von "L'Auberge Espagnole'. Wiedersehen in St. Petersburg", Ben Verbongs Vorweihnachtsfilm "Es ist ein Elch entsprungen", ein Auftritt des Dirigenten Bernard Haitink mit den br-Symphonikern in München, und Bücher, darunter Kazuo Ishiguros Roman "Alles, was wir geben mussten" über ein Internat für jugendliche Organspender, Richard Geisens Studie über "Macht und Misslingen" sowie Rudolf Großkopfs Buch zur ARD-Serie "Die fünfziger Jahre" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).